Kultur

Expertenschwemme gegen die Informationsüberflutung? Expertentum und Expertise im digitalen Zeitalter

Cover des Bands "Auf dem Markt der Experten – zwischen Überforderung und Vielfalt" (Edition Büchergilde, 2016)

Informationsüberflutung ist einer der häufigsten Kritikpunkte an Internet und neuen Medien. Exponentiell wachsende Speicherkapazität führt in Kombination mit „Verdatung“ der Welt zu einer unüberschaubaren Masse an Information. Jede Minute werden dreihundert Stunden Videomaterial auf YouTube hochgeladen, jede Suchanfrage und jeder Webseitenbesuch werden gespeichert. Smartphone-Apps sammeln automatisch Nutzungs- und Standortdaten, und mit dem Internet der Dinge werden Haushaltsgeräte, Autos und Kleidungsstücke den Datenbestand noch einmal explodieren lassen.

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Dieser Beitrag ist im Buch „Auf dem Markt der Experten: Zwischen Überforderung und Vielfalt“ der Edition Büchergilde erschienen. Die aufwändigen Illustrationen des von Studierenden der Angewandten Literaturwissenschaft an der FU Berlin konzipierten Bandes wurden mit einer Crowdfunding-Kampagne finanziert.

Kein Wunder, dass eine Suchmaschine das wichtigste Werkzeug im Internet und ihr Eigentümer eines der mächtigsten Unternehmen in zunehmend digitalen Märkten ist. Souverän im Netz ist, wer die erste Seite der Suchergebnisse kontrolliert. Keineswegs ausgemacht ist dabei, wie sich Zugang zu mehr und mehr Information auf das Finden relevanter Information auswirkt. Online mag zwar zu allem und jedem etwas zu finden sein – allerdings oft widersprüchlich oder unbelegt.

Die Informationsüberflutung im Netz und der Umgang mit ihr lässt sich besonders gut am Beispiel der Online-Enzyklopädie Wikipedia beobachten. Diese hat nicht nur die gedruckte Enzyklopädie auf dem Gewissen, sondern sie hat auch verändert, was als enzyklopädisch relevantes Wissen gelten und wer diesbezügliche Entscheidungen treffen darf. In der klassischen Enzyklopädie oblag es dem Ermessen einer kleinen, professionellen Redaktion zu entscheiden, was wissenswert genug für den knappen Platz in gedruckten Büchern war. Heute kann potentiell jeder Mensch mit Internetzugang zur Wikipedia beitragen, potentiell jede Information hat in den unendlich-digitalen Wiki-Weiten Platz. Tatsächlich ist es aber eine vergleichsweise kleine Gruppe von Freiwilligen – Expertinnen und Experten –, die nach selbstgegebenen Regeln – so genannten Relevanzkriterien – entscheidet, was wissenswert genug für einen Wikipedia-Eintrag ist. Zumindest in den Themenfeldern, in denen Wikipedianer Artikel verfassen, korrigieren oder löschen, übernehmen sie eine ehrenamtliche Expertenrolle, die es so vor dem Internet nicht gab.

Wikipedia-Wissen und Wikipedianer sind aber keineswegs die einzigen neuen Formen von Expertise und Expertentum, die im Zuge der digitalen Revolution entstanden sind. Einer der Gründe für die Veröffentlichung dieses Bandes war die Diagnose, dass wir einerseits Gefahr laufen, von Informationen „erdrückt“ zu werden, und andererseits „von Experten umzingelt“ sind, die uns genau davor bewahren sollen. Es stellt sich also die Frage, ob eine Expertenschwemme die Antwort auf Informationsüberflutung sein kann.

