Kultur

Das ARD-Hauptstadtstudio bloggt jetzt – wir wünschen mehr Mut

Das ARD-Hauptstadtstudio hat jetzt ein Blog gestartet, um mit neuen Formaten jüngere Menschen für Politik zu interessieren. Bisher wirkt das aber noch altbacken nach Fernsehen, wir wünschen uns mehr Mut zum Experiment im Netz!

ARD-HauptstadtstudioDas ARD-Hauptstadtstudio hat gestern ein eigenes Blog gestartet. Unter dem Motto „Wir berichten, hinterfragen, diskutieren“ möchte man das ARD-Hauptstadtstudio-Blog „als gemeinsames und cross-mediales Projekt der Fernseh- und Hörfunkkorrespondenten“ nutzen. Versprochen wird viel:

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Sie [die Korrespondenten, Red.] diskutieren und beantworten in neuen, netzaffinen Blogformaten Fragen zur Bundespolitik, geben persönliche Einschätzungen und Einblicke – manchmal auch mit einem Augenzwinkern.

Davon ist derzeit aber noch wenig zu sehen, was daran liegen könnte, dass das Blog erst einen Tag alt ist. Gestern war Bundeskanzlerin Angela Merkel im Sommerinterview bei der ARD zu Gast, und das sollte zum Startpunkt des Blogs auch genutzt werden, um zu zeigen, was man damit anstellen möchte. Viel ist dabei aber noch nicht rausgekommen. Höhepunkt war im Anschluss eine halbstündige Facebook-Live-Show „#Hassel: Wie war Merkel?“, wo manchmal Fragen der Zuschauer eingebunden wurden und in der Tina Hassel ausführlich ihre Sicht auf die Politik kommentierte. Das ist so innovativ wie die Außenkommunikation des Wirtschaftsministeriums.

Wenn das Merkel-Interview hätte genutzt werden sollen, um die Stärke des Blogs unter Beweis zu stellen, hätte man auch mehr draus machen können: Wo waren die „Behind the scenes“-Beschreibungen, wo man genau hätte erklären können, wie so ein Interview vorbereitet wird, wie das Protokoll abläuft oder warum man Merkel mit ihrem Teflon-Image nicht auf bestimmte Aussagen stärker festnagelt, festnageln kann? Möglicherweise hat Tina Hassel das in ihrer Facebook-Show erklärt, die paar Szenen, in die ich reingezappt habe, klangen eher wie eine Extended-Version ihrer Tagesthemen-Einschätzung – nur dass manche Fragen von den Zuschauern und nicht vom Moderator kamen.

Das Ziel: Ein kultureller Wandel hin zum Netz

Hinter dem Blog stehen verschiedene Strategien. Unter anderem sollen damit die ARD-Korrespondenten aus dem Radio und Fernsehen ins Netz gebracht werden und zwar nicht nur als Abspielort ihrer Inhalte, sondern auch als handelnde Personen. Das Ziel ist also das, was man in Neudeutsch auch „Change Management“ nennt: ein kultureller Wandel hin zum Netz, der sicher bei Teilen des Personals auch sinnvoll ist (ein anderer Teil ist schon lange im Netz angekommen).

Und dann möchte man natürlich auch jüngere Menschen an das politische Angebot der ARD heranführen. Davon ist bisher aber nicht viel zu sehen. Das Blog ähnelt weniger einem Blog im eigentlichen Sinne, in dem es auch eine direktere, eine subjektivere Ansprache gibt, als mehr einem „Social Media Newsroom“, den auch Unternehmen nutzen, um sich und die eigenen Inhalte in sozialen Medien an einem Ort zu präsentieren. Aber hier liegt auch die Hoffnung, dass sich das noch ändern kann, um mit dem Angebot auch tatsächlich jüngere Menschen anzusprechen und einen Mehrwert und anderen Zugang gegenüber tagesschau.de zu bieten.

