Generell

Mit Social Software in die reale Welt: Physisch Taggen mit Semapedia

Man fährt in eine Stadt, steht vor einer Sehenswürdigkeit und hätte gerne die passenden touristischen Infos zur Hand. Nichts leichter als das: Irgendwo am Objekt klebt ein Aufkleber mit dem Weblink zur jeweiligen Seite der Online-Enzyklopädie Wikipedia, der einfach über die Foto-Kamera des Mobiltelefons aufgenommen wird. Darüber lässt kinderleicht über den Netzzugang des Handys die Seite mit den Details aufrufen. Was wie ein Traum für Infojunkies klingt, ist seit diesem Sommer Realität: Das Projekt Semapedia von Alexis Rondeau aus Wien und Stan Wiechers aus New York verknüpft seit August diesen Jahres auf clevere Weise die virtuelle Welt des Internets mit der realen Welt der Stadt: Der Aufkleber mit dem Link nennt sich bei Student Rondeau und Software-Architekt Wiechers „Tag“ in Anlehnung an die Linkverweise, wie sei bei der Social Software eingesetzt werden. Der Link selber wird als grafisches Muster dargestellt, der als Aufkleber, als „Sticker“ an allen öffentlichen Orten auf oder an das betreffende Objekt wie ein Bauwerk oder ein Kunstobjekt geklebt wird: Die physische Manifestation einer Webadresse.

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Die Kamera des Handys nimmt dann dieses Muster auf und ein spezieller Software-Reader wandelt es wieder in den Link zurück. Die Software-Vorraussetzungen dafür sind nicht neu: Der freie Software Development Kit von der Firma Semacode wurde bereits für andere Zwecke als Barcode in der Industrie eingesetzt, er ist nämlich ein ISO-Standard. Mit ihm ist es möglich, eine Webadresse, die URL, in ein zweidimensionales Muster umzuwandeln. Ist auf dem Java-fähigen Mobiltelefon die Lese-Software für diesen Code installiert, muss der Besitzer nur ein Foto des betreffenden Tags schießen und die Software erkennt daraus die Webadresse. Über den Online-Zugang des Handys wird kann sofort die jeweilige Seite bei Wikipedia aufgerufen. Einen Tag herzustellen, ist genauso mühelos wie beispielsweise der Code für die Wikipedia-Seite der Creative Commons: Man muss nur bei Semapedia den Link der Wikipedia-Seit zum Objekt eingeben und automatisch werden mehrere Muster generiert, die ausgedruckt werden können.

Ziel des Projekts ist eine Grassroots-Bewegung: In den nächsten Monaten sollen so viele Tags wie möglich flächendeckend als Sticker verteilt und aufgeklebt werden. Der nächste Schritt ist der Aufruf der jeweiligen Wikipedia-Seite in der Landessprache des Handynutzers.

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7 Kommentare
  1. Im heise-Forum bereits vorgeschlagen: Tag-Hijacking, also Änderung der Tags mit Filzstiften (scheitert sicher an Prüfziffern) oder, subtiler, Tags zu eigenen Adressen, die sich kritisch mit den Bauwerken u.a. auseinandersetzen… Da geht einiges! =)

  2. Bestimmt kommt bei gehöriger Verbreitung solcher Adbuster-Techniken als nächstes eine Verschärfung der lokalen Richtlinien gegen Vandalismus, so wie jetzt schon nicht überall Plakate geklebt werden dürfen..

    Aber bis dahin haben z.B. auch Angebote für Erwachsene sicherlich eine neue technophile Zielgruppe erschlossen. :) :)

  3. Hi Stan hier von Semapedia.

    Ausgeprochen guter Artikel und gute Kommentare. Ich will kurz auf die Kommentare eingehen: Man kann tags hacken indem man sie mit anderen ueberklebt und den link nach z.B. http://www.girls.com gehen lassen, kein ding, allerdings sieht der nutzer das immer. Das heisst wenn der nutzer den tag decodiert sieht er die enthaltene URL und wird gefragt ob er die URL oeffnen moechte. Das sollte ein guter mechanismus sein.

    Eines unsere Ziele ist das semapedia tags auf schildern integriert werden, der webweiser zum brandenburger tor koennte zum beispiel so einen tag beinhalten.

    Natuerlich ist es problematisch wenn tags an stellen angebracht werden die fuer andere nutzung vorgesehen sind oder sie schlicht und einfach vandalismus/disrespekt darstellen. Verstehe ich voll. Allerdings wuerde ich die tags im generellen nicht als Spam bezeichnen, denn sie sind klein und haben einen recht universellen nutzwert, was man von der meisten werbung im oeffentlichen raum sicherlich nicht sagen kann. Wir sind der werbung in der u-bahn, in bussen, auf offentlichen plaetzen, in oeffentlichen toiletten, usw die ganze zeit ausgesetzt, 99% sind fuer mich persoenlich nicht relevant und niemand schreit spam. Deswegen hab ich persoenlich kein schlechtes gewissen bei der Taetigkeit da wir ja relevante information in den raum bringen und das ueber nicht laute offensive mittel.

    Alles gute und weiter so,
    Stan ;)

  4. Ich finde die Idee richtig gut. Allerdings könnte man beim Überkleben natürlich auch auf URLs verweisen, die kaum von der echten zu unterscheiden sind und dort dann Falschinformationen verbreiten – zB beim Holocaust-Mahnmal entsprechenden leugnen.

  5. die technik ist da und damit basta! jetzt heißt es sich damit auseinanderzusetzen, sie zu erforschen und eine position dzu zu finden. schwierig finde ich, dass man so informationen im öffentlichen raum _und auch vor privaten räumen (!)_ anbringen kann, die man nicht unmittelbar sinnlich entschlüsseln kann. wie war ads noch mit den landstreichern, die häuser markierten.. „achtung hund“, „wittwe“, „hier betteln“? es muss ja nicht immer übers netz und wiki als gate keeper gehen, auf den tags lässet sich beliebiger text unterbringen, was missbrauch jedes tor öffnet!! der urwald ist um eine dimension erweitert worden. wann kommt die tag patrol?

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