Kommentar: Vorstand schmeißt Daniel Domscheit-Berg aus dem CCC

Die Sonne und die Frischluft beim Camp des Chaos Computer Clubs hat wohl nicht allen Anwesenden gut getan. Nach Andy Müller-Maguhns Spiegel- Interview zeichnete sich das ja schon ab.

Gestern wurde dann eine späte, mehrstündige Vorstandssitzung einberufen, an deren Ende der einstimmige Beschluss stand, Daniel Domscheit-Berg aus dem CCC herauszuwerfen.

Was den Beteiligen im Eifer des Gefechts entgangen war: Daniel ist gar nicht Mitglied des CCC, sondern nur des Berliner CCCB. Das allein lässt schon interessanten Schlüsse darüber zu, wie bedacht die Entscheidungsträger vorgegangen sein müssen. Der Beschluss wurde Daniel dann satzungsgemäß förmlich am Zelt zugestellt. Update: CCCB-Mitglieder sind automatisch CCC-Mitglieder. Update: Dieser Auffassung widerspricht RA Markus Kompa. Belassen wir es vorerst bei „unklar“.

Ich persönlich war überrascht, dass die Satzung des CCC eine solche Entscheidung ohne Mitgliederversammlung vorsieht. Es ist auch bei weitem nicht so, dass alle Mitglieder hinter der Entscheidung stehen, geschweige denn – im Gegensatz zur überraschend gut unterrichteten Presse – überhaupt darüber informiert waren. Unverständnis und Fassungslosigkeit zeichneten heute morgen die allgemeine Stimmung. Viele waren verärgert, dass diesem schönen Camp nun im Schatten dieses Zicken-Kriegs steht, der inzwischen nur noch zum Rotwerden taugt.

Die Entscheidung begründet der Vorstand laut dpa-Meldung (und Pressemitteilung) mit der „TÜV“-Amgelegenheit, dass also Daniel für OpenLeaks das Gütesiegel „getestet vom Chaos Computer Club“ habe beanspruchen wollen, als er dazu aufrief, das Projekt in seiner Testphase zu prüfen und in einem Workshop mit anderen zu vergleichen. Das war in der Presse als „Nachdem das System von den Hackern getestet worden ist, soll es in Betrieb gehen.“ interpretiert worden – und das wiederum von Andy Müller-Maguhn als Instrumentalisierung (obwohl er selbst beim Vortrag anwesend war, und auch bei seiner Wortmeldung keinen Unmut geädert hatte).

Ein vernünftiger Test war allerdings nicht möglich, weil der Code des Systems nicht veröffentlicht wurde. Man konnte also etwas einreichen, und fragen ob es ankommt. die Anonymität und Sicherheit des Systems lässt sich so aber nicht annähernd ausreichend testen. Das klarzustellen war richtig und wichtig. Ob es aber auch ein Grund ist, aus dem CCC zu fliegen, hätte ich stark bezweifelt bevor die Entscheidung des Vorstands bekannt wurde.

Mich hätte aber mal interessiert, wie wohl darauf reagiert worden wäre, wenn Daniel NICHT zum Testen des Systems aufgerufen hätte. Bei fast jedem Talk auf Congress und Camp ist es üblich, dem Publikum am Ende etwas zum selbst Ausprobieren und Prüfen zu geben – mal unter besseren, mal unter schlechteren Bedingungen, als Daniel es getan hat.

Wenn er es nicht getan hätte? Wahrscheinlich hätte man entschieden, dass man ihm nicht mehr trauen könne, an seiner Integrität zweifle, und ihn deshalb aus dem Club geworfen.

Dass Daniel schon seit einiger Zeit nicht mehr das Vertrauen von Andy Müller-Maguhn und einigen anderen Club-Mitgliedern genießt, ist seit Monaten eines der am schlechtesten gehüteten Geheimnisse. Und wenn man sich die Gründe, die die Personen für ihre Enttäuschung angeben anhört, sind sie größtenteils nachzuvollziehen. Dabei geht es um die Sicherheit des bei Wikileaks genutzten Systems, über das von Julian und Daniel Angaben gemacht wurden, die sich im Nachhinein als ein bisschen sehr übertrieben, um nicht zu sagen falsch und im äußersten Fall vielleicht sogar als irreführend und gefährlich für Whistleblower herausstellten.

Natürlich spielen aber auch die im Club-Umfeld häufiger mal zu hörenden Geheimdienstkooperations-Verdächtigungen eine Rolle. Und die Affäre um die schon erwähnte ominöse Festplatte gibt es ja auch noch. Elf Monate hat der Club in dieser Angelegenheit versucht, die rationale, bedachte und vernünftige Position des Vermittlers einzunehmen. Nun wurde dieses Ansinnen als erfolglos beerdigt – und mit auf die Boulevard-Schiene aufgesprungen. Schade, denn es wirft vor allem auf den Club kein gutes Licht.

Ich habe schon gestern geschrieben, dass ich Andys Unmut nachvollziehen kann, und größtenteils auch teile. Dieser Rausschmiss jedoch ist verfrüht, unangemessen und zutiefst emotional statt wohlüberlegt rational. Er erinnert mich an Borderline-Persönlichkeiten, die häufig bei Kleinigkeiten Kurzschlussreaktionen mit reichlich Pathos und viel Überzeugung zum Extrem treiben, und dabei auch den Schaden, den sie sich selbst und ihren Interessen zufügen, billigend in Kauf nehmen. Wass sollen denn die Nachbarn Medien denken?

Daniel soll kaltgestellt werden. Das ist inzwischen offensichtlich. Andy hat es auch geschafft, den Rest des Vorstandes zu einem einstimmigen Entschluss zu bewegen. Bei seinem Interview war das nicht so. Das wollte er erst im Namen des CCC führen, was er nicht durchgekriegt hat, was aber wiederum der Presse aber egal war, die ihn dann nicht nur für den CCC sondern sogar gleich für die „Hacker“ sprechen ließ.

Man kann nur mutmaßen, welche weiteren Gründe den CCC-Vorstand zu der ziemlich schnell gefassten Entscheidung bewogen haben. Und man kann auch nur hoffen, dass es noch ungenannte, wichtigere und vor allem auch mal handfeste Gründe für die Entscheidung gibt, als die bisher öffentlich genannten.

Sonst nämlich lässt diese überstürzte Entscheidung und das radikale mediale Vorgehen an der Zurechnungsfähigkeit des Gremiums zweifeln, das in der Angelegenheit OpenLeaks jetzt nicht nur ein bisschen Porzellan zerschlagen, sondern direkt den ganzen Schrank umgeworfen hat, um jetzt noch auf den Scherben herumzutrampeln. Sehr professionell ist das nicht, wenn die erste Regel der Entscheidungsfindung – triff keine, wenn du wütend bist – verletzt wird.

Auch clubintern werden jetzt wohl noch einige Debatten über das Was und vor allem das Wie stattfinden. Vor allem bleibt abzuwarten, wie der Vorstand des CCCB, auf den nun einige leidige Debatten zukommen, entscheidet. Wir werden es dann sicherlich auf Spiegel Online erfahren.

Aber sonst war es schön, das Camp.

Update / Nachtrag:

1. Daniel ist die zweite Person, die aus dem CCC fliegt. Die erste war irgendein Nazi, der wohl auch Club-Infrastruktur missbraucht hat. Ich habe das nicht weiter recherchiert, aber hier gab es wohl ein langes Hin und Her vor der Entscheidungsfindung.

2. Zur Tüv-Sache schreibt Fefe in einem Update zu seinem gestrigen Artikel:

Vom CCC wird niemals eine Aussage der Art „wir haben das getestet und für gut befunden“ geben. Der CCC testet generell keine Produkte. Anders herum wird ein Schuh daraus: der CCC deckt gelegentlich Sicherheitsprobleme auf. Die erheben dann aber keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Und was der CCC auf keinen Fall zulassen wird, ist dass Firmen oder Projekte damit werben, vom CCC getestet worden zu sein. Das ist die Basis, auf der die gesamte Glaubwürdigkeit des CCC ruht, und daher reagiert der CCC gerade so gereizt angesichts der OpenLeaks-auf-dem-Camp-getestet-Sache. Daniel weiß das auch und ich bin mir ziemlich sicher, dass er das der Presse auch nie so gesagt hat. So ist es aber offenbar angekommen und daher muss der CCC diesen Eindruck jetzt schnell und nachhaltig korrigieren.

3. Korrektur von Frank: Wer CCCB-Mitglied ist, ist auch CCC-Mitglied.

4. Fefe schreibt heute:

Wenn man sich schon zu so einem Schritt entschließt (und schon das halte ich für einen Fehler), hätte manzumindest Daniel Gelegenheit geben müssen, von sich aus die Mitgliedschaft niederzulegen. So zivilisiert sind wir ja wohl!

267 Kommentare
    • _Josh @ _[°|°]_ 14. Aug 2011 @ 20:31
    • _Josh @ _[°|°]_ 14. Aug 2011 @ 20:37
    • Bernd Lauert 15. Aug 2011 @ 12:02
    • husten-hugo 16. Aug 2011 @ 10:13
      • diewahrheit 15. Aug 2011 @ 12:12
    • _Josh @ _[°|°]_ 14. Aug 2011 @ 20:42
  1. tyler durden 14. Aug 2011 @ 21:29
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