Weitere Formate sollen kommen

Angekündigt sind noch Formate, die bisher nicht zu sehen sind. Der Faktencheck „Stimmt das?“ soll politische Aussagen auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen. Das klingt sinnvoll, und das hätte ich mir nicht nur beim Sommer-Interview mit Angela Merkel gewünscht. Ich finde aber nichts. In der bisher noch nicht genutzten Rubrik „#BuntesPolitik“ soll „das Besondere seinen Platz“ finden. Was immer das auch sein mag, ich bin aber gespannt, wie man das nutzen wird.

In der #Tageskarte wird ein Thema des Tages in einer Grafik kurz angerissen – in der Hoffnung, dass das auch in sozialen Medien geteilt wird. Das ist ein interessantes Format, mit dem man viel machen kann. Nur: Heute gibt es als Thema des Tages die Botschafterkonferenz des Auswärtigen Amtes. Das virale Potential ist dabei aber eher gering, es sei denn, man arbeitet im Auswärtigen Amt.

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Einen RSS-Feed habe ich erst gefunden, als ich danach gefragt habe. Das liegt offensichtlich daran, dass die Inhalte zwar über ein WordPress eingepflegt werden, die Blog-Webseite aber wiederum in einem anderen CMS angelegt ist. Und daran, dass Facebook, Youtube und Twitter zwar prominent verlinkt sind, aber eben kein RSS-Feed.

Fazit: Noch ausbaufähig, bitte mehr Mut zum Experiment!

Ich finde es gut, dass das ARD-Hauptstadtstudio dieses Blog gestartet hat, denn die Ziele sind wichtig und notwendig. Aber das wirkt derzeit noch alles wie eine Auslieferung der Radio- und Fernsehinhalte ins Netz mit einer anderen Anordnung als bei tagesschau.de. Dazu werden dann noch die beruflichen Tweets der Korrespondenten chronologisch angezeigt, damit man auch zeigt, dass man zum Dialog bereit wäre. Viel mehr Dialog als bisher ist damit noch nicht erreicht. Man weiß nie genau, ob das jetzt am Drei-Stufen-Test liegt, der den öffentlich-rechtlichen Sendern im Netz viele Steine in den Weg legt, ob man sich noch einspielt oder das auch schon alles ist. Attraktiv für junge Zielgruppen wirkt das Blog aber noch nicht. Was ich mir wünsche: Mehr Mut zum Experiment! Da geht noch einiges, man sollte auch mal was riskieren, damit es nicht so langweilig wirkt.

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9 Kommentare
  1. „Mehr Mut zum Experiment!“
    Könnte ich mal eine Auflistung der erfolgreichen Experimente diese Blogs bekommen?
    Alle könnnen fordern, liefern nur Einige.

  2. Mein erster Reflex war auch die Suche nach dem RSS-Button. Gut dass du darauf eingegangen bist. Nächster Punkt: warum ist das ganze nicht per HTTPS erreichbar? Da waren doch wieder nur Internetausdrucker am Werk… m(

  3. Ich könnte weinen!!! Die ARD treibt Facebook und Twitter die Nutzer zu und stärkt somit weiter de Position der amerikanischen Großkonzerne. Und sie finden sich dabei auch noch toll. Nachdem unser Innenminister genau diese Plattformen im Visier hat, müssen die Menschen da raus. Also heißt dies doch für die Zukunft, nur wer ein Nutzer von diesen Pattformen ist, kann sich gehör verschaffen. :-( Dabei sind Facebook und Twitter für mich ein No-Go-Area.

  4. „um mit neuen Formaten jüngere Menschen für Politik zu interessieren“

    Bin da sehr skeptisch, ob dies erfolgreich sein wird. Die Politikverdrossenheit kommt und geht ja nicht mirnichts, dirnichts.

  5. Nach fast 2 Monaten immer noch eine gute Idee, aber leider halbherzig umgesetzt. Es wird schön an der Zielgruppe vorbei gebloggt. Es ist halt auch nicht einfach die Kluft zwischen Kikas logo! und der Tagesschau zu schließen. Toi toi toi liebe ARD, ähem… vielleicht tut sich ja noch was.

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