Kultur

Zum Ethos der Tech-Szene in der digitalen Ökonomie: Zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Gerade hochqualifizierte Softwarentwicker laufen Gefahr ein Mindset zu entwickeln, wonach sich auch komplexe gesellschaftliche Prozesse und Probleme wie Software verstehen und lösen lassen. Tatsächlich scheitert die Tech-Szene aber an ihren eigenen Ansprüchen. Ein Gastbeitrag von Maciej Cegłowski.

Maciej Cegłowski bei der dConstruct 2013 (Foto: happy.apple, CC-BY 2.0)

Maciej Cegłowski ist ein US-polnischer Software-Entwickler und Gründer des Social-Bookmarking-Services Pinboard. Der folgende Text basiert auf einem Vortrag Cegłowskis im Rahmen der diesjährigen Konferenz der Society for the Advancement of Socio-Economics (SASE) als Teilnehmer eines Panels zur „Moral Economy of Technology“. Wir veröffentlichen ihn hier mit Zustimmung des Autors in einer von Leonhard Dobusch und Hendrik Obelöer übersetzten Fassung.

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Ich bin nur ein kleiner Fisch im Tech-Ozean, aber da es mein natürlicher Lebensraum ist, möchte ich versuchen, ihn Euch zu beschreiben.

Als Programmierer ist unsere prägende intellektuelle Erfahrung die Arbeit mit deterministischen Systemen, die von anderen Menschen entwickelt wurden. Diese können sehr kompliziert sein, aber diese Form von Kompliziertheit findet sich nicht in der realen Welt. Sie ist letztlich immer steuerbar. Wer die richtigen Abstrahierungen findet, kann sich damit deren Kompliziertheit erschließen.

So sind es auch das Gefühl von Kompetenz, Kontrolle und die Freude über die Entdeckung eines klugen Kniffs, der ein schwieriges Problem löst, die Programmieren manchmal vergnüglich machen.

Aber wie jeder weiß, der einmal mit Leuten aus der Tech-Szene zusammengearbeitet hat, kann dieser intellektuelle Hintergrund auch zu Arroganz führen. Begnadete Softwareentwickler sind zunehmend überzeugt, dass sie über eine herausragende Fähigkeit verfügen, jegliche Art von Systemen zu verstehen, basierend auf grundlegenden Prinzipien, ohne vorhergehende Ausbildung, alles nur auf Grund ihrer überlegenen Analysefähigkeiten. Erfolg in der künstlich konstruierten Welt der Softwareentwicklung fördert eine gefährliche Form von Selbstvertrauen.

Heute verfolgen wir das große Projekt, Computer in unseren Alltags zu integrieren. So wie Marc Andreessen es passend formuliert hat: „Software eats the world.“ Und jene, die die Software schreiben, erwarten als Befreier bejubelt zu werden.

Unsere Ziele sind einfach und klar. Zuerst werden wir messen, dann analysieren, dann optimieren. Und man wird uns dankbar sein.

Aber die reale Welt ist eigensinnig. Sie ist so komplex, dass sie Abstraktion und Modellierung widersteht. Sie erkennt unsere Versuche sie zu beeinflussen und reagiert darauf. Genauso wenig, wie wir aus unserer eigenen Haut können, können wir hoffen, die Welt von außen objektiv zu erfassen.

Die vernetzte Welt, die wir erschaffen, mag Computersystemen ähneln, aber es bleibt dennoch die gleiche alte Welt wie vorher, nur mit ein paar Mikrofonen und Tastaturen und Flatscreens, die hier und dort herausragen. Und sie hat immer noch die gleichen alten Probleme.

Die Welt als ein Softwareproblem wahrzunehmen, ist ein Kategorienfehler, der zu fürchterlichen Denkgewohnheiten führt.

Schlechte Denkgewohnheiten

Zunächst werden Entwickler darauf getrimmt, maximale und globale Lösungen zu finden. Wieso ein spezifisches Problem im Einzelfall lösen, wenn man auch ein generelles Problem ein für allemal beheben könnte? Wir halten so einen Ansatz nicht für überheblich, sondern für ein lobenswertes Unterfangen. Die Startup-Gründungskultur der großen Risiken und großen Gewinnne befördert diese pathetische Denkweise. Es gibt einen starken sozialen Druck, schrittweisen Wandel zu vermeiden – insbesondere solche Veränderungen, die es erfordern, mit Leuten außerhalb der Tech-Branche zusammenzuarbeiten und diesen auf Augenhöhe zu begegnen.

