Peter Arbeitsloser ist nicht glücklich in QualityLand, aber auch nicht komplett unzufrieden. In nicht allzu naher Zukunft herrscht im Zuge der Digitalisierung ein entmenschlichender Maximalkapitalismus. Monopole wie TheShop errechnen, welche Produkte der Konsument haben möchte, liefert per Drohne und lässt keinen Spielraum für Reklamation übrig. So wird Peter eines Tages ein rosafarbener, unerwünschter Delfinvibrator ins Haus geflogen und aus Entrüstung beginnt sein Kampf gegen das System.

Schon länger hütet Peter, der seinen Nachnamen einer Gesetzesnovelle verdankt, wonach alle wie der Beruf der Eltern heißen sollen, ein Geheimnis: Seiner Aufgabe als Maschinenverschrotter kommt er nicht nach, allzu menschlich erscheinen die defekten Geräte, die ihm überlassen werden. Privat ergeht es ihm im radikalen Klassensystem auch nicht blendend: Der soziale Auf- und Abstieg durch die verschiedenen „Level“ sind für jeden öffentlich einsehbar mitsamt Vergünstigungen und lebensbeeinträchtigen Abschnitten.
Dem gegenüber steht John: gut aussehend, gebildet, Präsidentschaftskandidat – und Androide. Geschaffen von der Fortschrittspartei als Antwort auf den plump hetzenden, menschlichen Kandidaten der Qualitätsallianz. Die Oppositionspartei bildet nur das Beiwerk für diese seit Jahren regierende „Größte Koalition“. Aber bei John läuft im Wahlkampf nicht alles glänzend: Maschinenhassende Milizen sind dem „Stromfresser“ auf den Fersen.
„Bist ja paranoid!“ – „Bin nur besser informiert als du.“
Das neue Buch des Kabarettisten Marc-Uwe Kling, QualityLand, persifliert aktuelle Debatten um die Digitalisierung des Alltags und die damit verbundene, scheinbare Individualisierung. Dabei stichelt der Autor, bekannt durch die Känguru-Trilogie, gekonnt gegen hippe Start-ups, wettbewerbsschaffende Singlebörsen, rechtsextreme Social Bots und das Anbiedern an Rechts durch Spitzenpolitiker. Die Welt des QualityLand nimmt ihren Einwohnern jegliche Entscheidungen ab, einzig und allein die Leistung der Lieferdrohne muss bewertet werden.
An Anspielungen mangelt es nicht, seien es der mediale Geschichtsrevisionismus und die Totalüberwachung aus 1984 oder während der Inkubation manipulierte Babies aus Schöne Neue Welt. Auch Dilemmata wie das Trolley-Problem, das durch autonom fahrende Autos an Bedeutung gewonnen hat, sowie grundlegende Gedanken der Informatik behandelt Kling. Er liefert dem Leser keine vorgefertigte Antworten auf soziale Fragen, ruft aber zum Denken auf.
Der Roman besticht durch Wortwitz, ironische Einschübe, die die Fantasiewelt erläutern, und niedergeschriebene Situationskomik. Die liebenswerten Protagonisten geben indirekt Tipps für ein selbstbestimmtes, richtiges Leben im Falschen. Jedoch beschleicht den Leser das Gefühl, dass das Werk eher für die gleichzeitig veröffentlichte Vertonung geschaffen wurde. Gerade durch das Hörbuch mit dem kommunistischen Känguru konnte Kling zuvor Bekanntheit erlangen.
Prädikat: witzig. Und ein bisschen traurig.
Marc-Uwe Kling: QualityLand. Ullstein Buchverlage. 384 Seiten. 18 Euro. Die Website für das Buch und eine „Pressekonferenz“ geben weitere Einblicke.
