Werbeindustrie liest mit: KI-Chatbots schicken Inhalte aus Gesprächen an Tracking-Firmen

Sechs von neun untersuchten KI-Chatbots übermitteln laut einer Studie Gesprächsinformationen an Tracking- und Werbedienste. Betroffen sind auch bekannte Angebote wie ChatGPT, Claude und Gemini.

  • Carla Rochel
Die Apps verschiedener KI-Chatbots, darunter ChatGPT, Claude, Gemini und DeepSeek.
Wer erfährt, worüber ich mit meiner KI spreche? (Symbolbild) – Gemeinfrei-ähnlich freigegeben durch unsplash.com: Solen Feyissa

Chatbots übermitteln Informationen aus Gesprächen an verschiedene Tracking- und Werbedienste und gefährden damit die Privatsphäre. Dazu zählen Titel und Links von Chats, wörtliche Eingaben und sogar Screenshots. Das zeigt eine neue Studie des Forschungsinstituts IMDEA Networks.

Für die Studie hat das Forschungsteam aus Madrid neun große KI-Dienste untersucht: ChatGPT, Claude, Perplexity, Grok, Gemini, Mistral AI, Meta AI, DeepSeek und Microsoft Copilot. Sechs der neun Webversionen und drei von acht Android-Apps teilten dabei Informationen aus den Gesprächen mit Tracking- und Werbediensten. Zu den Drittanbietern, an die Daten übermittelt wurden, gehörten auch bekannte Unternehmen wie Google, Meta und TikTok.

Schon Chat-Titel enthalten private Informationen

Menschen erzählen KI-Chatbots Dinge, die sie sonst vielleicht niemandem anvertrauen würden. Sie fragen nach Krankheiten, teilen Geldsorgen und besprechen Beziehungsprobleme. Chatbots erstellen für diese Gespräche automatisch zusammenfassende Titel. Sie sollen Nutzer:innen helfen, einen Chat in der Gesprächs-Historie wiederzufinden.

Aus der Frage nach Parkinson-Symptomen wird etwa der Titel „Parkinson-Symptome im Frühstadium“. Aus der Frage nach einer möglichen Hypothek in New York entsteht der Titel „85.000-Dollar-Gehalt in NYC: 280.000 – 350.000 Dollar Hypothek“. Mit diesen Fragen untersuchten die Forschenden, welche Informationen die Chatbots in ihre Titel aufnehmen.

Gemini, Grok und Mistral gaben diese vielsagenden Chat-Titel laut der Untersuchung auch an Dritte weiter. „Selbst scheinbar harmlose Informationen wie Chat-Titel können sehr persönliche Interessen, Sorgen und Lebensumstände offenbaren“, sagt Narseo Vallina-Rodriguez aus dem Forschungsteam von IMDEA Networks auf Anfrage von netzpolitik.org.

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Mögliche Verknüpfung mit Nutzerprofilen

Ein Chat-Titel allein kann dabei bereits sensible Rückschlüsse zulassen. Wird er zusammen mit Kennungen wie E‑Mail-Adressen oder Nutzer-IDs übermittelt, lässt sich möglicherweise auch erkennen, zu welchem Konto die Information gehört.

„Diese Informationen könnten mit bereits bestehenden Nutzerprofilen verknüpft werden, die Werbe- und Trackingunternehmen führen“, sagt Vallina-Rodriguez. Deren Technologien seien in Millionen von Websites und mobilen Apps eingebunden, möglicherweise, ohne dass die Betroffenen davon wissen.

Laut der Studie hatten die Chatbots von Antrophic, Mistral und Perplexity AI E‑Mail-Adressen an Dritte übermittelt. Nutzer-IDs wurden bei ChatGPT, Claude, Le Chat und Perplexity weitergegeben.

