Kultur

Ein weiterer Rückschlag für Whistleblower

Auf Spiegel Online erschien gerade eine Vorabmeldung für ein Interview, das CCC-Vorstandsmitglied Andy Müller-Maguhn gegeben hat, und das wohl erst am Montag im Print-Spiegel erscheinen wird. Das ist deshalb etwas ungünstig, weil diese Ankündigung die etwas sehr drastische Überschrift „Hacker distanzieren sich von OpenLeaks“ trägt. Im eigentlichen Interview hat Andy sich aber auch zu anderen Aspekten geäußert, vor allem dazu, warum der CCC sich aus der Vermittlungsposition zwischen Open- und Wikileaks zurückzieht.

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Dass man bei SpOn in Vorbereitung auf den lauen Sonntag gerne mal noch etwas Schaum schlägt, ist allgemein bekannt. Gnadenlos spekulär muss alles sein. Fefe, der gerne das „ehemalige Nachrichtenmagazin“ kritisiert, macht es in seiner Meldung zu diesem Artikel auch tatsächlich besser. Er erklärt die Affäre um die verschlüsselte Festplatte, die DDB bei Wikileaks mitgenommen haben will, um sie Julian zurückzugeben, wenn er für die Sicherheit der Daten garantieren kann:

Der CCC hat sich dann angeboten, als die beiden Parteien nicht miteinander reden wollten, als Mittelsmann bei der Übergabe zu helfen, und damals auch die Zusage von Daniel gekriegt, dass wir die Platte innerhalb von zwei Wochen übergeben kriegen. Das war vor 11 Monaten. Seit dem ist nichts passiert. Daher gibt Andy Müller-Maguhn jetzt auf und stellt offiziell das Angebot ein, die Daten übergeben zu wollen.

Auch Kai Biermann stellt auf Zeit Online den Sachverhalt sehr viel nüchterner dar. Überspitzt könnte man sagen: Zwei Hacker zanken sich um eine Festplatte. Wer nicht in der Lage ist, so etwas wie Erwachsene zu regeln, dem rechnet man immer weniger zu, bis man irgendwann gar nichts mehr damit zu tun haben möchte.

So weit, so gut. Warum der Rückzug aber nicht einfach intern, sondern mit einem solchen Paukenschlag stattfinden musste, wird nur Andy wissen. Vermutlich fürchtet er um das Ansehen des Clubs und ist nicht bereit, dieses als unfreiwilliger Bürge für ein System aufs Spiel zu setzen, das man mangels Einsicht nicht ausreichend beurteilen kann. Ohne Frage spielen auch einige persönliche Enttäuschungen eine Rolle, auf die ich hier gar nicht weiter eingehen möchte. Weil sie nämliche egal sein sollten:

Die Reife für eine so verantwortungsvolle Aufgabe wie das Betreiben einer Leaking-Plattform zeigt sich in der Fähigkeit, von eigenen Eitelkeiten Abstand zu nehmen. In dieser Hinsicht haben sich bisher fast alle öffentlich in Erscheinung getretenen Personen früher oder später disqualifiziert. Das ist kein Zufall, sondern normal, wenn man sich in den Fokus der medialen Öffentlichkeit stellt. Ich habe das vor einigen Monaten schon einmal in meinem Artikel zur Domscheit-Berg-Assange-Schlammschlacht angesprochen.

Sehr selten fordert eine Person die andere zum Medialen Schlamm-Duell heraus. In der Regel wird die Schlammschlacht von den Medien selbst lanciert, ausgewertet, und dann, wenn alle Beteiligten dort sind, wo man sie haben möchte, als erbärmlich angeprangert.

Und so wird jetzt auch OpenLeaks hoch- und runtergeschrieben. Die einzigen Leidtragenden sind dabei die demokratische Öffentlichkeit und potenzielle Whistleblower. Wir alle sind uns einig, dass wir eine Leaking-Plattform (besser viele) haben wollen. Viele von uns wissen auch, dass die technische Seite keine Hexerei ist. Mit einer Kombination bestehender Verschlüsselungs- und Anonymisierungtechniken lässt sich ein sicheres Submission-System bauen. (Die eigentliche Herausforderung, den Umgang mit den eingereichten Materialien lasse ich jetzt mal außen vor)

Stattdessen blockieren wir uns seit einem knappen Jahr mit Kindereien. Diese Spiegel-Nummer ist nur eine weitere davon ein erneuter Rückschlag. Im Fegefeuer unserer Eitelkeiten sähen wir uns selbst Angst, Unsicherheit und Zweifel. Die inhaltliche Kritik ist ohne Zweifel korrekt – wir sollten sie aber im Rahmen unserer gesellschaftlichen Verantwortung hier im Camp gemeinsam abarbeiten, und nicht in in der Presse. Auch nicht weil der andere damit angefangen hat.

