Am 1. September 2017 fand unsere vierte „Das ist Netzpolitik“-Konferenz im Kosmos in Berlin statt. Alle Vorträge finden sich als Audio und Video auf media.ccc.de und Youtube.
Das digitale Gedächtnis ist für Ellen Euler, Professorin für „Open Access/Open Data“ an der Fachhochschule Potsdam, die „Fähigkeit, kulturelles Wissen über digitale und vernetzte Medien dauerhaft und unverfälscht über Generationen hinweg zu weiterzugeben“. Unter dem Titel „Freier Zugang zum digitalen Gedächtnis!?“ erläuterte Euler auf unserer Konferenz die Möglichkeiten, wie vorhandenes Wissen digitalisiert und der Allgemeinheit frei zur Verfügung gestellt werden kann. Und welche Probleme es dabei gibt.
Rechte an digitalisierten gemeinfreien Werken
Auch in Zukunft, so Ellen Euler, sollen Menschen auf unser Wissen über das Internet zuverlässig zugreifen können. Dabei sind vor allem zwei Aspekte wichtig:
- bereits vorhandenes kulturelles Wissen digitalisieren (z. B. alte Gemälde, Drucke),
- originär kulturelles Wissen für die Zukunft bewahren.
Zwar versprechen Wissenschaftseinrichtungen in der „Berliner Erklärung“ einen barrierefreien und offenen Zugang zu kulturellem Wissen, bei dem die Nutzer auch Wissen vervielfältigen und weitergeben dürfen, allerdings ist das in der Praxis häufig noch nicht gegeben. Denn durch die Digitalisierung von gemeinfreien Werken erwerben die Kulturerbeeinrichtungen Rechte an ihnen. Tatsächlich sind von den zehn Prozent an Werken, die bisher digitalisiert wurden, nur zwei Prozent im Sinne von Open Access frei nutzbar. Die EU-Kommission hat sich in einer Empfehlung an die Mitgliedstaaten gewandt und gefordert, dass gemeinfreies Wissen gemeinfrei bleiben soll.
Wissen für jeden frei verfügbar machen
Ellen Euler kritisierte die Kulturerbeeinrichtungen, die durch Fotografieverbote ein Wissensmonopol schaffen, was problematisch sei. Dabei stehen die Einrichtungen in der Verantwortung, Wissen für jeden frei verfügbar zu machen, wofür Möglichkeiten wie Creative-Commons-Lizenzen zur Verfügung stehen. Als Beispiel nannte Ellen Euler die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die zwar sagt, dass das, was mal gemeinfrei war, auch digital gemeinfrei bleiben muss. Sie stellt ihre eigenen Inhalte allerdings nur für nicht-kommerzielle Zwecke zur Verfügung, was viele Anwendungsmöglichkeiten verhindert.
Gemeinfreie Inhalte im digitalen Gedächtnis sind wie Werkzeuge in einem Werkzeugkasten und können für alle möglichen Zwecke benutzt werden. Und das ist Voraussetzung für kulturellen Wandel, für demokratische Erneuerung, für Innovation. Und wir sollten diese Wissensallmende und die Kulturerbeeinrichtungen pflegen.
Für Ellen Euler ist freier Zugang nur dann gegeben, wenn die Nutzer mit den Inhalten auch etwas tun dürfen. Kulturelles Wissen muss laut ihr standardisiert in guter Qualität über öffentliche Schnittstellen zur Verfügung stehen. Anwendungsmöglichkeiten für dieses freie Wissen gibt es viele: Von hochspeziellen Computeranwendungen bis zum Meme ist vieles möglich. Letztlich würde das einen Paradigmenwechsel bedeuten: Die Kulturerbeeinrichtungen würden sich von Wissenshütern zu Facilitators wandeln, und das ist laut Ellen Euler Netzpolitik:
Indem Kulturerbeeinrichtungen sich mit Fragen beschäftigen wie „Wie wirkt das Internet auf uns ein? Wie verändert es unsere Aufgaben, unsere Prozesse?“, machen Kulturerbeeinrichtungen Netzpolitik. Und wir können sie dabei unterstützen.
Der Vortrag ist auch als Audiodatei verfügbar:
