John Weitzmann
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: iSummit 08: Best of Keynotes II
: iSummit 08: Best of Keynotes II Hier nachgereicht noch ein Best-of der Keynotes der zweiten Hälfte des iSummit 08:
Open Source Pharmaindustrie
Dr. Hiroaki Kitano vom Sony Computer Science Laboratory berichtete von den Forschungsproblemen der Pharmaindustrie, die immer mehr investieren muss und dennoch immer weniger neue Medikamente findet. In dieser Situation wird es nach seiner Aussage immer sinnvoller, Kombinationen bereits entwickelter Wirkstoffe darauf zu untersuchen, ob sie unvorhergesehene Heilungserfolge bringen. Statistisch sei das bei einem gewissen Prozentsatz der Fall, allerdings gehe die Zahl möglicher Kombinationen ins Astronomische. Es sei daher nicht nur unwirtschaftlich sondern grundsätzlich unmöglich, dass jeder Pharmaproduzent alle Kombinationen für sich hinter verschlossenen Türen testet. Vielmehr sei man auf arbeitsteiliges Testen und die Ergebnisse der anderen angewiesen, um mögliche Erfolgskombinationen eingrenzen zu können.
Ob der zunehmenden Wichtigkeit dieser Kombinationsforschung sieht Dr. Kitano hier ein ganz neues Paradigma in der Entstehung, das er Open Pharma nennt. Um das Ganze in Fahrt zu bringen wurde nun im japanischen Okinawa ein System namens PAYAO etabliert, ein „community-basiertes Ansammlungssystem für biologisches Wissen“ [PDF]. Es handelt sich dabei um eine funktionsreiche Annotations-Plattform, auf der Wissenschaftler ihre Forschungserkenntnisse hinterlegen und miteinander diskutieren können. Die gesammelten Informationen können kombiniert und auf verschiedene Arten dargestellt werden.
(Über verwendete Lizenzen war leider nichts Genaueres zu erfahren)
Open Content: Rückblick auf die letzten Jahre
David Wiley gab eine kleine Geschichtsstunde zur Entwicklung der Initiativen rund um die Ideen von freier Software und Open Content, angefangen bei Richard Stallman und Eric S. Raymond über Wileys eigene OpenPrinciples/License bzw. Open Publication License (1998), die Creative-Commons-Lizenzen 1.0, die Etablierung des Konzepts der Open Educational Resources durch die Unesco (2003), das OpenCourseWare-Programm des MIT bis zu den CC-Lizenzen 3.0 und der GFDL heute. Ein Schelm wer ihm dabei unterstellen würde, dass er auch gerne mal drauf hinweisen wollte, dass Lawrence Lessig nicht wirklich der Erfinder der Idee eines allgemeinen Lizenzmodells jenseits der GPL war. Wiley zufolge wurden mit den CC-Lizenzen viele Schwächen der OPL behoben und er dankte unter Applaus dem im Auditorium sitzenden Lessig dafür, dass er die Idee zum Erfolg geführt habe.
Aber für die Zukunft seien noch genug Probleme übrig, wie etwa das der Kompatibilität verschiedener Lizenzen untereinander, die Definition von „nicht kommerziell“ oder auch die potenziellen Probleme aus der in vielen Lizenzen zu findenden Verbindung von Unwiderruflichkeit und salvatorischer Klausel. Als vielversprechenden praktischen Ansatz erwähnte Wiley das von ihm mitinitiierte Projekt Open Highschool of Utah, einer gebührenfreien Oberschule, bei der ausschließlich freie Inhalte zum Einsatz kommen. Deswegen kann das Unterrichtsmaterial stetig angepasst und verbessert werden. Außerdem verwies er auf flatworld knowledge, seinen Verlag für akademische Werke, bei dem durchweg frei lizenziert wird. Alle Bücher sind online kostenlos erhältlich und können ansonsten für nach Druckqualität gestaffelte Preise auch gekauft werden.
Japan mit rechtlichem Klotz am Bein
Nicht weniger als ein Urheberrecht für das 21. Jahrhundert kündigte Tsuguhiko Kadokawa in seiner Keynote an. Er ist CEO und Vorstandsvorsitzender u. a. eines der größten japanischen Verlagskonsortien (vor allem für Anime) und Mitglied eines Regierungsausschusses zum Bereich Urheberrecht. Die Rede ist von einer umfassenden Urheberrechtsreform in Japan, nach der die Interessen der Rechteinhaber und Nutzer besser austariert sein sollen und die bereits in Teilen Gestalt angenommen hat. Eine wichtigen Faktor in der Entwicklung in Japan bildet dieser Darstellung nach YouTube. Fast war in diesem Vortrag sogar so etwas wie Besessenheit mit dem Phänomen YouTube spürbar. Kadokawa zufolge war man angesichts des Umfangs des dort auftauchenden kommerziellen Contents zuweilen wirklich entschlossen, YouTube komplett aus Japan heraus zuhalten (wie auch immer das hätte gehen sollen). Als YouTube dann allerdings von Google gekauft wurde, war den Japanern offenbar ziemlich schnell klar, dass man den ausgewilderten Content nicht dauerhaft würde verhindern können, wohl aber legalisieren könnte.
YouTube hat in der Folge einen entsprechenden Kooperationsvertrag mit japanischen Musikproduzenten geschlossen. Etwas ähnliches ist bzgl. Anime geplant, allerdings weitgehend auf Einzelfallbasis mit dem jeweiligen Anime-Urheber, vermittelt über den jeweiligen Verlag. Es soll eine Art freundliche Aufforderung zur Einwilligung in die Verbreitung über YouTube sein – gegen pauschale Vergütung versteht sich. Es gehe dabei um „Liebe und Respekt“ für die Arbeit der Urheber, also eine Art offizielles Anerkennungssystem in Kooperation mit YouTube.
Die genannte Urheberrechtsreform diene insgesamt vor allem einem besseren Schutz von 100 Millionen japanischen Urhebern (auf diese Zahl kommt Kadokawa offenbar, indem er die zukünftig erwartete Zahl japanischer Laptop-Besitzer mit der Zahl potenzieller zukünftiger Urheber gleichsetzt), aber auch dem Schutz der klassischen Rechteinhaber und ‑verwerter. Wertvolle Erkenntnisse habe man auch aus den Büchern und Erläuterungen von Lawrence Lessig gezogen und werde sie berücksichtigen. An konkret geplanten Schritten, deren Einzelheiten bis März 2009 noch ausgearbeitet werden sollen, nannte Kadokawa: Suchservices würden legalisiert (!), Caching werde legalisiert, Beschränkungen des Urheberrechts zugunsten von Universitäten würden geschaffen und Reverse Engineering werde legalisiert (wobei anhand der Simultanübersetzung nicht klar wurde, was mit letzterem gemeint war).
Und es wird wohl eine Art Fair-Use-Prinzip in Japan etabliert, womit Japan also dem US-amerikanischen Ansatz einer letztendlich gerichtlich auszugestaltenden, generellen Ausnahme vom Urheberrechtsschutz zu folgen scheint. Zugleich soll aber auch die Durchsetzung von Urheberrechten erleichtert werden.
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: iSummit 08: Open Business mit Erfolgen und Definitionskrise
: iSummit 08: Open Business mit Erfolgen und Definitionskrise Als Start des Open Business Tracks des diesjährigen iSummit berichtete Paul Keller erstmal davon, wie so etwas wie Open Business in zaghaften Schritten bei einigen europäischen Verwertungsgesellschaften Einzug hält. Eine niederländische und eine dänische Gesellschaft erlauben ihren Mitgliedern die Veröffentlichung von Musik unter Creative-Commons-Lizenzen, die kommerzielle Nutzung ausschließen. Hierzu wurden jeweils eigene Richtlinien erarbeitet, die genau festlegen, was kommerziell ist und was nicht. Im Ergebnis ist darin alles, was irgendwie mit Werbung zu tun hat, als kommerziell eingestuft worden. Es handelt sich also um sehr restriktive erste Ansätze, aber immerhin gibt es sie.
Außerdem stellte Jon Philips von Creative Commons das Protokoll CC+ vor, mit dem sich direkt in den Metadaten einer Lizenz Kontaktdaten für weitere Rechteverhandlungen hinterlegen lassen, etwa eine URL, über die weitere Erlaubnisse eingeholt werden können. Dadurch und die teilweise Öffnung von Verwertungsgesellschaften wurde nun etwas möglich, was noch vor einem Jahr die meisten für ausgeschlossen gehalten haben dürften: Von einer CC-Lizenz aus wird direkt auf die Seite einer Verwertungsgesellschaft verlinkt, dort die Lizenz anerkannt und entsprechend zurück verlinkt. Alles im Sinne der Versöhnung von freien Lizenzen und kollektiver Rechtewahrnehmung. Die Symbolik ist hier nicht zu unterschätzen.
