Alternativen zum Auto gibt es viele – damit die genutzt werden, braucht es aber auch ausreichend Informationen darüber, welche Busse, Mitfahrgelegenheiten, Rad- oder Fußwege zum Ziel führen. Deshalb war für die kleine Stadt Herrenberg bei Stuttgart klar: Sie möchte eine Mobilitätsplattform einführen, auf denen all diese Informationen gebündelt angeboten werden. Seit 18. Mai ist Stadtnavi.de online, das Projekt wird stetig ausgebaut.
Viele Monate lang haben Mitarbeiter:innen der Stadt recherchiert, mit verschiedenen Anbietern gesprochen und verglichen. Ohne Ergebnis. Denn nichts davon konnte ihren Anforderungen genügen: „Wir möchten gerne freie Lizenzen, keine Werbung und auch die Daten unserer Nutzer:innen nicht hergeben“, zählt Stefan Kraus auf. Er leitet in der Stadt das Amt für Technik, Umwelt, Grün und hat schließlich entschieden: „Die Zeit ist reif. Wir brauchen was eigenes.“
Ein bisschen Mut muss sein
Bereits Anfang 2019 hat Kraus bei einem Besuch im Verschwörhaus Ulm, einem lokalen Hackspace, von der Mobilitätsplattform digitransit erfahren. Sie wird von der finnischen Verkehrsbehörde entwickelt und steht als freie Software zur Verfügung. Aktivist:innen aus dem Umfeld des Hackspaces beschäftigen sich schon länger mit digitransit und konnten Stefan Kraus vom Mehrwert des Zusammenspiels offener Daten und freier Software überzeugen. Dieses System aber vollständig selbst aufzusetzen und für die eigene Stadt anzupassen, das erschien ihm damals noch größenwahnsinnig, erzählt Kraus.
Weil sich allerdings keine Alternativen finden ließen, hat sich sein fünfköpfiges Team aus zwei Verwaltungsmitarbeitern, zwei Entwicklern und einer Mitarbeiterin für die Pressearbeit an die Umsetzung gewagt. „Und dann ging alles ratzfatz“, sagt Kraus. Nach wenigen Monaten Arbeit sei die Plattform im März 2020 fertig gewesen, wegen Corona sei sie etwas später, am 18. Mai, endlich online gegangen.
Eigene Daten, frei für alle
Als großes Problem habe sich die Einbindung der Daten erwiesen, sagt Kraus. Denn im Gegensatz zu Finnland, wo viel Wert gelegt wird auf offene Daten und beispielsweise Car-Sharing-Unternehmen verpflichtet sind, ihre Daten frei verfügbar zu machen, sieht die Situation in Deutschland anders aus. Open Data ist hier kein Standard. Die Stadt Herrenberg hatte den Vorteil, dass sie bereits ein eigenes Netzwerk von Sensoren aufgebaut hatte.

Dabei übertragen kleine Sensoren in der ganzen Stadt verschiedenste Messwerte mittels „Long Range Wide Area Network“ (LoRaWAN) auch über weite Strecken. So erkennen bestimmte Sensoren beispielsweise, wenn die Straßen glatt sind. Mit diesen Informationen organisiert sich aktuell schon der Winterdienst, sie sollen aber auch als Warnhinweise in der Mobilitätsapp verfügbar sein. Echtzeitdaten der Busse liefern in den Fahrzeugen eingebaute Sensoren, genauso wie eine grobe Angabe, wie voll die Busse sind.
Genau in der Einbindung dieser lokalen Daten sieht Stefan Kraus die Stärke der städtischen Plattform: „Du wirst ja ganz schnell mit Google verglichen“, der Qualitätsanspruch sei also hoch. Im Unterschied zu privatwirtschaftlichen Konzernen legen die eigenen Sensoren und die dahinterstehenden Systeme aber großen Wert auf Datenschutz – und können trotzdem diverse Messwerte einbeziehen: Parkplatzbelegung. Busse in Echtzeit. Öffnungszeiten. Personenzähler auf Wertstoffhöfen. Mitfahrmöglichkeiten.
„Alles, was an lokalen Daten da ist, die Bewegung von Menschen beinhaltet, werden wir auf dieser Plattform ausspielen“, sagt Kraus. In Zukunft soll dadurch auch das Fahrradrouting noch besser werden oder Sensoren für die Belegung von Behindertenparkplätzen ergänzt werden.
Mit Mobilitätsplattformen zur Verkehrswende
Mobilitätsplattformen sind für die Verkehrswende unabdingbar, sagt auch Volker Blees. Er beschäftigt sich an der Hochschule Rhein-Main mit Verkehrsplanung und weiß, dass in vielen Städten an ähnlichen Lösungen gearbeitet wird. So haben beispielsweise 2015 mehrere Verkehrsverbünde und ‑unternehmen gemeinsam „Mobility inside“ initiiert. Allerdings dauere die Entwicklung, denn es müssten „dicke Bretter“ gebohrt werden, erklärt Blees.
Dass das nicht immer klappt, zeigt das groß gestartete, aber mittlerweile eingestellte Projekt MoveBW der baden-württembergischen Landesregierung. Während diese Projekte sehr hoch ansetzen und sich der Entwicklungsprozess über Jahre zieht, scheint der kommunale und pragmatische Ansatz in Herrenberg besser zu funktionieren.
Meins, deins, unseres
Bei der Umsetzung arbeitet das hauptamtliche Kernteam auch mit ehrenamtlichen Communities vor Ort zusammen, beispielsweise mit der Gemeinschaft des freien Kartendienstes OpenStreetMap. Engagement zu unterstützen und einzubeziehen ist der Stadt wichtig. Herrenberg bezeichnet sich selbst als Mitmach-Stadt: „Das hat uns in den letzten zehn Jahren aber enorm geholfen“, sagt Stefan Kraus. So konnten beispielsweise in kürzester Zeit alle Hausnummern der Stadt mit Daten aus der Verwaltung abgeglichen und ergänzt werden.
Die Plattform können jetzt auch andere Kommunen einsetzen. Rechtlich wird das sichergestellt durch freie Softwarelizenzen, aber auch die Bezeichnung „stadtnavi“. Das ist eine eingetragene Marke – allerdings als Whitelabeling, betont Kraus. Das heißt: Jede Stadt könne die Bezeichnung Stadtnavi in Verbindung mit dem eigenen Namen verwenden. „Uns war immer klar, dass Mobilität nicht an unserer Stadtgrenze aufhört“, sagt Kraus. Deshalb sei Stadtnavi von Anfang an als Plattform angelegt, deren Betrieb sich auch kleine Kommunen leisten können.
Denn die Entwicklung wurde im Rahmen eines Modellprojekts des Bundesverkehrsministeriums finanziert: Herrenberg ist eine von bundesweit fünf Modellstädten, die zwei Jahre lang für saubere Luft gefördert werden. Neben dynamisch geregelten Ampeln oder Vergünstigungen für den Nahverkehr wurden 370.000 Euro für die Mobilitätsplattform eingeplant, 95 Prozent davon kommen aus dem Fördertopf des BMVI. Gerade durch die Förderung sieht sich Kraus auch dem Gemeinwohl verpflichtet: „Alles, was wir entwickeln, stellen wir auch anderen Kommunen zur Verfügung. Das dürfen alle ruhig schamlos kopieren, das ist gar kein Problem“.
Selber machen statt einkaufen
Dafür muss allerdings noch in einigen Verwaltungen umgedacht werden. Denn in der Regel kaufe man Softwarelösungen ein, erklärt Kraus. Kommunale Verwaltungen als Arbeitsplatz für Entwickler:innen attraktiv zu machen, sei aber möglich. Denn in der Verwaltung könne man viel mitgestalten, das begeistere auch fähige Menschen.
Allerdings sei auf politischer Ebene noch viel Aufklärungsarbeit nötig: „Das war auch bei uns nicht so einfach. Deshalb war die Zeit auch so lang, bis wir wirklich loslegen konnten.“ Denn jede Maßnahme muss natürlich von politischen Gremien wie dem Stadtrat beschlossen werden. Da müsse man gut erklären, was man eigentlich machen möchte, sagt Kraus. Aber: Mit einer Plattform wie Stadtnavi werde das Konzept Smart City mit vielen Sensoren in der ganzen Stadt anschaulich und wirklich zu einem Mehrwert.
Information als öffentliche Daseinsvorsorge
Wenn Kommunen es sich zur Aufgabe machen, ihren Bürger:innen nicht nur den öffentlichen Nahverkehr zur Verfügung zu stellen, sondern auch die Informationen dazu, entziehe das Unternehmen mit datenschutzunfreundlichen Geschäftsmodellen den Boden, sagt der Dortmunder Verkehrswissenschaftler Martin Randelhoff. Durch eine eigene Plattform habe man außerdem demokratische Einflussmöglichkeiten vor Ort. Das sei bei anderen Anbietern nicht unbedingt gegeben.
Wichtig sei allerdings auch, dass die verfügbaren Daten möglichst vollständig sind. Dazu müssten kommunale Betriebe, aber auch beispielsweise private Parkhäuser zum Grundsatz Open Data verpflichtet werden, sagt Randelhoff, denn: „Wenn ich unterwegs bin und ich irgendwo nicht weiterkomme, brauche ein verlässliches System, das mir Alternativen bietet – gerade wenn ich mich nicht auskenne.“
Noch läuft der zweijährige Förderzeitraum des Verkehrsministeriums. Für die Zeit danach überlegt die Stadt gerade gemeinsam mit dem Land Baden-Württemberg ein Betriebsmodell, um das Projekt weiterzuführen, beispielsweise als Genossenschaft.
