Ello ist der Trend der Stunde – und wird bald wieder gehen

Ello 2014-09-29 12-03-53Einmal im Jahr gibt es für kurze Zeit Hoffnung, dass ein neues Soziales Netzwerk endlich mal zu einer richtigen Alternative zu Facebook werden könnte, das eigentlich kaum jemand mag, aber alle nutzen. Groß im Trend in diesem Monat ist Ello. Aber auch das wird wieder vergehen, wie zahlreiche Hoffnungen vorher.

Im Sommer 2010 sammelten vier Studenten aus New York über die Crowdfunding-Plattform Kickstarter 200.000 Dollar, um eine freie, offene und dezentrale Alternative zu schaffen. Diaspora war geboren. Das Projekt, die Hoffnungen und die Erwartungen wurden aber zu groß für die vier Studenten. Diaspora lebt als Open Source Community immer noch und funktioniert dezentral. Laut Wikipedia soll es über eine Million registrierte Nutzer haben, es wird aber kaum genutzt. Ich bin da leider auch keine Ausnahme. So sehr ich die Idee mag und unterstützt habe, alleine mit mir und einer Handvoll Menschen kommunizieren macht halt keinen Spaß.

2011 war dann Google+ der kurze Hype. Künstliche Verknappung am Anfang, spätere Integration mit Youtube als größtem Video-Social-Network und vor allem Google dahinter boten einige Chancen, Facebook den Rang abzulaufen. Alleine, eine Alternative war das nicht wirklich. Das Werbe-Geschäftsmodell ist dasselbe, Daten werden über uns gesammelt und möglicherweise gegen und verwendet und Google ist jetzt nicht unbedingt cooler als Facebook. Drei Jahre später hat Google+ auf dem Papier hunderte Millionen NUtzer, in der Praxis hab ich das Gefühl, dass dort nur eine kleine eher technisch versierte Entwickler-Community unterwegs ist und der Rest hat irgendwann aufgegeben, parallel zu Facebook das auch noch zu bespielen. Ich schau immer seltener rein, aber wenn, dann poste ich noch Links zu unseren Artikeln hier auf unserer Fan-Page dort. Aber in unseren Statistiken taucht Google+ kaum auf, die paar tausend Fans unserer Seite sind wohl nicht mehr aktiv.

2012 ging app.net an den Start. Der Unterschied war, dass man das Geschäftsmodell nicht auf Werbung aufbauen wollte, sondern Basis-Zugänge verschenkte (bis zu 40 Freunde kostenlos) und Premium-Accounts verkaufte (Mehr Funktionalitäten und vor allem Freunde). Es sammelte sich eine kleine Community und es läuft noch, aber in diesem Jahr wurden alle Mitarbeiter entlassen. Mal schauen, wann der Stecker gezogen wird. Das Geschäftsmodell funktionierte zumindest in diesem Fall nicht. Ich hab auch kein Geld reingeschmissen, weil ich nicht überzeugt war, dass gerade dieses Netzwerk the next big thing werden würde und alles besser machen würde. Warum auch, nur weil die als erster oder am lautesten mit der Idee PR machten, dass ihr Geschäftsmodell derzeit nicht auf Werbung basieren würde?

Letztes Jahr gab es sicher auch irgendwas, ich habs aber wieder vergessen. Scheint auch nicht so nachhaltig gewesen zu sein.

Das heiße Dinge dieser Tage ist Ello. Warum das so ist, ist rational wenig nachvollziehbar. Ello sieht mobil scheiße aus, hat keine offene API und man kann eigentlich kaum was machen. Aber trotzdem zieht Ello gerade viel Aufmerksamkeit auf sich, die eher emotional erklärbar ist. Viele Nutzer wollen einfach eine Alternative haben. Die Hoffnung ist, dass Ello vielleicht mal der schöne Ort sein könnte, der Twitter vor einigen Jahren mal war oder der Facebook hätte sein können, wenn da nicht die riesige Kommerzialisierung inklusive aller negativen Nebenwirkungen umgesetzt worden wäre.

Diese Hoffnung zieht jetzt gerade viele Nutzer an, die sich auch dort wieder mit den Personen vernetzen, mit denen man überall woanders vernetzt ist. Spätestens in zwei Wochen werden die meisten immer seltener hingehen, weil man feststellt, dass da echt nichts passiert. Und man kaum was tun kann. Das Geschäftsmodell ist momentan noch etwas unklar. Natürlich wird es grob angerissen und soll in die Richtung von app.net gehen, also Premiumfunktionen als Mehrwert verkaufen. Mit „Du bist nicht das Produkt“ spielt man in der Kommunikation geschickt mit Facebook als Feindbild und bietet sich als Alternative an. Aber die Alternative sieht im Moment halt nur so schön aus, weil die Hoffnung da ist. Auch hinter Ello steckt eine Venture-Capital-Firma, die irgendwann ein Return-on-Investment haben möchte, ob durch einen Verkauf an ein größeres Soziales Netzwerk (Instagram, Whatsapp & Co) oder notfalls durch Verkauf der Nutzerdaten aus der Konkursmasse.

Aber wir sollten die Hoffnung nicht aufgeben. Wir brauchen spätestens mittelfristig eine Alternative zu facebook & Co., sonst bekommen wir ein großes gesellschaftliches Problem, wenn Öffentlichkeiten weitgehend privatisiert auf den Servern eines US-Unternehmens stattfinden, wo deren AGB zählt aber nicht unbedingt unser Grundgesetz.

Nicht erst nach dem NSA-Skandal sollte klar sein, dass diese Alternative frei, offen und dezentral sein muss. Diaspora war eine gute Idee. In diese Richtung müssen wir weiterdenken.

62 Kommentare
      • kleines kind 5. Okt 2014 @ 10:27
      • kleines Kind 8. Okt 2014 @ 17:40
  1. spinnenhaut 29. Sep 2014 @ 14:31
  2. Dotti Treehugger 29. Sep 2014 @ 17:12
    • Matthias Ämm 29. Sep 2014 @ 18:35
    • kleines kind 5. Okt 2014 @ 11:47
  3. kristalwesen 30. Sep 2014 @ 16:51
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