TrugbildSchöne (un-)heile Welt

Der Online-Einkauf ist in jeder Hinsicht billig geworden. Schwindeleien gehören zum Geschäft und machen das Vertrauen in die Welt kaputt. Opfer kann jeder werden – auch ich.

  • Vincent Först
Eine Edelstahltasse mit quadratischem Untersetzer
Die Originaltasse ist längst verschenkt – Symbolbild von ChatGPT. – Gemeinfrei: ChatGPT

Zwischen goldenen Sanddünen steht ein minimalistisch gedeckter Tisch. Die Teller und Kaffeetassen mit ihren quadratischen Untersetzern sind aus trendy Edelstahl und erinnern an das zeitlos sterile Design eines MacBooks.

„1+1 FREE ENDS TODAY“ prangt in Serifen-Schrift über der Instagram-Werbung. Das reicht, um mich auf die offizielle Website des Amsterdamer Tableware-„Ateliers“ zu locken. Hier wandern die ersten Produkte in den Warenkorb. Zur Bestellung kommt es – noch – nicht. Der Preis ist mir trotz des „Kauf eines und erhalte zwei“-Angebots zu hoch.

Am Tag darauf folgt eine Erinnerungs-E-Mail mit persönlicher Ansprache: „Es sieht so aus, als hättest du etwas liegen lassen …“ Und es gibt „exklusive“ 10 Prozent Rabatt obendrauf. Der Sale läuft. Ich beuge mich. Kann der Deal überhaupt besser werden? Einige Wochen später sehe ich die Edelstahl-Tasse mit Quadrat-Untersetzer wieder auf Instagram – bei einem anderen Verkäufer.

Eine generische Internetsuche nach „Edelstahl Tasse Design“ bringt prompt drei weitere Anbieter ans Licht. Alle haben irgendein „Collective“, „Studio“ oder „Atelier“ im Namen, alle verkaufen die Tassen mit Untersetzer, die sie angeblich selbst entworfen haben. Dazu kommt eine Horde Content Creator auf Instagram, die das Produkt mit bezahlter Werbung vermarkten und es teilweise sogar als ihre eigene Kreation ausgeben.

Der perfide Plan der Verkäufer besteht darin, Edelstahl-Massenware an gutgläubige Tableware-Laien wie mich zu verhökern. Mit der schönen heilen Welt der auf den Websites und Instagram-Posts beworbenen „art of socializing“ oder der „magic of shared meals“ hat das nichts zu tun.

Hashtag „kuratiert“

Einmal entlarvt begegnet mir das Muster immer wieder. Airbnb präsentiert mir Unterkünfte als „ein seltenes Fundstück, das normalerweise ausgebucht ist“. Bei der Konkurrenz booking.com ist beim gewünschten Hotel wie zufällig nur noch ein Zimmer frei. Und auf Amazon reihen sich die Artikel mit prominent gekennzeichnetem Rabatt aneinander. Wenn alles reduziert ist, ist nichts reduziert.

Selbst vermeintliche Nischenmarken arbeiten mit diesen Tricks, wie die Edelstahl-Tassen-Verschwörung beweist. Ihre in der Regel kaufstarke Zielgruppe sind Menschen, die auf Hashtags wie #analog, #curated oder #design anspringen. Wir lassen uns mit künstlich klein gehaltenen Auflagen, Countdowns, Wartelisten und Personalisierung ködern.

Persönlicher Rat vom Sprachmodell

Zusätzlich instrumentalisieren die Verkäufer Content Creator, um ihren generischen Produkten den Anschein von Persönlichkeit zu geben. Instagram schlägt mir innerhalb weniger Minuten drei verschiedene Creator vor, die euphorisch verkünden: „Ich glaube das 1+1 Angebot ist heute immer noch verfügbar 😳 😍“

Will ich mir Kaufberatung von sogenannter künstlicher Intelligenz oder anderen Nutzern holen, werde ich nur weiter in die Irre geführt. Suche ich mit ChatGPT nach einem Produkt, etwa den auf Amazon extrem beliebten Überwachungskameras für zuhause, spuckt mir der Chatbot einen gewohnt selbstbewussten Text aus: „Ich würde heute meist zu Hersteller XY greifen. Die Kameras bieten ein sehr gutes Preis-Leistungs-Verhältnis und funktionieren ohne Cloud-Abo.“

Die „Quelle“ der Recherche ist die Seite eines Kameraherstellers, der dort seine eigenen Produkte empfiehlt. Das Sprachmodell antwortet als fiktives „Ich“ und gibt der recycelten Eigenwerbung eine menschliche Note. Einen augenscheinlichen Betrug stellen dagegen die gefälschten Produktrezensionen bei Amazon dar. Manchmal sind sie so achtlos dahinkopiert, dass vor der Rezension noch die Bemerkung des Chatbots steht: „Hier ist eine beispielhafte positive Rezension für einen GPS-Tracker, die du z. B. für Amazon, eBay oder deinen Online-Shop verwenden kannst:“

Der Schwindel trübt den Blick auf die Welt

Wenn sich die Produkte selbst nicht mehr unterscheiden, brauchen Marken und Menschen für Verkauf und Kauf den Schein einer verlockenden Erzählung oder die trügerische Wärme von Empfehlungen, die in Wahrheit blutleere Erzeugnisse von Chatbots und Auftragsrezensenten sind.

