In der Kolumne „Ihre Frage“ der Süddeutschen ging es gestern darum, zu beantworten, warum eigentlich kein europäisches Betriebssystem entwickelt wird.
Warum entwickeln wir nicht endlich ein offenes, europäisches Betriebsystem für PCs, Tablets und Handys, so dass wir wissen, was im Inneren mit unseren Daten geschieht, und wir so wieder Vertrauen in unsere Geräte fassen können?
Pascal Paukner versuchte sich an einer Antwort und verweist darauf, dass so etwas „im Prinzip“ schon gibt – Linux nämlich, doch:
Es ist zwar offen, frei und sicher, hat aber den Ruf, nicht sonderlich sexy zu sein.
Er argumentiert, dass man mit den Hardwareherstellern in Kontakt stehen müsse, die eben nicht in Europa säßen und daher Subventionen nötig seien, um die Entwicklung nach Europa zu holen. Er zieht leider nicht die Konsequenz, dass das System im Wesentlichen hieran krankt, denn Lösung kann es nicht sein, die Kooperation mit Hardwareherstellern zu vereinfachen. Lösung muss sein, offene Hardware zu fördern, sodass es nicht mehr möglich ist, durch proprietäre Systemkomponenten die Entwicklung freier und offener Software zu behindern. Es geht nicht darum, dass die EU-Kommission ein neues Apple, Microsoft oder Google „kreiert“, es geht darum, die Mechanismen dieser kommerziellen Technologiekonzerne aufzubrechen. Denn sonst landet man zwangsläufig wieder an dem Punkt, der einen Großteil der Linux-Distributionen zu unfreien Systemen macht: Unfreie Gerätetreiber, Firmware-Blobs und andere proprietäre Programme.
Paukner hat Recht, Innovation lässt sich nicht „staatlich verordnen“. Aber es lassen sich Umstände schaffen, die ihr Raum geben, sich zu entwickeln. Eine Community motivierter Entwickler, die nicht aus kommerziellen Interessen arbeiten, sondern weil sie gute Systeme schaffen wollen, sind genau diejenigen, die das bewältigen können. Vielmehr als Konzerne, die sich danach richten, was gerade hip und trendy ist. Doch dafür müssen ihnen Förderungen gewährt und Hindernisse aus dem Weg geräumt werden.
Denn es nützt das innovativste und „sexieste“ freie und offene Linux nichts, wenn wir zu befürchten haben, dass es nicht mehr auf Standardhardware läuft, weil Secure Boot das Zertifikat des Systems nicht mehr akzeptiert und freie Systeme aus guten Gründen nicht für das Signieren ihres Kernels bezahlen wollen. Und schon jetzt kann es einen Menschen zur Verzweiflung bringen, Linux auf Systemen mit UEFI zu installieren.
Zuletzt wird die Frage aufgeworfen, ob ein europäisches Betriebssystem das Vertrauensproblem überhaupt lösen könnte, denn:
Wie inzwischen bekannt ist, arbeiten Geheimdienste aus Europa in vielen Fällen nicht viel anders als ihre Kollegen aus den USA. […] Man müsste ganz grundsätzlich die Internetinfrastruktur überarbeiten. Da erscheint es fast einfacher und zielführender, die große Macht der Geheimdienste endlich einzuschränken.
Was stimmt ist, dass die Internetinfrastruktur überarbeitet und dezentralisiert werden müsste. Klar, ein Betriebssystem löst nicht das Metadatenproblem bei Kommunikationsvorgängen. Aber es gibt Vorbilder wie Tails, die mögliche Schritte gehen und standardmäßig einen anonymisierten Internetzugang über Tor umsetzen und eine Menge Krypto-Tools zum Verschlüsseln von Mails, Dateien und Instant Messages mitliefern.
Aber dass es einfacher sein soll, die Macht der Geheimdienste einzuschränken? Wohl kaum, denn auch wenn dementsprechende gesetzliche Regelungen erlassen würden, die zweifelsohne nötig und wichtig sind, bleibt die Unkontrollierbarkeit dessen, was im Verborgenen geschieht. Wobei man wiederum nicht vergessen darf, dass die Geheimdienste bei der Gestaltung der Netzinfrastruktur prägend mitwirken. Genau wie bei der Standardisierung von Kryptoverfahren, in die verborgene Hintertüren eingebaut werden. Womit man wieder am Anfang steht. Offene und freie Betriebssysteme reichen nicht. Es braucht eine Öffnung von Hardware und Standards- sowie den dahinterliegenden Standardisierungsprozessen. Ganz egal, ob europäisch oder nicht.