Neuer Bedarf an Expertise und Experten

Arbeitsteilig organisierte kapitalistische Gesellschaften produzieren zwangsläufig eine ständig wachsende Vielfalt an Spezialgebieten, oft verbunden mit der Herausbildung von eigenen Ausbildungen und Berufen. Die Kehrseite von Arbeitsteilung, sei sie inner- oder zwischenbetrieblich, ist die Notwendigkeit der Koordination. Wertschöpfung, egal ob monetärer oder nicht-monetärer Art, entsteht gerade aus der Kombination von geteilter und koordinierter Arbeit. Expertise ist an beiden Enden erforderlich, sei es, um immer stärker spezialisierte Fertigungs- und Vertriebskonzepte zu meistern oder um Übersetzungs- und Koordinationsaufwand in Form von Controlling und Management zu bewältigen. Mit der durch den Soziologen Niklas Luhmann beobachteten, zunehmenden funktionalen Ausdifferenzierung von Gesellschaften ist deshalb auch ein steigender Bedarf nach Expertentum verbunden. Gut beobachten lässt sich funktionale Ausdifferenzierung an den Universitäten. Interdisziplinäre Studienrichtungen wie „Staatswissenschaften“ – eine Kombination aus Verwaltungs-, Rechts-, Wirtschafts- und Politikwissenschaft sowie Soziologie und Geschichte – sind am Rückzug. Stattdessen boomen immer stärker spezialisierte Masterstudiengänge wie „Health Care Management“, „Wirtschaftspsychologie“ oder „Real Estate Management“, um nur drei Beispiele aus dem unüberschaubaren Angebot im Bereich der Betriebswirtschaft zu nennen.

Dass gesellschaftlicher und technologischer Wandel, wie er mit Digitalisierung und Internet verbunden ist, neue(n Bedarf nach) Experten generiert, ist deshalb keineswegs überraschend oder neu. In zweifacher Hinsicht ist der durch Digitalisierung getriebene, zusätzliche Bedarf nach Expertise und Experten jedoch besonders.

Erstens ist der mit Digitalisierung und Internet verbundene Wandel ein besonders tiefgehender, sektorenübergreifender Umbruch. In der Wirtschaft gibt es kaum Branchen, die nicht durch neue, digital-ermächtigte Akteure umgekrempelt werden – vom Einzelhandel (Amazon) über das Hotelgewerbe (AirBnB) bis hin zur Unterhaltungsbranche (YouTube). Aber auch höchstprivate Lebensbereiche wie Freundschaft (Facebook), Kennenlernen (Tinder) und Sexualität (YouPorn) werden durch neue digitale Dienste erschlossen und verändert. Kaum ein Lebensbereich ist vor digitalen Umwälzungen gefeit, und auch neue digitale Champions können sich keineswegs vor Veränderung sicher fühlen, wie das Scheitern von Nokia im Übergang von Mobiltelefonen zu Smartphones gezeigt hat.

Mit derart umfassender und weitgehender Veränderung in vergleichsweise kurzer Zeit geht eine fundamentale Unsicherheit einher. Fundamental meint, dass es nicht nur schwer ist, die Wahrscheinlichkeit verschiedener Entwicklungsmöglichkeiten abzuschätzen, sondern dass Art und Vielfalt möglicher Entwicklungspfade selbst kaum absehbar sind. Und je ausgeprägter derart fundamentale Unsicherheit, desto größer ist der Bedarf nach Experten, die in dieser Situation Orientierung versprechen. Dass auch die klügsten Experten angesichts fundamentaler Unsicherheit kaum mehr können, als „raten“, tut dem Bedarf nach ihren Ratschlägen keinen Abbruch.

Der übliche Umgang mit fundamentaler Unsicherheit besteht darin, sich an den Anderen zu orientieren. Experten können hierbei behilflich sein, indem sie „Best-Practice“-Beispiele verbreiten, also das zum Vorbild stilisierte Andere. Oder indem sie das Andere aggregieren und extrapolieren, also vergangene Entwicklungen in die Zukunft fortschreiben, und dabei nicht selten deshalb richtig liegen, weil sie dadurch selbsterfüllende Prophezeiungen generieren. Etwas, das vor allem deshalb funktioniert, weil Experten sich in ihren Prophezeiungen angesichts fundamentaler Unsicherheit ebenfalls an anderen Experten orientieren und so kollektiv vermeintliche Erwartungssicherheit produzieren. Die Vorhersage des Mooreschen Gesetzes, dass sich die Zahl der Transistoren auf einem Computerchip rund alle 18 Monate verdoppelt, tritt beispielsweise auch deshalb ein, weil sich Prozessorhersteller an genau diesem Ziel in ihren Entwicklungsanstrengungen orientieren.