Kommerziell lohnt sich das. „Das Schwindeln liegt in der DNA dieser Nation“, schreibt die Autorin Jia Tolentino etwa über die USA, Mutterland von Meta-Chef Mark Zuckerberg, ohne dessen Plattform Instagram ich mir keine Edelstahl-Tasse mit quadratischem Untersetzer gekauft hätte.

Die alltäglichen Täuschungen zwischen Verkäufern und Kunden schleifen am Fundament unserer Beziehungen. Eine Umfrage des US-amerikanischen Instituts für Meinungsforschung Pew aus dem Jahr 2019 zeigt: 71 Prozent der Befragten finden, das Vertrauen untereinander sei gesunken. Knapp 60 Prozent rechnen damit, dass andere sie ausnutzen, sobald sich die Gelegenheit bietet. Zwei Drittel glauben, die Regierung halte ihnen wichtige Informationen bewusst vor.

Ein System, das Schwindelei fördert und belohnt, destabilisiert sich selbst. Hinter der Fassade wächst das Misstrauen und ein vages Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Entfremdung ist das Stichwort unserer Gegenwart. Wer es nicht mehr aushält, sehnt sich möglicherweise nach einer Vergangenheit, in der angeblich alles besser und einfacher war. Die Trendforscherin Anu Lingala bezeichnet das als regressive Nostalgie. „Make America Great Again“ ist wohl eine der bekanntesten Formen dieses Phänomens.

Mir wurde die Anwesenheit der Edelstahltasse schließlich unerträglich. Zu groß war die Scham, zu bedrückend die Erkenntnis. Sie endete als Geburtstagsgeschenk, das heute, vom neuen Besitzer ungeliebt und ungenutzt, in einer dunklen Kiste im Berliner Wedding vergammelt. Rund ein Jahr nach meiner verfluchten Bestellung sehen wir uns auf Instagram wieder: Der „1+1 FREE ENDS TODAY“-Sale läuft immer noch.

Über die Autor:innen

  • Vincent Först

    Vincent arbeitet als Redakteur und Autor. An der Universität der Künste lehrt er Texttheorie- und Textgestaltung. Wenn er nicht gerade an seinem Schreibtisch sitzt, organisiert er Kulturveranstaltungen in Berlin.

    Kontakt: Instagram, Mastodon, Bluesky

    Foto: privat


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5 Kommentare zu „Schöne (un-)heile Welt“


  1. Liebe Konsumenten und Konsumentinnen, ...

    ,

    … räumen Sie unsere Regale bevor wir es selbst tun – rund um die Uhr – zu jeder Zeit. Schnappen sie zu, bevor wir es ihnen wegschnappen, oder ihr Nachbar es tut!

    Denken Sie nicht nach, am Besten fangen Sie damit erst gar nicht an. Denken stört. Folgen Sie unbeirrt ihren Impulsen, ihrer emotionalen Intelligenz. Wo ein Wille ist, ist auch ein Klick. Trainieren Sie ihren Klick-Muskel, denn kein anderes Körperteil ist schöner, schneller, fühlt besser und befriedigt mehr.

    Bewahren Sie sich ihr gutes Gefühl! Kein Nach-Denken nach dem Schnäppchen, denn nach dem Schnäppchen ist vor dem Schnäppchen. Nur so kommen Sie freudig und unbehelligt von sich selbst durch das niemals endende Konsumenten-Leben.

    Schwächeln Sie nicht beim Kaufen. Bleiben Sie unbedingt im Flow, denn wenn die Kauflust erst einmal nachlässt, macht das Konsumentenleben wenig Freude. Und das wollen Sie doch nicht wirklich, oder?

    Und so bewahren Sie sich ihr vollkommenes Konsumenten-Glück bis ins hohe Alter. Bevor Sie zu Bett gehen, sehen Sie nach,

    1.) ob Sie noch alle Tassen im Schrank haben, und
    2.) ob Sie einen Sprung in der Schüssel finden.
    3.) Kaufen Sie schnell noch kurz vor dem Schlaf, Wellness garantiert und entzertifiziert.

