Generell

Das Internet zu Gast auf dem Internationalen Literaturfestival Berlin oder: Wie kommt noch mal das Neue in die Kultur?

14.ilb


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„Futures made of virtual insanity,
now always seem
to be governed by this love we have
for useless twisting
of our new technology“
(Jamiroquai)

Literatur findet – abgesehen von sehr lesenswerten Blogs und spannenden Ansätzen zu digitalem Publizieren – meist noch zwischen zwei Buchdeckeln auf bedrucktem Papier statt. Da mögen die Stoffe noch so innovativ sein.

Seit heute läuft nun die 14. Ausgabe des ilb in Berlin. Dem von Wolfgang Blau (in anderem Zusammenhang) auf Twitter diagnostizierten #printgewinsel widersprechend, wurde man beim Blick ins Festival-Programm positiv überrascht von der Öffnung zur digitalen Sphäre, Schwerpunkten zu Gaming, Überwachung und dem Digitalen sowie zumindest potenziell aufregenden literarischen Experimenten, nicht nur auf dem Pad, sondern auch auf der Straße und – im INTERNET!

Deswegen: Hier ein paar kommentierte Programmhinweise:

Games

Spielen ist schön und wir alle sind homo ludens (digitalis). Die Reihe „NEW LEVEL – Computerspiele und Literatur“ widmet sich visionären Spielkonzepten von Autoren (welche ja bekanntlich sehr fähig im Konstruieren absurder Welten sind), „befreit von Denk- und Sehgewohnheiten“. Die Abende (z.B. 12.9.) bewegen sich zwischen Brainstorming, Machbarkeitsüberlegungen, Philosophie und Zukunftsforschung.

Andersrum übersetzt, also aus dem Digitalen ins Analoge, funktioniert das Ganze übrigens genauso gut: In der langen Nacht des literarischen Computerspiels am 13.9. werden endlose Computerspiel-Krusaden zusammengedampft zu Nacherzählungen im Stil von Poetry-Slams.

BÜCHER über das DIGITALE / „Das Digitale an sich“

Natürlich, unvermeidlich auf einer Literaturveranstaltung: The Circle. Kontrovers nicht nur die Urlaubsrezension, die Markus Beckedahl hier veröffentlicht hat: auch in der restlichen internationalen Literaturkritik wird über Dave Eggers’ Roman gestritten. Doch nicht mehr lang: nach harten literaturwissenschaftlichen Kriterien wird ebenfalls am 13.9. auf einem Podium – jenseits der wenig hellsichtigen Utopieauffächerung des Romans- untersucht, wie „gut“ das Buch eigentlich ist (ODER auch NICHT). Nach diesem Celebrity Deathmatch hat dann hoffentlich jeder was gesagt zum „Buchereignis des Herbstes“.

„Das Digitale“ zum Zweiten (mit Querverweis auf eine weitere ziemlich sehenswerte Veranstaltungsreihe, Netzkultur:

Am 14.9. wird ein – so sagt man unter Kunst- und Kulturwissenschaftler- Jahrhundertereignis wiederaufgerollt: Jean-François Lyotard (Clap your hands, say Postmoderne!) kuratierte 1985 »Les Immatériaux« am Centre Pompidou. Die Ausstellung erörterte die Einflüsse einer zunehmenden Technisierung auf Denken und Lebensformen. Und zwar erstmal ohne Liveschalte ins Studio zum Moderator der Hauptabendsendung, dem Kulturpessimismus. Schön muss das gewesen sein.

Über digitale Zukunftsentwürfe von gestern und HEUTE in Philosophie, Kunst und Literatur diskutiert Christian Kobald (Kurator, Redakteur) u.a. mit der Science-Fiction-Autorin Anja Kümmel.

Überwachung

Auch investigativer Journalismus, seine Textformen und seine gesellschaftliche Rolle werden beim Literaturfestival ihrerseits durchleuchtet. Beim Thema Überwachung halten wir es bei netzpolitik.org immer noch ganz mit Sascha Lobo:

Mit einem tollwütigen Tiger im Raum verwandelt sich jedes andere Gespräch in einen schlechten Scherz zur Ablenkung.

Man schreibt mit Sicherheit nicht nur zum Spaß: Ihr kennt »Geheimer Krieg« hoffentlich schon alle, eine Recherche, in der John Goetz die Machenschaften des amerikanischen Geheimdienstes auf deutschem Boden aufdeckt und zeigt, dass die Aktivitäten der NSA von der Bundesregierung gebilligt werden. Auf dem ilb.erzählt er noch mal auf der Bühne vom Projekt.

Überwachung zum Nachfühlen gibt es aussserdem bei einem Überwachungsexperiment im Stadtraum im Oktober:

Der Zuschauer wird bei der performativen Tour durch die Stadt zum Überwachten; Gefühle von Kontrolle, Angst und Paranoia werden erforscht. Ausgehend von Interviews mit Betroffenen unter anderem aus der DDR, Syrien, den USA, der BRD macht das Experiment Observationsvorgänge hautnah erlebbar und verdeutlicht so, dass die Debatte um den NSA- und BND-Skandal uns alle unmittelbar betrifft.

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