Ich kann mit schwer vorstellen, dass Andy, auch wenn er in allen angesprochenen Punkten Recht haben mag, mit der Wirkung seines Interviews mittelfristig zufrieden sein wird.

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38 Kommentare
  1. Die Berichterstattung auf blog.fefe.de ist wirklich lesenswert. Das der CCC keine Siegel vergibt, ist nicht neu, und eigentlich bekannt, deshalb wäre es sinnvoller gewesen die Verfahren und Methoden auf dem Camp zu präsentieren anstatt, nach einem BlackBox-Versuch mit hackt uns bitte, und wenn wir keine Fehler findet, gehen wir online.

    Schade das OpenLeaks es nicht verstanden hat die notwendige Transparenz zu schaffen, es wäre sicherlich auch sinnvoll von der Organisation DDS aus der Schusslinie zu nehmen, oder wenn es um das Projekt bzw. die Plattform gegangen wäre, hätte er sich aus der Schusslinie genommen, insofern trifft ihn die mediale Diskredition hart, aber irgendwie doch gerecht.

  2. Soweit ich mich erinnere, ist der Spiegel eines der wenigen Medien, die mit Wikileaks nicht im Streit auseinander gegangen sind, insofern hat es mich nicht gewundert, diese reißerische Schlagzeile zu lesen. Ob dass aber wirklich eigenen Zwecken dient oder persönliche Sympathien abbildet, kann ich natürlich auch nicht einschätzen.

    1. Wobei ich auf den dritten Blick, dass reißerisch zurücknehmen muss. Richtiger ist, wie Linus sagt, dass die Schlagzeile drastisch klingt, aber diese Darstellung ist inhaltlich nicht völlig unbegründet. Mag sein, dass sich der Streit um die Daten eigentlich auf Wikileaks und seinen ehemaligen Mitarbeiter bezieht und insofern der Rückzug der CCC-Vermittlung nur peripher etwas mit Openleaks zu tun hat. Aber auch die Systemüberprüfung auf dem Camp scheint ja Unstimmigkeiten hervorgerufen zu haben. Da, von Distanzierung zu sprechen, ist eine mögliche Interpretation, insbesondere mit den saftigen Zitaten im Rücken.

    2. @Soweit ich mich erinnere, ist der Spiegel eines der wenigen Medien, die mit Wikileaks nicht im Streit auseinander gegangen sind

      Soweit ich weiß, haben Spiegelmitarbeiter DDB unterstützt das Buch zu schreiben und in der zeitgleich folgenden Reportage und einem Buch mit Rosenbach und Holger Stark die Schlammschlacht unterstützt.

  3. „Die inhaltliche Kritik ist ohne Zweifel korrekt – wir sollten sie aber im Rahmen unserer gesellschaftlichen Verantwortung hier im Camp gemeinsam abarbeiten, und nicht in in der Presse.“

    Und Netzpolitik ist keine Presse?

  4. Nur so am Rande und eher nebensächlich: Es heißt säen und nicht sähen, denn Letzteres ist der Konjunktiv von sehen. Das aber ist nicht gemeint. Der Satz hakt aber auch inhaltlich.

    1. Genau das war mir auch aufgefallen. Alles geht den Bach runter! Und SpOn schrieb vor ein paar Tagen in einem Beitrag über die GEZ von „Datenbänken“! Nein, das ist nicht nebensächlich und randständig. Mit der richtigen Sprache fängt das richtige Denken erst an.

  5. Ich würde mich freuen, wenn es auf diesen Plattformen endlich mal wieder ums Leaken gehen würde, nicht um die Plattform.
    Vielleicht kann ja mal einer die blöde Festplatte leaken, dann ist das mal vom Tisch. (Und ich hab endlich mal wieder was zum Lesen)

  6. Eigentlich brauchen wir keine weitere Leak-Plattform im www. Wie man immer wieder sieht, ist die Technik und die Personen angreifbar. Was wir brauchen, sind Seiten, die Tor (hidden service), Freenet und/oder I2P erklären und dann eine Leak-Plattform, die innerhalb dieser Netze operiert.

