Generell

DGB fordert Prüfstelle für kostenfreie Lernunterlagen: Fortschritt oder Bedrohung?

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) und dessen Mitgliedsgewerkschaften kritisieren schon seit einiger Zeit den zunehmenden Trend zur Bereitstellung kostenloser Unterrichtsmaterialien durch wirtschaftliche Interessensgruppen. So veröffentlichte die IG Metall bereits im Dezember 2010 ein umfassendes Dossier mit „Hintergrundinformation zum Einfluss wirtschaftlicher Interessengruppen in der Bildung“ (PDF). Und tatsächlich ist es so, dass zum Beispiel die vom Arbeitgeberverband Gesamtmetall finanzierte Lobby-Organisation Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) ein eigenes Lehrerportal „Wirtschaft und Schule“ unterhält oder das Handelsblatt das Portal „Handelsblatt macht Schule“ betreibt. Und auch im Bereich Netzpolitik gibt es eine Reihe alles andere als neutrale Angebote für Lehrende, wie zum Beispiel den Leitfaden „Legal, sicher und fair“ des Börsenvereins des deutschen Buchhandels (kritisch dazu Oliver Dirker bei Carta: „Legal, sicher und fair – eher reine Propaganda!„) sowie die Portale für Unterrichtsmaterialien von „Respe©t Copyrights“ (Nachfolger der Raubkopierer-sind-Verbrecher-Kampagne „hartabergerecht.de“) und „Ideen sind etwas wert“ (von IFPI Austria – Verband der Österreichischen Musikwirtschaft).

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Vor diesem Hintergrund ist deshalb auch die jüngste Forderung des DGB nach einer Prüfstelle für kostenfreie Unterrichtsmaterialien zu sehen, von der bildungsklick berichtet:

Besonders moniert der DGB, dass einseitige Materialien von Wirtschaftsverbänden und Unternehmen öffentlich gefördert oder durch behördliche Kooperationsverträge unterstützt werden. Massiv kritisieren die Gewerkschaften, dass die Anbieter ihre kostenlosen Schulmaterialien mit einem eigenen „Gütesiegel“ versehen. Damit solle Lehrkräften glauben gemacht werden, die Materialien seien von fachlicher und didaktischer Qualität und könnten bedenkenlos im Unterricht eingesetzt werden.

Andernorts, und zwar nicht nur bei Lobbyverbänden wie der INSM, sorgt diese Forderung des DGB jedoch für Besorgnis. So befürchtet der Lehrer Torsten Larbig in einer ersten Einschätzung, dass damit auch Einschränkungen für die Verwendung offen lizenzierter Lernunterlagen (Open Educational Ressources, OER) drohen:

Der #DGB arbeitet anscheinend darauf hin, dass nicht mehr nur #Schulbücher erst nach einer Freigabe genutzt werden dürfen, sondern auch #OER  und andere kostenlos verfügbaren Lernmaterialien.

Larbig glaubt in der Forderung nach einer Prüfstelle nämlich auch das gewerkschaftliche Interesse nach einem Schutz von Schulbuchredakteuren zu erkennen und prognostiziert, dass diese „unter dem Deckmantel der Qualitätssicherung“ vor allem sicherstellen soll, dass „OER und kostenlose Materialien […] nicht die Arbeitsplätze in den Verlagen gefährden“. Er sieht die Qualitätskontrolle hingegen als genuine Aufgabe von Lehrkräften:

Es gehört zu meinen Aufgaben als Lehrer, Material auf Nutzbarkeit in der Schule zu prüfen. Und siehe da, es gibt reichlich Material, das ich kostenlos nutzen darf, auf dessen Nutzung ich aber verzichte. Dazu gehört z. B. fast alles aus dem Haus der „Stiftung Lesen“, weil ich da sehr häufig sehr schnell feststellen kann welcher „Partner“ da mit im Boot sitzt. Und auch von Gewerkschaften erstellte Materialien sind für den Unterricht kritisch zu betrachten.

Ich bin mir nicht sicher, ob Torsten Larbig mit seiner prinzipiellen Kritik an einer öffentlichen Prüfstelle hier nicht über das Ziel hinausschießt. So ist es zumindest mein Eindruck, dass es auch unter OER-Befürwortern den Wunsch nach öffentlichen Stellen zur Qualitätssicherung dezentral erstellter Materialien gibt. Denn viele Vorbehalte gegen OER resultieren bislang aus der Sorge, diese seien ein „Experimentierfeld für Möchtegernpädagogen“ (vgl. meinen Bericht von einer ministeriellen Anhörung zum Thema im November letzten Jahres). Eine optionale öffentliche Prüfstelle könnte hier durchaus einen Beitrag für Verbesserung und Verbreitung von OER leisten. Und von einer Prüfstelle für Unterrichtsmaterialien samt offiziellem Gütesiegel bis hin zum Verbot sämtlicher ungeprüfter Unterrichtsmaterialien ist es ein weiter Weg. Statt eine Prüfstelle prinzipiell abzulehnen wäre mein Vorschlag deshalb eher, diese als Teil eines umfassenderen OER-Kompetenzzentrums zu konzeptionalisieren bzw. dieses einzufordern.

Völlig Recht hat Larbig aber, wenn er die Verantwortung der Lehrkräfte betont. Das wird auch am Beispiel der von der Allianz finanzierten Materialien von „My finance Coach“ deutlich, die von Lobby Control heftig kritisiert und vom DGB als Beleg für Handlungsbedarf in diesem Bereich angeführt werden. Wieder bildungsklick:

So fielen zum Beispiel die Allianz-Materialien „My finance Coach“ durch eine schlechte Bewertung im Materialkompass auf. Ausgerechnet diese Materialien finden aber nach Auskunft der Gewerkschaft seit einiger Zeit offiziell in den öffentlichen Lehrerfortbildungsangeboten der Landesregierung Bayern Verwendung.

Wenn selbst staatliche Lehrerfortbildungsangebote auf Materialien setzen, die von Lobbys erstellt werden, dann ist auch ein staatliches Prüfsiegel keine Garantie für Ausgewogenheit; den kritischen Blick von Lehrerinnen und Lehrern kann kein Gütesiegel ersetzen.

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21 Kommentare
  1. gibt es eigentlich irgendwo so etwas wie eine wikipedia zum thema nachhilfe? ein portal, bei dem man sich als schüler selbstorganisiert am lehrplan entlang trainieren kann?

    .~.

    1. „gibt es eigentlich irgendwo so etwas wie eine wikipedia zum thema nachhilfe? ein portal, bei dem man sich als schüler selbstorganisiert am lehrplan entlang trainieren kann?“

      Kommt darauf an was, es gibt mittlerweile zb schon recht viel auch in
      MOOC’s.
      Für SchülerInnen gab es auch etwas. Habe leider im Moment meinen bookmarkfolder nicht da.

      Ansonsten wenn es nicht digital sein soll, dann fand ich
      für Mathe und Physik die Lehrprogramme des Bayerischen Schulbuchverlags mal ganz gut,
      weiss aber nicht wie die Qualität da jetzt ist und ob es die noch gibt.

  2. Lehrer/innen sind nicht doof.

    Ein Prüfsiegel ist nichts anderes als Vorzensur, und beim Begriff „Ausgewogenheit“ schrillen alle Alarmglöckchen über diese positivistischen Vorverständnisse.

    Die INSM Materialien sind ziemlich gut didaktisiert.

  3. Lehrer/innen sind nicht doof. Aber manche eben schon. mit Grausen erinnere ich mich an meine Englischlehrerin, die bei „Shakespeare in love“ wegen der nackten Haut fast einen Herzanfall bekommen hätte oder an meine Deutschlehrerin, die irgendwann verschwunden war und wie ich nachher erfahren habe seitdem in stationärer psychotherapeutischer Behandlung ist.

    Die Auswahl von Unterrichtsmaterialien dem einzelnen Lehrer zu überlassen, halte ich für problematisch. Mitspracherecht sollte er haben, aber die größten Idiotien (etwa in der Preisklasse Schöpfungslehre statt Evolution) sollte man schon verhindern.

