Katharina Meyer

ist bevorzugt Technik- und Kulturhistorikerin, subtil von Zeit zu Zeit Kuratorin (z.B. bei der re:publica). Mäandert an den Schnittstellen von Schönen Künsten und Technik und publiziert zu Netz- und Medienkunst sowie Digitaler Kultur.

  • : Ausstellungspreview: Samizdata: Evidence of Conspiracy
    Laura Poitras (Berlin), 2013. by Jacob Appelbaum CC BY-NC-SA 2.0
    Ausstellungspreview: Samizdata: Evidence of Conspiracy

    In der NOME-Galerie in Berlin-Friedrichshain eröffnet heute die Ausstellung SAMIZDATA: Evidence of Conspiracy von Jacob Appelbaum. Sie beschäftigt sich künstlerisch mit ureigensten Netzpolitik-Themen wie Überwachung, Transparenz und der Geheimhaltungskultur.

    Die ausgestellte Kunst: Zwei Skulpturen sowie sechs Infrarotfilm-Porträt-Fotografien von bekannten Akteuren aus Überwachungstheorie und ‑praxis wie Sarah Harrison, William Binney oder Laura Poitras sowie die sie umgebende Architektur entwickeln bereits für sich betrachtet einen spannenden Kontrast:

    Ähnlich wie das Neubaugebäude, das die Galerie beherbergt, mit einer forschen Welle aus Beton die Kreuzung an der Dolziger Straße eher erkämpft als für sich gewonnen hat, ist Berlin in den vergangenen Jahren zu einem der Schaltkreuze für die „digitalen Dissidenten“ avanciert, die oft kritisch beäugt – und noch öfter durchleuchtet – werden. Der Zuzug der internationalen Netzaktivisten wie Appelbaum, aber auch von Sarah Harrisson und vielen anderen hat wahrnehmbar dazu beigetragen, dass Politik sich zurück in den digitalen, aber auch analogen Raum (z. B. durch Demonstrationen) spielt – während zeitgleich „merkeln“, das heißt: aussitzen, zum Jugendwort des Jahres gewählt wird. Vieles ist in der Stadt wie in der Ausstellung ambivalent und zutiefst konzeptuell:

    Es verwundert nicht, dass die NOME-Galerie sich in dieser Gemengelage dem Spannungsfeld aus Kunst, Technologie und Politik verschrieben hat. In der Vorgänger-Ausstellung wurden Werke von James Bridle gezeigt, der ebenfalls den Ansatz von „Art as Evidence“ verfolgt. Es geht darum, durch Visualisierung bzw. Sichtbarmachung komplexe Themen so aufzubereiten, dass sie in Aktivierungsenergie und politische Prozesse umgesetzt werden können.

    Der Titel bezieht sich auf den russischen Begriff „Samizdat“, der Ende der 1950er Jahre in der Sowjetunion und dem ehemaligen Ostblock die Verbreitung und Vervielfältigung zensierter Literatur auf nichtoffiziellen Kanälen bezeichnete. Schriften von indizierten System-Kritikern wurden in Geheim-Druckereien oder handschriftlich vervielfältigt und weiterverteilt. Übertragen auf das 21. Jahrhundert passt das Konzept zu Aspekten der Snowden-Affäre und WikiLeaks.

    Netzwerke sind nicht zwingend digital. Nicht nur die NSA ist der Meinung, dass die Analyse einer Zielperson innerhalb ihrer sozialen Kontakte sehr viel aussagekräftiger ist, als diese isoliert zu betrachten.

    Obwohl insbesondere die Fotografien auch unter reiner Bewertung nach ästhetischen Gesichtspunkten sehenswert sind (sowohl der verwendete Film als auch das Trägermedium werden nicht mehr produziert), sind die spannenderen Ansatzpunkte für die dahinter verborgenen Geschichten in der verwendeten Technik als auch in Bilddetails, der Hängung und dem Gesamtarrangement zu suchen.