Zweitens dürfen wir eigennützig sein, wenn wir die Welt wie ein Softwareproblem behandeln. Ein altes Sprichwort empfiehlt, dass, wer zehn Minuten zum Fällen eines Baumes hat, fünf Minuten auf das Schärfen der Axt verwenden sollte. Wir sind an die Idee gewöhnt, uns zuerst selbst in eine Position mit maximaler Hebelwirkung zu begeben, bevor wir ein Problem angehen.

In der realen Welt führt das zu der Pathologie, dass die Tech-Branche vor allem ihren eigenen Komfort maximiert. Man braucht nicht weit zu gehen, um das beobachten zu können. Wer in San Francisco nach einer Konferenz in die U-Bahn nach Oakland steigt oder wer einfach nur durch San Francisco spaziert, dem fällt es schwer, sich davon zu überzeugen, dass man sich im Herzen eines über 30-jährigen Booms bewegt. Man sieht einen Wohn- und Freizeitpark für IT-Angestellte umgeben von Gebieten voller Armut und Elend, die von unserer Anwesenheit keinerlei Nutzen, aber umso größeren Schaden abbekommen haben. Wir reden uns ein, dass wir uns durch mehr Bequemlichkeit und mehr Produktivität einer Zukunft nähern, in der dann endlich das Leben für all die anderen Menschen besser werden würde.

Drittens verstärkt das Verständnis der Welt als Software Kontrollfantasien. Und die beste Form von Kontrolle ist Kontrolle ohne Verantwortung. Unsere einzigartige Stellung als Entwickler von Software, die von Millionen Menschen genutzt wird, verschafft uns Macht, aber wir akzeptieren nicht, dass wir dafür auch Verantwortung tragen. Wir sind die Entwickler – wer sonst könnte die Software schreiben, die die Welt am Laufen hält? Mit anderen Worten: Wir sind überrascht, dass die Leute wütend auf uns werden, wenn wir helfen wollen.

Glücklicherweise sind wir kluge Leute und haben einen Weg aus dieser misslichen Lage gefunden. Anstatt auf Algorithmen zu setzen – die man bezichtigen kann, in unserem Interesse zu arbeiten –, haben wir uns dem Maschinenlernen zugewendet; ein genialer Schachzug, um jedwede Verantwortung von uns zu weisen. Maschinenlernen ist wie Geldwäsche für Vorurteile. Es ist eine saubere, mathematische Apparatur, die dem Status Quo eine Aura der logischen Zwangsläufigkeit verschafft. Zahlen lügen nicht.

Natürlich müssen sich kontrollversessene Menschen irgendwann mit ihrer eigenen Sterblichkeit befassen. Die Antwort der Tech-Welt auf den Tod ist eine enthusiastische. Wir werden auch dieses Problem lösen. Google Ventures finanziert zum Beispiel ernsthaft Forschung zur Unsterblichkeit. Dessen Chef nennt jeden einen „deathist“, der darauf hinweist, dass so ein Ziel wahnhaft ist.

Solche Kontrollfantasien haben eine dunkle Seite. Man beachte die zeitgenössische Furcht vor einer künstlichen Superintelligenz oder Elon Musks scheinbar ehrlicher Glaube, dass wir in einer Computersimulation leben. Für einen Entwickler entspräche das dem ultimativen Kontrollverlust. Anstatt Software zu schreiben, ist man ein Teil von ihr.

Wir sind besessen von derart fiktiven Problemen, während wir gleichzeitig reale Probleme erzeugen.

In unserem Versuch, die Welt an Software zu verfüttern, haben Techies den größten Überwachungsapparat der Weltgeschichte erschaffen. Im Gegensatz zu früheren Anstrengungen ist dieser völlig automatisiert und bis zu einem gewissen Grad autonom. Seine Macht ist latent und liegt in den riesigen Mengen an permanent gespeicherten persönlichen Daten, die ganze Bevölkerungen erfassen.

