Wikipedia: Die große Relevanz-Diskussion

Gestern Abend lud der Verein Wikimedia Deutschland in seine Geschäftsräume zur Diskussion. Es sollte um die in den letzten Tagen nach einigen umstrittenen Artikellöschungen hochgekochte Frage gehen, was in die Wikipedia gehört und was nicht. Dazu saßen auf dem Podium die beiden Wikipedianer Leon Weber und Martin Zeise sowie die Blogger Johnny Haeusler und Pavel Mayer.

Der Geschäftsführer von Wikimedia Deutschland, Pavel Richter, führte durch die Diskussion. Er formulierte bereits zu Anfang die Ziele, die sein Verein mit der Veranstaltung verband: Man wolle aufklären über das, was im Projekt Wikipedia vor sich gehe, und zugleich die Chance wahrnehmen, Anregungen und Kritik von einer Gruppe zu bekommen, die sonst in der Wikipedia nicht gehört werde, den Nutzern.

Richter formulierte außerdem einen angenommenen Konsens zwischen allen Beteiligten. Er gehe davon aus, dass sich alle für die Wikipedia einsetzten, um sie zur besten Enzyklopädie zu machen, und dass niemand die Wikipedia „zumüllen“ wolle.

Im Vornherein war geplant, die Diskussion in vier Blöcke zu unterteilen. Zwar kamen alle genannten Punkte zu irgendeinem Zeitpunkt zur Sprache, die Struktur ging allerdings bereits nach wenigen Minuten verloren.

Der Moderator eröffnete die Diskussion damit, dass er die Podiumsteilnehmer auf die von ihnen zuvor in Blogeinträgen geäußerten Positionen ansprach. Pavel Mayer hatte der Wikipedia in seinem Artikel „99% aller Deutschen sind irrelevant“ ein „vordigitales Menschenbild“ vorgeworfen, was er an dieser Stelle noch einmal bekräftigte. Während was auf Papier gedruckt oder im Fernsehen gesendet werden als Quellen anerkannt seien, rangiere was im Netz und vor allem auf Blogs veröffentlicht werde im Weltbild der Wikipedianer ganz untern. „Was soll das, wenn man sich an aussterbenden Medien orientiert in der Wikipedia?“, fragte Mayer.

Auf die Nachfrage, warum es „diesen Hang zum alten Medium“ gebe, spekulierte Mayer, dass das an der Geschichte der Wikipedia liegen könnte. Sie sei lange Zeit das „Schmuddelkind“ unter den Enzyklopädien gewesen. Diese Position griff auch Leon Weber auf. „Relevanzkriterien definieren den Charakter einer Enzyklopädie“, meinte er. Bis sich die Wikipedia etabliert habe, hätten Relevanzkriterien die Anzahl der Artikel eingeschränkt und damit die Qualität verbesser. Das sei aber, sagte Weber, nicht mehr zeitgemäß: „Man muss die Relevanzkriterien stark senken“. Die Frage sei allein, wie weit man sie senke, geschehen müsse das aber in allen Bereichen. Zugleich müsse auch eine Angleichung stattfinden.

Pavel Mayer stellte allerdings fest, dass es eine „grundlegende Problematik mit Relevanzkriterien gebe“, weil es keine objektiven Relevanzkriterien geben könne. Für verschiedene Menschen seien verschiedene Dinge relevant, man müsse daher „Kollektivsubjekte definieren“. Bisher seien dieses allein die Wikipedianer, die Nutzer habe niemand gefragt. Johnny Haeusler sah Relevanz allein dadurch gegeben, dass ein Artikel aufgerufen würde, nicht dadurch, dass jemand ihn für irrelevant halte. Mayer setzte sich dem entsprechend dafür ein, dass Relevanz ein Minderheitenrecht sein müsse: „Wenn eine Minderheit etwas relevant findet, dann hat die Mehrheit meiner Meinung nach nicht das Recht zu sagen, ‚das ist irrelevant‘.“

Allerdings fanden sich auch Unterstützer für die Relevanzkriterien. Der ehemalige Vorsitzende von Wikimedia Deutschland, Kurt Jansson, betonte, dass man verlässliche Quellen brauche. Man könne nicht über jede beliebige Person einen Artikel anlegen, weil es an Quellen fehle. Zudem sei von Anfang an klar gewesen, dass die Community nicht unendlich viel leisten könne: „Relevanzkriterien sind auch gedacht als eine Möglichkeit, uns gerade so viel Arbeit zu machen wie wir als Community bewältigen können.“

Auch Martin Zeise betonte zu letzt noch einmal: „Ich bleibe dabei, dass wir Relevanzkriterien brauchen.“ Allerdings seien sie an vielen Stellen nicht kohärent und Reformen und Anpassungen durchaus nötig, wie es zuvor schon Martin Haase, ebenfalls langjähriger Wikipedianer, gefordert hatte.

Eine Lösung für die Relevanz-Problematik wurde von Johnny Haeusler und Frank Rieger vorgeschlagen. Rieger erläuterte, dass die Wikipedia nicht nur den Enzyklopädie-Anspruch haben sollte, sondern auch den, ein „Lexikon des modernen Lebens“ zu sein: „Zu sagen, wir sind die Enzyklopaedia Britannica 2.0 entspricht nicht dem Nutzungsverhalten.“ Es schlug daher vor, die Qualitätskriterien der Wikipedia in verschiedenen Stufen abzubilden.

