Konferenz Rückeroberung des Öffentlichen: Das Internet nicht überschätzen

Gestern und heute findet eine Konferenz des Goethe-Instituts in der Akademie der Künste in Berlin statt: „Rückeroberung des Öffentlichen. Kultur im Spannungsfeld von öffentlichem und digitalem Raum“. Im Vorfeld der Konferenz hatten sieben Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Newthinking (darunter auch Markus, Andre und ich von Netzpolitik) sich in Blogbeiträgen mit Fragen nach Öffentlichkeit, digitalem Raum und digitalem Protest auseinandergesetzt. Heute wird auf vier Panels einerseits über Vernetzung, Kommunikation und Macht, andererseits über den „öffentlichen Raum“, seine Metaphorik und die künstlerische Auseinandersetzung diskutiert.


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Im zweiten Panel ging es heute Morgen um Kommunikationsverhältnisse und ihren Einfluss auf Proteststrukturen. Francisco Polo, der in Spanien Direktor von Change.org ist, begann die Diskussion mit der Aussage, das Internet sei nur eines von vielen Tools für Aktivistinnen und Aktivisten. Die Besonderheit liege darin, dass durch das Internet Proteste und Revolutionen sofort und in Echtzeit sichtbar gemacht werden, und dies äußert mobilisierend wirke. Dieter Mersch, Medien- und Sprachphilosoph an der Universität Potsdam, sprach von einer Mystifizierung des Internets: Es verliere dadurch den Sinn des Politischen. Als Stephan Wackwitz, der das Panel moderierte, eine Allgegenwart des Internets konstatierte, widersprach Politikwissenschaftler Christoph Bieber: Dieser Allgegenwart könne man bisher noch sehr gut ausweichen, das sehe man ja schließlich im Bundestag. Wenn Politikerinnen und Politiker nicht auf die Kommunikation, die im Netz geschieht, reagieren, dann bringt diese oft wenig. Dennoch habe das Web 2.0 eine Kommunikation mit sich gebracht, die stärker horizontal verläuft und dadurch wirkmächtigeren Einfluss besitze. Sprache drücke sich dann in Code aus und suche Anschluss an den politischen Raum.

Mit dem Aktivisten Sherief Gaber bewegte sich der Fokus der Debatte dann auf den Einfluss des „digitalen Raums“ auf Proteste und Revolutionen. Gaber stellte sofort klar, dass der Einfluss des Internets für die Proteste in Ägypten überschätzt wird. Durch das Internet entstehe vielmehr die Gefahr eines falschen Anscheins von Aktivismus. Auch Polo sagte, das Internet kann immer nur ein Werkzeug von vielen sein, und ist dann hilfreich, wenn es gerade das richtige Werkzeug ist. Bieber warf Fragen der Kontrolle ein: Ist „das Internet“ eigentlich ein öffentlicher Raum? Ist Social Media ein öffentlicher Raum? Wer regelt die Zugänge? Letztendlich sei das Netz nur ein bedingt freier und allen zugänglicher Raum, so Bieber. Auch Mersch merkte an, dass es der Kommunikation im Netz oftmals an der Sensibilisierung füreinander fehlt, stattdessen sei es oft Kommunikation um der Kommunikation willen.

Bieber führte zum Schluss noch die Geschwindigkeitskomponente des Internets an: Protest geschehe heutzutage im Schnellvorlauf, während die notwendigen Veränderungen dem nicht folgen können. Er sieht zum Beispiel die Piratenpartei als einen Versuch, diese zeitliche Kluft zu überbrücken, und fragt sich, ob die Piraten eigentlich Politik machen, oder doch eher Kunst?

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