    1. Deiner Meinung nach ist „doof“ ist also eine treffende Beschreibung für

      1. etwas prüde, oder wahrscheinlich eher erschrocken vor der Vorstellung, was das am nächsten Elternabend wieder für ein unnötiges Theater gibt.

      2. einen Menschen, in deren Leben irgendetwas vorgefallen ist, weswegen sie mental so am Boden war, dass sie sich in psychologische Behandlung begeben musste.

      Doof eben. Und für die größten „Idioten“, wie du sie bezeichnest, gibt es Lehrpläne, in denen steht, was zu unterrichten ist.

    2. Klingt nach dem „HMG“ in einer nicht näher zu benennenden Stadt im Osten… *insiderfrage*?!

      „Doof“ beschreibt die hier genannten Vorgänge zwar nicht, aber es sind Beschreibungen von a) mangelnder Professionalität (die Lehrerin hat den Film selbst ausgesucht – sollte sie nicht machen, wenn sie mit dem Anblick nackter Menschen nicht umgehen kann)
      b) evtl. mangelnde Eignung bzw. Vorsorge der Personalabteilung (viele Schulen haben eben doch nicht so gute VertrauenslehrerInnen oder DirektorInnen, als das Schüler mit dem Hinweis auf psychisch instabile Lehrkräfte vertrauensvoll und auch im eigenen Interesse guten Unerrichts(klimas) ein Gespräch mit einer VP führen können).

      Lehrer mit all ihren Stärken und Schwächen haben nun mal einen prägenden Einfluss auf Uterricht, Lehrplan(umsetzung) und den Lernort Schule. Da ist die Frage nach der Auswahl von Lehrmaterial durchaus relevant und jenseits von der „doof“-Formulierung berechtigt.

    3. >“mit Grausen erinnere ich mich an meine Englischlehrerin, die bei “Shakespeare in love” wegen der nackten Haut fast einen Herzanfall bekommen hätte“

      jeder reagiert anders auf nackte haut.
      und wehn sie dias erschreckte heisst das nicht gleich, dass sie prüde ist.

      >“an meine Deutschlehrerin, die irgendwann verschwunden war und wie ich nachher erfahren habe seitdem in stationärer psychotherapeutischer Behandlung ist.“

      eine frage ist hier: woher kommen depressionen etc.?

      1. Sollte nur beispielhaft zeigen, dass Lehrer eben auch nur Menschen sind (und hätte, wie oben geschrieben, eigentlich als Antwort zu Kommentar #2 gehört). Und manche davon sind eben auch seltsam. Schlimm genug, denen dann die Erziehung (eigentlich ja Unterrichtung, aber Erziehung ist eben auch dabei) von Kindern anvertrauen zu müssen. Aber ich würde mir schon wünschen, wenn bei Lernunterlagen nochmal jemand drüberschauen würde.

        (Von Depressionen war keine Rede. Sah eher nach Manie oder Schizophrenie aus. Religiöse Wahnvorstellungen und hysterische Anfälle waren auch dabei. Aber egal. Ich möchte nicht wissen, was die damals den armen Kindern erzählt hätte, wenn sie sich nicht an ein Lehrbuch hätte halten müssen.)

  4. Eine öffentliche Prüfstelle ist wünschenswert, um das Stigma der schlechten Qualität loszuwerden. Aber dann bitte nicht durch einen Verband, der auch Autoren vertritt, deren Berufsfeld durch OER gefährdet wird.

  5. Eine Prüf- und Miterstell-Stelle fände ich durchaus positiv.
    Könnte man ja die Millionen nehmen, die derzeit an die Schulbuchverlage als „Kopiergeld“ abgedrückt werden, obwohl schon zwei Mal nicht festgestellt werden konnte, dass diese durch das Kopieren irgendwelche Nachteile haben.
    Ein Verbot von Material sollte aber nur in Ausnahmefällen und nur auf das Material bezogen möglich sein (Ein „Infoblatt“ zur Verfettung der Gesellschaft mit Sätzen wie „beim Abnehmen hilft Präparat X“). Anhand der Bewertung (und Kommentierung) kann der Lehrer ja entscheiden – vllt. ist ja auch gerade solche „Werbung“ gesucht im Ethikunterricht ;)

    So spontan fallen mir als Mitarbeiter dafür Lehrer ein, die aus gesundheitlichen Gründen keinen Unterricht mehr machen können. Extrembeispiel: Wer bei einem Unfall beide Beine verloren hat, kann immer noch Texte bewerten/erstellen.