Ansonsten beschäftigte sich der Open Business Track beim iSummit vor allem mit der Suche nach Definitionen, was Open Business eigentlich genau ist oder sein soll. Ist Offenheit dabei nur ein Mittel zum (Marketing-) Zweck oder eine alternative Grundeinstellung? Als kleinster gemeinsamen Nenner ergab sich letztendlich: Open Business ist in erster Linie der Einsatz bestimmter Methoden, was eins oder mehrere der folgenden Dinge umfassen kann:
- Sampling freier Inhalte
- neue Technologien auf Open-Source-Basis / freie Software
- Online-Community-Kultur
- größere Transparenz als bei klassischer Unternehmensführung
- faires Teilen der Profite mit den Beitragenden
Weiter wurde diskutiert, ob Offenheit als graduelles Phänomen oder sogar nur als temporäres Phänomen zu begreifen ist. Beobachtet werden kann jedenfalls häufig, dass, je mehr Geld verdient wird, desto mehr zugleich Transparenz und Offenheit abnehmen (Beispiel: Mozilla Foundation seit den Deals mit Google). Das führte natürlich zu Frage, welche Art von „Offenheit“ hier gemeint ist. Als verschiedene Sichtweisen wurden gesammelt:
Offenheit bzgl. Zugang zu Services (offene APIs)
Dies ist die niedrigste denkbare Schwelle für den Begriff Offenheit in diesem Zusammenhang und ändert am Charakter des dahinter stehenden Geschäfts kaum etwas.
Offenheit bzgl. dem Input von (user generated) Content
Man gibt den Kunden die Möglichkeit, sich einzubringen und dafür Vorteile zu bekommen. Wenn es allerdings nur darum geht, dass man die Konsumenten dazu bekommt, dass sie sich / ihre Zeit investieren, dann sieht das eher nach einem freundlich gefärbten CRM ausOffenheit bzgl. Mitwirkung Außenstehender an Entscheidungsprozessen des Unternehmens
Hiermit ist im übertragenen Sinne gemeint, dass die „DNA“ des Unternehmens von jedermann (oder zumindest von allen Kunden des jeweiligen Unternehmens) verändert bzw. mitgestaltet werden kann.
Insgesamt war man sich einig, dass Open Business keine gänzlich neue Sache aber auch nicht „business as usual“ ist, und dass man kaum jemals davon sprechen kann, dass ein gesamtes Unternehmen „offen“ ist, genau wie man nicht von „grünen Unternehmen“ sprechen kann. Es sind meist nur bestimmte Unternehmensbereiche oder Handlungsweisen als offen (oder grün) identifizierbar.
Zum Schluss gab’s noch Kritik, dass häufig zuviel in das Thema Open Business hinein interpretiert werde und viele Leute sich und anderen davon zuviel versprechen würden. Als Beispiel wurde die Verwendung von CC-Lizenzen genannt, die, wenn sie auf traditionelle geschlossene Modelle trifft, oft zu „Complicated Commons“ oder „Confusion Commons“ führen würde statt zu funktionierenden Geschäftsmodellen. Die Replik darauf war, dass man muss sich letztendlich entscheiden und im Zweifel ganz aus den eingefahrenen Bahnen der etablierten Modelle raus müsse. Es gehe eben in der Praxis nicht auf, wenn man etwa als Band alternativ lizenzieren aber dennoch bei Sony-BMG oder EMI unterkommen will, um sich das Türchen zum sagenhaften Reichtum offenzuhalten.
Als nächstes will sich die Gruppe des Open Business Track um die Aufbereitung von Praxiserfahrungen in Form von qualifizierten Fallstudien kümmern. Für alle Interessierten gibt es ein Wiki (http://wiki.icommons.org/index.php/ISummit_2008/Open_Business).
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: iSummit 08: Best of Keynotes
: iSummit 08: Best of Keynotes Auch beim diesjährigen iSummit in Sapporo gibt es wieder die tägliche Dosis an dicken Ideen in Form von Keynotes, in der Sprache der Programmseite: „framing your day with big ideas“. Jeden Morgen und jeden Nachmittag lassen jeweils drei mehr oder weniger prominente Personen die Dinge auf die iSummit-Teilnehmer los, die sie für wichtig halten. Hier nun ein kleines Best-of der bisherigen Keynotes:
Read-Write-Suchmaschinen
Nachdem Heather Ford eine sehr allgemeine Eröffnungsrede gehalten hatte, in der sie von Wasser bis Zugang zu Mobilfunknetzen so ziemlich alles abdeckte, was auch nur im Entferntesten mit Gemeingut zu tun hat, wurde Jimbo Wales per Videostream aus Californien zugeschaltet und bewarb sein Projekt Wikia Search. Er kritisierte die großen drei Suchmaschinen-Platzhirsche:Wie werden Suchresultate erzeugt (die ersten Einträge der Suchergebnisse stimmen bekanntlich nicht selten mit denen der sposored ads überein)? Wenn man seine Seite nicht weit oben auf der Ergebnisliste findet, empfiehlt Google, dass man einen SEO-Experten anheuert. Soll das die beste Lösung sein? Wie sieht es mit dem Datenschutz in Zeiten von Google Maps Street View? Alle Suchergebnisse von den großen drei sind „Read only“, keine Verbesserung kann von den Nutzern direkt vorgenommen werden. Also versucht er nun, das Wikipedia-Momentum auf seinen eigenen Suchansatz Wikia Search zu übertragen. Das Ganze steht unter der FreeBSD Lizenz, der Code kann über Subversion verwaltet werden und es gibt einen „distributed web crawler“. Dennoch erreichen die Suchergebnisse bislang noch nicht die „industry standards“, Jimbo Wales zählt aber auf den „human touch“, der durch viele Mitwirkende erreicht werden kann. Seit Anfang des Jahres gibt es insbesondere aus Deutschland und der Türkei eine sehr aktive Mitwirkung, was Jimbo Wales sich nicht wirklich erklären kann, er dankt aber dennoch und wünscht sich noch mehr davon.