Zweitens verschärfen Digitalisierung und Internet – Informationstechnologien im Allgemeinen – die eingangs bereits erwähnte und vor allem gefühlte „Informationsüberflutung“. Selbst jenseits von unsicheren Zukunftsperspektiven stellen sich mit der Zunahme an zugänglicher Information Fragen von Zuverlässigkeit und Relevanz in verschärfter Form. Während die menschliche Informationsverarbeitungskapazität bestenfalls linear wächst, steigt die zur Verarbeitung verfügbare Information überproportional.

Im Ergebnis wächst dadurch der Bedarf nach Experten in ihrer Funktion als Filter und Relevanzrichter. Weil ein eigenständiges Vertiefen in die verschiedenen Themenbereiche keine Option ist, bleibt nur der Rückgriff auf die Einschätzung von Experten, die im jeweiligen Themenfeld einen Informationsvorsprung besitzen. Daran wird auch deutlich, dass es sich beim Expertenstatus um ein relationales Konzept handelt; einerseits weil er aus Zuschreibung durch Dritte resultiert und andererseits auf Erfahrungs- und Informationsvorsprung gegenüber ebendiesen Dritten fußt.

Der neue und gesteigerte Bedarf nach Expertise und Experten im Zuge des digitalen Wandels beantwortet jedoch noch nicht, wer in der Lage ist, diese Bedürfnisse zu befriedigen. Gerade rasche technologische und wirtschaftliche Entwicklungen erfordern Expertise in Feldern, die (noch) nicht von herkömmlichen Bildungseinrichtungen – den traditionellen Expertenfabriken – abgedeckt werden können. Wie so oft ist es aber auch in diesem Fall so, dass dort, wo eine Nachfrage besteht, meist schnell ein Angebot entsteht. Gerade im Kontext von Internet und Digitalisierung lassen sich deshalb neue Formen von Experten und Expertentum beobachten.

Neue Formen von Experten und Expertentum

Ganz allgemein hat das Internet zwei neuen Expertenkategorien zur Blüte verholfen. Internetexperten und Experten im Internet. Internetexperten erklären neue Internet-basierte Technologien, Produkte und Dienstleitungen. Dementsprechend gibt es eine Vielzahl unterschiedlicher Bezeichnungen für Internetexperten, je nachdem, welche Ecke des Internets die Basis des jeweiligen Expertengeschäfts bildet. Eine der häufigsten Ausprägungen ist der Social-Media-Berater oder -Stratege, der Erfahrungsvorsprung in der Nutzung gerade aktueller Online-Werkzeuge – von Facebook über Twitter bis hin zu Pinterest – zu monetarisieren in der Lage ist. Während Social-Media-Berater eher zu den Generalisten unter den Internetexperten zählen, gibt es auch „Spezialexperten“ wie beispielsweise solche für Suchmaschinenoptimierung („search engine optimization“, SEO).

In beiden Fällen ist der Expertenstatus allerdings von besonderer Prekarität gekennzeichnet. Mangels etablierter Ausbildungswege sind sowohl Social-Media- als auch SEO-Experten in der Regel Autodidakten. Sie kämpfen deshalb bisweilen mit Skepsis ihrem Expertenstatus gegenüber, der sogar in beißenden Spott münden kann. Die US-Online-Satirezeitschrift „The Onion“ sorgte beispielsweise mit einem Video für Furore, in dem sich ein Social-Media-Experte damit brüstet, es auch ohne eine einzige originelle Idee zum erfolgreichen Berater gebracht zu haben. Im Fall von SEO wiederum kursieren zahlreiche Warnungen vor halbseidenen SEO-Experten, die mit falschen Versprechungen von verbesserter Platzierung in Suchergebnissen am Rande des Betrugs vorbeischrammen.