    Die Motive in den Fotografien sind teils als Metaphern zu lesen. So beispielsweise die Einbeziehung der Natur: Zwar resoniert der verwendete Infrarotfilm (ursprünglich benutzt für Luft-Überwachung in der Landwirtschaft oder Personenprofile in bewaldeten Gebieten) besonders mit dem Chlorophyll der Blättern, die sich in allen Fotografien wiederfinden. Die Wurzeln der Bäume deuten aber auch auf die porträtierten Personen hin: Netzaktivismus ist eine Grassroots-Bewegung aus der Zivilgesellschaft. Zwar gibt es herausstechende Charaktere, wie z. B. Julian Assange, der hier noch vor seinem Exil in einer Londoner Botschaft als aufrechter, jüngerer Mann im Freien eingefangen wird.

    Gemeinsam ist den Porträts, dass sie in einem künstlerischen Akt diejenigen in den Konsekrationsraum der Kunst erheben, die sich nicht aus herausragenden gesellschaftlichen Positionen gegen unerwünschte politische Entwicklungen wenden, sondern als wachsame Privatpersonen. Zusammengebracht durch die Snowden-Enthüllungen verbinden sich hier einzelne Akteure zu einem Netzwerk aus Kollaborateuren. An Details wie Schärfe und Unschärfe, Haltungen, abgebildeten Accessoires, Glitches und Posen ließen sich zahlreiche weitere Geschichten exemplifizieren, die nicht nur als Pars pro Toto in der Ausstellung, sondern in einem Übertragungsbogen auch für die politische Arbeit der Dargestellten gelten können.

    Nur ein Porträt verwundert ein wenig in dieser Reihe: das von Ai WeiWei. Die Verbindung erfolgt über ein zweites Ausstellungsstück:

    P2P (Panda to Panda), das in diesem Jahr auf der re:publica vorgestellt wurde, ist eine Kooperation zwischen Jacob Appelbaum und Ai WeiWei, die von Rhizome und dem New Museum in New York in Auftrag gegeben worden war. Für diese Arbeit schredderten die beiden Künstler NSA-Dokumente, die einst Laura Poitras und Glenn Greenwald zugespielt worden waren, und befüllten damit in Ai Weiweis Heimatstadt Peking Pandabär-Plüschtiere. In jedem Pandabären befindet sich eine Micro-SD-Speicherkarte, auf der Weiwei und Appelbaum jeweils eine Überraschung abgespeichert haben. Die Pandabären wurden aus Peking herausgeschmuggelt und reisten um die Welt, wobei sie buchstäblich ein menschliches Netzwerk des Daten-Transfers bildeten: wieder „Samizdata“. 
„Panda to Panda“ nimmt Bezug sowohl auf einen umgangssprachlichen Ausdruck für die chinesische Geheimpolizei als auch auf die sogenannte Peer-to-Peer-Kommunikation (P2P), eine dezentralisierte Anwendungsstruktur, die Aufgaben oder Arbeitspensum auf verschiedene Teilnehmer, „Peers“, verteilt.



    Die dritte Arbeit der Ausstellung, Schuld, Scham und Angst, besteht aus filigranen Kettenanhängern, gefüllt mit verschiedenen Materialien: geschredderte Notizen von Journalisten, historische sowie nicht redigierte geheime Dokumente aus dem Sommer der Snowden-Enthüllungen und den darauffolgenden Jahren. Der Titel bezieht sich auf die Emotionen von Journalisten, die mit diesen Materialien arbeiten: „Angst“, das Gefühl aus welchem heraus die Dokumente geschreddert werden; „Schuld“ und „Scham“ in dem Bewusstsein der Tatsache, dass auch Journalisten zu Kollaborateuren in einer Kultur der Geheimhaltung geworden sind.

    Im besten Sinne wird in der Ausstellung mit Kunst als Überbrückungstechnologie das geleistet, was in Texten oder Datensätzen nur vereinzelt gelingt. Komplexe moralische Fragen werden durch das Persönliche in den Bildern, fernab der offiziellen Funktionen der Porträtierten, erörtert. Die Tragweite des Kulturwandels hin zu einer Überwachungsgesellschaft wird deutlich – der Katalog versammelt weitere interessante Denkanstöße.

