BreakpointAufruf zu digitalem Ungehorsam

Überwachung ist ein mächtiger Zensor, der uns gehorsam werden lässt. Selbst dann, wenn sie gar nicht stattfindet. Deshalb ist jetzt die Zeit für mehr Kritik und Aufmüpfigkeit.

  • Carla Siepmann
Bild eines Gefängnisses mit Turm in der Mitte, von dem aus man alles sehen kann.
Wann wird dein Wohnzimmer zum Panopticon? – Alle Rechte vorbehalten: IMAGO / UIG

Was würden Sie tun, wenn in Ihrem Wohnzimmer ein kleines Fenster installiert wäre, durch das ein Mitarbeiter des Staatsschutzes Sie jederzeit beobachten könnte?

Ich würde aufhören, Brecht zu lesen, und stattdessen würde ich lieber eines von Benthams Büchern nehmen. Ich würde den Fernseher abstellen, wenn in einer Doku gezeigt wird, wie Terroristen mit Hausmitteln eine Bombe bauen konnten. Ich würde keine Wikipedia-Artikel mehr über Verschwörungsmythen, Waffen oder Anschläge lesen. Und ich würde aufpassen, welche Worte ich wähle, wenn ich die Bundesregierung im Gespräch mit Freunden kritisiere (Mehrzweckeier würde ich aus meinem Wortschatz streichen – Shoutout an Langenscheidt).

Selbstverständlich würde nicht 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche ein Staatsschutzmitarbeiter hinter dem Fenster zu Ihrem Wohnzimmer sitzen. Das gibt die Personaldecke überhaupt nicht her. Vielleicht würde auch niemals ein Staatsschützer hinter dem Fenster Platz nehmen. Rund 41 Millionen Wohnzimmer sind ganz schön viele für eine One-on-One-Überwachung.

Wer hat Angst vorm unsichtbaren Mann?

Und dennoch würde ich aufpassen, was ich in meinem eigenen Wohnzimmer lese und sage. Die allermeisten Menschen würden das tun. Das belegt unter anderem eine Studie aus dem Jahr 2016, die den sogenannten „Chilling Effect“ untersucht hat. Die Studienmacher konnten nachweisen, dass weniger Menschen bestimmte Wikipedia-Artikel lesen, wenn sie denken, dass sie dadurch zum Objekt staatlicher Überwachung werden könnten – beziehungsweise denken, dass sie möglicherweise bereits überwacht werden und so in den Blick der Überwachenden fallen könnten.

Die Studie verzeichnete etwa nach den ersten Snowden-Leaks im Jahr 2013 „einen 20-prozentigen Rückgang der Seitenzugriffe bei Wikipedia-Artikeln, die mit Terrorismus zu tun haben, darunter jenen, in denen ‚al Qaida‘, ‚Autobombe‘ oder ‚Taliban‘ erwähnt wurden“. Wer beobachtet wird, hat Angst, etwas falsch zu machen.

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Aktuell überschlagen sich die Nachrichten über neue Mittel der öffentlichen Überwachung. Nahezu wöchentlich scheint die Polizei neue Befugnisse zu bekommen oder bekommen zu sollen: mehr Videoüberwachung an Bahnhöfen, biometrische Erfassung von Gesichtern, auch mithilfe von KI, automatisierte Verhaltensscanner. Die Kompetenzen des Verfassungsschutzes sollen erheblich ausgebaut werden, einige Kommentatoren sorgen sich gar vor einer neuen Geheimpolizei. Und auch der digitale Raum soll immer stärker überwacht werden – zu unser aller Sicherheit natürlich. Verstärkt wird das Gefühl, ständig und überall beobachtet zu werden, durch neue Mittel der privaten Alltagsüberwachung wie etwa den Meta-Überwachungsbrillen, die dauerhaft praktisch unbemerkt ihre Umgebung filmen können.

Befürworter staatlicher (und privater) Überwachung führen auch im Jahr 2026 noch immer an, sie hätten nichts zu verstecken. Dieses Scheinargument nimmt keine Rücksicht darauf, dass man keinen Anschlag planen muss, um ein Bedürfnis nach und ein Recht auf Privatsphäre zu haben, das man gegenüber staatlichen Akteuren auch nicht rechtfertigen muss. Vor allem aber verkennen diejenigen, die dieses Argument vorbringen, dass Überwachung keiner Erkenntnisse bedarf – ja, nicht einmal tatsächlich stattfinden muss -, um einen direkten Einfluss auf das private und politische Leben derjenigen zu haben, die sich einer Überwachung ausgesetzt sehen.

