Drei Männer trübten den Ausblick auf den wohl schönsten Strand am Gardasee. Der erste, nackt bis auf ein rotes Bandana, stand bis zur Hüfte im Wasser und ließ seinen Blick schweifen. Nummer zwei räkelte sich nur wenige Meter weiter auf einem Handtuch, scrollte und griff sich in kurzen Handypausen zwischen die Beine. Auch er war nackt. Der Dritte im Bunde hatte es sich im Schatten der Bäume gemütlich gemacht. Die kleinen schwarzen Linsen seines Smartphones zeigten auf mich und meine Freundin. Wir hielten die Stellung.
Natürlich wunderten wir uns, dass ausschließlich Männer diesen atemberaubenden Strand bevölkerten. Nachdem wir nur einige Meter weiter einem schwulen Pärchen begegnet waren, glaubte ich, dass es sich hier um einen Cruising-Spot handeln müsste. Also um einen Ort, an dem Männer andere Männer für Sex treffen. Als tolerante, in der Queer-Hauptstadt Berlin sozialisierte Weltbürger fühlten wir uns damit nicht nur sicher, sondern auch ausgesprochen gut.
„Das ist unser Safe Space“, sagten wir. Wie entspannend das doch sei, endlich keine heterosexuellen Männer um sich zu haben. Ich war eitel genug, die Blicke unserer nackten Nachbarn und die anderer männlicher „Spaziergänger“ nur auf mich zu beziehen. Als der Mann auf dem Handtuch schließlich aufstand und uns mehr oder weniger offensiv seine privaten Körperteile präsentierte, kamen uns erste Zweifel.
Später stellte sich über die Rezensionen auf Google Maps heraus, dass unser vermeintlicher „Queer-Safe-Space“ auch ein Strand für heterosexuelle Lüstlinge war, wo nach den Schilderungen immer wieder Frauen heimlich gefilmt und belästigt wurden. Die Dreistigkeit, mit der uns unsere Nachbarn angafften und mit Smartphones vor uns herumfuchtelten, fühlte sich sonderbar digital an.
Das unablässige Starren hatte einen gewissen „Online-Charakter“. Die Männer am Strand waren ein Sinnbild dafür, wie sich der jahrzehntelang in sozialen Medien und auf Pornoplattformen geformte und enthemmte Blick ins analoge Leben überträgt. Dabei kann ein Smartphone oder eine einfache Sonnenbrille schnell zur Bedrohung werden – denn selten ist klar, ob man gerade gefilmt oder fotografiert wird.
Bildschirme und Smartglasses als Schutzschilde
Hinter Bildschirmen und Smartglasses verschanzt lassen sich andere betrachten und konsumieren, ohne den eigenen Blick rechtfertigen zu müssen. Mit fehlender Selbstwahrnehmung ergreifen Männer so Besitz von ihrer Umwelt. Das Recht, alles anglotzen zu dürfen, gibt es eigentlich nur im Netz. Und dort verstärken die Empfehlungsalgorithmen der Plattformen sogar den Konsum solcher Inhalte.
Auch nach der hundertsten Abwahl mit „Nicht interessiert“-Button spülen soziale Medien wie Instagram noch sexualisierte Videos in den Feed, wahrscheinlich weil sie gut funktionieren. Viele der Inhalte sind aus der Ich-Perspektive gefilmt, die auch als POV, kurz für Point of View, bekannt ist. Mit Smartglasses können „Hobby-Filmer“ und sogenannte Pick-up-Artists diese Bildperspektive nun im öffentlichen Raum reproduzieren.
Die Technologie macht es so leicht wie nie, beliebte Pornografie-Formate wie „Public Agent“ oder „Czech Streets“ – dabei spricht ein Mann Frauen auf der Straße an bietet ihnen etwa Geld für Sex – nachzustellen und Menschen dabei ohne ihr Wissen zu filmen. Die geskripteten Begegnungen sollen durch die POV-Perspektive möglichst spontan und realistisch wirken. Erst kürzlich berichtete eine junge Frau in der taz, wie sie von einem Pick-up-Artist angesprochen und dabei unbemerkt aufgenommen wurde. Das Video stellte der Mann später ins Netz, um Klicks zu generieren.
Forscher der University of Sydney haben 350 Instagram-Videos dieser Art aus den letzten drei Jahren ausgewertet. In rund 60 Prozent stuften sie das Verhalten des Filmenden als mögliche Belästigung ein, und in 43 Prozent wurden die Frauen danach in den Kommentaren abgewertet oder sogar identifiziert. Die Clips bedienen eine einschlägige Bildsprache, die vielen männlichen Zuschauern aus Pornografie und sozialen Medien längst vertraut ist.
Dauerüberwacht in öffentlichen Räumen
Wer mit privater Dauerbeobachtung durch seine Mitmenschen rechnen muss, verhält sich lieber unauffällig. Die Möglichkeit, jederzeit heimlich gefilmt oder fotografiert zu werden, verändert das eigene Verhalten. Besonders betroffen sind Frauen und all jene, die nicht der Norm entsprechen, sich visuell etwas trauen oder einfach nur mit ihrer Erscheinung spielen wollen.
Bei Frauen reicht es dabei schon, wenn sie einfach nur U‑Bahn fahren, in der Sauna entspannen oder joggen gehen wollen. Die bestehenden Gesetze stellen heimliches Filmen nur in bestimmten Fällen unter Strafe. Und das lässt sich teils gar nicht erst durchsetzen, wenn Betroffene oft nicht wissen können, dass sie gefilmt wurden.
Da die Videos Reichweite und Engagement bringen, ist auch von den Betreibern sozialer Medien wenig Unterstützung zu erwarten. Instagram hat im Juli angekündigt, derartige Inhalte zu löschen. Nur einen Monat später fand eine Journalistin von 404 Media trotzdem noch Dutzende davon.
Industrialisierung des Sehens
Eine Besserung ist nicht in Sicht. Im Gegenteil: Unternehmen wie Meta bewerben mit großem Budget und Prominenten wie Kylie Jenner eine neue Art der Überwachungsästhetik, in der das permanente Aufzeichnen der eigenen Umgebung als progressiv und gar stylisch verkauft wird. Meta hat ein Interesse daran, dass möglichst viele Menschen dauerhaft filmen und die Aufnahmen teilen. Mit Smartglasses, die das heimliche Filmen besonders einfach machen, lässt sich das alltägliche Sehen regelrecht industrialisieren.
Vor allem Frauen, die im öffentlichen Raum ohnehin einer ständigen Beobachtung ausgesetzt sind, arbeiten letztlich umsonst und unfreiwillig für die Plattformen und die Männer hinter Kameras und Bildschirmen. Damit leisten sie nichts weniger als unbezahlte Stare-Arbeit.
Wer weiß, ob der Mann unter den Bäumen am Strand nur Candy Crush gespielt oder heimlich Aufnahmen gemacht hat? Und was war das eigentlich für eine schwarze Sonnenbrille mit auffällig dicken Bügeln? Die Antwort auf diese großen Fragen der Zukunft bleibt ungewiss.

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