Jamie King: Bitte bitte steal this film!
Außer den bereits oft gehörten Dingen über Steal this film hat Jamie King sich vor allem verwundert gezeigt, dass in den zwei Jahren, seit das mit seinen Projekten verbundene Verbreitungsmodell über BitTorrent bekannt wurde, es bisher noch von niemandem im kommerziellen Sektor nachgeahmt wurde, obwohl er ständig davon erzählt. Ansonsten ließ er die Zuhörer zurück mit der durchaus auslegbaren Aussage „business is piracy and piracy is business“.
YouTube und CC-Lizenzen für Al Jazeera
Einen Redner der etwas anderen Art stellte Mohamed Nanabhay dar, der für den neuen iCommons-Medienpartner Al Jazeera sprach. Er benannte die Herausforderungen, denen sich die traditionellen Massenmedien im digitalen Zeitalter gegenübersehen.
1. Sie verlieren Konsumenten an andere Plattformen und Verbreitungskanäle
2. Es gibt immer mehr Produzenten von Inhalten
3. Der Content, den man sendet, geht so oder so online, egal ob man das will oder nicht
4. Die zugehörigen Geschäftsmodelle sind noch undefiniert
5. Intern gibt es große Beharrungskräfte
Die Medienunternehmen befänden sich im Unklaren über ihre eigene (zukünftige) Rolle und letztendlich in einer handfesten Relevanzkrise. Al Jazeera versucht dem mit „Al Jazeera Labs“ (labs.aljazeera.net) zu begegnen, einem Thinktank, der Produkte rund um die neuen Arten des Konsumierens entwickeln soll. Al Jazeera nennt die resultierende Verbreitung dann „distributed distribution“, gleichzeitige Verbreitung neuer Inhalte über TV, SMS-Newsservices, YouTube, Blogs, Podcasts, soziale Netzwerke etc. Dieser Art des Outputs soll eine ebenso verteilte Art des Inputs hinzugefügt werden. Ansonsten ist freie Lizenzierung für Al Jazeera vor allem ein wirtschaftliches Instrument und weniger eine Sache der Unternehmensphilosophie. Man nutzt es zum Aufbau von Reputation, um neue Konsumentengruppen zu erreichen, in neue Märkte einzubrechen, den Zuschauern Respekt zu vermitteln und um Konkurrenten unter Druck zu setzen. Die besten Erfahrungen hat Al Jazeera damit gemacht, dass sie selbst Content auf YouTube eingestellt haben.
Der doppelte Fehler neoliberaler Politik
David Bollier vereinfacht die Sicht der Welt auf einen „doppelten Fehler“, den er vor allem in der neoliberalen Politik erblickt: Limitierte (natürliche) Ressourcen werden so behandelt, als wären sie unendlich, während zugleich die nicht limitierte Ressourcen (Wissen, Ideen, Kreativität) so behandelt werden, als wären sie endlich, indem man mittels Gesetzen künstliche Monopole schafft. Ob es ganz so einfach ist, sei mal dahingestellt. Jedenfalls sieht David in der Gruppe der anwesenden „Commoners“, sich selbst einschließend, das Potenzial für nicht weniger als eine neue politische Macht, denn: „Wir“ haben demnach:
- eine unvergleichliche internationale Reichweite
- großartige politische Fähigkeiten
- viel Kompetenz bezogen auf neueste Technologien
und stützen uns auf starke demokratische Traditionen (zumindest diese Einschätzung wird sicherlich nicht von allen so gesehen), während wir trotzdem einen pragmatischen Ansatz verfolgen. Fehlt eigentlich nur noch die Gründung einer Commonspartei …