Überwachung

Fernseh-Doku „Spitzel und Spione“ gibt Einblicke in die Gedankenwelt von Verfassungsschützern

spitzel_spioneEin Team vom WDR hat eine Reihe von persönlichen Interviews mit Mitarbeitern im Keller eines Verfassungsschutzbüros geführt.
Die Spione werden im Halbprofil vor dunklem Hintergrund gezeigt. Zur Tarnung der Mitarbeiter im operativen Dienst sind diese mit Brillen, Perücken und falschen Bärten verkleidet, die sie wie die Darsteller eines alten Detektivfilms aussehen lassen.
Der Alltag der Geheimagenten ist weniger glamourös, als aus dem Fernsehen bekannt.
Ihre Ansichten zum NSU-Skandal stehen zunächst im Vordergrund. Gibt es ein kollektives Schuldbewusstsein der Mitarbeiter für das Versagen der Behörde? Eher nicht.
Sie schwanken zwischen professionellem Mitgefühl und Desinteresse. Auch der Vorschlag einer Entschuldigung bei den Familien der Opfer wird nicht von allen eingesehen. Von den Befragten hat da keiner persönlich versagt, weshalb sich einige nicht in der Verantwortung sehen.

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Snowden spaltet: Loyalitätskonflikt der Spione

Vom NSU schwenkt es zur NSA. Der Bericht hat den Verfassungsschutz bis jetzt recht altmodisch aussehen lassen. Es scheint als würde moderne Überwachungstechnologie beim Verfassungsschutz keine allzu große Rolle spielen.
Ein V-Mann-Führer erklärt, selbst über das Ausmaß der NSA-Spionage erstaunt zu sein. Die technischen Möglichkeiten und die Expertise der amerikanischen Geheimdienste ist selbst dem Verfassungsschutz eher fragmentarisch und zum Teil nur aus Spielfilmen bekannt.

Snowdens Geheimnisverrat wird von einer Verfassungsschützerin als unanständig bewertet, ein anderer sieht es positiv, wenn es einen Mutigen gäbe, der das Unrecht ausspricht, was durch den Geheimdienst entsteht.
Die nicht ganz eindeutige Moral der Spione ist hier am deutlichsten zu erkennen: Sie spionieren, weil das ihr Job ist. Das erklärte Ziel des Geheimdienstes ist es, Unrecht durch Aufklärung vorzubeugen. Der Verrat am Arbeitgeber, auch wenn er zum Schutz oder zumindest zur Aufklärung der Allgemeinheit geschieht, ist inakzeptabel.
Ein Agent äußert, als er nach seiner Berufswahl gefragt wird, dass der Beamtenstatus die größte Motivation für ihn war.

Die Kombination aus Massive Attack-Tönen und Detektiv-Kostümen unterstreichen die unterschwellige Aussage, dass wir es hier mit einer sehr altbackenen Behörde zu tun haben. Dennoch ein sehenswerter Bericht.

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10 Kommentare
  1. Man darf bei diesen Behörden nie vergessen, dass dort dutzendfach Altnazis untergebracht und durch entspr. Netzwerke versorgt wurden. Das hat über die Jahrzehnte maßgeblichen Einfluß auf die Eigenwahrnehmung, Mentalität und vor allem das Verfassungsverständnis gehabt, die bis heute nachwirkt. Damit meine ich nicht primär das Klischee vom blinden rechten Auge, sondern das Selbstverständnis, für eine „gute Sache“ teilweise völlig unabhängig vom Staat/der Demokratie/der Bevölkerung zu stehen, und natürlich diesen ekelhaften Kadavergehorsam und Korpsgeist, der nur durch charakterstarke Menschen wie Snowden durchbrochen werden kann – mit dem Dank, dass sie dann als „Verräter“ beschimpft werden. Auch so ein ekelhaftes Wort.
    Gerade der Verfassungsschutz mit seiner Geschichte der gezielten Förderung von Terrorismus (RAF) und Extremismus (NPD, NSU) wird seit Beginn seiner Aufgabe nicht gerecht, sondern ist Zynismus in Behördenform. Diesen „Schutz“ braucht keine demokratische Verfassung dieser Welt.