    Rauben Sie anderen den Schlaf, indem Sie Tassen kaufen, als gäbe es Morgen keine mehr. Träumen und kaufen Sie fliegende Untertassen, am Besten aus Edelstahl.


  2. Anonym

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    Retargeting („Es sieht so aus, als hättest du etwas liegen lassen …“) per E‑Mail ist natürlich schon übel. Ich würde mich als erstes fragen: Woher hatte der Shop zu dem Zeitpunkt schon eine E‑Mail Adresse?
    Meine Taktik gegen solche Praktiken: Als Basis uBlock Origin als Werbe- und Trackingblocker im Firefox (PC und mobil) und nie eingeloggt in Onlineshops stöbern. Login erst an der Kasse und bevorzugt sowieso nur als Gast bestellen.


  3. Kars

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    Bei diesem Artikel muss ich auch einfach Mal als Mensch und Verbraucher einstimmen. Es hat sich einfach insgesamt zu einer Katastrophe entwickelt, die sich meines Erachten schon fast gar nicht zufriedenstellend mit der berüchtigten „Enshittification“ erklären lässt, da diese ja eigentlich darauf ausgelegt ist, mir, dem Verbraucher, mehr Geld abzuluchsen.

    Just gestern abend habe ich über drei Stunden erfolglos(!) versucht einen klappbaren Bodentisch für meine Kinder zu besorgen. Ich hatte wenig Ansprüche, da das eh als Interimslösung gedacht war. Aber die Google-Suche, wenn sie einen überhaupt zu halbwegs passenden Ergebnissen leitet, führt nur zu Marktplätzen und Linklisten, die am Ende alle denselben China-Kram anbieten. Mir war bis dahin nicht bewusst wie verbreitet die Instrumente sind. Kaufland, Saturn, Möbel.de alles nur noch Marktplätze / Frontends, die zum selben Produkt führen. Dutzende KI-generierte Seiten, die nur eine Aufgabe haben Amazon-Affiliate Linklisten präsentieren wie Kita.de.

    Kurz gesagt: Ich fühle mit dem Autor absolut mit.


  4. Notorisch Rhetorisch

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    Willkommen in der Modernen Internet-„Matrix“ wo DU das Produkt bist. Dein Einziger Input sei „Werbung“ dein Einziger Output sei „Konsum“ (Kapitalistische Reduzierung auf das Wesentliche=Klickworker) und wenn deine Natürliche Intelligenz bei all dem Tummelum drumherum inzwischen versagt dann gibt es ja die „Künstliche“ Alternative die dir dann angeboten wird (und dich als erstes nach deiner Kreditkarte fragen wird). Aber, angeblich soll das bei bestimmten (verwöhnten) Frauen (für den Ehemann/Partner) nicht anders ausgehen. Hmm. ;-)
    Das du danach noch Energie; oder Geld; übrig hast ist so nicht geplant.

    Erinnert mich schwer an die „Einkauf“-Droiden aus „Qualityland“. „Faszinierend“ was es heute so alles gibt.

    Aber was mich wirklich interessiert gibt es nicht mehr.
    – Ich hatte eine Grundig Kaffeemaschine – die Kaputt ging.
    – Die jetzige ist von Braun, so wie früher mal ein Rasierer…???
    – Ich hatte einen Siemens Kühlschrank – für den es keine Ersatzteile gibt.
    – Ich HABE eine alte Privileg Waschmaschine – schon oft repariert.

    Kurzum: Haltbare Produkte mit Ersatzteilversorgung und das „Marken“ auch wieder das Vertrauen rechtfertigen das man früher mal zu recht in sie setzte.
    Alles andere (NoNames unter 1000 Handelsnamen) sollte man vielleicht besser verbieten. Aber, wäre das etwa so als ob man H. Kohl verbieten wollte – nur weil da auch ein bisschen „Bimbes“ mit bei wäre? :-/ Ich leide wie jeder am gleichen Symptom und sehe keine besseren Lösungen.


  5. Herbert mit der Kettensäge

    ,

    Zitat: „Die Originaltasse ist längst verschenkt – Symbolbild von ChatGPT“

    Ehrlich? Die Tasse war nur so lange schön, wie du dachtest sie sei ein richtig exklusives Designerstück? Ein Bisschen kann ich’s fühlen, weil du Exklusivität gesucht, aber (in deinen Augen) Banalität erhalten hast, aber im Grunde ist es wirklich traurig, die Schönheit von Dingen nur anhand ihrer Exklusivität zu bewerten. Aber hey, positiv denken: Immerhin hast du jetzt, wie 99% aller über 14 jährigen, erkannt, dass es unehrliche Menschen gibt. Tipp für die Zukunft: Die gibt es auch im analogen Leben, nicht nur im Internet, also Obacht!

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