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UK-Studie: kaum empirische Belege für ökonomischen Sinn ‚geistigen Eigentums‘

Im letzten Jahr hat Premierminister David Cameron eine unabhängige Studie zu der These in Auftrag gegeben, dass Gesetze für geistiges Eigentum Wachstum und Innovation förderten. Immerhin: Diese Behauptung gilt in weiten Teilen der Welt als unantastbare Wahrheit.

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Geleitet wurde die Studie von Ian Hargreaves, Professor für Digital Economy an der Cardiff University, der sich ein Panel von Experten zur Seite stellen ließ. Die Studie ist nun abgeschlossen und steht zum Download bereit.

Darin finden sich so schöne Formulierungen wie:

Wir fordern die Regierung dazu auf, in der Zukunft ihre Richtlinien anhand von wissenschaftlichen Belegen, statt Lobbying zu gestalten. […]

In Copyright-Fragen waren die Minister eher durch Lobbying der Rechteinhaber, als durch ökonomische Studien zu überzeugen […]

Viele der Daten, die gebraucht werden, um empirische Belege zu erlangen, sind in privater Hand. Der Öffentlichkeit werden daraus hauptsächlich auschnitthaffte ‚Beweise‘ für die Argumente der der Lobbyisten vorgetragen, statt unabhängig überprüfte Untersuchungsergebnisse.

Hargreaves schließt mit 10 Empfehlungen. Die erste lautet: Untersuchungen und Belege sollten die Regulierung bestimmen, nicht Lobbyismus. Er hat das Wort ‚unabhängig‘  und seinen wissenschaftlichen Forschungsauftrag wohl ernst genommen, statt es nur als Schmuck für weitere Lobbyarbeit zu missbrauchen.

Die gesamte Studie als pdf gibt es beim UK Intellectual Property Office zum Download (direkt-pdf). Zusätzlich wurde übrigens auch eine Auswahl der wichtigsten Quellen und Dokumente und veröffentlicht.

Update: Es gibt sogar schon einen deutschen Wikipedia-Artikel dazu.

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15 Kommentare
  1. Und damit wurde jetzt bewiesen was die menschen schon lange wissen ….
    (ich zähle politiker und die mächtigen der Wirtschaft nicht als menschen)

  2. Wie ich schon vorgestern bloggte (:-)) finde ich die Studie inhaltlich ja nicht soo spannend, also halt das was eh schon lange gesagt. Spannender aber, dass David Cameron sie persönlich in Auftrag gegeben hat + Regierung und Industrieverbände sie tatsächlich ernst nehmen. Dürfte eines der wirklich wenigen Zeugnisse sein, dass in Europa regierungsnah etwas erschienen ist, was nicht dauernd mehr, mehr, mehr fordert.

  3. ich zähle politiker und die mächtigen der Wirtschaft nicht als menschen

    Na bravo. Mit derart hirnloser Wutbürgerrhetorik verschafft man seinen legitimen Interessen bestimmt erfolgreich Gehör. Nach welchen Kriterien urteilen Sie denn über das Menschsein eines Homo Sapiens?

  4. Autsch! Das dürfte der ehrenwerten Gesellschaft der Verwerter nicht gefallen. Na, egal. Leute wie Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) haben die im Sack. Wir erinnern uns:

    Kinderpornografie ist großartig. Sie ist großartig, weil Politiker Kinderpornografie verstehen. Indem wir diese Karte ausspielen, können wir sie zum Handeln und zum Blockieren von Websites bringen. Und wenn sie das erst einmal gemacht haben, dann können wir sie dazu bringen, Filesharing-Sites zu blockieren.

    Leutheusser-Schnarrenberger hat sich zwar vordergründig gegen Netzsperren ausgesprochen, aber ihre Politik des „geistigen Eigentums“ läuft unausweichlich darauf hinaus.

  5. Vielleicht ist da der angegebene Link nicht ganz richtig, aber was ich (im Executive Summary und im Kapitel über Patente, gelesen habe differiert ein bisschen vom Artikel.

    Nicht das Patente Usinn wären, sondern das in letzter Zeit immer mehr Unsinn damit gemacht wird.

    Das -speziell in UK- Design deutlich mehr geschützt werden muss.

    usw.

    1. Nein, es differiert nicht.
      In diesem Artikel wird nur das Themenfeld Lobbyismus vs. Empirie behandelt. Dass Hargreaves keine Copyright-Gegner ist (wie blöd wäre Cameron gewesen, ihn zu beauftragen?) stärkt aber nur die Bedeutung seiner Worte in diesem Bereich.

  6. „UK-Studie: kaum empirische Belege für ökonomischen Sinn ‘geistigen Eigentums’“

    Warum benutzt Netzpolitik den Kampfbegriff „geistiges Eigentum“? Wäre es nicht viel sinnvoller, von Urheberrechten bzw. Copyrights zu sprechen?

    Kann man das Ergebnis der Studie so wie in der Überschrift zusammenfassen? Geht es nicht, ganz im Gegenteil, bei der Studie darum, die Bedeutung von Copyrights für ökonomisches Wachstum nachzuweisen. Dazu braucht man nur die Überschrift des „Executive Summarys zu lesen: „Intellectual Property is important to growth“ (zit. nach HARGREAVES 2010. 3).

    Wofür es nach Ansicht von Hargreaves keine empirischen Belege gibt sind der Umfang illegaler Aktivitäten und der dadurch (angeblich) verursacht Schaden (vgl. HARGREAVES 2011.6).

    Das ist ein kleiner, aber entscheidender Unterschied.

  7. Würde mich auch sehr interessieren, wie sich der Satz „Intellectual Property is important to growth“ aus der Studie mit der Überschrift vereinbaren lässt.

    Vielleicht kann der Poster das mal erläutern.

    1. Aber gerne! Zwar hat Frank das bereits getan, aber auch ich bestätige gerne nochmal, dass zu sagen „es gibt keine vernünftigen empirischen Belege“ noch lange nicht heißt, dass er der Meinung ist, dass IP generell schlecht sein soll. Im Gegenteil: Er rät ja dazu, diese möglichst bald zu beschaffen, und zweifelt nicht daran, DASS es sie geben wird.
      Dass da eine gewisse Dissonanz zu erkennen ist, gebe ich gerne zu, das kann der Autor der Studie dir sicherlich besser erklären, als ich. Dass diese Punkte aber ausgerechnet von einem IP-Befürworter kommen, unterstreicht nur, wie r/wichtig sie sind.

  8. Selbst wenn der Report jetzt die Basis aller zukünftigen (empirischen) Diskussionen ist, und sich darauf noch weitere Studien aufbauen würden – unsere Politik und Gesellschaft ist so stark einseitig beeinflusst durch den Lobbyismus, dass selbst bei einem kompletten Reset aller Gesetze die Diskussion zu neuen Regelungen sofort im Rahmen einer Glaubensfrage wieder in die derzeitigen Regelungen führen würde.

    Ich glaube nicht das der Report jetzt einen Paukenschlag darstellt und irgendwelche politischen Auswirkungen hat.

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