  2. Ich glaub denen Kein Wort, dieses künstliche Mitleid, echt Wiederlich! Ich glaube eher der Verfassungsschutz bekommt Muffensausen, dass ihr Laden bald geschlossen wird, da mussten sie mal ebend in ner kleinen Propagandashow ihr Mitleid kundtun! Wiederlich dass der WDR ihnen so eine Bühne bietet anstatt mal kritisch zu recherchieren! Zumachen, sofort!

    1. es ist ja dein gutes Recht es nicht zu glauben. Bisher waren Egmont R. Kochs Filme ziemlich sehenswert.
      Es handelt hier allerdings um keine Reportage, die anhand von Fakten dokumentiert, sondern Mitarbeiter des VS berichten/antworten. Natürlich kann man je nach Aussage den Leuten mal mehr oder weniger Glauben schenken.
      Ich hatte das Gefühl, dass es dort zwei Arten von Leuten gab: die, die meinten könnten ihre V-Männer gut einschätzen und die, die meinten „na also eigentlich weiß ich es auch nicht so genau, ob das stimmt“.
      Als PR würde ich es nicht abtun, es zeigt ja, dass der Fehler im System ist.

    1. Einer der beiden Filmemacher, „Terrorexperte“ Holger Schmidt, hat 2012 einen Aufsatz für die Festschrift zum 60. Jubiläum des Landesamts für Verfassungsschutz Baden-Württemberg beigesteuert (verfassungsschutz-bw.de/site/lfv/get/documents/IV.Dachmandant/Datenquelle/stories/meldungen/Festschrift/2012-11-15_Festschrift.pdf). Thema: „Verfassungsschutz und Öffentlichkeit“. Go figure…

  3. Ich hoffe der ein oder andere leitende Angestellte des Verfassungsschutz hat sich das Video mal angeschaut. Also ein Teil der interviewten scheint ja Haarscharf an der Schizophrenie vorbei zu schrammen. Wie man denen anmerkt, wie die unter innere Spannung stehen, wegen dem Widerspruch zwischen dem was sie tun und was sie für Richtig halten.
    Also wenn das keine PR Schauspielerei ist, würde ich mir da als Arbeitgeber glaube ich sorgen machen.

    Aber am krassesten finde ich den Typ, der meinte er merkt immer wenn seine V-Leute ihn anlügen. Ich weiß nicht ob ein gesteigertes Selbstbewusstsein bzw. Selbstüberschätzung in so einer Position gut aufgehoben sind. Und wenn man sich mal auch anhört, wie der über seine V-Leute redet. Der fühlt sich denen total überlegen. Sieht auch ein bisschen nach einem Machtkomplex aus. Also insgesamt fällt das schon unter leicht explosiver Mischung würde ich sagen.

  4. „Die nicht ganz eindeutige Moral der Spione ist hier am deutlichsten zu erkennen: Sie spionieren, weil das ihr Job ist.“

    In jeder Generation gibt es Menschen mit Kadavergehorsam. Menschen, die den Gashahn aufdrehen – weil es ihr Job ist, Menschen die auf der Mauer auf Flüchtlinge schießen – weil es ihr Job ist und heute Menschen, die ihre Nachbarn ausspionieren – weil es eben ihr Job ist.

    Ich würde mir wünschen, dass irgendein Whistleblower ausnahmsweise mal nicht die Programme leakt, sondern eine Adressenliste aller Mitarbeiter mit Name, Anschrift, Telefonnummer etc. Damit der unschuldige Bürger endlich weiß, welche Menschen er gesellschaftlich zu ächten hat und welche nicht.

  5. Wurde nicht vor kurzem vom Verfassungsschutz eine „Transparenzinitiative“ (also PR-Kampagne) angekündigt? Diesen Image-Film erkennt man schon nach wenigen Minuten als ein Produkt dieses „Umdenkens“… Schlimm, wie Staatsmedien und Geheimdienste hier Hand in Hand arbeiten.

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