Generell

EC gibt 189 Millionen für unfreie Software aus

Die Europäische Kommission wird innerhalb der nächsten sechs Jahre 189 Millionen Euro für proprietäre Software ausgeben, in direktem Widerspruch zu ihren eigenen Entscheidungen und Richtlinien. Die Kommission kündigte letzte Woche einen auf sechs Jahre angelegten Rahmenvertrag (Sacha II) zum Kauf   verschiedener, hauptsächlich proprietärer, Software und damit verbundener Dienstleistungen an.

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Die Free Software Foundation Europe weist darauf hin, dass der Vertrag letzter Woche den Absichtserklärungen in mehreren Dokumenten der Kommission wiederspricht. Laut den europäischen Beschaffungsrichtlinien sollen Käufe des öffentlichen Sektors so erfolgen, dass Diskriminierung vermieden und bei der Beschaffung im öffentlichen Sektors ein Wettbewerb möglich wird:

  • Die im Mai 2010 veröffentlichte Digitale Agenda fordert, dass „IKT-Produkte und -Dienstleistungen offen und
    interoperabel“ sein müssen (Siehe die aktualisierte Version der Digitalen Agenda, revidiert am 26. August 2010).
  • Laut einer vom OSOR-Projekt der Europäischen Kommission herausgegebenen Richtlinie
  • sollen in europäischen Beschaffungsrichtlinien „Ausschreibungen auf funktionalen Anforderungen basieren, nicht auf bestimmten Produkten oder
    Anbietern“
    . In den Erklärungen von Malmö und Granada 2009 und 2010 haben die Mitgliedstaaten die Europäische Kommission aufgefordert, „besonders auf die Vorteile zu achten, die sich aus der Verwendung offener Spezifikationen ergeben, um Dienste so kosteneffizient wie möglich anzubieten und um Innovation und Kosteneffizienz im E-Government durch die systematische Förderung Offener Standards und interoperabler Systeme zu verankern“.

Der Vertrag der letzten Woche enthält jedoch eine lange Liste von konkreten Produkten, die die Kommission kaufen will.

Der Beschaffungsprozess wurde von der Generaldirektion Informatik (DIGIT) durchgeführt. Diese Abteilung leitet auch den Prozess zur Revision des
European Interoperability Framework. Die Free Software Foundation Europe hat bisherige Entwürfe stark kritisiert, da sie Offene Standards und Freier
Software gegenüber der ursprünglichen Fassung kaum noch erwähnen.

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11 Kommentare
  1. Wenn ich eine IT-Firma wäre, die als Auftragnehmer für die verlangten IT-Dienstleistungen in Frage käme, würde ich vor dem Europäischen Gericht erster Instanz klagen. Vergaberecht ist tägliches Brot dieses Gerichts, dass der EU-Kommission diese „Ausschreibung“ wohl komplett um die Ohren hauen würde

  2. Bevor man sich jetzt aufregt und sich mit einem „ja typisch, die können’s nicht besser und es ändert sich eh‘ nichts“ abwendet sollte man sich mal den Spass machen und sich die Liste anschauen (Annex 4).

    Ich habe ca. 350 unterschiedliche „Programme“ gezählt. Darunter sind ein paar, die man ad hoc durch Open Source Software ersetzen könnte. Dann ziemlich viel Software, die der Heimanwender nicht kennt. Ganz einfach deshalb, weil man zu Hause und in kleinen Firmen nichtmal die Probleme hat, die man mit dieser Software löst. Für die gibt es auch keine OSS-Alternative.

    Freuen darf man sich zum Beispiel über die komplette Liste von Atlassian-Produkten. Die sind auch nur „halb“ Open Source, aber sowas von gut..

    Nachdem ich mich aber eine halbe Stunde mit der Liste beschäftigt habe, habe ich vor allem eins: Mitleid. Aus der Liste spricht eine so geballte Legacy, dass man nur weinen kann :-)

    Wenn man etwas ändern möchte, dann sollte man zuerst konsolidieren. Bei grober Übersicht habe ich mal die Redundanzen gezählt. Software unterschiedlicher Hersteller, die dasselbe macht. Ich komme auf etwa 30%. *Das* wäre ein konkreter Ansatzpunkt.

  3. Wer die Vergabe anderer Leistungen und Gewerke der EU kennt, den erschüttert das auch nicht mehr. Man schaue sich mal EuropeAid an. Dto.

