Die Deutsche Welle hat mich angefragt, für die Berichterstattung rund um die BOBS-Preisverleihung (Die Partner der re:publica´2010 sind) einen Artikel zur „deutschen Blogosphäre in 3000 Zeichen“ zu schreiben. Der wird dann in elf oder mehr Sprachen übersetzt. Da die Aufgabenstellung mit der Buchstaben-Zahl für ein äusserst komplexes Thema schon eine fast unlösbare Aufgabe ist, musste ich mich auf wenige Punkte beschränken. Und da der Artikel in viele Sprachen übersetzt wird, stelle ich ihn lieber mal in einer Beta-Version online und bitte um Kommentare. Wenn Ihr etwas anders seht oder Ergänzungsvorschläge habt, könnt Ihr das gerne kommentieren.
Die deutsche Blogosphäre
Einen Artikel über die deutsche Blogosphäre im Jahre 2009 zu schreiben, ist nicht einfach. Aktuelle wissenschaftliche und verlässliche Untersuchungen gibt es nicht und so hängt vieles von der subjektiven Sichtweise des Autors ab. Alleine die Frage, wieviele Blogs es in Deutschland gibt, ist unbeantwortet. Aber wer kann schon genau definieren, was ein Blog ist. Zählt die MySpace-Seite dazu oder der Twitter-Account? Geht man von den traditionellen Blogs aus, gibt es Schätzungen zufolge zwischen 200.000 – 500.000 im deutschsprachigen Raum.
In früheren Jahren hatte man in Deutschland oft das Gefühl, im Vergleich zu den Nachbarn in einem Blog-Entwicklungsland zu wohnen. Soviele Blogs wie z.B. in Frankreich gibt es in Deutschland nicht. Und vielleicht gab es auch schon mehr? Nimmt man die Anzahl der Verlinkungen aus den Deutschen Blog Charts, die wöchentlich die Top 100 meist verlinkten deutschsprachigen Blogs ermittelt, sieht man einen Höhepunkt der deutschen Blogosphäre im Jahre 2007. Seitdem geht es zahlenmässig nur noch bergab. Ob dies der Zenit der der Blog-Welt war, ist umstritten. Möglich ist einerseits eine Verschiebung hin zu den Rändern. Was früher noch fast eine gemeinsame Blog-Community mit ihren großen bekannten Knotenpunkte als Kommunikationszentralen war, verteilt sich immer weiter in kleinere Themen-orientierte Blogosphären. Ein weiteres überzeugendes Argument ist die Ergänzung durch neue Kommunikationsformen wie Twitter und Facebook. Während man früher noch eigene Blog-Beiträge für den Link-Hinweis auf einen guten Artikel woanders schrieb, hat man dies heute in wenigen Sekunden in 140 Zeichen über Twitter oder Facebook erledigt. Die sozialen Medien bilden im Zusammenspiel immer mehr eine vernetzte Kommunikationslandschaft, indem viele Blogs aber immer noch einen wichtigen Knotenpunkt darstellen.
Hinzukommt: Die deutsche Blogosphäre hat in den traditionellen Medien einen schlechten Ruf. Diese Entwicklungen haben andere Blogosphären längst hinter sich gelassen. Bei uns gilt noch immer: Blogs sind in der Regel unrelevant, die traditionellen Medien sind ihnen überlegen. Dass die meisten Blogger diese Werkzeuge nutzen, um mit Freunden und Gleichgesinnten einfach nur zu kommunizieren, wird gerne übersehen. Auch fehlt oft noch der Mut bei traditionellen Medien, die neue vernetzte Kommunikationslandschaft als Ergänzung zu sehen und gemeinsam mit Lesern und Bloggern zu arbeiten. Ein weiteres Vorurteil: Die deutsche Blogosphäre gilt als unpolitisch. Ein Blick in die Deutsche Blog-Charts zeigt mittlerweile aber, dass man rund 20% der meistverlinkten Blogs eindeutig als politisch identifizieren kann.
Das politische Weck-Erlebnis hatten die deutschen Blogs spätestens im Frühjahr dieses Jahres, als die Bundesregierung eine Netzzensur-Infrastruktur geschaffen hat. Innerhalb von 3,5 Tagen wurden über Blogs und Twitter für eine ePetition mobilisiert, um die kritische Masse von 50.000 Unterstützern zu sammeln, damit eine kritische Position im Bundestag angehört wird. So schnell fand noch nie eine Mobilisierung im Rahmen der ePetitionssystems des Deutschen Bundestages statt. Über Blogs und Twitter wurde der Protest organisiert, zu Mahnwachen aufgerufen, die Aussagen von Politkern schnell widerlegt und eine kritische Gegenöffentlichkeit aufgebaut. Viele Blogger schrieben zum ersten Mal über Politik oder wiesen einfach nur ihre Leser auf die Petition hin. Das führte dazu, dass zunehmend auch viele Journalisten immer kritischer und informierter wurden und zumindest im Netz sich eine große Opposition gegen das Netzzensur-Gesetz formte.
Die deutsche Blog-Community hat mittlerweile auch viele Offline-Anknüpfungspunkte gefunden. Auf der (vom Autor organisierten) re:publica-Konferenz trafen sich im April 2009 mehr als 1600 Menschen, um über Blogs, soziale Medien und die digitale Gesellschaft zu diskutieren. Fast jedes Wochenende finden irgendwo in Deutschland Barcamps statt, wo Menschen themenorientiert und/oder in ihrer Region mit anderen zusammenkommen, um über Blogs und soziale Medien zu diskutieren.