Wir haben eher beiläufig, im Zuge unseres Projektes alles zu automatisieren, angefangen, diese Informationen zu sammeln. Aber schnell haben wir ihren wirtschaftlichen Wert erkannt. Wir könnten die Daten dazu nutzen, dass sich der gesamte Prozess finanziell selbst trägt. Und so wurde automatisierte Überwachung zur wirtschaftlichen Grundlage der modernen Digitalökonomie.

Überwachungskapitalismus

Überwachungskapitalismus weist in mehrfacher Hinsicht Eigenschaften eines Nullsummenspiels auf. Der wahre Wert der gesammelten Daten ist nicht eindeutig, aber es ist definitiv ein Vorteil, mehr zu sammeln als die Konkurrenz. Da Menschen mit der Zeit eine natürliche Immunität gegenüber neuen Formen des Trackings und der Manipulation entwickeln, ist der einzige Weg, um erfolgreich zu bleiben, immer neue Wege der Ausspähung privater Sphären zu finden. Und da ein großer Teil der Überwachungswirtschaft von Spekulanten finanziert wird, gibt es einen Anreiz, neue schillernde Methoden zu versuchen, um deren Fantasie anzuregen und ihr Geld anzulocken.

Dies führt zu einer fortschreitenden Entwicklung, derzufolge das Verhalten von immer mehr Menschen immer genauer aufgezeichnet wird. Die gesammelten Informationen bleiben gespeichert – in der Hoffnung, weitere Dollars aus ihnen herausquetschen zu können.

So wie die Industrialisierung die Beziehung zwischen Arbeit und Kapital verändert hat, so verändert der Überwachungskapitalismus die Beziehung zwischen Bürgern und Einrichtungen, die überwachen. Unsere alten Ideen von individueller Privatsphäre und Einwilligung in Datennutzung sind nicht mehr haltbar in einer Welt, in der persönliche Daten im industriellen Maßstab gesammelt werden.

Jene, die vom Tod der Privatsphäre profitieren, versuchen unsere Unterwerfung in Begriffen der Freiheit zu formulieren – genauso wie auch die ersten Fabrikbesitzer der Unantastbarkeit des Vertragsrechts das Wort geredet haben. Sie bestanden darauf, dass Arbeiter das Recht haben sollten, allem zuzustimmen; vom 16-Stunden-Tag bis zu unsicheren Arbeitsbedingungen, als ob Fabrikbesitzer und Arbeiter auf Augenhöhe verhandeln könnten.

Datensammelnde Firmen versuchen sich am selben gedanklichen Trick. Sie versichern, dass wir unsere Daten frei und im Tausch für wertvolle Dienstleistungen preisgeben. Aber aus dem Überwachungskapitalismus auszusteigen, ist wie auf Strom oder gekochtes Essen zu verzichten. Theoretisch kann man das tun. Praktisch würde es das eigene Leben auf den Kopf stellen.

Viele von Euch mussten ein Visum für die USA beantragen, um zu dieser Konferenz zu kommen. Gestern hat die Zollbehörde bekannt gegeben, dass sie Einreisewillige bald nach ihren Social-Media-Profilen fragen wollen. Man stelle sich vor, zur nächsten Konferenz ohne ein LinkedIn-Profil fahren zu wollen und dann den Amerikanischen Beamten zu erklären, warum man so verdächtig abgekapselt ist.

Tatsächlich impliziert eine Abkehr vom Überwachungskapitalismus eine Abkehr von großen Teilen eines modernen Lebens.

In der Realwirtschaft sind wir es gewohnt, über den privaten und öffentlichen Sektor zu reden, aber in der Überwachungswirtschaft gibt es diese Unterscheidung nicht. Vieles der alltäglichen Überwachungsarbeit wird von Telekommunikationsunternehmen übernommen, die enge Beziehungen zu Regierungen pflegen. Überwachungstechniken und -software werden zwischen Fachkräften auf beiden Seiten frei ausgetauscht. Alle wichtigen Akteure der Überwachungswirtschaft kooperieren mit den jeweils landeseigenen Geheimdiensten und werden (sehr effektiv) von allen übrigen Geheimdiensten ausspioniert.