Mit steigender Bedeutung sozialer Medien und Suchmaschinen für die Geschäftstätigkeit von immer größeren Teilen der Wirtschaft ist die Nachfrage nach Expertise und Experten in diesen Gebieten dennoch ungebrochen. Und klarerweise sind Internetexperten in der Regel auch als Experten im Internet tätig, das heißt, sie demonstrieren ihre Expertise in Form von Blogs, Tweets und Facebook-Postings.

In dieser zweiten Kategorie der Experten im Internet – Experten für alles Mögliche, die sich der Möglichkeiten des Internets bedienen, um beispielsweise ihren Bekanntheitsgrad zu erhöhen – lassen sich wiederum zwei Subtypen unterscheiden. Einerseits gibt es „traditionelle“ Experten, die ihre Expertise auch via neuer Medien anbieten und verbreiten. In diesem Fall speist sich der Expertenstatus regelmäßig aus einer Kombination von Ausbildung und beruflichem Hintergrund. Je stärker ausgeprägt der Bezug zu Internet und digitalen Technologien ist, desto weiter verbreitet ist dieser Typus. So sind unter den zahlreichen bloggenden Anwälten – Rechtsexperten – jene mit Spezialgebieten wie IT- und Medienrecht sicherlich überrepräsentiert. Einer der in Deutschland bekanntesten Online-Rechtsexperten – „Law Blog„-Autor Udo Vetter – ist allerdings Fachanwalt für Strafrecht und profitiert wohl davon, dass seine Beiträge näher an der Lebensrealität der breiten Bevölkerung sind.

Ganz generell ist das wichtigste Expertenmedium im Netz wahrscheinlich das Blog. Es lässt sich wohl ohne Übertreibung behaupten, dass es kaum ein Thema gibt, zu dem nicht auch gebloggt wird. Nicht in allen Fällen ist es jedoch so, dass die verbloggte Expertise auf professionellem Hintergrund beruht. Mindestens ebenso relevant können Lebenserfahrung oder einfach gesteigertes Interesse an einer Thematik sein. Im Ergebnis kann so auch ohne formale Ausbildung oder entsprechende berufliche Tätigkeit die fortgesetzte, internet-öffentliche Auseinandersetzung mit einem Thema Expertenstatus begründen.

Auf diese Weise kommt es aber zunehmend zu einer Erweiterung dessen, wer als Experte und was als Nachweis von Expertise gelten kann. Paradoxerweise erlaubt es gerade das oft für seine Schnelllebigkeit gescholtene Internet, durch ausdauernde Beschäftigung mit und Kommunikation von spezifischen Inhalten Expertenstatus zu erwerben. Das liegt nicht zuletzt auch daran, dass derartige Aktivitäten Voraussetzung sind, um mittels Suchmaschine überhaupt gefunden und damit als Experte identifiziert werden zu können.

Bis zu einem gewissen Grad nähert sich dadurch das Verständnis von Expertise und Expertentum jenem an, das im Bereich qualitativer – das heißt an Einzelfällen interessierter, nur deskriptiv-statistischer – Sozialwissenschaften bereits seit längerer Zeit propagiert wird. Eines der am weitesten verbreiteten Werkzeuge zur Datenerhebung im Rahmen sozialwissenschaftlicher Forschung ist das Experteninterview. Dabei werden solche Menschen als Expertinnen und Experten befragt, die aus Perspektive des jeweiligen Forschungsinteresses über einen Wissensvorsprung verfügen. Ein solcher Wissensvorsprung kann auf unterschiedlichsten Eigenschaften beruhen, sei es eine berufliche Tätigkeit (z. B. Social-Media-Berater), eine Ausbildung (z. B. Juristin), eine soziale Rolle (z. B. ein Elternteil) oder sonstige Aktivitäten (z. B. Zeitzeugin des Mauerfalls in Deutschland).

Diesem Verständnis von Expertentum zu Folge scheint es dann auch gar nicht mehr absurd oder illegitim, Wikipedia-Wissen als Expertenwissen zu begreifen. Wenn es auf Wissens- und Erfahrungsvorsprung im jeweiligen (Nischen-)Feld ankommt, dann ist kaum eine bessere Art und Weise vorstellbar, Expertise zu organisieren, als in einem möglichst offenen, kollaborativen Prozess wie jenem der Wikipedia. Dadurch gewinnt im Internet aber der Experte qua Interesse und Alltagserfahrung an Bedeutung gegenüber traditionellen Experten, die ihren Status auf formale Ausbildung und Zertifizierung stützen.