  6. Warum werden hier eigentlich nur Material kritisiert, hinter denen wirtschaftliche Interessen stehen könnten. Es gibt genauso Schulmaterialien, die von anderen Organisationen herausgegeben werden und weitaus schlimmer sind. Unter dem Deckmantel guter Interessen wird scheinbar wissenschaftliches Material geliefert in Wirklichkeit aber einseitige Politik zugunsten eigener Wertvorstellungen geliefert. Besonders erschreckend ist da bspw. Greenpeace.

    1. Oh ja, eine Umweltorganisation ist wirklich ein wunderbares Beispiel für „schamlose Vertretung eigener Interessen“!!!1!

      Hallo? Eine Umweltorganisation vertritt Interessen von gefährdeten Tier- und Pflanzenarten (und des Weltklimas, eines lebenswehrten Lebensraumsfür alle Erdbewohnenden Arten etc.). Die haben NIX davon, wenn es der ehemals gefährdeten Art besser geht nach ihren Aktionen.

      Ja, Umweltorganisationen haben ein Interesse, für ihre Arbeit Geld aufzutreiben. Sie würden sich aber auch einfach auflösen können, wenn der durchschnittliche Mensch sich halbwegs vernuftbegabt nicht mehr ständig an der Ausrottung des Erdenlebens versuchen würde.

      Also, Klaus, was für ein PEINLICH SCHLECHTES Beispiel.

      1. Ihre Vorstellung, Organisationen könnten keine eigenen Interessen vertreten und deshalb nicht einseitig informieren, ist – gelinde formuliert – naiv.

        Im übrigen ist es mehr als schlechter Stil, Zitate zu fälschen. Von “schamlose Vertretung eigener Interessen” hat niemand hier geschrieben.

  7. Mit dem Thema Lobbyismus an Schulen beschäftigt sich auch die Organisation LobbyControl.
    Schaut man sich einige dieser kostenlosen Broschüren und Arbeitshefte von Unternehmen/Verbänden/unternehmensnahen Organisationen an, dann kann einem schon schaurig werden. Gute Beispiele sind in diesem Zusammenhang u.a. die Arbeitsmaterialien für junge SchülerInnen der Gentechnik-Interessenvertreter – wirft man dort einen Blick hinein fällt einem sehr schnell auf, dass objekive und ausgeglichene Darstellung der Vorteile/Nachteile des Ganzen anders aussieht.

    Hier ein Link zur LobbyControl-Webseite mit besagtem Stichwort:
    http://www.lobbycontrol.de/tag/lobbyismus-an-schulen/

    1. Gibts irgendwo einen Link zu besagter Broschüre der Gentechnik-Interessenvertreter? Zu solchen Themen ausgeglichene Informationen zu geben halte ich für schwierig. Vor allem weil wir in Deutschland fast nur über die Nachteile von Gentechnik sprechen. Bisschen wie in den USA wo weite Teile der Medien nur über die Kritik an Klimamodellen reden.

      1. Danke Felix. Muss aber sagen ich finde es eher positiv, dass auch mal die andere Seite dargestellt wird. Sonst werden ja immer nur Ängste geschürt vor der „bösen Gentechnik“ und der Bericht klang jetzt nicht so, als ob das total einseitig dargestellt wurde.

      2. Danke Felix! Wobei sich das für mich nicht so liest, als wäre das problematisch. Hauptargument dagegen ist ja „Da wird Gentechnik gar nicht negativ dargestellt“. Find ich gut, wenn Gentechnik nicht pauschal als „böse“ dargestellt wird. Wir sind schon wissenschaftsfeindlich genug.

    2. Bei LobbyControl sollte man bedenken, dass deren Akteure fast ausschließlich aus dem Umfeld Linke/Grüne kommen und gerade bei Umweltthemen selbst einseitig berichten. Kritik von LobbyControl würde ich nicht einfach so glauben.

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