Als Techie gibt mir diese Situation das Gefühl, in einem Wald zu sein, der sich immer weiter mit trockenem toten Holz füllt. Die sehr persönlichen und aussagekräftigen Informationen, die wir über die Leute sammeln, werden niemals verschwinden, sondern weiter anwachsen. Ich möchte nicht den Flächenbrand herbeibeschwören, aber gleichzeitig finde ich keinen Weg, um anderen diese große Gefahr bewusst zu machen.

Also versuche ich Szenarien zu skizzieren.

Die unvermeidliche Liste unheimlicher Szenarien

Einer der diesjährigen US-Präsidentschaftsbewerber hat versprochen, elf Millionen in den USA lebende undokumentierte Einwanderer auszuweisen, ebenso wie Muslime daran zu hindern, dieses Land zu betreten. Man stelle sich diese Politik mit den Mitteln der modernen Technologie vor. Das FBI würde von Facebook Informationen über jeden einzelnen im Ausland geborenen Nutzer verlangen. E-Mail und Telefonkonversationen würden überwacht hinsichtlich der Verwendung von Spanisch oder Arabisch, und mittels Gefühlsanalyse würde erhoben, ob Nutzer „nervös“ klingen. Soziale Netzwerke, telefonische Verbindungsdaten und Handyüberwachung würden die Polizei direkt zu den Verstecken von Immigranten führen.

Wir könnten richtig gut darin sein, Leute auszuweisen, wenn wir es nur wollten.

Oder man sieht sich die andere Präsidentschaftskandidatin an – jene, die wir als vernünftige Alternative betrachten. Seit langer Zeit unterstützt sie ein System des außergerichtlichen Mordes. Es benutzt pauschale Überwachung der Mobilfunkkommunikation, von E-Mail und sozialen Medien, um Listen von Menschen zu erstellen, die dann von autonomen Flugzeugen verfolgt und getötet werden. Das System beinhaltet mutmaßlich menschliche Kontrolle (was wir nicht wissen, da es geheim ist), aber es gibt keinen prinzipiellen Grund, es nicht zu automatisieren. Benutze das Auto der falschen Person im Jemen, und du verlierst dein Leben.

Dass diese Werkzeugkette nur in armen, abgelegenen Plätzen zur Eliminierung von „Staatsfeinden“ eingesetzt werden darf, ist ein Trost für diejenigen von uns, die woanders leben. Aber man kann sich Szenarien vorstellen, in denen eine Massenpanik deren Anwendungsbereich ausweitet.

Oder man überlege sich, wie der britische Überwachungsstaat, schon jetzt der schlimmste in Europa, in zwei Jahren aussehen wird. Wenn er nicht mehr durch europäisches Recht eingeschränkt sein wird und wirtschaftliche Krisen das Land noch mehr in Richtung Fremdenhass getrieben haben werden.

Oder man nimmt ein Beispiel aus meinem Heimatland Polen. Abtreibung ist bereits seit längerer Zeit illegal. Aber die regierende Partei möchte die Bestimmungen zur Abtreibungen noch enger stricken, indem sie jede Fehlgeburt als mögliches Verbrechen untersuchen lässt. Frauen werden damit quasi zu Mordverdächtigen, wenn sie ihr Kind verlieren. Man stelle sich Regierungsbehörden vor, die den Twitteraccount, den Fitnesstracker, Kreditkartenabrechnungen und private Kommunikation durchkämmen, um Zeichen einer möglichen Schwangerschaft zu finden. Die Ergebnisse werden dann der Polizei mitgeteilt, um proaktiv das ungeborene Baby zu beschützen.

Wir neigen dazu, uns dystopische Szenarien so vorzustellen, dass repressive Regierungen Technologie gegen ihre Bevölkerung verwenden. Aber was mir in diesen Szenarien Angst macht, ist die jeweils breite Unterstützung in der Bevölkerung, möglicherweise sogar der Mehrheit. Demokratische Gesellschaften entscheiden sich manchmal für schreckliche Vorhaben.

