Relevanzkriterien: Wikipedia-Verein lädt zur Diskussion nach Berlin!

In den letzten Tagen ist über die Frage, ob der in der Zensursula-Debatte medial in Erscheinung getretene Verein „MissbrauchsOpfer Gegen InternetSperren“ als Verein relevant bzw. in relevanter Form existent ist oder lediglich als legitimierender Background für die Aufritte seines Vorsitzenden Christian Bahls dient, ein alter Streit innerhalb der Wikipedia-Community in den Fokus einer etwas breiteren Netzöffentlichkeit geraten.

Da es bei diesem Streit um durchaus grundsätzliche Fragen für die Zukunft der Wikipedia geht, kann es nicht schaden, sich vor dem Einstieg in die Diskussion ein wenig einzulesen. Worum geht es also?

Auf der einen Seite der Grundsatzdebatte stehen die „Inklusionisten“ (ich bevorzuge aus nahe liegenden Gründen den Begriff „Inkludisten“, benutze hier aber die eingeführte Terminologie), auf der anderen Seite die „Exklusionisten“.

Geht es nach den „Inklusionisten“, sollte in der Wikipedia für jedes Thema Platz sein (Pavel Mayer formuliert es etwas deutlicher: „Die Inkludisten wollen stattdessen durch möglichst viel Informationsfülle und Wachstum überzeugen. Masse statt Klasse, ist der Vorwurf.“).

Im Gegensatz zu einer gedruckten Enzyklopädie gibt es im Netz schließlich (fast) keine Platzprobleme und damit zunächst auch keinen Grund Themen auf Grund vermeintlich fehlender Relevanz nicht zu berücksichtigen (ein Argument, das bei näherer Betrachtung übrigens wackelt). Und überhaupt, wer bestimmt eigentlich, was relevant ist?

Die „Exklusionisten“ hingegen setzen auf Auswahl und Qualität und würden die Wikipedia gerne nach dem Vorbild einer klassischen Enzyklopädie gestalten. Sie vertreten damit quasi einen Gatekeeper-Ansatz. Nach Ansicht der Exklusionisten sind Filtermechanismen nötig, um die Wikipedia überhaupt sinnvoll nutzbar zu halten: die so genannten Relevanzkriterien. Die Exklusionisten wünschen sich also eine „schlanke Wikipedia“ und warnen davor „zu detaillierte und irrelevante Informationen aufzunehmen, da deren Überprüfung schwierig ist und sich schneller Fehler einschleichen können.“

Gerade das Argument der „irrelevanten Informationen“ ist dabei komplexer, als es zunächst scheint. Ein paar gute Argumente, warum es „Ohne Relevanzkriterien keine Wikipedia“ geben kann, hat heute Nachmittag mein ganz persönlicher Wikipedia-Experte Torsten Kleinz aufgeschrieben und mir damit eine Menge Arbeit abgenommen. Danke Torsten!

Man sieht: Grundsätzlich ist die Diskussion, für welche Personen, Ereignisse oder allgemein Stichworte ein eigener Wikipedia-Artikel angelegt werden sollte, gar nicht unspannend. Wünschenswert wäre aber, wenn sie mit ein bisschen mehr Hintergrundwissen über die Mechanismen der Wikipedia und mit etwas weniger Schaum vor dem Mund geführt würde.

Und nun? Da ein Grabenkampf via Twitter und über zum Teil wirklich lausig realitätsferne Rants nun wirklich niemandem weiterhelfen, läd der Verein Wikimedia Deutschland am 5.11. zur Offlinediskussion in die Berliner Vereinsräume ein. Macht was draus! Eine feindliche Übernahme, wie sie unlängst im Wiki der Piraten-Partei diskutiert wurde, kann wohl keine Lösung sein.

63 Kommentare
  1. A. Rebentisch 21. Okt 2009 @ 1:22
  2. Dirk Landau 21. Okt 2009 @ 13:49
Unterstütze unsere Recherchen und Berichterstattung für Grundrechte und ein freies Internet durch eine Spende. Spenden