    10. September 2015 2
  • : Reader’s Digest #rp15: Subjektive Programmempfehlungen für Überwältigte
    Reader’s Digest #rp15: Subjektive Programmempfehlungen für Überwältigte

    Was an „Kuratoren“ nervt: Die Kommentare von Sommeliers können so komplex und ausführlich werden, dass unter ihrem Einfluß Wein wie Wasser und Kaviar wie schwarzer Fischpudding schmeckt. Verbalisierung und Kommunikation tun (…) Erfahrung nicht immer gut – und wenn dies überhaupt je der Fall ist, dann höchstens zu einem gewissen Grad. Dabei steht mit (der ästhetischen) Erfahrung nicht weniger auf dem Spiel als der beinahe letzte Archipel unseres Lebens, den sich die Kommunikations-Welt noch nicht vollends unterworfen hat. Genießen Sie den Wein, löffeln Sie das bisschen Kaviar, das Sie sich leisten können (…) – und schweigen Sie dabei, so gut es geht. Nur wortloses Kuratieren geht nicht auf die Nerven. (Sagt Gumbrecht).

    Ihr seid nicht allein. Wir lachen manchmal selbst über die Talk-Titel.
    giphy

    Die Inhalte lieben wir trotzdem. Kurz vor der Konferenz der Herzen hier subjektiv zusammengestellte und ausführlich kommentierte Programmempfehlungen
    (aus den Bereichen Kultur/Medien/Urbanismus/Technikgeschichte/Soziologie, Markus folgt mit den Netzpolitik-Tips)
    für Besucher mit wenig Zeit/ohne Orientierungssinn!

    Europa besser machen:
    (natürlich nur ein Programmpunkt unter vielen mit Europabezug, dazu kann man im Programm mit dem #Europa-HT suchen)

  • CUCULA – Ein Modellprojekt im Spannungsfeld von Gesellschaft, Wirtschaft, Politik und Bildung
  • Man sollte es nicht versäumen, zu den drängendsten Problemen der Staatengemeinschaft Stellung zu beziehen, wenn man das Motto „Finding Europe“ wählt. Auf Konferenzen wird naturgemäß viel geredet, wir haben uns bemüht, zumindest Menschen einzuladen, die neben Reden auch Machen. Als Modellprojekt sucht CUCULA nach neuen Wegen und formuliert konkrete Lösungsvorschläge für die Flüchtlingspolitik.

    I put the art in heart: (Kunst und Kultur)

  • Living in the electromagnetic spectrum
  • James Bridle stellt im Victoria&Albert Museum London gerade eine intelligente Installation namens Hyperstacks aus, die Wissensorganisation, Ästhetik und Kritik am Überwachungsstaat zusammenbringt, bei der rp spricht er über politische Kunst und politisches Denken ohne billige Provokationen.

    Hier Captain Obvious mit einer wichtigen Durchsage: Kommt zur Mediengruppe Bitnik!

  • http://re-publica.de/en/session/keynote-mediengruppe-bitnik‑0
  • Es gibt eine ganze Menge Menschen, die nicht verstehen, warum Kunst wichtig ist. Ausführliche Antworten geben unzählige Masterarbeiten, verkürzt und mit den Worten der Bitniks gesagt: „Wir sind überzeugt, dass es eine Aufgabe der Kunst ist, Ränder auszuleuchten und zeitgenössische gesellschaftliche Fragen zu thematisieren.“
    Der „Random Darknet Shopper“-Bot ist gerade wieder freigekommen, Grund zu feiern!

    Design / „Verhaltensdesign“

  • Nudge!Nudge! – Was Design von der Verhaltenspsychologie lernen kann
  • (feat. Mads und Holm von der Zentralen Intelligenz Agentur)

    Wer will schon manipuliert werden? In Marketing und Politik gibt es einen neuen Trend, das „Nudging“. Manipulative Tweaks der Umwelt zu Zwecken einer verzerrten Entscheidungsarchitektur sind längst allgegenwärtig: von Straßenhubbeln zur Verkehrsberuhigung über psychologisch optimierte Speisekarten. Die Frage ist: Cui bono? Sind die Ziele zu begrüßen, die Methoden transparent und die Akteure legitimiert?