Die Entgrenzung der Expertenrolle im Netz geht allerdings noch weiter und macht, ohne dass uns das bewusst sein muss, tatsächlich jeden und jede zu Experten und Expertinnen. Wenn eine beziehungsweise wahrscheinlich sogar die entscheidende Rolle von Experten angesichts drohender Informationsüberflutung die eines Filters und Relevanzrichters ist, dann sind es die Algorithmen von Online-Diensten wie Google oder Facebook, die ebendiese Rolle zuweisen.

Eines der wesentlichsten Kriterien für Reihung und damit Relevanz von Suchergebnissen sind Verlinkungen. Vereinfacht gesagt schätzen Suchmaschinen Informationen umso relevanter ein, je mehr Menschen einen bestimmten Link zu einem bestimmten Thema gesetzt haben. Wer verlinkt, beansprucht deshalb schon alleine durch diesen Akt diesbezügliche Expertise – und sei es nur die Relevanz der verlinkten Information betreffend. Ganz ähnlich verhält es sich mit Likes und Shares auf Facebook. Auch hier verlassen sich die Algorithmen zur Ordnung der Beiträge auf die Expertise der „Likenden“. Zumindest in dieser Hinsicht ist also die Frage, ob sich Informationsüberflutung mittels Expertenschwemme bewältigen lässt, eindeutig mit Ja zu beantworten. Umgekehrt bedeutet das jedoch nicht, dass diese Art der Relevanzerzeugung qualitativ hochwertig oder auch nur klassischen Formen der Relevanzproduktion überlegen ist. Die Allgegenwart von Katzenvideos im Internet legt aber zumindest den Schluss nahe, dass es sich um eine neue Form der Relevanzzuschreibung handelt.

Fazit

Tiefgreifender Wandel im Zuge von Digitalisierung und Internet haben nicht nur zu gesteigertem Bedarf nach Experten geführt, sondern auch neue Formen von Expertentum hervorgebracht. Die traditionelle Begründung von Expertenstatus über Ausbildung und berufliche Tätigkeit ist dadurch keineswegs obsolet geworden, erfordert aber bisweilen zusätzliche Aktivitäten – wie Bloggen oder Twittern –, um weiterhin wirksam zu werden. Gleichzeitig kommt es durch spezifische Formen der algorithmischen Informationsüberflussbewältigung zu einer Verallgemeinerung des Expertenstatus, insofern Handlungen wie Verlinkungen oder Likes als Maßstab für Relevanz herangezogen werden. Allerdings geht diese zwar marginale, dafür aber überall verbreitete Expertenfunktion aller Online-Nutzer in der Regel nicht mit der Attribution eines Expertenstatus durch Dritte einher. Im Internet mag deshalb zwar jede und jeder Experte sein; als Experte erkannt und benannt zu werden, wird jedoch weiterhin ein Privileg sein, das nur Dritte zuerkennen können.