  7. Ich finde solche Plattformen sehr wichtig, doch sollten sie nicht von jemanden abhaengig sein. Man hat ja gesehen was bei WL dabei herausgekommen ist. Persoenliche Streitigkeiten sollten da rausgehalten werden.

  8. Wofür braucht man eigentlich eine Whistleblowerplattform? Das Video, in dem die amerikanische Hubschrauberbesatzung Zivilisten erschießt, hätte Manning doch auch aus einem Internetcafé auf youtube einstellen können.

    1. Weil eine der wichtigen lehren aus der ganzen Geschichte um Wikileaks ist, dass es nicht reicht Informationen zu veröffentlichen. Die Informationen müssen zudem aufbereitet werden und einem breiten Publikum nahe gebracht werden. Und leider erfüllen diese Anforderungen an Personal und Reichweite aktuell im Grunde nur die oldschool Medien (Zeitungen, Magazine, Fernsehen).

      Ein Video mag da noch das einfachste Beispiel sein, da es relativ schnell zu konsumieren und einzuordnen ist. Bei 150k einzelnen Dateien aus einer Quelle sieht das schon ganz anders aus. Leider.

    2. 1. Video wird mit *fake* – Kommentaren gespamt
      2. Video wird von yt in den banfilter aufgenommen
      3. Video wird (sofern sich ein streisandeffekt zeigt) zum Machwerk von Verschwörungstheoretikern erklärt
      4. Intern wird ermittelt wer’s gewesen sein könnte.

      Im Idealfall könnte eine Whistleblowerplattform gegenüber den Medien die Authentizität des Materials verteidigen und die Enttarnung der Quelle erschweren, was hoffentlich andere dazu ermutigt, potentielle Verbrechen in großem Maßstab zu enttarnen.

  9. Bei aller Freude am Spiegel-Bashing: ich sehe da keine reißerische Schlagzeile. Wenn ich mir das Zitat von Andy Müller-Maguhn ansehe, Fefes Blogartikel lese und den Zeitonline-Artikel scheint mir „Hacker distanzieren sich von OpenLeaks“ doch eine zutreffende und eher gemäßigte Formulierung…

  10. Ich verstehe den Hass und Neid nicht. Er hat immerhin etwas geliefert was, falls WL nicht überleben sollte, eine Alternative biete. Wie wäre es mal mit abwarten.

    Sein einziges Problem sind seine widersprüchlichen Aussagen über WL Material und das es, trotz aller Freundlichkeit, oftmals die selben Methoden wie JA benutzt. Irgendwann sollte man das bluffen sein lassen, besonders dann, wenn man viel Interviews gibt, der Gesamteindruck (der bei mir gar nicht so schlecht ist) leidet sonst.

    Alternativ: siehe Merkel. :)

  11. Ein bisschen Nachdenken hätte sicherlich nicht geschadet, und dann das Rumgezicke:

    „Wir sind im Vorstand des CCC überhaupt nicht glücklich darüber, dass Domscheit-Berg den Eindruck erweckt hat, OpenLeaks werde von unseren Leuten getestet und so mit einer Art CCC-Gütesiegel versehen“

    Wenn man nur lange genug bohrt, findet man immer etwas über das man unzufrieden ist oder was man falsch verstanden hat. Natürlich ist OL in erster Linie Medienshow, das gefällt nicht jedem, vor allem ist doch gar nicht so klar, was dabei DDB und was Medienquatsche ist. Medienquatsche ist nämlich auch das „… distanzieren sich von“ OL. Nun kann der nächste aufstehen und sagen, hey, „Wir sind im CCC überhaupt nicht glücklich darüber, dass Andy den Eindruck erweckt hat, wir distanzieren uns von OpenLeaks.“ usw. usf.

  12. Was ich sehr schade finde, das weder auf ccc.de noch auf openleaks.org etwas über die Vorgänge zu lesen ist, das sollte zum denken anregen.