  • Better games through playful design
  • : Sie sehen dich und du siehst sie: Crossmediales Überwachungstheater in Köln – und in der Mediathek
    Sie sehen dich und du siehst sie: Crossmediales Überwachungstheater in Köln – und in der Mediathek

    supernerds_header_neu_2Supernerds- der Titel des neuen crossmedialen Theaterprojekts von Angela Richter am Schauspiel Köln spielt ironisch(?) mit dem Spannungsfeld zwischen Glorifizierung und Verachtung politischer Akteure sowie der eigenen Rolle im Überwachungskomplex. Am 28. Mai findet die Premiere im Theater statt- und weniger ortsgebunden auch im Fernsehen (/in der Mediathek).

    Wie fühlt es sich an, bespitzelt zu werden? Verkürzt könnte man sagen, dass man das Gefühl kennen sollte, da es auf beinahe jeden zutrifft. Regierungen, Geheimdienste oder Konzerne speichern Daten, überwachen die Kommunikation und analysieren Bewegungen. Ob man am Computer arbeitet, mit dem Smart-Phone einen Messenger-Dienst nutzt oder am Bankautomaten Geld abhebt.

    Dass die Gesellschaft ein Bewusstsein von dieser Form der alltäglichen Durchleuchtung hat, verdankt man den Whistleblowern: Hackern, Journalisten, Internetaktivisten, Geheimdienstmitarbeitern – modernen Aufklärer, die Rechtsbrüche von Regierungen, Geheimdiensten und Konzernen öffentlich machen, die eigentlich geheim bleiben sollten. Sie sind in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt, ob sie wollten oder nicht, und an ihrem Beispiel werden Standards verhandelt. Ein wenig zeitversetzt natürlich auch in der Kultur und auf den Bühnen.

    Die Regisseurin Angela Richter, die schon lange im Themenfeld arbeitet, hat einige dieser Dissidenten des digitalen Zeitalters getroffen und mit ihnen gesprochen – mit Julian Assange und Daniel Ellsberg, mit Jesselyn Radack und Thomas Drake, mit dem ehemaligen NSA-Direktor William Binney und mit Edward Snowden und aus den Gesprächen ein Theaterprojekt entwickelt. Am 28. Mai findet die Uraufführung statt, in Köln- und im Internet: supernerds.tv (noch totgeschaltet, aber sicher bald live…)

    Der WDR produziert im eigens eingerichteten Studio eine Livesendung, während zeitgleich nebenan das Theater spielt. Das Theater ist dabei Teil der Sendung, das Fernsehen reagiert auf das Theater und greift ins Theaterspiel ein. Nur wer persönliche Daten wie Geburtsdatum und Handy-Nummer auf der obigen Webseite angibt, soll zur Zielscheibe digitaler Kontrolle werden. Gleichzeitig soll das Publikum auch immer wieder die Gelegenheit bekommen, per Abstimmung in die Show einzugreifen. Ergänzt durch besondere Gäste und Ausflüge ins digitale Netz entsteht so eine neue Erzählweise in der die Überwachung in ihrer Komplexität erlebbar wird.

  • : (Digital) Revolution: Ein Museum, das immer da ist, wo du bist.
    (Digital) Revolution: Ein Museum, das immer da ist, wo du bist.

    Für manche Dinge kommt man einfach zu spät.

    Diese Weisheit gilt auch für spannende Ausstellungen, für die man sich versehentlich außerhalb des als relevant angesehenen Radius’ der Öffentlichkeitsarbeit befand- vielleicht aufgrund geografischer Entfernung. Und deshalb erst von ihnen hört, wenn sämtliche Objekte schon wieder ihres thematischen Kontextes beraubt in thermostabilen Depots einlagern.

    Zum Beispiel hier, heute morgen aus dem Internet gefischt: „Digital Revolution“. Klingt spannend, ich wäre gerne dabei gewesen. Leider ist die Ausstellung seit September beendet.