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16 Kommentare
  1. Da steht ein Nebensatz und daran scheitert fast der ganze Artikel: „Weil ein eigenständiges Vertiefen in die verschiedenen Themenbereiche keine Option ist, …“ Erstmalig ist eben durch das Internet in tausenden Bereichen die Option vorhanden, sich selbst schlau zu machen. Das beginnt bei der Einschätzung von Urlaubsorten und Produkten und geht hin bis zu seltenen Krankheitsbildern, zu Problemen mit dem Auto, dem Router, dem Computer, dem Handy oder dem ganzen Social Media Gedöns. Es findet überall im Netz sehr viel „peer-to-peer“-Unterstützung und Beratung statt, und die Pointe ist die, dass genau diese Option den „Studierten“ das Leben schwer macht. Ärzte können davon ein Lied singen. Im Fintech-Sektor sind „Roboadvisor“ eines der nächsten heißen Sachen. Und neulich erst habe ich aus glaubhafter Quelle gehört, dass tatsächlich in den Autowerkstätten den technisch Ahnungslosen (oft Frauen!) einfach noch der eine oder andere Unsinn mit auf die Rechnung geschrieben wird, während Kunden, die mal ganz lässig sagen: „Seit wann ist die Steuerkette denn ein Verschleißteil?!“ gleich deutlich fairer geholfen bekommen.
    Der zentrale Punkt ist vermutlich der, dass – wie du ja auch schreibst – Experte und Nicht-Experte sich durch die Relation definieren. Mathematisch geschätzt: Hat der Experte einen Vorsprung von > 30%, hat er eine Chance, bei denen als Experte zu gelten, vor denen er eben einen Vorsprung hat (auch wenn er in Wahrheit ein Dilettant ist).
    Es gibt allerdings noch einen anderen Definitionsansatz, den ich persönlich bevorzuge zur Unterscheidung zwischen Beratern und Experten: Während Berater mit nur Auskunft erteilen können, können Experten mein Problem echt lösen. Das ist ein großer Unterschied und erklärt, warum reine Beraterexistenzen immer bedroht sind, durchs Internet sogar stark bedroht: Das Internet ist ja eine Auskunftei, die im Ganzen mehr weiß als jeder Berater. Das Einzige was Beratern bleibt, ist die Spezifizierung und Individualisierung, sozusagen die individuelle Lösungsarchitektur. Die allgemeine, unspezifische Beratung wird dagegen im Netz verschwinden, und da kann ich dem Transhumanisten nur dick zustimmen: Die jetzt entstehenden semantischen Technologien bis hin zum gestützten und ungestützten Machine Learning werden möglicherweise viele Experten nicht nur ersetzen, sondern oft besser und tiefer Auskunft geben als studierte Experten. „Search as a conversation“ kommt. Hassabis, das Großhirn hinter Deepmind („Alphago“), hat vor ein paar Tagen als nächsten Anwendungsfall für seine Systeme eine integrierte App für Reiseplanung und Reisebuchung skizziert, die Reisen viel besser individualisieren kann als das irgendein Reise-Experte könnte.
    (P.S. bei write2gether denken wir auch schon in die Richtung, machine learning zu integrieren – dann kann man neben dem eigenen Text kontextbezogen recherchieren und auch synthetisiertes „Expertenwissen“ abfragen. Google arbeitet sowieso in die Richtung Suchmaschine-Scienece-Fiction, die sind ja schon mit Google-Graph an einer Vorform der automatisierten Informationsbereitstellung.)

    1. Zwei kurze Punkte:
      a) Natürlich ist ein eigenständiges Vertiefen in Themenbereiche heute einfacher möglich als je zuvor. Allerdings eben nur in wenige ausgewählte Bereiche. Die Zeit ist das Problem. Soll heißen, je tiefer ich mich in einzelne Bereiche vergrabe, desto weniger weiß ich über andere Bereiche und bin dort erst wieder auf Expertenrat angewiesen.
      b) Das mit der Unterscheidung Berater/Experte überzeugt mich nicht – vielleicht, weil ich schon skeptisch bin, was ein „echtes Lösen“ von Problemen betrifft. Jede Lösung eines Problems hat immer unintendierte Konsequenzen, Rückwirkungen etc.; lösen heißt deshalb häufig Probleme verschieben/enfalten/transformieren. Ich bin deshalb skeptisch, ob sich die Unterscheidung Auskunft/Lösung so leicht treffen lässt.

      1. Guter Rat ist immer nur maximal so gut wie die gestellte Frage. Und eine KI ist niemals besser als ihr erziehrischer Input das vom Spektrum her erlaubt. KI-Filterbubbles… :)

        Und natürlich gibt es immer Tricks die keiner publiziert, die also als Input nicht in Frage kommen. Weil oftmals niemand ein Interesse daran hat, dass eine legitime Ausnutzung erkannter Anomalien zum Regelfall wird, der Statitistiken erkennbar verschiebt, was eine Gegenreaktion hervorrufen könnte.

