Kultur

Bücher freikaufen: Mit unglue.it zum Creative-Commons-Buch

Mit www.unglue.it geht ein neues Projekt an den Start, dass eines der drängenden Probleme des heutigen Urheberrechts angehen will: Verwaiste Vergriffene Bücher, die nicht mehr publiziert werden und kaum zu bekommen sind, sollen gegen einen vom Rechteinhaber vorgegebenen Preis „freigekauft“ werden. Dieser Zielbetrag – bisher wurden zwischen $6.000 und $20.000 pro Buch aufgerufen – soll von der Leserschaft gecrowdsourced werden. Sobald er erreicht ist, erhält der Rechteinhaber den Betrag. Das Buch wird unter Creative-Commons-Lizenz veröffentlicht und steht als DRM-freies eBook zum Downloaden, Lesen und Verbreiten bereit.

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Spender, die eine CC-Veröffentlichung ermöglicht haben, sollen kleine „Goodies“ wie eine signierte Ausgabe des Buches oder eine Nennung im eBook erhalten. Für den Rechteinhaber ändert sich auch nach dem „Freikauf“ eines Buches nicht viel: Da die verwendete Creative-Commons-Lizensierung CC BY-NC-ND eine kommerzielle Nutzung und eine Veränderung des Werkes ohne Genehmigung ausschließen, können sie weiterhin an einer Druckauflage und Merchandise verdienen.

Während auf der eigens angelegten Wunschliste Werke wie Douglas Adams „Hitchhiker’s Guide To The Galaxy“ oder Stephen Hawkings „A brief history of time“ auf Unterstützer warten, wurde das eher unspektakuläre „Oral Literature in Africa“ von Ruth H. Finnegan bereits für $6.000 befreit.

Das gut ausgebaute FAQ beantwortet auch die Frage „Why does Unglue.it exist?„:

Because legal stickiness means you can’t reliably lend or share your ebooks, borrow them from the library, or read them on the device of your choice. Because — like public radio — ebooks are expensive to create but cheap to distribute, so covering their fixed costs and reasonable profit up front can be an appealing system for authors, publishers, readers, and libraries. Because we all have books we love so much we want to give them to the world.

Dass sich unglue.it dabei mit sechs Prozent der eingenommenen Summe refinanziert, mag zwar angemessen erscheinen. Schade aber, dass sich die Information (genau wie der Hinweis auf die verwendete CC-Lizenz) im Rechtinhaber-FAQ versteckt.

UPDATE: Leonhard Dobusch hatte gerade zu einem Zeit-Online-Artikel zum gleichen Thema gebloggt.

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12 Kommentare
  1. Klasse, dass dieses Projekt an den Start gegangen ist! Wäre es eine gute Idee regionale wie nationale Unternehmen im Rahmen der „Befreiung“ einzubinden? Beispiel: Ein mittelständisches Unternehmen und der Rechteinhaber (Autor) schliesen sich über eine Plattform zusammen; dass Unternehmen stellt z.B im Vorwort seine Untermehmens-Philosophie vor und dass Geld kommt so schneller zusammen. Geld von Unternehmen und Privat im Rahmen der Creativ Commons. Oder mein Gedanke völliger Unsinn?

    1. Hm… die Vorstellung, im Vorwort eines e-Books (z.B. Ender’s game) das Firmenporträt eines Galvanikunternehmens am anderen Ende der Republik zu lesen, ist schon ein wenig skurril.
      Und da der überwiegende Teil der Titel englischsprachig ist, musst du für dein Vorhaben schon internationale Konzerne finden, sonst bringt die Werbung nichts – und die brauchen sie nicht, sondern machen eher aus Mäzenatentum mit.

  2. Da ist Dir in den ersten Zeilen eine terminologische Ungenauigkeit unterlaufen: „Verwaiste Werke” sind solche, deren Urheber oder Rechteinhaber nicht mehr zu ermitteln ist.

    Was Du aber meinst, sind „vergriffene Werke”, deren Urheber/Rechteinhaber bekannt ist, die aber niemand kaufen kann, da sie nicht mehr gedruck werden.