Chat-Links können ganze Gespräche offenlegen

Kritisch sind auch die Links, die die Chatbots für jeden Chat automatisch erstellen und über die sich die Unterhaltung aufrufen lässt. Laut der Studie wurden diese von ChatGPT, Claude, Grok, Mistral und Perplexity an Dritte übermittelt. Bei ChatGPT, Claude und Mistral sind die verlinkten Gespräche den Forschenden zufolge nur für die jeweiligen Ersteller zugänglich. Bei Perplexity sind Chat-Links dagegen auch öffentlich abrufbar, wenn der Chatbot mit einem Gastzugang genutzt wird. Wer dem Link folgt, sieht dann den gesamten Gesprächsverlauf.

Besonders problematisch ist laut der Studie der Fall von Grok, dem Chatbot von Elon Musks Firma xAI. Bei Gesprächen im Browser hat Grok unter anderem Chat-Titel und Chat-Link an verschiedene Drittanbieter wie Meta, Tiktok, Google und Twitter Analytics übertragen. Diese sind laut den Forschenden sowohl in der kostenlosen als auch der kostenpflichtigen Version von Grok standardmäßig öffentlich zugänglich, sofern Nutzer:innen das nicht abschalten. Dadurch könnten Dritte Zugriff auf den Gesprächsverlauf haben – inklusive eingegebener Prompts und generierter Antworten.

Geteilte Chats erhöhen Risiko

Zusätzlich können Nutzer:innen ihre Gespräche mit Chatbots über sogenannte Share-Links bewusst mit anderen teilen. Im Fall solcher geteilten Gespräche hat Grok sehr weitreichende Informationen mit anderen Unternehmen geteilt: Meta erhielt Titel und den letzten Prompt. TikTok erhielt außerdem einen Screenshot der Unterhaltung.

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Um zusätzlich zu untersuchen, ob die Share-Links tatsächlich aufgerufen werden, bauten die Forschenden Köder-Links in geteilte Grok-Gespräche ein. Sie verzeichneten 70 Abrufe von 70 IP-Adressen aus 14 Ländern, teilweise noch Tage nach dem ursprünglichen Gespräch.

Die Forschenden prüften auch, ob Nutzer:innen das Tracking durch Datenschutzmaßnahmen einschränken können. Selbst nachdem alle nicht notwendigen Cookies abgelehnt wurden, blieben laut Studie 80,8 Prozent der beobachteten Drittanbieter-Tracker aktiv. Auch zwischen kostenlosen und kostenpflichtigen Konten fanden die Forschenden kaum Unterschiede.

Auf Anfrage von netzpolitik.org verwies Google auf den technischen Zweck von Google Analytics. Das Tool helfe dabei, die Leistung von Gemini zu überwachen und Störungen zu erkennen. „Wir halten uns an die geltenden europäischen Datenschutzbestimmungen“, schreibt eine Google-Sprecherin. Auf die konkreten Ergebnisse der Studie ging Google nicht näher ein. xAI, Mistral und Perplexity ließen die Anfrage unbeantwortet.

Datenschutzbehörden eingeschaltet

Laut der Studie informierten die Forschenden im April 2026 auch europäische Datenschutzbehörden über ihre Ergebnisse. Ende Mai beantragte die spanische Datenschutzbehörde AEPD, den Fall im Europäischen Datenschutzausschuss zu beraten. Die Forschenden kontaktierten außerdem den Grok-Anbieter xAI, von dem sie jedoch bis zur Veröffentlichung der Studie Ende September keine Antwort erhielten. Zu diesem Zeitpunkt waren Grok-Chats weiterhin öffentlich abrufbar.

Wie relevant der Umgang mit Chatdaten ist, zeigen auch aktuelle Entwicklungen bei OpenAI. Das Unternehmen kündigt an, personalisierte Werbung in ChatGPT künftig auch in Europa auszuspielen und dafür unter anderem Informationen aus früheren und aktuellen Chats zu nutzen. Die Berliner Datenschutzbeauftragte warnt, dass dadurch auch sensible persönliche Informationen für Werbezwecke ausgewertet werden könnten.

Über die Autor:innen

  • Carla Rochel

    Von September bis Dezember 2026 ist Carla Praktikantin bei netzpolitik.org. Sie studiert Kommunikations- und Medienwissenschaften in Leipzig und interessiert sich besonders für Soziale Bewegungen und digitalen Protest.

    Kontakt: E-Mail (OpenPGP)


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