        Kann ein Steuererklärungs-Programm einen Steuerberater ersetzen, wenn es um komplexe internationale Fälle und viel Geld geht?

        Schöne IT Beispiele sind zer0 days, wirklich gute SEO Tricks, jede Art Sachverhalt halt, aus der man wirtschaftliche Vorteile generieren kann und sei es dadurch, dass man sich damit eine Reputation schafft, die einen von anderen abhebt.

        HTTP:// ist zunächst erst mal Masse, nicht automatisch Klasse.

      2. Das ist natürlich richtig, dass niemand eine ganze Wikipedia im Kopf hat. Andererseits hat jeder etwas im Kopf und so ist jeder Mensch, der nicht ganz dumm ist oder der einen Beruf hat, einer, der etwas weiß, was ein anderer nicht weiß und dann – relational – ein „Experte“ ist, der Wissen weitergeben kann. Wenn er das noch in ein dünnes E-Book packt, sich eine Website schreiben lässt … schon ist der „Experte“ auf dem Weg zu Rang und Namen. Bei diesen Experten ist aber immer unsicher, wie weit sie überhaupt tatsächlich bescheid wissen, weil sie eben nur relativ zum Nicht-Wissen anderer auftrumpfen können, während sie vielleicht vor einem anderen ihrerseits wiederum als Nicht-Wisser dastehen und ferner oft fraglich ist, ob das, was sie zu wissen glauben, tatsächlich hilfreiches Wissen ist. Daher rührt doch das Unbehagen an diesen Millionen von „Experten“, dass man nie weiß, ob sie wirklich was drauf haben oder nicht so richtig.
        An der Stelle helfe ich mir so, dass ich zwischen lehrreich und hilfreich unterscheide. Während mir viele Leute etwas erzählen können, was ich nicht weiß, kann längst nicht jeder mir helfen. Der Berater erzählt mir was vom Vorteil der biegsamen Plastikrohre gegenüber den alten Kupferrohren, etwas über Preise und Bezugsquellen etc., der Fachmann kann den Wasserrohrbruch effektiv beseitigen (hat aber vielleicht nicht alle Vorteile der Plastikrohre auf der Platte). Das ist – versimpelt – meine Antwort darauf, woran man einen „Experten“ erkennt: Er kann ein Problem lösen/managen/einer Lösung zuführen. Durchaus möglich und natürlich auch schon erlebt, dass einer als Berater spricht und als Experte geht, das heißt effektiv geholfen hat. Aber viele Unternehmensberater sind ja geradezu berüchtigt dafür, dass sie toll Bescheid wissen, wie sie mit Exceltabellen umgehen, aber kaum sind sie aus dem Unternehmen wieder raus, fangen die Probleme erst an („Dann kommen wir und heilen die Wunden“, hat mir mal ein Unternehmensberater gesagt, der einen handfesten Hintergrund hat und sich darauf spezialisiert hat, den Leuten zu helfen, ihre Probleme zu lösen).
        Mit dem Internet-Expertenwissen ist es, wie man weiß, besonders heikel. Dort gibt es so viel Unwissende, dass schon Leute, die kaum viel mehr wissen, sich als Experten selbständig machen können. Gleichzeitig kann es sein, dass sie ein paar Monate lang „Top-Experten“ waren, danach aber stehen geblieben sind. Ein SEO-Experte, der vor 2 Jahren ins Koma gefallen ist und heute wieder aufwacht, ist schon kein Experte mehr, auch wenn die Ahnungslosen ihn dafür halten.

  2. Und so wandeln die User auf dem schmalen Grad zwischen scheinbarem Expertentum und dem machbaren Stalken der Weltöffentlichkeit. Das Ergebnis: ^_~

  3. Expertensysteme für wen? Für Experten von wem?
    Wer hat die Definitionsmacht über diese Systeme und sind diese offen? Offen für wen?
    Können Diskurse über Expertensysteme geführt werden?

    Was bedeutet „posthumanes Zeitalter“?