    Gruß,
    Peter

    1. Ich habe mir das Projekt schon vor einiger Zeit mal angesehen, weil ich die Idee interessant fand, aber wenn ich mir die Bücher so ansehe, dann weiss ich nicht, ob ich oder ihr das Projekt richtig verstanden habt:
      ich kenne von den Büchern die im Screenshot gelistet werden nur zwei. Beide kann ich problemlos (neu!) kaufen.
      Sowohl Stephen Hawking als auch Douglas Adams sind in diversen Edition, z.T. sehr preiswert und beide auch als EBook (Kindle) schnell bei Amazon zu finden. Die sind auch nicht irgendwie zensiert worden oder sonst wie kritisch, das sie schwierig woanders zu finden sind.
      Da frage ich mich schon, was bezweckt wird, wenn ich beide Bücher legal gedruckt oder als EBook neu für unter 12 Eur kaufen kann. Oder ich leihe mir das aus der Bibliothek aus (in DE vielleicht besser möglich, als anderswo).
      D.h. für mich, diese beiden Werke sind weder vergriffen, noch verwaist. Für D.N. Adams gibt es Erben, die in dem Falle ansprechbar sind und aus meiner Sicht auch einfach zu ermitteln sind, S. Hawking ist direkt ansprechbar, da er noch am Leben ist.
      Für die anderen Werke mag das gelten, das sie verwaist, vergriffen oder beides sind, aber mind. für diese beiden nicht, deshalb sehe ich da auch wenig Sinn, dafür zu zahlen, das es diese Bücher als kostenlose eBook-Ausgabe unter CC-Lizenz gibt. Da könnte ich genauso gut – oder besser – für eine Bibliothek spenden.
      Ich finde auch, das sowohl verwaiste, als auch vergriffene Bücher ein Problem sind, nur wenn ich mir die Beschreibung auf der Website so ansehe, ist das kein direkter Lösungsansatz dazu, sondern das Projekt streift das Problem eher, geht aber in eine andere Richtung:
      Der Schaffung einer freien Grundlage, sog. Allmende (Commons), d.h. kostenlose Bücher.

      1. Ich habe das wohl etwas unglücklich formuliert: Der „Anhalter“ und Hawking wurden durch die Community am häufigsten vorgeschlagen, darauf dürften die Macher des Projektes keinen Einfluss haben.
        Solche Werke lassen sich auch noch gut auf herkömmliche Weise digital monetarisieren. Auf den Verkauf der gedruckten Ausgabe hat eine CC-BY-NC-ND-Lizensierung des Werkes de facto sowieso keinen Einfluss, da ja jeder Nachdruck verschenkt werden müsste.
        Ich vermute, dass sich unglue.it in erster Linie an kleinere und sehr genre- bzw. zielgruppenspezifische Verlage wendet. So kann ein z.B. ein Fantasy-Verlag die Herausgabe alter Werke als eBook im Voraus risikofrei direkt über die Fangemeinde monetarisieren. Das kann unter Umständen sogar bessere Konditionen bieten als ein Verkauf über Reseller, auch die Raubkopie-Problematik wird so vermieden.

  3. Noch ein paar Zahlen, die das Ausmaß des Problems verwaister/vergriffener Werke veranschaulichen:

    Beispiel Print: Weniger als 2% aller urheberrechtlich geschützten Werke europaweit sind käuflich zu erwerben. Die anderen 98% sind vergriffen. Von diesen 98% wiederum sind geschätzte 5-40% verwaist, d.h. der Urheberrechtsinhaber ist nicht mehr zu ermitteln. (Quelle: S. 5 dieses PDFs: http://www.museumsdokumentation.de/tagung2010/download/vortraege/Jaeger_ARROW.pdf). Mit all diesen Werken läßt sich also keinerlei Profit generieren, trotzdem verbietet das UrhG jegliche Publikation, obwohl (nicht nur auf dem Wissenschaftssektor) ein erhebliches gesellschaftliches Interesse an der Zugänglichkeit besteht.

    Beispiel Bewegtbild: Z.Zt. gelten 50.000 Filmwerke, vornehmlich nicht-fiktionales Material (Dokumentationen) als verwaist und sind damit jeglicher Nutzung entzogen. (Quelle: S. 10 dieses PDFs, Primärquelle leider nicht mehr online: http://www.museumsdokumentation.de/tagung2010/download/vortraege/Jaeger_ARROW.pdf).

    Durch den riesigen Reformstau des Urheberrechts, durch den im Falle Print fast das gesamte gedruckte kulturelle Archiv (98%!) des jeweiligen Sprachraums verloren zu gehen droht, sind solche außergewöhnlichen Ideen wie unglue.it (und ihre mögliche Trendsetter-Funktion) nicht hoch genug einzuschätzen.

    Gruß,
    Florian

  4. Super! Das reiht sich wunderbar zwischen jamendo.com (CC Musik) und vo.do (CC Filme) ein – endlich auch eine Plattform für CC Text!

    Hmm, hoffe nur, dass es den Betreibern von unglue.it nicht zum Verhängnis wird, dass sie sich vor dem Start keine populärere Autoren, exklusive Deals, mit ins Boot geholt haben.

    ACTA ist vorbei, die Content Mafia und Politiker werden vorsichtiger sein und erst einmal alles abklingen lassen. Das CC Popularitätswachstum wird also vermutlich in den nächsten Monaten ein bisschen weniger Wind in den Segeln haben?

    Flattr zum Beispiel hatte da den Start besser gemacht, die hatten sofort/sehr früh Netzpromis wie Sunde und Pritlove.

  5. Insgesamt eine erstklassige Idee. Ich sehe nur ein einziges Problem dabei: Bücher, die aufgrund der Tatsache, dass sie nicht mehr hergestellt werden, einen hohen Sammlerwert besitzen, könnten dadurch einen starken Wertverlust erleiden, dass sie plötzlich unter CC verfügbar sind.

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