Wenn wir über den Ethos der Tech-Szene sprechen, müssen wir der Tatsache ins Auge sehen, dass wir ein machtvolles Instrument der sozialen Kontrolle gebaut haben. Jene, die den Überwachungsapparat bedienen, verstehen dessen Möglichkeiten in einer Art und Weise, wie es normale Bürgerinnen und Bürger nicht tun. Meine größte Angst ist zu sehen, wie die ganze Macht dieses Überwachungsapparates in einer Demokratie gegen eine ungeliebte Minderheit entfesselt wird.

Wir als Techies haben eine geladene Pistole herumliegen lassen, in der Hoffnung, dass niemand sie jemals nehmen und benutzen würde.

Fazit

Der erste Schritt zu einer besseren digitalen Ökonomie ist Demut und Anerkennung von Grenzen. Es wird Zeit, Technologie für ihre Versprechen politisch zur Verantwortung zu ziehen. Ich bin sehr misstrauisch gegenüber Versuchen, die Welt auf eine Weise zu verändern, die nicht zunächst auch auf lokaler Ebene funktioniert. Wenn wir nach Jahrzehnten nicht die Lebensqualität in jenen Gegenden, wo die Technikelite selbst lebt, verbessern konnten, wieso sollten wir dies irgendwo sonst tun können?

Wir sollten nicht auf diejenigen hören, die versprechen, den Mars für den Menschen lebenswert zu machen, bis wir gesehen haben, wie sie Oakland für den Menschen lebenswert gemacht haben. Wir sollten skeptisch gegenüber Leuten sein, die versprechen, den Verkehr zu revolutionieren, wenn sie nicht einmal lokale U-Bahnen zum Laufen bringen können oder sie noch nie genutzt haben. Und wenn Google uns schon die Unsterblichkeit anbietet, sollten wir erstmal schauen, dass wir auch einen Platz zum Leben haben.

Techies beschweren sich darüber, dass triviale Alltagsprobleme in der Bay Area schwer zu lösen seien, weil die Politik darin involviert sei. Aber Politik sollte unbedingt involviert sein. Politik ist es, die uns davon abhält, uns gegenseitig umzubringen. In einer Welt, in der jeder Computer und Software benutzt, sollten wir demokratische Kontrolle über diese Software ausüben.

Zweitens ist die Überwachungswirtschaft viel zu gefährlich. Selbst wenn wir jedem trauen, der uns momentan ausspäht, werden diese Daten früher oder später gestohlen oder von Leuten gekauft werden, die uns durchaus Angst machen. Wir haben einfach nicht die Fähigkeit, große Datenbestände über lange Zeit wirksam zu schützen.

Das Ziel sollte nicht sein, den Überwachungsapparat demokratischer Kontrolle zu unterziehen (auch wenn das ein hehres Ziel ist), sondern ihn abzubauen. Genauso wie wir Länder keine Atomreaktoren bauen lassen, die Plutonium produzieren – ganz egal, wie ehrlich ihre Versprechen sind, es nicht zu missbrauchen. Wir sollten es nicht erlauben, Datenbanken über persönliche Informationen zu erzeugen und auf unbestimmte Zeit zu speichern. Die Risiken sind zu groß.

Ich denke, dass es ein guter Kompromiss wäre, verschiedene Arten der Überwachung zu erlauben, aber zu beschränken, was man speichern und verkaufen darf.

Ganz allgemein müssen wir damit aufhören, Computertechnologie als etwas komplett Neuartiges in der menschlichen Geschichte zu betrachten. Nicht jedes Jahr ist „Jahr Null“. Es ist nicht das erste Mal, dass eine Gruppe von Nerds beschlossen hat, den Rest der Welt wie ein Experiment zu behandeln. Frühere Versuche einer rationalistischen Utopie scheiterten aus diversen Gründen. Und da wir einen hohen Preis für diese Lektionen bezahlt haben, wäre es eine Schande, nicht aus ihnen zu lernen.