    Wie sagte der Sänger Otto Reuter? „Ick wunder mir über janischt mehr.“

  4. Stellt sich die Frage ob da Lobbyarbeit dahinter steckt (ich würde es ja vermuten) und wie man dieser entgegen wirken kann.
    Wenn ich auch ansonsten nicht in vielen Punkten mit den Piraten übereinstimme, aber für die Europawahl bekommen sie wieder meine Stimme und sei es nur um solches Verhalten ab zu strafen.

  5. Und apropos Lobbyarbeit:

    Hier eine Info zu den „Contributors“ des Dokuments:

    ftp://ftp.cordis.europa.eu/pub/fp7/ict/docs/ssai/wg1-future-internet_en.pdf

    und hier eine Info über die „European Software Association“:

    http://entwickler.de/zonen/portale/psecom,id,99,news,24887,.html

    Naja, und MS „Pain in the Ass“ kennt wohl nun wirklich jeder:

    http://www.foonews.info/it-comp-software-libero/10174054-documents-expose-the-influence-of-us-lobbies-on-the-eu.html

  6. Während unsere Steuergelder also milliardenweise jedes Jahr in alle möglichen Branchen gepumpt werden, seien es Baugewerbe, Bankensektor oder Landwirtschaft – währenddessen beschwert sich ernsthaft jemand darüber, dass innerhalb von 6 Jahren nicht mal 200 Mio. in den Softwaresektor fließen?
    Ihr Opensource-Romantiker habt teilweise schon echt absurde Prioritäten. ;-)

  7. Das Problem ist eben, dass sich die Entscheider nicht auskennen, oft zu alt zum dazu lernen sind und sich OSS in der Verwaltung nicht mal vorstellen können.

    Wenn hier im Land bspw. uralte Win XP Installationen mit IE6 im I-Net rumdümpeln und nicht mal ein Firefox drauf kommt, um etwas Sicherheit zu schaffen, dann sagt das doch alles.

    Die meisten Behörden haben keine Vollzeitadmins und müssen aus Rahmenverträgen heraus bestellen. Wenn dann Microsoft eine Lizenzzählsoftware auf allen PCs haben will, dann ist klar, was gemacht wird. Für die Frage, warum die Software auch Lizenzen, die anderweitig beschafft (beim PC dabei waren) wurden, mit zählt (also doppelt abrechnet) und ob die Lizenzen, die im Vorjahr gemeldet wurden, nun verfallen sind (dreifache Zählung), wurde ich fast gesteinigt…

    Konsolidierung ist ja schön und gut, aber wie will man das schaffen, wenn es niemanden gibt, der behördenübergreifend und mit Sachkenntnis Entscheidungen treffen kann und will? Das Ressortprinzip muss für IT aufgehoben werden! Und es braucht mehr Informatiker in der Politik!

    M.

  8. Richtig so. Die Linux Governments sind bereits auf Kommunalebene so richtig in die Scheisse getreten, das brauchen wir nicht nochmal auf EU-Ebene. Andererseits, wird dann vielleicht der Laden endlich dicht gemacht :p

    Also EU: „kauft“ freie Software!

  9. Anbei einige Anmerkungen zu den bisherigen Posts:

    1) Zur Begrifflichkeit:
    Open Source != Freie Software

    2) Ohne Freie Software gäbe es kein Unix/Linux,
    wie wir es heute kennen.

    3) Es geht nicht in erster Linie um das Geld,
    sondern um Entscheidungen. Freie Software
    fördert Transparenz und Mitbestimmung, zwei
    sehr wichtige Eigenschaften für die
    Stabilisierung und den Ausbau
    demokratischer Strukturen.

    4) zu MS Windows (bzw. Post Nr. 10):
    Sich für ein Unix/Linux basiertes
    Betriebssystem oder Windows zu entscheiden
    hat, sobald man es mit ausreichend
    komplexen Systemen zu tun hat, nichts
    mit „Geschmackssache“ zu tun, sondern
    schlicht und ergreifend mit Unkenntnis,
    gekoppelt mit einer gehörigen Portion
    Naivität. „MS Windows“ hat in einem
    ernst gemeinten sicherheitsrelevanten
    Bereich nichts verloren. Das erklärt sich
    schon allein aus der Tatsache, dass das
    System seine Quellen (und somit etliche
    potentielle/aktive Sicherheitslücken) nicht
    offenlegt. Abgesehen davon kann MSW nicht
    für, einen gewissen Komplexitätsgrad
    übersteigende, administrative Arbeiten
    eingesetzt werden (und die dazugehörige
    Messlatte liegt sehr niedrig).

    5) Es braucht mehr Informatiker in der
    Politik! Da bin ich ganz Deiner Meinung Manni.

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