    Ist ja nicht so, das Ausschluss aus dem CCC jeden Tag vorkommt, und es ist schade das ausschliesslich aus den Medien zu erfahren. Das ist exterm schlechte Pressearbeit, vom CCC ist man sowas aber gewohnt.

    Aus dem Artikel auf Golem über den Ausschluss von Daniel finde ich es interessant zu lesen,
    das Daniel vom CCC erwartet mehr als einen Vortragsslot erwartet.
    Auf dem Woodstock für Hacker, muss man auch als CCC Mitglied für seinen Kram selbst sorgen, sich zu beklagen das der Zeltplatz unangenehm ist und man keinen Container erhalten hätte.

    Für mich sieht das wie folgt aus:
    * Festplatte – wenn Daniel der Meinung war für die gelakten Daten Verantwortung zu übernehmen, dann soll er sie bitte auch behalten und Verantwortungsvoll publizieren. Mich würden die ganzen Iterna des CCC wirklich ineressieren.

    * Unterstützung für Openleaks, sich auf dem Camp Unterstützung zu erhoffen ist naiv, es fehlt leider auf den Seiten von OpenLeaks auch jedweder Hinweis, das man Menschen mit Kenntnissen such mitmachen lassen möchte.

    * Transparenz, es fehlt ein Repository für den Quelltext der es möglich macht teilzunehmen, als Auditor wie als Coder, Schreiber oder was auch immer. Die einzige Erklärung die ich habe, warum der Src nicht verfügbar ist, ist das er ziemlich unfertig ist und man seitens OpenLeaks Bedenken hat, jemand forkt das schneller und effizienter als OpenLeaks selbst, oder Medienhäuser machen das selbst.

    * Seitens OpenLeaks sollte man sich vor Augen führen, das der CCC mittlerweile eine politische Lobby ist, und man mit den Screenagern von Anon ebensowenig zu tun haben möchte, wie mit anderen Organisationen die den CCC als Vehikel nutzen.

    Es fehlt wirklich viel Transparenz, ich vermute mal Daniel wollte mit der Veröffentlichung seines Buchs, dem produktiven Start von OpenLeaks und der medialen Präsenz auf dem Camp zuviele Dinge auf einmal, und das hat jetzt massiv gegen ihn gearbeitet.

    Angefangen beim verspätetem Start der taz Plattform, was ein guter Aufhänger für die anderen Pressehäuser war, hat sich das richtig schön eskaliert im Sommerloch. Die verlorerne Ehre des DDB.

    Ich finde das Buch wichtig, auch wenn es nur eine Seite darstellt, ich finde OpenLeaks wichtig genug, das man das nicht auf eine Person in der Öffentlichkeit zentrieren sollte, denn das haben wir von WikiLeaks gelernt, das es nicht funktioniert.

    Ich habe lieber keine Plattform, als eine der man kein oder wenig Vertrauen entgegenbringt, ich vermute mal das OpenLeaks sich in Sachen Infrastruktur derzeit nicht viel von WikiLeaks unterscheidet.

    Schönen Sonntag.

  13. Nun, da wir ja alle wissen, wer bald von Netzpolitik, digitale gesellschaft und den angeschlossenen Linkfarmen und Astroturfing-Unternehmen als neuer CCC Vorstand vorgeschlagen werden dürfte, können wir ja auf eine grossartige Zukunft hoffen.
    P.S.: Der „Denver-Clan“ hat engerufen, sie wollen ihre Dreckschleuder wieder haben….

  14. Den Pluralis Majestatis von Linus immerzu in fast allen Texten finde ich unpassend.

    Falls er das „wir“ tatsächlich nicht auf sich selbst bezieht, sondern damit für uns alle sprechen will, uns alle irgendwie umarmen, finde ich es noch unpassender.

  15. Dass DDB überhaupt kein Mitglied des CCC war, wird hier verschwiegen!
    Insofern ist die nächtliche Überreichung einer „Urkunde“ sowas von selten dämliche Vereinsmeierei wie bei den Kleingärtnern!
    Ein Kindergarten! Es gibt hunderte von whistleblower „Babyklappen“, anonymous hackt und leaked einfach selber, überhaupt scheint es mir als wäre ein hype um whistleblowing entstanden, der völlig überdreht ist. Hier wollen Medienverlage einfach als erste an Info kommen.
    Ansonsten ein gut geschriebener Artikel.

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