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    Welcome to Digital Revolution from Barbican Centre on Vimeo.

    Ich finde ja ‑im Dienste der Relevanzsicherung durch Sichtbarkeit: Jeder Besucher ist ein guter Besucher. Das ist aber aktuell, so glaube ich, noch eine exaltierte Einzelmeinung, die im kulturpolitischen Mainstream vielleicht erst richtig ankommt, wenn dramatischere Verteilungskämpfe um Finanzierung des Guten, Wahren, Schönen ausbrechen.

    Auf die Gefahr hin abzuschweifen: Wer schlau ist und Kunst etc. zeigt, der sollte im Dezember hier sein:  Auf der „Zugang gestalten“. Das ist aber erstmal nur die Anbieterseite.

    Was tun nun also als „Late Adopter“ im Besucherbiz?

    Archäologisch gewandt kann man entweder konservierte Werkschauen in 21 kg Coffeetable-Wälzern aus dem Museumsshop oder der favorisierten Buchhandlung nach Hause tragen, sie stapeln und nie wieder ansehen. Nach Spuren der Existenz in Rezensionsform in Zeitungsarchiven forschen bis die Augen müde sind, dann hat man aber immer noch kein einziges Kunstwerk gesehen.

    Oder: Findige Kuratoren machten sich um die Geburt und Aufzucht eines hybriden Zwillings der gezeigten Kunst verdient. Denn in der Informationsgesellschaft ist es auch so: Was man online nicht findet, das existiert nicht.

    Für das netzpolitik.org-Umfeld gilt: Been there, done that. Deswegen hat die Digitale Gesellschaft z.B. schon vor einiger Zeit ein Online-Museum gegründet.

    Aus Gründen der Vermeidung einer Text-Bild-Schere, wenn etwas schon „Digital Revolution“ heisst, gibt es zum Glück aber auch auf den Barbican-Seiten einen Explore-Bereich über den es heisst: „Delve deeper into the Digital Revolution with our specially selected highlights from across the World Wide Web“.

    Zu sehen sind wunderbare Versatzstücke digitaler Kultur, in denen man sich stundenlang, zumindest aber über die Mittagspause, verlieren kann. Schön aufbereitet und eingeordnet sollte diese Metaausstellung noch von viel mehr Menschen beachtet werden.  Also: Spread the Word!

    Bei genügend Outreach finden nämlich meist auch die Herrscher über die Fördertöpfe, dass sich die Investition gelohnt hat. Und dann muss man sich vielleicht künftig noch weniger ärgern, wenn man etwas in der Kulturszene verpasst hat.

    PS: Wer diesen Artikel mag: Liest auch gerne die Schriften von Jan und Aleida Aßmann. Gibt es auch online.

  • : Das Internet zu Gast auf dem Internationalen Literaturfestival Berlin oder: Wie kommt noch mal das Neue in die Kultur?
    Das Internet zu Gast auf dem Internationalen Literaturfestival Berlin oder: Wie kommt noch mal das Neue in die Kultur?

    14.ilb

    „Futures made of virtual insanity,
    now always seem
    to be governed by this love we have
    for useless twisting
    of our new technology“
    (Jamiroquai)

    Literatur findet – abgesehen von sehr lesenswerten Blogs und spannenden Ansätzen zu digitalem Publizieren – meist noch zwischen zwei Buchdeckeln auf bedrucktem Papier statt. Da mögen die Stoffe noch so innovativ sein.

    Seit heute läuft nun die 14. Ausgabe des ilb in Berlin. Dem von Wolfgang Blau (in anderem Zusammenhang) auf Twitter diagnostizierten #printgewinsel widersprechend, wurde man beim Blick ins Festival-Programm positiv überrascht von der Öffnung zur digitalen Sphäre, Schwerpunkten zu Gaming, Überwachung und dem Digitalen sowie zumindest potenziell aufregenden literarischen Experimenten, nicht nur auf dem Pad, sondern auch auf der Straße und – im INTERNET!

