Krieg als soziales Event: #GazaUnderAttack und #IsraelUnderFire in allen sozialen Netzwerken

„Sehr seltsam und beunruhigend“ nennt es Joseph Flatley bei The Verge: Die Berichte über den Krieg zwischen Hamas und Israel vermischen sich zu einem Brei aus Gewalt, Todesopfern, Vorwürfen – und Tweets, Blogposts, Bildern und Videos. Das Bild links findet sich zum Beispiel auf dem offiziellen Flickr Account der Israelischen Streitkräfte IDF, ebenso wie 93 weitere, die seit Ausbruch des Konflikts gepostet wurden. Dazu 20 Blogposts, etliche Einträge bei Twitter, ein YouTube Channel, Instagramm und fast 400 Tweets in den letzten zwei Wochen:

Wir finanzieren uns fast vollständig aus Spenden von Leserinnen und Lesern. Unterstütze unsere Arbeit mit einer Spende oder einem Dauerauftrag.

Share this if you support the IDF“ steht da bei Facebook auf einem Bild mit lächelnden Soldaten, es finden sich Grafiken mit den Zahlen der abgefeuerten Raketen, dazwischen Bilder von verängstigten Kindern. 286000 Menschen gefällt das.
Joseph Flatley versucht, sein seltsames, beunruhigendes Gefühl dabei auszudrücken:

But by reducing Pillar of Defense to #PillarOfDefense, Twitter is taking a large, complicated event and breaking it down into small, constituent parts that have little impact in and of themselves. Just as easily as a grassroots activist group anywhere in the world might use Twitter to communicate the news, @IDFspokesperson is using Twitter to neutralize the news.

By making sure the conversation takes place in this restricted forum, @IDFspokesperson is limiting the possible responses. When I say that the IDF has turned a military operation into a #hashtag, I’m not being cute. I’m saying that it’s transformed an act of war into a social media event. And once #PillarOfDefense has become equal in our mind to #VMA2010 or #YOLO, it will be tough to evoke a stronger response than this: “ *grabs popcorn* „

Auch die Hamas twittert unter @AlqassamBrigade, und nicht weniger als die IDF. Da werden Vergeltungsmaßnahmen dokumentiert, Bilder von zerstörten Gebäuden gepostet und getötete Soldaten und Zivilisten benannt. Es sind jedoch vor allem Aktivisten, die auf Seiten der Palästinenser online Informationen verbreiten:

While Hamas’ social media efforts have been clumsy, independent activists have driven the narrative on the Palestinian side, as young Gaza residents rush to hospitals to take and upload photos and video of the carnage. They’ve been able to effectively disseminate disturbing pictures of violence, such as shots of small children wounded by shrapnel, allegedly from Israel’s air strikes.

Worum handelt es sich also bei den bloggenden, twitternden Kriegsparteien? Eine Popularisierung von Regierungskommunikation? Auf dem IDF-Blog finden sich mittlerweile sogar Gamification-Elemente. Diese waren im Juli bereits online gestellt worden: „IDF Ranks – Become The Ultimate Virtual Soldier!„, sind aber jetzt erst wieder auf der Startseite zu finden. Punkte gibt es zum Beispiel für das Verbreiten der Bloginhalte in Sozialen Netzwerken. John Mitchell von ReadWrite hat bei einem Sprecher nachgefragt:

An IDF spokesperson tells ReadWrite that „over the past two days the blog has experienced technical difficulties due to high traffic, and ‚IDF Ranks‘ was temporarily taken down to make necessary adjustments to our systems. In no way is ‚IDF Ranks‘ meant to gamify Operation Pillar of Defense or any military actions during the operation.“

Die Beschreibung des „IDF Ranks“ lautet: „IDF Ranks promotes YOU for your activities around IDF-related material. Your every action — commenting, liking, sharing and even just visiting — rewards your efforts, as well as helps spread the truth about the Israeli army all over the world.“ und dann „Play now“. Dieses „Spiel“ war vielleicht nicht dazu gedacht, Kriegs-PR zu gamifizieren – doch ist es genau das, was gerade geschieht.

Diese Fülle an Informationen und Propaganda führt vor allem dazu, sich in den Vordergrund zu setzen und dadurch Deutungshoheit erlangen zu können.

Military spokeswoman Lt. Col. Avital Leibovich said that in the four years since Israel and Hamas last dueled, an „additional war zone“ developed on the internet.
„I’m sort of addicted to Twitter, you can say. It’s a great tool to release information without the touch of editors‘ hands,“ she said. „Militaries are usually closed operations, but we’re doing the opposite.“

Ob es wirklich der „Wunsch nach hegemonialer Popularität der eigenen Weltsicht“ ist oder einfach das Übertönen der Gegner durch ein Allround-PR-Paket – es lässt den Krieg wie ein soziales Event erscheinen und nutzt dazu als neutral geltende Medien, die Millionen von Menschen alltäglich benutzen. Von einem „Social-Media-Battle“ wird da gesprochen – Über 100 Menschen sind bisher gestorben.