Es gab bereits Versuche, Unsterblichkeit, unendlichen Reichtum oder Beherrschung des Weltraums zu erreichen. Wir wissen sogar was passiert, wenn man Personalakten über Bewohner eines ganzen Landes vorzuhalten versucht. Wenn wir all diese Dinge von Neuem unternehmen, sollten wir zumindest aus der Vergangenheit lernen. Auf diese Weise können wir wieder auf vielfältige, aber wenigstens auf neue Weise scheitern, anstatt auf die gleiche, ärgerliche Weise wie das letzte Mal.

30 Kommentare
  1. Danke für den Beitrag. Ich stimme voll zu und erkenne mich selbst an einigen Stellen wieder. Ich hoffe einigen anderen wird das auch bewusst. Was aus dem Beitrag nicht deutlich genug hervorgeht, vielleicht auch gar nicht so gemeint ist, aber zumindest nach meinem Empfinden: Die Gefahr geht in unserer Demokratie nicht primär vom Staat aus, was den naiven Technologiemissbarauch angeht. Der läuft der Entwicklung meist nur hilflos hinterher undübertritt Schranken, die schon lange zuvor von Nerds angerissen wurden.

      1. Weil du so fragst: Ja. Ich habe neulich über eine sehr kluge Piraten-Analyse im Buch eines Ex-Piraten (Daniel Schwerd) getwittert und war dann doch überrascht von dem Hass, der mir prompt entgegenschlug von den Rest-Piraten.

  2. Sehr lehrreiches Statement. Wenn auch auf NP deplatziert. Hätte den Text ein Leser als Kommentar geschrieben, wäre der Kommentar gelöscht worden.

    1. Wenn sie ernsthaft journalistische Arbeit betreiben wollen, dann ist das bedingt Pflicht, auch sich selbst zu hinterfragen.

      Und netzpolitik.org ist davon nicht ausgenommen. Wir als Verbraucher und technisch-Interessierte noch weniger.

  3. Hervorragend reflektierter Artikel! Es lohnt sich, ab und an einen Schritt zurück zu treten und sich zu fragen, was man da eigentlich tut. Danke!

      1. Entschuldigt, das sollte keine Abwertung der Übersetzung sein. Es ist superwichtig, dass die da ist und auf netzpolitik.org ein großes Publikum erreicht! :)

  4. Maciej Cegłowsk spricht hier das an weshalb Netzpolitik u.a. mal online gegangen ist. Ich finde es richtig und wichtig, dass wir uns permanent über die Möglichkeiten und Gefahren unserer Schöpfungen im klaren sind. Allerdings waren und sind Ehtik und Moral schon immer die ersten Opfer gewesen, wenn aus einer Erfindung Kapital geschlagen werden konnte. Aber können wir uns dagegen wehren? Mich erinnert dieser Vortrag an Dieter Nuhrs Ausführungen zum Thema Abstandsmesser in Autos: „100 Meter…50 Meter…10 Meter…-1 Meter…Schepper,knall,bum. Geil, das Teil hats richtig angezeigt“

  5. „Es wird Zeit, Technologie für ihre Versprechen politisch zur Verantwortung zu ziehen.“
    Das wäre auch mal ein Motto für die nächste re:publica, oder? Denn bei all dem Enthusiasmus des technisch Machbaren (auch dort) ist es mehr als an der Zeit unter diesem Aspekt die gesellschaftlichen, globalen Entwicklungen zu hinterfragen.

      1. Als Slogan zu lang ja.
        Vielleicht geht (nicht nur) das in der Vielfalt der Sessions auch „einfach“ unter? Als Erstbesucher der re:publica (TEN) fühlte ich mich eher erschlagen von all den gleichzeitig stattfindenden, interessanten, eigentlich mir wichtigen Sessions. Diskussionen im Wortsinn habe ich eigentlich nicht (wirklich) erlebt. Dafür war der Zeitrahmen der einzelnen Sessions auch einfach zu knapp.

  6. „Sie erkennt und reagiert auf unsere Versuche, sie zu beeinflussen. “
    Satzbautechnisch vielleicht besser so: Sie erkennt unsere Versuche sie zu beeinflussen und reagiert darauf.
    Wichtiger Artikel auf jeden Fall.