    Deswegen: Hier ein paar kommentierte Programmhinweise:

    Games

    Spielen ist schön und wir alle sind homo ludens (digitalis). Die Reihe „NEW LEVEL – Computerspiele und Literatur“ widmet sich visionären Spielkonzepten von Autoren (welche ja bekanntlich sehr fähig im Konstruieren absurder Welten sind), „befreit von Denk- und Sehgewohnheiten“. Die Abende (z.B. 12.9.) bewegen sich zwischen Brainstorming, Machbarkeitsüberlegungen, Philosophie und Zukunftsforschung.

    Andersrum übersetzt, also aus dem Digitalen ins Analoge, funktioniert das Ganze übrigens genauso gut: In der langen Nacht des literarischen Computerspiels am 13.9. werden endlose Computerspiel-Krusaden zusammengedampft zu Nacherzählungen im Stil von Poetry-Slams.

    BÜCHER über das DIGITALE / „Das Digitale an sich“

    Natürlich, unvermeidlich auf einer Literaturveranstaltung: The Circle. Kontrovers nicht nur die Urlaubsrezension, die Markus Beckedahl hier veröffentlicht hat: auch in der restlichen internationalen Literaturkritik wird über Dave Eggers’ Roman gestritten. Doch nicht mehr lang: nach harten literaturwissenschaftlichen Kriterien wird ebenfalls am 13.9. auf einem Podium – jenseits der wenig hellsichtigen Utopieauffächerung des Romans- untersucht, wie „gut“ das Buch eigentlich ist (ODER auch NICHT). Nach diesem Celebrity Deathmatch hat dann hoffentlich jeder was gesagt zum „Buchereignis des Herbstes“.

    „Das Digitale“ zum Zweiten (mit Querverweis auf eine weitere ziemlich sehenswerte Veranstaltungsreihe, Netzkultur:

    Am 14.9. wird ein – so sagt man unter Kunst- und Kulturwissenschaftler- Jahrhundertereignis wiederaufgerollt: Jean-François Lyotard (Clap your hands, say Postmoderne!) kuratierte 1985 »Les Immatériaux« am Centre Pompidou. Die Ausstellung erörterte die Einflüsse einer zunehmenden Technisierung auf Denken und Lebensformen. Und zwar erstmal ohne Liveschalte ins Studio zum Moderator der Hauptabendsendung, dem Kulturpessimismus. Schön muss das gewesen sein.

    Über digitale Zukunftsentwürfe von gestern und HEUTE in Philosophie, Kunst und Literatur diskutiert Christian Kobald (Kurator, Redakteur) u.a. mit der Science-Fiction-Autorin Anja Kümmel.

    Überwachung

    Auch investigativer Journalismus, seine Textformen und seine gesellschaftliche Rolle werden beim Literaturfestival ihrerseits durchleuchtet. Beim Thema Überwachung halten wir es bei netzpolitik.org immer noch ganz mit Sascha Lobo:

    Mit einem tollwütigen Tiger im Raum verwandelt sich jedes andere Gespräch in einen schlechten Scherz zur Ablenkung.

    Man schreibt mit Sicherheit nicht nur zum Spaß: Ihr kennt »Geheimer Krieg« hoffentlich schon alle, eine Recherche, in der John Goetz die Machenschaften des amerikanischen Geheimdienstes auf deutschem Boden aufdeckt und zeigt, dass die Aktivitäten der NSA von der Bundesregierung gebilligt werden. Auf dem ilb.erzählt er noch mal auf der Bühne vom Projekt.

    Überwachung zum Nachfühlen gibt es aussserdem bei einem Überwachungsexperiment im Stadtraum im Oktober:

    Der Zuschauer wird bei der performativen Tour durch die Stadt zum Überwachten; Gefühle von Kontrolle, Angst und Paranoia werden erforscht. Ausgehend von Interviews mit Betroffenen unter anderem aus der DDR, Syrien, den USA, der BRD macht das Experiment Observationsvorgänge hautnah erlebbar und verdeutlicht so, dass die Debatte um den NSA- und BND-Skandal uns alle unmittelbar betrifft.