    1. Das ist ein Wettrüsten im Wirtschaftskrieg.

      Elektronisches high performance trading an Börsen und und Systeme wie Blackrocks Aladdin KI werden nicht verboten, also sind sie wohl politisch gewollt oder die interessierten Kreise haben besser gezahlt, als der Steuerzahler…

  4. Einigen Punkten kann ich nicht zustimmen:

    In der Regel entscheiden in der Wikipedia nicht Experten über die Relevanz einzelner Einträge oder Artikelteile. Jedenfalls sind es selten Experten zum jeweiligen Thema sondern Wikipedia-Experten allgemein. D.h. sie wissen, wie Wikipedia funktioniert und wie man einen Eintrag vermeiden kann oder ggf. rein bringt. Das sind aber keine Experte in dem Sinne den man erwarten würde. Im worst case sind sie von der Konkurrenz oder gegenüberliegenden politischen Seite, wenn sie irgendein Thema mit ihrer Expertise pushen oder kleinhalten. Im Gegensatz zu Experten werden sie sich aber hüten, solche Informationen von sich zu geben.

    Ich bezweifele auch, dass sich die wirklichen Experten als Blogbetreiber betätigen. Das ist nettes Beiwerk, dient aber fast ausschließlich der eigenen Vermarktung und hat lediglich den Vorteil, dass man in dem Format jederzeit auf fahrende Züge aufspringen kann und deren Energie zum Hervorkehren der eigen Expertise nutzen kann. Solche Experten sind lediglich bekannter als nicht in die Öffentlichkeit drängende Experten. Die Bekanntheit wegen Bloggerei korreliert aber nicht zwangsläufig mit der Expertise, nur mit ihrer Wahrnehmung.

  5. Wow. Unglaublich guter Artikel. Ich streite mich schon seit Jahren über die Relevanz und die Daseinsberächtigung von „Experten“. Man trifft auf so viele von diesen. Man merkt allerdings erst Nachgang, das diese sogenannten Experten kein Wissen weitergeben möchten, sondern viel mehr eMail Adressen und Kundendaten sammeln möchten. Eine traurige Wahrheit.

    Wir haben erst vor einigen Tagen einen sehr detaillierten Artikel zum Thema SEO verfasst und gehen in diesem auf das Thema „Experten“, ja die Gänsefüßchen sind extra, ein. Der Artikel ist sehr locker geschrieben und richtet sich an die Anfänger auf diesem Gebiet.

    Ich würde mich wirklich sehr über positive und negative Resonanz freuen. Ich habe mir viel Mühe gegeben dem Leser mit aktuellen Beispielen aus der Praxis näher zu bringen, warum mein keine Experten braucht.

    http://smartminimal.de/erfolgreiche-seo-tipps-mit-beispielen

  6. „There is no such thing as information-overload, there are only bad filters.“ Das hätte gereicht dann hätten alle gewusst worüber du reden willst. Stattdessen wird da auf gefühlt 10 Seiten eine Fantasie an die andere geklebt, über Experten fantasiert anstatt sich mit der Verfügbarkeit von Information zu befassen, um bei einem Fazit zu landen, dass – der Artikel beschränkte sich wohlgemerkt für Referenzen auf SEO-BERATER, SOCIAL-MEDIA-MANAGER UND KATZENBILDER – „Tiefgreifender Wandel im Zuge von Digitalisierung und Internet“ blablabla. Günther Oettinger hätte es nicht besser sagen können. Ach und wegen der wenigen Bereiche zu denen man sich selbst (Experten)Wissen aneignen kann, zum Wert guter Fragen (wurde oben schon erwähnt), mach mal youporn zu und klick mal stackoverflow. Und „der steigende Bedarf an Expertentum“ den du Luhmann unterschiebst kannst du ja mal belegen. Von Profs darf man echt mehr erwarten!

  7. Solange wir eine Freie Meinungsäußerung haben sollen alle die Möglichkeit haben ihren Senf dazuzugeben. Experte oder Leie. – Jeder sollte sich seine eigene Meinung zu den Beiträgen bilden können. – Ohne Zensur ! Das sollte auch für meinen Kommentar gelten ! Danke.

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