  7. Kybernetik ist nach ihrem Begründer Norbert Wiener die Wissenschaft der Steuerung und Regelung von Maschinen, lebenden Organismen und sozialen Organisationen und wurde auch mit der Formel „die Kunst des Steuerns“ beschrieben. Der Begriff als solcher wurde Mitte des 20. Jahrhunderts nach dem Vorbild des englischen cybernetics ‚Regelungstechniken‘ in die deutsche Sprache übernommen. Der englische Begriff wiederum ist ein Kunstwort, gebildet aus dem substantivierten griechischen Adjektiv κυβερνητικός ‚steuermännisch‘, das sich aus den entsprechenden Subjektiven κυβερνήτης ‚Steuermann‘ und κυβέρνησις ‚Leitung‘, ‚Herrschaft‘ ableitet.

    https://www.youtube.com/watch?v=fHxRuLT4FIE

  8. >> Wir sollten nicht auf diejenigen hören, die versprechen, den Mars für den Menschen lebenswert zu machen, bis wir gesehen haben, wie sie Oakland für den Menschen lebenswert gemacht haben. Wir sollten skeptisch gegenüber Leuten sein, die versprechen, den Verkehr zu revolutionieren, wenn sie nicht einmal lokale U-Bahnen zum Laufen bringen können oder sie noch nie genutzt haben.

    Das Argument hört sich an nach: wieso bauen wir Space Shuttles & Teilchenbeschleuniger, wenn wir hungernde Menschen haben?

    1. Aber vielleicht kritisiert er nur den Musk-Hype. Das Simulationsargument gibt es seit Zuse und dem rechnenden Raum. Da war Musk noch nicht auf der Welt und von Neumann war en vogue.

    2. Ja, ernsthaft: Warum tun wir das?

      Nein, ist schon klar, weil wir neugierige Menschen sind!

      Aber kein Naturgesetz verbietet es beides zu wollen, was aber viele zu glauben scheinen.

      Ich bin auch der strikten Meinung, wir (Menschheit) sollten erst mal unseren Eigenen Planeten und unsere Konflikte und Widersprüche aufbessern, bevor wir uns ernsthaft mit Menschen auf anderen Planeten befassen. Wir würden dort hin alle unsere Fehler mitnehmen, Quasi Exportieren.
      Das sollte; Komischerweise; auch den Nationalisten nahe liegen die „Wir zuerst“ schreien. Kosmisch gesehen sind ALLE Menschen nur Nationalisten denn: WIR haben nur diesen EINEN Planeten.

      Man kann es aber auch positiver sagen. WIR sind alle Weltbürger! Mehr nicht, aber auch nicht weniger.
      Ich bin übrigens kein Nationalist, eher ein Kritischer Weltbürger.

  9. Hm, entweder liegt das an der Übersetzung, oder das ganze ist tatsächlich etwas sehr naiv-kindlich geschrieben. Irgendwie mit großen Kinder Augen des Erstaunens. iIn etwa, wenn das Kind das 1 X mitbekommt, dass Mama auch lügt, weil edas Auto doch viel Länger im Parkverbot stand, als es Mama der Politesse gerade erzählt hat. Aber vielleicht ist das eine Strategie der kleinen Schritte, um die Pudel der Neoliberlalen nicht gleich all zu sehr zu verschrecken, beim Riechen des Gestanks Ihrer Kackwurst den Sie auf den Teppich gemacht haben.

  10. Dem Inhalt und dem Fazit kann ich nur 100%ig Zustimmen. Aber das wird bestenfalls sehr Schwer! Denn das würde bedeuten all denen die durch gesammelte Daten Macht oder Geld gewinnen eben diese zu beschneiden. Und WER sollte dieses Kunststück zuwege bringen. Da gibt es nur eines. DEN BÜRGER – aber möglichst ALLE und das ZUSAMMEN. Wenn sie sich einig wären – was sie mangels Grundlegender Information und Fehlendem Interesse daran nicht sind, und auch nicht sein wollen.

    Vielleicht in einer fernen Zukunft, nach einem Weltweiten Daten-SuperGAU und einer darüber geläuterten Menschheit…

    Und darum sehe ich da aktuell keine Chance. Leider!!!

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