Aus Überwachung wird (Selbst-)Zensur

Der Chilling Effect beschreibt eine Selbstzensur aus der Angst heraus, etwas zu tun, was die Überwachenden gegen einen selbst verwenden könnten. Statt also etwas zu tun, was sanktioniert werden könnte, unterlassen wir diese Handlung, ohne dass sie uns jemand verboten hätte. Wir lesen nicht die radikale Zeitschrift, verfassen keinen regierungskritischen Social-Media-Beitrag, überspringen das Video über wahre oder ausgedachte Verschwörungen. Überwachung wird so zum Zensor, ohne tatsächlich selbst zensieren zu müssen.

Damit ist Überwachung nicht nur Kontroll‑, sondern auch Steuerungselement, mit dem Einfluss auf das Verhalten von Menschen genommen wird (nicht genommen werden kann, denn der Chilling Effect tritt ein, egal, ob er beabsichtigt ist oder nicht). Eben das ist ja gerade das Argument von Menschen, die etwa den Ausbau von Videoüberwachung an öffentlichen Orten fordern. Sie meinen, die Installation von Kameras würde Straftaten verhindern – tatsächlich verschieben sich Straftaten vor allem an andere Orte, während alle anderen Menschen an den überwachten Orten unter ständiger Beobachtung stehen.

Was durch Überwachung stattdessen verringert wird, sind etwa die Klickzahlen von bestimmten Wikipedia-Seiten. Und damit geht ein Rückgang an Informiertheit einher, aus Angst, das Falsche zu wissen. Bereits die Ankündigung von Überwachung erzwingt somit einen vorauseilenden Gehorsam, der die tatsächliche Überwachung weitestgehend überflüssig machen könnte. Das aber wohl selten bei denjenigen, die im öffentlichen Diskurs gerne als „legitime“ Objekte staatlicher Überwachung charakterisiert werden. Stattdessen umso mehr bei denjenigen, die Mächtige kritisieren, Veränderungen anstoßen und Althergebrachtes mit neuen Erkenntnissen ins Wanken bringen.

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Der Freitag formulierte vor einigen Jahren treffend: „Überwachung ist Gift für die Demokratie, eine schleichende Gefahr für eine offene Gesellschaft, ein Feind freien Wissens.“

Ungehorsam bleiben

Wie aber könnte man in dieser Lage nicht gehorsam werden? Die Angst vor öffentlicher und privater Überwachung, im digitalen wie im analogen Raum, ist schließlich mehr als begründet. Und die Sorge vor Repressionen bei etwa unliebsamer Kritik gegenüber Regierenden liegt nicht fern. Nun könnte man denjenigen, die diese Sorgen haben, ein saftiges „Niemand hat das Recht zu gehorchen“ entgegenschleudern. Das klingt aber nur so lange gut, bis es die eigenen Chats sind, die durchleuchtet werden, bis das eigene Gesicht biometrisch erfasst wird oder die eigenen Schritte durch die Innenstadt automatisiert auf „auffälliges“ Verhalten gescannt werden.

Ich möchte dennoch dafür plädieren, sich nicht selbst zu zensieren. Aus dem einfachen Grund, dass es nicht besser wird, wenn wir es tun. Gerade, wenn wir aufhören, Mächtige öffentlich zu kritisieren, gegen Überwachung durch Polizei, Geheimdienste und Co. aktiv zu werden oder auch auf eine Art durch unsere Heimatstädte zu laufen, die die Polizei auffällig findet, bestärken wir die Prozesse, die uns davon abhalten wollen.

Montesquieu hat einmal gesagt: „Unbedingter Gehorsam setzt bei den Gehorchenden Unwissenheit voraus.“ Insofern ist jetzt die Zeit, mehr Regierungskritik zu üben und mehr Wikipedia-Artikel zu lesen, und nicht weniger. Auch dann, wenn es denjenigen, die uns überwachen, nicht gefällt. Gerade dann, wenn es ihnen missfällt.

Die Dystopie vom Beginn dieses Textes ist noch nicht (vollständig) Realität. Sie kann es aber werden, wenn wir aufhören, uns kritisch zu informieren und zu äußern. Und aus der Angst heraus, überwacht zu werden, gehorsam werden.

Über die Autor:innen

  • Carla Siepmann

    Carla schreibt seit 2022 frei für netzpolitik.org. Sie interessiert sich für Gewalt im Netz, Soziale Medien und digitalen Jugendschutz. Seit 2023 erscheint ihre monatliche Kolumne auf netzpolitik.org.

    Kontakt: carla_siepmann@mailbox.org, Instagram, Bluesky, Mastodon


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15 Kommentare zu „Aufruf zu digitalem Ungehorsam“


  1. Wer ist "empfänglich" für Chilling Effects - und wer eher nicht (Teil 1)

    ,

    Auch wenn Chilling Effects auch dann wirksam werden, wenn deren Wirkung nicht beabsichtigt ist, so ist es keineswegs so, dass diese auf alle Persönlichkeiten gleichermaßen wirken. Es wäre unredlich, zu suggerieren, es gäbe eine deterministische Wirkung von Chilling Effects.

    Eine ausgeprägte Resilienz gegen Chilling Effects zeigen Personen, die intellektuell neugierig sind und etablierte Normen oder Autoritäten ohnehin kritisch hinterfragen. Sie lassen sich von diffusen Warnsignalen kaum beeindrucken. Für sie besitzt die Erforschung neuer Gedanken oder die Verteidigung einer Überzeugung einen höheren Eigenwert als die Anpassung an das soziale Klima.

    Wer Unsicherheiten aushält und bereit ist, kalkulierte Risiken einzugehen, lässt sich von vagen Gesetzen oder intransparenten Plattformrichtlinien nicht sofort den Mund verbieten. Sie bewegen sich bewusst in rechtlichen oder sozialen Grauzonen. Menschen, die fest davon überzeugt sind, durch ihr eigenes Handeln (z.B. durch Aufklärung, Widerspruch oder juristische Gegenwehr) Einfluss auf ihre Umwelt nehmen zu können, reagieren auf Druck seltener mit resignativer Selbstzensur. Sie vertrauen auf ihre Kompetenz, sich im Ernstfall verteidigen zu können. Individuen, deren Selbstwertgefühl stark an moralische Prinzipien oder den Kampf für Gerechtigkeit gekoppelt ist, empfinden den Drang zur Selbstzensur als Verletzung ihrer Integrität. Die kognitive Dissonanz, sich aus Angst zu verbiegen, schmerzt sie mehr als die Antizipation einer externen Sanktion.


  2. Wer ist "empfänglich" für Chilling Effects - und wer eher nicht (Teil 2)

    ,

    Chilling Effects wirken dort maximal effektiv, wo das Individuum ohnehin sicherheitsorientiert, un d konfliktvermeidend ist. Auf nonkonformistische und intrinsisch motivierte Persönlichkeiten hingegen verpuffen dieselben strukturellen Signale weitgehend.

    Individuen, die anfällig für Chilling Effects sind, weisen in der Regel spezifische Persönlichkeitsmerkmale auf, die mit einem erhöhten Bedürfnis nach Sicherheit, sozialer Harmonie und Risikoaversion einhergehen.

    Personen mit ausgeprägter Verträglichkeit streben nach sozialer Harmonie und wollen Konflikte unbedingt vermeiden. Da Chilling Effects oft die Angst vor sozialer Ächtung oder dem Verlust der Gruppenzugehörigkeit triggern, passen diese Personen ihr Verhalten extrem schnell an, um bloß nicht anzuecken.

    Menschen mit hoher emotionaler Labilität neigen dazu, ambigue Signale, unklare Regeln oder diffuse Warnungen sofort als akute Bedrohung zu interpretieren. Die Amygdala reagiert bei ihnen hyper sensitiv, was zu einer schnellen Verhaltenshemmung führt.

    Wer das Gefühl hat, dem eigenen Schicksal und mächtigen äußeren Instanzen ausgeliefert zu sein und ohnehin nichts verändern zu können, kapituliert gedanklich schneller. Wenn man glaubt, dass das System unberechenbar straft, ist Selbstzensur die logische Konsequenz zum Schutz der eigenen Person.

    Menschen, die klare Regeln und absolute Gewissheit brauchen, ertragen den Graubereich unklarer Vorschriften schlecht. Um jegliches Risiko von Fehltritten auszuschließen, meiden sie Kontroversen gänzlich.

    Für die Gesellschaft bedeutet dies, dass Chilling Effects nicht nur Meinungen unterdrücken, sondern eine ungleiche Selektion bewirken:

    Die Stimmen der Vorsichtigen und Angepassten verstummen leise, während die ohnehin robusten oder risikofreudigen Akteure den verbleibenden öffentlichen Raum dominieren.


  3. da ist viel gesagt aber meine erwartungen nach dem lesen des titels sind nicht erfüllt. ich hatte mit ideen gerechnet, mit aufrufen zum bau von ki gesteuerten drohnen, die kameras aufspüren und mit farbe besprühen, hatte mir ideen zu schnittmustern zu verkleidungen gewünscht die die kameras verwirren. hatte ideen erhofft auf die ich noch garnicht gekommen bin, wenn ich „digitalem Ungehorsam“ leisten will. nichts davon. nichts konkretes, nur begründung warum alles sooo fürchterlich ist. schade. die aktuelle situation ist uns (ie netzpolitik leser blase) leider bekannt.


    1. Freidenker

      ,

      In diesem Artikel ist das gar nicht zu leisten, da muss man technisches Know-How haben und sich auskennen, zumal die Technik mit Sicherheit noch nicht überall hinsichtlich ihrer Funktionsweise verstanden wird.
      Abgesehen davon wäre es aus taktischen Gründen unklug, das in einem offenen Artikel zu schreiben.…Feind liest mit.


    2. Anonym

      ,

      Reinhard Mey – Annabelle


    3. Tilmann

      ,

      Es ist allerdings ein schmaler Grat, auf dem man sich hier bewegt. Du kannst in der Öffentlichkeit nicht zu Straftaten aufrufen.

      Aus dem Artikel hat mich abgeholt: „Insofern ist jetzt die Zeit, mehr Regierungskritik zu üben.“

      Aber ja: man muss konsequenter und deutlicher werden und mit eigenem Beispiel vorangehen. Fang am besten selbst an und verweigere dich öffentlich EUDI-Wallets als sichtbaren Zeichen gegen staatliche Überwachungs-Allmachtfantasien: keine-wallet.de


    4. +1
      Ich bin mit derselben Erwartungshaltung an den Artikel gegangen.
      Die letzten Jahre sind ohnehin schon massiv geprägt worden von „Empört Euch!“, dies das Ananas. Netzpolitik besticht gerade dadurch, auch in der konkreten Praxis Vorschläge zu machen, oder zumindest Künstler*innen oder Wissenschaftler*innen zu verlinken, die eben mehr als reine Empörung und kritischen Umgang, der nicht näher definiert wird, vorzuschlagen. Der Begriff „digitale Ungehorsam“ ist hier mehr Clickbait, als ein echter Vorschlag. Auch bleibt der Fokus beim Privatleben.

      Eine Idee ist z.B. Sousveillance (https://ojs.library.queensu.ca/index.php/surveillance-and-society/article/view/veillance ; https://dl.acm.org/doi/epdf/10.1145/3613904.3642614). Diverse andere Ideen Biometrie zu verwirren wurden ja schon durch „M“ angesprochen. Sorry, aber der Artikel wirkt aufgewärmt und appelliert nur an einzelne, nicht mal an gesellschaftlichen Zusammenhalt.


    5. > mit aufrufen zum bau von ki gesteuerten drohnen, die kameras aufspüren und mit farbe besprühen

      Gar keine schlechte Idee! Vielleicht wird mein Drohnen-Bau-Projekt jetzt endlich mal Realität. Habe das zu lange aufgeschoben. Danke!


    6. Tilmann

      ,

      Ich hatte übrigens einen relativierenden Kommentar hierzu geschrieben, der jedoch aufgrund eines Links wegmoderiert wurde.


  4. Anonyma - digitaler Ungehorsam Teil 1

    ,

    „Was würden Sie tun, wenn in Ihrem Wohnzimmer ein kleines Fenster installiert wäre, durch das ein Mitarbeiter des Staatsschutzes Sie jederzeit beobachten könnte?“

    Viele haben ja schon etwas in dieser Art in ihren Wohnzimmern stehen, nämlich ein Smart-TV. Und viele haben noch andere smarte Haushaltsgeräte, die fleißig Daten sammeln; gar nicht zu reden von ihren Smartphones, auf denen viele ihr gesamtes Privatleben den Datenkraken preisgeben. Diese Daten gehen zwar nicht direkt an Mitarbeiter des Staatsschutzes, aber Polizei und Geheimdienste können sich ja ohne größere Probleme Zugang zu diesen Daten verschaffen.

    Ich finde den Artikel zwar interessant, aber mir geht es wie M.: Ich bin der Meinung, der Titel passt nicht zum Inhalt. In diesem Artikel geht es meiner Ansicht nach eher um eine Analyse des Verhaltens von Menschen, die sich beobachtet bzw. überwacht fühlen. Okay, am Ende kommt dann noch die Aufforderung, mehr Regierungskritik zu üben und sich zu informieren, dem stimme ich zu, aber das ist doch eher die Voraussetzung für digitalen Ungehorsam.

    Digitaler Ungehorsam (und gleichzeitig digitale Selbstverteidigung) wäre in meinen Augen eher etwas wie z.B. Amazon zu boykottieren, WhatsApp zu verlassen, der elektronischen Patientenakte zu widersprechen, Ärzt*innen darauf anzusprechen, dass und warum man nicht damit einverstanden ist, dass sie doctolib verwenden, Windows platt zu machen, ein Google-freies Smartphone zu benutzen, etc. Und natürlich auch, sich in irgendeiner Form politisch gegen Datenkraken und staatliche Überwachung zu engagieren.


  5. Anonyma - digitaler Ungehorsam Teil 2

    ,

    Was das Plattmachen von Windows und Google-freie Smartphones betrifft: Ich habe den Eindruck, dass viele (nicht nur) ältere Menschen mittlerweile verunsichert sind über das Agieren von Datenkraken und staatliche Überwachung, aber nicht wissen, wie sie sich dagegen schützen können, weil ihnen das technische Wissen fehlt. Neulich stand ich in einer Drogerie in einer langen Schlange vor der einzigen von Menschen betriebenen Kasse, währen sechs (!) SB-Kassen von der Kundschaft weitgehend ignoriert wurden. Dabei kam ich ins Gespräch mit dem Kunden hinter mir, ein älterer Mann, der den Film über das Sammeln von Standortdaten gesehen hatte; seine „Gegenmaßnahme“: er lässt sein Smartphone jetzt so oft wie möglich zu Hause, denn wie er sich technisch dagegen schützen kann, weiß er nicht. Ähnliches habe ich auch schon von anderen Menschen gehört. Ich überlege deshalb jetzt, wie man eine Form von Hilfe zur digitalen Selbstverteidigung durch technische Unterstützung vor Ort organisieren könnte. Das wäre in meinen Augen auch eine Form von digitalem Ungehorsam.


  6. Udo Windirsch

    ,

    Im Tierreich gibt es bei Bienen das „Worker Policing“.

    Eier legen darf nur die Königin.
    Arbeiterinnen können zwar auch Eier legen – tun sie das aber, werden andere Arbeiterinnen (die Polizei) darauf aufmerksam, zerstören die Eier und greifen die eierlegenden Arbeiterinnen an.

    Durch dieses Policing werden die meisten Arbeiterinnen davon abgehalten, überhaupt zu versuchen, Eier zu legen (sie „gehorchen“ vorauseilend).
    Die wenigen, die trotzdem versuchen („ungehorsam“ sind), geraten dadurch erst recht in den Fokus der Polizei und rechtfertigen damit, dass das Überwachungs- und Bestrafungssystem weiter aufrechterhalten wird.

    Ohne die potenzielle „Straftat“ (eigene Eier legen) bräuchte es die Polizei-Arbeiterinnen gar nicht. Die Existenz der Polizei und die Existenz der potenziellen Täter bedingen sich gegenseitig.
    Es ist ein selbstverstärkendes System: Die Überwachung unterdrückt den Ungehorsam, der Ungehorsam hält die Überwachung am Laufen.

    Was lernen wir daraus?
    Haltet euch raus aus dem Spiel!
    Mit Ungehorsam stärkt ihr das Überwachungssystem.
    Da kämpfen zwei Ungeheuer: die Straftäter und die Überwacher.
    Beide gehen uns auf den Sack.
    Aber was willst du machen wenn sich zwei T‑Rex vor deiner Haustür streiten?


    1. Bit-te-1-Bit und das gute XUNIL

      ,

      „Haltet euch raus aus dem Spiel! Mit Ungehorsam stärkt ihr das Überwachungssystem.“

      Die Gleichung geht nicht auf, weil:

      1. Gehorsam und Ungehorsam sind nur ein Aspekt. Überwachung wird auch ohne „Ungehorsam“ immer weiter ausgebaut und forciert, ohne dass es besonderen Anlass zu strafbarem Verhalten gegeben hat oder gibt. So greift sie immer mehr in mentale Strukturen der Menschen ein.

      2. Die Bürger sollen sich aus Sicht der Politik an Überwachung gewöhnen. Deshalb existiert eine Schattenwirtschaft (Stichwort „Data Broker“), die die Politik nach wie vor duldet und die die Bürger kaum wahrnehmen, obwohl sie uns massiv schadet. Deshalb stimmen die meisten völlig unkritisch jedem Cookie zu, geben jede Telefonnummer an Hinz und Kunz heraus usw. Mit diesen Daten, und weiterhin in der Summe durch polizeiliche/geheimdienstliche/allgemein behördliche Überwachung, wird ein lückenloses Bild über jeden einzelnen Menschen erzeugt.

      3. In der Summe heisst das: Die Wirtschaft will Überwachung, um noch mehr Profit zu machen. Die Politik unterstützt das, weil sie weiss, dass sich Menschen dadurch leichter daran gewöhnen, um im zweiten Schritt leichter behördliche Überwachung zu akzeptieren. Umgekehrt wirbt man politisch mit dem Schlagwort „Sicherheit“, um die Bürger zu freiwilliger Herausgabe ihrer Daten zu bewegen. Wirtschaftliche und behördliche Überwachung stehen folglich in direkter Proportionalität zueinander bzw. bedingen und begünstigen sich.

      Der Rat, davor zu kapitulieren, um nicht noch mehr Überwachung fürchten zu müssen, ist falsch, denn dann würden wir ein System unterstützen, in dem Wenige und Mächtige mit immensen technischen Möglichkeiten über Millionen Menschen herrschen – unter Ausschaltung jeglichen Widerspruchs. Das nennt man Totalitarismus bzw. Autoritarismus. Und den gilt es, entschieden durch Ungehorsam zu bekämpfen – JETZT!


  7. Martin Maurer

    ,

    **Klare Fehler**

    1. **„Montesqieu“** → **Montesquieu** (Schreibweise) — und danach fehlt der Doppelpunkt: *Montesquieu hat einmal gesagt: „Unbedingter Gehorsam …“*

    2. **„Und aus der der Angst heraus“** → doppeltes „der“: *aus der Angst heraus*

    3. **„Auch dann, wenn denjenigen, die uns überwachen, nicht gefällt.“** → Subjekt fehlt: *… wenn **es** denjenigen, die uns überwachen, nicht gefällt.*

    4. **„Nahezu wöchentlich scheint die Polizei neue Befugnisse zu erhalten oder erhalten sollen“** → *… zu erhalten oder erhalten **zu** sollen* (besser: *… oder erhalten zu sollen* umformulieren, z. B. *… neue Befugnisse zu bekommen oder bekommen zu sollen*).

    5. **„einige Kommentatoren sorgen sich gar von einer neuen Geheimpolizei“** → falsche Präposition: *sorgen sich **vor** einer neuen Geheimpolizei* bzw. *warnen gar vor* / *sprechen gar von*.

    6. **„was der Überwachende gegen einen selbst verwenden könnten“** → Numerus stimmt nicht: *was der Überwachende … verwenden **könnte*** oder *was **die Überwachenden** … verwenden könnten*.

    7. **„Ich würde aufhören, Brecht zu lesen und stattdessen würde ich …“** → schließendes Komma der Infinitivgruppe fehlt: *… Brecht zu lesen**,** und stattdessen …*

    8. **„nicht einmal tatsächlich stattfinden muss – , um …“** → Gedankenstrich und Komma stehen falsch nebeneinander; korrekt: *… stattfinden muss –, um …* (ohne Leerzeichen vor dem Komma).

    9. **„nicht nur Kontroll‑, sondern Steuerungselement“** → *nicht nur …, sondern **auch***.

    **Zweifelhaft / inhaltlich schief**

    10. **„Was durch Überwachung … verringert wird, sind etwa die Klickzahlen … Und damit ein Rückgang von Informiertheit.“** → Der Satz sagt wörtlich, dass der *Rückgang* verringert wird. Gemeint ist das Gegenteil, z. B.: *Und damit **einher geht** ein Rückgang von Informiertheit.*

    Mehr geht nicht ins Feld…


    1. Constanze

      ,

      Vielen Dank, die Fehler im Text sind nun korrigiert.

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