Diese Idee fand auch gefallen bei Martin Zeise, der davon sprach, aus Relevanzgründen gelöschte Artikel in einen „Inkubator“ zu stecken, der allerdings von der eigentlichen Enzyklopädie getrennt sein müsse. Julian Waldner dagegen sah die von Johnny Haeusler vorgeschlagene „zweite Ebene“ für solche Artikel bereits in dem Benutzernamensraum verwirklicht, wo man sonst gelöschte Artikel als Unterseiten zur Benutzerseite anlegen könne.

Die Bemerkung, dort werde nicht gelöscht, stieß allerdings auf wütenden Widerspruch von Christian Bahls, der darauf hinwies, dass der Artikel zum Verein MOGiS entgegen dieser Darstellung aus dem Benutzernamensraum gelöscht wurde.

Martin Haase forderte dagegen einen „besonderen Namensraum“, weil Löschungen Intransparenz schafften und zudem Informationen verloren gingen, die später genutzt werden könnten. Daraufhin kam der Hinweis, dass gelöschte Artikel sehr wohl durch Administratoren wieder hergestellt werden könnten.

Kritik gab es auch daran, dass durch die robots.txt Suchmaschinen von den Löschkandidaten ausgeschlossen würden. Das sei, so Rüdiger Weis, „eine politische Entscheidung“. Kurt Jansson hielt dem entgegen, dass das in vielen Fällen dem Schutz betroffener Personen dient. Wenn jemand einen Artikel über seinen Nachbarn schreibe, dann störe es gerade diesen. Und während es „schlimm genug“ sei, dass deshalb eine Löschdiskussion stattfinden müsse, sei es die Pflicht der Wikipedia, solche Diskussionen aus Google herauszuhalten.

Die Löschdiskussionen waren bereits in den vergangenen Wochen das heißeste Thema der Debatte. Meistens ging es dabei um das Verhalten der für Löschungen zuständigen Administratoren. Johnny Haeusler kritisierte, er habe häufig den Eindruck, es gehe dabei um private Auseinandersetzungen, zudem herrsche oft „eine unglaubliche Aggression“.

Pavel Mayer kritisierte in diesem Zusammenhang auch, dass bei der Sanktionierung von Nutzern der Ton recht rau sei und er das Gefühl habe, dass es dabei eine Ungleichbehandlung gebe: Alte Hasen könnten sich einiges erlauben, wofür Neulinge bereits gesperrt würden. Martin Zeise, der selbst Wikipedia-Administrator ist, widersprach dem erst gar nicht. Diese Ungleichbehandlung sei nicht gut, aber letztlich ein menschlicher Charakterzug.

Deborah Weber-Wulff kritisierte, die Administratoren seien eine ausgesprochen homogene Gruppe und hätten daher „eine starke Bias“. Sie sagte, es gebe in der Wikipedia keinen Platzmangel, worauf Martin Zeise erwiderte: „Aber einen Mangel an regelmäßigen Autoren.“ Aus dem Publikum kam daraufhin der Ruf „Aus diesem Grund!“

Es wurde deutlich, dass die Rolle der Administratoren extrem kritisch gesehen wird. Willi Schroll sprach davon, sie hätten sich „in eine priesterliche Kaste verwandelt“ und Jörgen Kosche kritisierte, dass sich in der „Löschhölle“ diejenigen durchsetzten, die am schnellsten seien und Artikel löschten. Pavel Mayer sprach gar von einem „von Bürokraten verlausten Projekt“ und kritisierte, es gebe ein soziales Problem – mit der Relevanz allein sei es nicht getan. Das „Ökosystem Wikipedia“ müsse im Umgang miteinander disziplinierter werden. Der einzige Weg sei, weniger Toleranz gegenüber den Fehlern altgedienter Wikipedianer zu zeigen.

Burkhard Schröder warnte davor, dass die Administratoren einen Job machten, dem sie nicht gewachsen seien – den kritischer Journalisten. Es gebe keine „Krise der Wikipedia“, aber eine „Krise der Schwarmintelligenz“. Die Hoffnung, dass alles gut werde, wenn nur genug Leute mitmachten, erfülle sicht nicht. Stattdessen werde sich ein Mittelmaß einpendeln, das möglichst wenig Kritk hervorrufe.

Die Bloggerin Anne Roth verwies auf die Entwicklung von Indymedia, eines Projektes, dass sie selbst mitbegründet hat. Es gebe eine starke Ähnlichkeit zwischen der aktuellen Krise der Wikipedia und dem offenen Medienportal. Obwohl der Anspruch bestehe „offen zu sein, transparent, hierarchiefrei und so weiter“ werde das immer weniger umgesetzt. Es gebe zu wenig Administratoren, die zudem immer homogener würden und zu wenig Energie darein steckten, neue Nutzer einzubinden, weil sie sich überfordert fühlten. Roth warnte davor, man könne nicht versuchen, „heile durch den Sturm zu kommen, ohne was zu ändern.“

Bei alledem wurde immer wieder angesprochen, es sei zu schwierig, Veränderungen in der Wikipedia durchzusetzen. Das gelte für technische wie strukturelle Ansätze, kritisierte Leon Weber: „Wer Veränderungen vorschlägt, dem wird über den Mund gefahren.“

57 Kommentare
      • Martin Sp. 6. Nov 2009 @ 18:20
  1. Okkokroko 7. Nov 2009 @ 5:57
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