Am 1. September 2017 fand unsere vierte „Das ist Netzpolitik“-Konferenz im Kosmos in Berlin statt. Alle Vorträge finden sich als Audio und Video auf media.ccc.de und Youtube.
Bevor wir unsere sechs Anforderungen für Smart Cities veröffentlicht haben, hat unser früherer Praktikant Leon Kaiser eine kurze Einführung in den Smart-City-Diskurs gegeben.
Dabei ist es nicht so leicht, Smart Cities zu beschreiben. Ein Weg, den besonders die Industrie immer wieder geht, ist, Smart Cities über „neue Technologien“ zu definieren: mal sind es dann Drohnen, die alle Transportprobleme lösen, mal sind es Sensoren, die alle Stadtbehörden effizient machen. So unterscheiden sich die Definitionen von Smart Cities dann. Der Grund liegt, so Leon, darin …
… dass Smart Cities immer wieder durch Technologien, die immer wieder neu sind, sich immer wieder neu definieren lassen, immer wieder eine neue Zukunftsvision über verschiedene Paradigmen des Computing definiert wird – damit kommt man zu keiner Definition, es ist immer wieder ein Hinterherlaufen hinter den Zyklen von Innovation und Rückständigkeit.
Leon fordert, dass wir stattdessen schauen müssen, wie wir heute in der Stadt zusammenleben und welche Technologien uns dabei helfen. Dazu gehören Ampeln, Tempo-Limits oder Fahrradwege. Sie sind dazu da, uns zu helfen. In der Stadt gehe es darum, das Überleben von allen Stadtbewohnerinnen und ‑bewohnern auch mit Hilfe von Technologien dauerhaft möglich zu machen. Als Beispiel erwähnt Leon den Gabenzaun am Hamburger Hauptbahnhof, an den Stadtbewohnerinnen und ‑bewohner Tüten mit Essen, Shampoo und Geschenken hängen.
Auf die Prozesse und Akteure achten
Leon zufolge sollte vor allem auf die konkreten Akteure und Prozesse geachtet werden, durch die Technologien in die Stadt kommen. Start-Ups etwa hoffen, „Lösungen“ für Smart Cities zu entwickeln und dadurch zu einer disruptiven Kraft zu werden. Allerdings, so warnt Leon, ist „Disruption“ ein besonders wirtschaftsliberales Geschäftsmodell, dessen Auswirkungen auf Stadtbewohnerinnen und Stadtbewohner sowie städtische Infrastrukturen folgenreich sein können. AirBnB hat in Berlin beispielsweise zu einer Steigerung der Mieten geführt.
Momentan erhoffen sich Smart-City-Planer, durch Verbundprojekte zwischen „Wissenschaft, Wirtschaft und Verwaltung“ die Stadt effizienter und lebenswerter zu gestalten. Leon weist darauf hin, dass die Forschung Gefahr läuft, Technologien zu entwickeln, nach denen niemand gefragt hat. Als Beispiel nennt er Rio de Janeiro, wo die Verwaltung mit IBM zusammengearbeitet und ein Kontrollzentrum eingerichtet hat. Dort laufen viele Daten in einem Raum auf Bildschirmen zusammen. Mittlerweile sitzt die Militärpolizei an den Steuerungspulten und bekommt dadurch viel Macht – sie kann beispielsweise strategisch Internetsperren verhängen.
Schließlich verweist Leon darauf, dass Daten in der Stadt besonders sensibel sein können. Hilfsorganisationen in London haben zum Beispiel eine Datenbank mit dem Namen CHAIN aufgebaut, in der sie Informationen über Obdachlose gesammelt haben, unter anderem mit deren Nationalität und den Orten, an denen sie sich regelmäßig aufhalten. Eigentlich als gute Idee gedacht, hat das britische Home Office Zugriff auf diese Datenbank erhalten, und die Festnahmeraten von ausländischen Obdachlosen sind um vierzig Prozent gestiegen:
Daten in der Stadt sind sehr abhängig vom sozialen Status. Eine einfache Information darüber, wo ich mich aufhalte, kann zum Problem werden, wenn ich obdachlos bin. […] „Smart“ kann für verschiedene Menschen verschiedene Konsequenzen haben.
Der Vortrag ist auch als Audiodatei verfügbar:
