Verschwörungsideologien auf Instagram

Mit Influencer-Marketing gegen die „Coronadiktatur“

Ein Hamburger Modeunternehmer erreicht mit Verschwörungsmythen auf Instagram Tausende, darunter auch mehrere Influencer:innen. Die unterstützen ihn und verbreiten seine Thesen zum Teil sogar weiter.

Verschwörungsmythen auf Instagram
Auf Instagram erreichen Influencer:innen Menschen mit Verschwörungsmythen, die ansonsten vielleicht nie mit solchen in Berührung kämen. Alle Rechte vorbehalten Pixabay / janjf83, louspics, Mediamodifier | Bearbeitung: netzpolitik.org

Bewaffnete Soldaten sind zu sehen, Laboraffen in Käfigen, gewalttätige Demonstrationen, Explosionen. Schnitt. Plötzlich erklingt Feelgood-Musik, junge Frauen lächeln in die Kamera, Tiere liebkosen einander. Am Ende erscheint ein Schriftzug: „Don‘t be evil“. Es ist der Werbeclip für eine Modekollektion. Für eine Welt voll Frieden soll sie offenbar stehen. Erhältlich ist sie bei „Hoodie Collab“, einem Hamburger Mode-Start-up. Dessen Geschäftsführer ist Dennis Arnold, ein 29-jähriger ehemaliger Bodybuilder.

Auf seinem privaten Instagram-Profil spricht auch er immer wieder von Liebe und Frieden. Doch diesen Frieden gibt es für Dennis Arnold nicht, nicht unter der „Coronadiktatur“, nicht mit 5G, nicht, solange es keine „Verfassung“ und keinen „Friedensvertrag“ gebe. Denn Deutschland, so Arnold, werde seit 1945 von den Alliierten verwaltet – ein klassischer Mythos der Reichsbürgerbewegung.

Verschwörungstheorien zum Durchswipen

Die Inhalte von Arnolds Instagram-Stories sind das Einmaleins der Verschwörungserzählungen. Seit Monaten teilt er fast täglich Artikel und Videos von „alternativen“ Medien und anderen dubiosen Instagram-Kanälen. Vor allem aber spricht er selbst in unzähligen Videoschnipseln in die Kamera – darüber etwa, wie er sich noch nie eine Maske aufgesetzt habe, weil damit Menschen „krank“ gemacht würden.

Dennis Arnold verpackt alte und aktuelle Verschwörungsmythen in ein neues Gewand: Schnell konsumierbar, mit persönlichen Anekdoten angereichert, und damit wie gemacht für diejenigen, die es gewohnt sind, sich durch die Stories von Influencer:innen zu swipen. Knapp 23.000 Menschen erreicht er damit auf seinem Account.

Sein Fall macht deutlich, dass von Influencer:innen die Gefahr ausgehen kann, viele Menschen mit Verschwörungserzählungen zu erreichen, die ansonsten vielleicht kaum mit ihnen in Berührung kämen. Im Umfeld von Dennis Arnold zeigt sich, dass er mit seinem Glauben bei weitem kein Einzelfall ist.

Kooperationen mit gefragten Influencer:innen

Dass Arnold die Tricks des Influencer-Marketings beherrscht, ist kein Wunder: Vor der Gründung von „Hoodie Collab“ arbeitete er unter anderem als Marketingdirektor bei einem Shop für Sportnahrung und Fitnessbekleidung, später war er Mitbegründer eines Modelabels dieses Shops. Vor etwa einem Jahr dann gründete er mit „Hoodie Collab“ ein eigenes Modeunternehmen.

Damals wie heute arbeitet Arnold mit erfolgreichen Influencer:innen zusammen, die zum Teil seine Aussagen öffentlich unterstützen und weiterverbreiten. Ein Fitness-Instagrammer mit mehr als 200.000 Abonnent:innen etwa teilte mehrfach Stories von Arnold mit der Aufforderung, diesem zu folgen. In einem Post bezeichnet er sich als Teil des Teams von „Hoodie Collab“, zeigt sich immer wieder in den Klamotten der Marke.

Auch Gerda Lewis, Model und Ex-„Bachelorette“ mit mehr als 900.000 Follower:innen, arbeitet mit Arnold eng zusammen. Zwar verbreitet sie aktiv offenbar keine Verschwörungsmythen weiter. Als sie jedoch in einer Privatnachricht auf Arnolds Leugnen des Coronavirus angesprochen wird, antwortet sie öffentlich, dass sie seine Ansicht teile, sich jedoch an Regeln wie die Maskenpflicht halte. Immer wieder taucht Dennis Arnold in ihren Stories auf, was nach seinen Angaben zu einem Ansprung bei den Abrufen seiner Inhalte führt.

Auf eine Anfrage von netzpolitik.org reagiert Gerda Lewis nicht, zeigt aber gleichzeitig auf Instagram, dass sie sich wohl wenig Sorgen um die Pandemie macht: An einem Tag kündigt sie an, dass sie eine Halloween-Party schmeißen möchte, wenige Tage später fliegt sie für einen Kurztrip nach London.

Mögliche neue Zielgruppen

Der Instagram-Account von Dennis Arnold ist erst auf den zweiten Blick als der eines Verschwörungsideologen erkennbar: Seine Thesen verbreitet er ausschließlich in 24 Stunden lang abrufbaren Stories, die er nur zum Teil als „Highlights“ länger verfügbar macht. Im normalen Foto-Feed gibt es hingegen keine solchen Inhalte. Doch dieser sei es, den Nutzer:innen in der Regel zuerst betrachteten, bevor sie jemandem folgten, erklärt Ann-Katrin Schmitz, Expertin für Influencer-Marketing. „In einer Insta-Story, in der jemand in die Kamera spricht und etwas erklärt, fühlen sich die Leute nochmals anders angesprochen als durch ein statisches Foto oder einen Text.“ In Dennis Arnolds Foto-Feed hingegen gibt es Hochglanz-Werbefotos und Blicke hinter die Kulissen einer Modemarke.

Die Medienwissenschaftlerin Carolin Lano sieht durch Influencer:innen wie Arnold und sein Umfeld die Gefahr, dass Menschen mit Verschwörungsmythen in Kontakt treten und diesen Glauben schenken könnten, die sich im Normalfall beispielsweise keine Videos darüber auf YouTube ansehen würden. Das gehe damit einher, dass zwar Verschwörungserzählungen noch immer nicht salonfähig seien, Teile davon aber „sloganfähig“, so Lano, die an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg unter anderem zu Verschwörungsmythen und deren Verbreitung in den Medien forscht. „Das heißt, dass es kleine Teile eines Narrativs gibt, wo man vielleicht nicht die große Weltverschwörung an die Wand malen muss, man aber trotzdem ein gewisses soziales Unbehagen bedient, wovon sich manche Leute angesprochen fühlen.“

Dennis Arnold erklärt in einem Video selbst, dass er sich durch Amira und Oliver Pochers Aktivismus gegen pädophile Inhalte auf Instagram näher mit dem Thema befasst habe. Für ihn fing es also an bei einem echten Problem, dessen wahre Ausmaße unklar sind – doch schließlich landete Arnold bei den Verschwörungserzählungen um QAnon und Adrenochrom, wonach globale Eliten Kinder töteten und deren Blut tränken.

Schwurbeln als Geschäftsmodell?

Nicht alle Menschen in Arnolds Netzwerk positionieren sich so eindeutig wie er in der Öffentlichkeit. Das könnte auch an ihrer Abhängigkeit von anderen Partnerschaften liegen. Denn nachdem ein Modeinfluencer aus dem „Hoodie Collab“-Umfeld sich positiv zu Demos gegen die Corona-Maßnahmen geäußert hatte, kündigte ihm der Online-Modehändler „About You“ die Zusammenarbeit.

Influencer:innen, die für „Hoodie Collab“ Werbung machen, haben das nicht zu befürchten – im Gegenteil: Dennis Arnold scheint sich und sein Unternehmen geradezu mit Menschen zu umgeben, die seine Aussagen unterstützen. Wer sich hingegen für das Einhalten der Corona-Maßnahmen einsetzt, mit dem will man bei „Hoodie Collab“ nichts zu tun haben: So stellte Arnold etwa klar, dass das Unternehmen „niemals“ Masken herstellen lasse. Und als jemand ein Bild von sich in Maske und „Hoodie Collab“-Kleidung sowie der Caption „Bleibt gesund“ postete, kommentierte der offizielle Unternehmensaccount naiv: „Bleibt man nur mit Maske gesund?“

Auf seinem privaten Profil geht Arnold deutlich weiter: Als die Influencerin Cathy Hummels etwa ihre Masken-Kollektion bewirbt, kommentiert er öffentlich, dass sie „durch das kapitalistische System ihren Bezug zum Leben und der Natur verloren“ habe.

Aber kann das alles auch Kalkül sein? Neben Verschwörungsinhalten gibt es bei Dennis Arnold immer wieder Einblicke in das Unternehmen. Wer ihm folgt, macht das vielleicht in erster Linie aus Interesse an der Mode. Wenn beispielsweise Arnold anderen Influencer:innen etwas aus seiner Kollektion zuschickt, bedanken sich diese immer wieder auch damit, dass sie auf sein privates Profil verlinken, nicht bloß auf das von „Hoodie Collab“.

Dass Arnold überhaupt auf ein Netzwerk von erfolgreichen Influencer:innen zurückgreifen kann, könnte auch daran liegen, dass er in seiner vorherigen Rolle als Marketing-Manager bereits Kontakte knüpfen konnte. Mit Influencerin Gerda Lewis, die mehr als 900.000 Follower:innen hat, arbeitete er etwa schon vor mehr als drei Jahren zusammen.

„Nach meiner Beobachtung verbreiten Verschwörungstheoretiker häufig ein Weltbild, nachdem sie die Guten sind und die Mächtigen, die das politische System und die Massenmedien beherrschen, die Bösen“, sagt Carolin Lano. Dieses Narrativ bestimmt die Aussagen von Dennis Arnold, der sich in einer Story etwa in die Nähe der NS-Widerstandskämpferin Sophie Scholl rückt. Und auch in den Kampagnen und Motiven von „Hoodie Collab“ finden sich Teile dieses Weltbilds wieder. Vor diesem Hintergrund erscheint auch der Claim „Don’t be evil“ – zugleich das ehemalige Google-Motto – in einem anderen Licht.

Bislang, so scheint es, läuft das Geschäft gut: Die Abo-Zahlen auf Instagram – für ein Unternehmen, das auf Influencer-Marketing setzt, nicht unbedeutend – wachsen konstant, neue Kollektionen werden auf den Markt gebracht, das Team soll vergrößert werden. Mehrmals täglich posten Influencer:innen Fotos, wie sie „Hoodie Collab“-Klamotten tragen, manchen davon folgen mehr als eine Million Menschen. Offenbar gibt es auch Pläne für ein „Hoodie Collab“-Ladengeschäft in Hamburg, wie Arnold kürzlich in einer Instagram-Story ankündigte.

Ein größeres Problem?

Beispiele, wie in einzelnen Instagram-Stories Mythen zum Coronavirus durch große Accounts verbreitet wurden, gibt es mittlerweile einige: Die Sängerin Senna Gammour etwa teilte ein Video mit Falschbehauptungen über Bill Gates, Influencerin Anne Wünsche stellte ihren Follower:innen die Frage, ob „Corona wirklich der Grund dafür ist, dass Länder dicht gemacht werden und man nicht mehr auf die Straße darf?“

Auf lange Sicht erwartet Influencer-Expertin Ann-Katrin Schmitz negative Konsequenzen für solche Äußerungen: „Große Konzerne machen bei ihrer Influencer-Auswahl mittlerweile einen Background-Check, das ist in diesem Jahr nochmals wichtiger geworden.“ Doch die Gefahr, dass sich auch in Zukunft noch mehr Influencer:innen an der Verbreitung von Verschwörungserzählungen beteiligen, sei damit nicht gebannt: „Im Bereich Beauty und Fashion gibt es immer noch viele, die sehr unprofessionell arbeiten und mit wenig Strategie an ihre öffentliche Medienpräsenz herangehen. Bei denen kann ich mir das durchaus vorstellen“, so Schmitz.

Äußern möchte sich Dennis Arnold zu seinen Aktivitäten auf Instagram nicht, einen Fragenkatalog von netzpolitik.org lässt auch er unbeantwortet. Konsequenzen hat die Verbreitung der Verschwörungserzählungen für ihn selbst bislang jedoch wohl nicht: Jeden Tag markieren Influencer:innen seine Modemarke in Instagram-Posts. Und auch andere Kooperationen mit großen Namen gehen weiter: Soeben erst kam ein gemeinsam mit der Non-Profit-Organisation „Viva con Agua“ designter Hoodie auf den Markt. Limitiert auf 250 Stück, ausverkauft in 30 Minuten.


Nach Veröffentlichung dieses Artikels distanzierte sich Viva con Agua von Verschwörungsideologien und Arnolds Aussagen zum Coronavirus. Micha Fritz, einer der Gründer von Viva con Agua, erklärte gegenüber netzpolitik.org, „Hoodie Collab“ sei mit der Idee für den Hoodie an ihn herangetreten, er habe jedoch den Fehler gemacht, sich nicht über Arnolds Ansichten zu informieren.

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5 Ergänzungen
  1. Sehr geehrter Herr Schmidt!
    Ich finde ihren Artikel ja durchaus richtig und vielleicht auch wichtig, aber könnten sie vielleicht mal darüber nachdenken, weniger Modewörter wie „Narrativ“ und „Claim“ und dergleichen zu benutzen? Mir geht dieses alberne und sinnfreie Verwenden von Pseudofremdwörtern auf die Nerven. Danke.

  2. Dass Inhalte, die Menschen gegeneinander aufbringen, zunehmend unser Leben dominieren, ist das Problem der Geschäftsmodells von Facebook, Google und Twitter. Das sollte sich eigentlich herumgesprochen haben. Wer stattdessen solche Inhalte und ihre Macher thematisiert, zeigt, dass er nichts begriffen hat, weil er selbst solchen Content für das Geschäftsmodell produziert.

  3. Interessant ist ja das das meist in Kombination mit Neu-Rechten Ideologien geschiet. Als Reichsbürger, Qanon und so weiter. Dieser Irrsinn erinnert mich an die US Amerikanische Tea Party Bewegung vor 10 Jahren. Die wurden ja auch erst als Spinner abgetan. Aus dem Millieu heraus wurde dann ja aber Donald Trump gewählt. Daher sollte man das besser nicht als Spinnerei abtun sondern ernst nehmen. Denn solche Ideen sind bei der eher nicht ganz so intelligenten Bevölkerungsmehrheit durchaus Anschlussfähig.

  4. Hallo Ihr Lieben.
    Ich lese seit Jahren Eure Beträge und bin erfreut darüber, welche Themen ihr ansprecht. Jetzt habe ich mal eine Anmerkung oder Frage.
    Ihr nutzt z. B. die Schreibweise „Influencer:innen“. Wozu? Wenn man die Mehrzahl meint, reicht „die Influencer“: Das beinhaltet alle Geschlechter (männlich, weiblich, divers). Anders ist es bei der Einzahl: Da schreibt man „der Influencer“ oder „die Influencerin“.
    Danke für eine Antwort.

  5. Was soll man zum Herrn Arnold noch sagen?! Seine Inhalte zeugen einfach nur von maßloser Selbstüberschätzung und unzureichender Informiertheit. Ergebnisse von Studien zu interpretieren ist aber eben eine andere Nummer, als Klamotten zu verkaufen. Das sollte er also besser lassen.
    Das ist nicht degradierend gemeint, aber es ist ganz schön gefährlich, was der gute Herr da von sich gibt. Wenn seine Follower nur mal seine Aussagen nachrecherchieren würden, dann sähe es ganz anders aus….

    Lustig finde ich immer, dass diese Leute appellieren selbst zu denken. Wenn man dies aber macht und trotzdem die auferlegten Maßnahmen stützt, dann besteht der Vorwurf darin, dass man immer noch nicht selbst denkt und erst noch „erwachen“ muss.
    Aber die Psychologie der Verschwörungen passt zur gezeigten Persönlichkeit von Herrn Arnold.

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