Was sagen die Betreiber der Sozialen Netzwerke eigentlich dazu?
In den Twitter-Regeln heißt es zwar „Du darfst keine expliziten, spezifischen Gewaltandrohungen gegen andere veröffentlichen oder posten“, zu den Tweets von IDF und Hamas äußert sich jedoch niemand. Facebook und Yahoo verkündeten, nicht einzugreifen.

The ultimate question for these Web giants: Is this a speech issue, or a safety issue? Will Twitter, Facebook and even Yahoo — Flickr’s owner — eventually step in if the situation escalates? Or will they let this play out over the course of the IDF’s campaign?
And at what point is global policy exempt from the standard terms of service agreements written by Twitter, Facebook and the like? Should a declaration of warfare via Twitter be considered a “direct and specific threat,” or a matter of foreign policy no different than a political address carried out over a broadcast network?
We’re in new territory here. Perhaps territory these social giants never thought they’d cross. As the warring factions trade tweets as quickly as they do weapon fire, we’ve nothing to do but watch and wait.
And of course, refresh our streams.

Weitersagen und Unterstützen. Danke!
8 Kommentare
  1. Was erwartet ihr?
    Das Internet ist das echte Leben.

    Sagt bloß, ihr habt doch ein Herz für Zensur, wenn es manche Dinge wie Diskussionen, Solidaritätsbekundungen, Propaganda nur offline geben soll?.

    Entweder alles oder nichts. Online ist das neue offline.

    1. Meinst du wirklich dies sei das wahre Leben? Im Netz kann man doch viel leichter manipulieren und eine Person/Rechner kann etliche Profile verwalten. Dafür wurde doch sogar an Software gebastelt. Geht aber auch ohne…ist aber zeitintensiver.

  2. Erinnere mich noch gut an den Beitrag von Nic Gowing, BBC vom UN Weltgipfel für die Informationsgesellschaft, Genf, wo er zum Thema wie online die Kriegsberichterstattung ändert einen Beitrag beisteuerte. Das zwar sozusagen „im letzten Krieg“ aber falls jmd. Zugriff auf das BBC Archiv hat, ich leider nicht, das war exzellent.

    Damals war noch alles so positiv und aufklärerisch, das Netz als das Ende von unhaltbarer Propaganda der Kriegsparteien. Spätestens seit dem Kony-Video sollte jeder seine professionelle Gänsehauterfahrung haben ;-) Der Krieg als Vater aller Dinge, einfach mal wieder beim Friedrich Kittler blättern.

  3. die erklärung ist, dass die ereignisse dahinter für die beteiligten real sind. für die bevölkerung in israel handelt es sich eben nicht um abstrakte ereignisse, mit denen man die eigene ideologie pflegen kann. die idf sind töchter, söhne, schwestern, ehemänner, die vor einigen tagen ihre handys abgeben mussten und irgendwo an der grenze zu gaza darauf warten ob man sich einigt oder nicht. darüber hinaus hat man natürlich erkannt, das heut zu tage nicht nur der vertrieb von joghurt auch online spuren hinterlassen muss, wenn man auch real mitspielen will. der vorteil für die unbeteiligten ist, dass man sich nun seine quellen aussuchen kann und nicht auf die einseitige berichterstattung der sogenannten qualitätsmedien angewiesen ist. dass man dabei auf die härten des lebens stösst, bspw in form von fotos von verletzten und toten, mag den satten mitteleuropäer hier und da überfordern, liegt aber in der natur der sache. die wahrheit, oder zumindest der weg dorthin, ist nicht immer vorabendprogrammtauglich.

    1. Volle Zustimmung.

      Man kann Kriegsbilder gar nicht oft genug zeigen. Zerfetzte Leiber, abgetrennte Gliedmaßen, Leichenberge: her damit! Nicht weil ich mich daran aufgeilte, ganz im Gegenteil.

      Mit welcher Leichtfertigkeit heute wieder „Einsätze“ gefordert und verteidigt werden, ist so abartig wie jene Bilder, die „man“ nicht sehen will – der KINDER wegen, versteht sich! Dabei wären die Vorgeschobenen, zumindest innerfamiliär, heutzutage vermutlich investigativer als der Qualitätsjournalismus auf gesellschaftlicher und politischer „Bühne“ (wie treffend).

      Wie beschämend, wenn „man“ sich fragen lassen müsste, warum die Gezeigten (darunter auch Kinder) so grausam sterben müssen. Wer das macht, und wer das zuläßt. Warum DIE das dürfen? Die Eltern will ich sehen, die erklären, daß sie selbst auch – mittels Wahl – das Mandat dafür erteilt haben. Und warum Neger- und Araberkinder weniger wert sind.

      Bei Knopps medialem Dauerbeschuß die Grausamkeit des Krieges betonen, den Angewiderten geben, den Unverständnis Äußernden ob des Erfolges der doch so leicht zu durchschauenden Propaganda; und dann erklären, daß man beispielsweise auch Obama wählte – schon allein des Charismas wegen!

      Pfui, welche Schande.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.