Rezension: „Kultur der Digitalität“ von Felix Stalder

Ungefähr seit das Internet Mitte der 90er Jahre in immer mehr Gesellschaftsbereichen relevant wurde, hat Felix Stalder, Professor für digitale Kultur an der Züricher Hochschule der Künste, diese Entwicklungen beobachtet, analysiert und theoretisiert. Stalders bevorzugtes Format dafür ist der Essay, die aus seinem Blog über die Jahre eine ganze Bibliothek voller lesenswerter Texte zu verschiedenen Facetten des digitalen Wandels gemacht haben. Mit dem seit Anfang Mai verfügbaren Suhrkamp-Band „Kultur der Digitalität“ versucht sich Stalder nun an einer grundlegenderen Einordnung verschiedener Aspekte einer zunehmend digitalen Gesellschaft.

Cover: Kultur der Digitalität

Cover: Kultur der Digitalität

Entscheidend für das Verständnis von Titel und Buch ist der Kulturbegriff Stalders. Ihm zu Folge ist Kultur „nicht symbolisches Beiwerk, kein einfacher Überbau, sondern […] handlungsleitend und gesellschaftsformend“, indem Bedeutung hervorbringende Praktiken „in Artefakten, Institutionen und Lebenswelten“ (S. 16) verdichtet werden. Die im Begriff der „Digitalität“ anklingende zentrale Rolle digitaler Technologien für den von Stalder beobachteten kulturellen Wandel ist dabei gerade nicht von Technikbegeisterung oder gar Technikdeterminismus geprägt:

[E]rst heute, wo die Faszination für die Technologie abgeflaut ist und ihre Versprechungen hohl klingen, wird die Kultur und Gesellschaft in einem umfassenden Sinne durch Digitalität geprägt. (S. 20)

Dementsprechend verortet Stalder die Ursprünge der von ihm als Kultur der Digitalität bezeichneten „Vervielfältigung der kulturellen Möglichkeiten“ auch lange vor dem Internet. Der historische Abriss im ersten von drei Kapiteln beginnt vielmehr mit dem von Peter Ecker als „Verwissenschaftlichung der Industrie“ bezeichneten beginnenden Aufstieg der Wissensökonomie Ende des 19. Jahrhunderts. Bereits in diesem ersten Teil wird deutlich, was Stalder von anderen DigitalisierungstheoretikerInnen abhebt, nämlich ein transdisziplinärer Blick auf Gesellschaft als Amalgam aus technologischen, politischen, ökonomischen und kulturellen Prozessen. Auf diese Weise spannt Stalder den Bogen von der zunehmenden „Kulturalisierung der Ökonomie“ mit Design als „kreativer Generaldisziplin“ bis hin zur „Technologisierung der Kultur“ mit „Medien als Lebenswelten“.

Felix Stalder (Foto: Ziko van Dijk, CC BY-SA 3.0)

Felix Stalder (Foto: Ziko van Dijk, CC BY-SA 3.0)

So beschreibt Stalder wie in den 1970er Jahren Neue Soziale Bewegungen mit „Kritik am Wertesystem der bürokratisch-bürgerlichen Gesellschaft“ auf der einen und neoliberale Kritik am Wohlfahrtsstaat auf der anderen Seite – aus jeweils völlig unterschiedlichen Motiven heraus – „Experimente, Offenheit für Neues, Flexibilität und Veränderung […] als positiv besetzte Grundwerte“ etablieren halfen (S. 33). Auf Grundlage dieser Liberalisierung wiederum folgte in den 1990er und 2000er Jahren eine enorme „Vervielfältigung und Verflüssigung von Identitätsmodellen“ samt „Betonung von Wandelbarkeit und Hybridität“, wie Stalder mit dem Beispiel der Transformation der Schwulen- in die LGBT-Bewegung illustriert.

Referentialität, Gemeinschaftlichkeit, Algorithmizität

Eine derartige „Diversifizierung und Verflüssigung kultureller Praktiken“ sowie deren – nicht zuletzt dank digitaler Technologien und Internet – Ausbreitung auch im gesellschaftlichen Mainstream ist für Stalder die Voraussetzung für jene spezifischen Formen der Kultur der Digitalität, denen sich der Mittelteil des Buchs aus einer kultur- und medienwissenschaftlichen Perspektive widmet:

Referentialität, also die Nutzung bestehenden kulturellen Materials im Rahmen von Praktiken wie Remix, Appropritation, Sampling, Hommage Remix, Parodie, Zitat, Mashup oder transformativer Nutzung. Allen diesen Praktiken ist „die Erkennbarkeit der Quellen und der freie Umgang mit diesen“ gemein:

Nicht die Brüche zwischen den Elementen der alten Ordnung stehen im Vordergrund, sondern deren Synthese in der Gegenwart. Conchita Wurst, die bärtige Diva, ist nicht zwischen widerstreitenden Polen zerrissen. Sie präsentiert vielmehr eine gelungene Synthese, etwas Neues, in sich Stimmiges, das sich gerade dadurch auszeichnet, dass die Elemente der alten Ordnung (Mann/Frau) sichtbar sind und gleichzeitig transzendiert werden. (S. 99)

Referentialität trägt gleichzeitig dazu bei, dass auch das Analoge immer digitaler wird, indem es digital verfügbar gemacht – von Google Books bis hin zur Vorlage für 3D-Druck – und in der Folge auch verwendet/transformiert/rekombiniert wird.

Gemeinschaftlichkeit, d. h. kollektiv getragene Referenzrahmen, die Freiwilligkeit und Zwang, Autonomie und Fremdbestimmung in neuer Weise konfigurieren. Diese neue Gemeinschaftlichkeit folgt bzw. speist sich unmittelbar aus der zuvor beschriebenen Referentialität: „Referentielle Verfahren haben keinen Anfang und kein Ende.“ Beobachten lässt sich das anhand den von Stalder als „digitaler Volkskultur“ beschriebenen Phänomenen wie Remix, Mashups und Meme, bei denen die „aktive Teilnahme zwar eine gewisse Fertigkeit, ein gewisses Interesse und Engagement [verlangt], meist aber kein außergewöhnliches Talent“ (S. 124).

Daraus folgt, dass sich auch Individualismus und individuelle Identität im Zuge kontinuierlicher Kommunikationsprozesse als „persönliche Positionierung im eigenen sozialen Netzwerk“ (S. 140) konstitutieren. Stalder spricht vom „vernetzten Individualismus“, wonach…

…Menschen in westlichen Gesellschaften […] ihre Identität immer weniger über die Familie, den Arbeitsplatz oder andere stabile Kollektive definieren, sondern zunehmend über ihre persönlichen sozialen Netzwerke, also über die gemeinschaftlichen Formationen, in denen sie als Einzelne aktiv sind und in denen sie als singuläre Personen wahrgenommen werden. (S. 144)

Die mit derartiger vernetzter Individualität verbundene Freiwilligkeit der Zuordnung zu verschiedenen gemeinschaftlichen Formationen ist dabei durchaus ambivalent: „Wer »freiwillig« Konventionen akzeptiert, erhält Zutritt zu einem Praxisfeld, in dem er aber unter Umständen strukturell benachteiligt ist.“ (S. 157). Die exkludierende Offenheit von Communities wie Wikipedia oder Freier Software lassen grüßen (vgl. Reagle 2013).

Algorithmizität wiederum beschreibt die wachsende Bedeutung algorithmischer Sortierung, die „dynamische Ordnungen für sich rasch wandelnde Felder“ (S. 185) erlaubt. Algorithmen sind allerdings keineswegs statische Rechenfolgen, sondern kontinuierlich adaptierte algorithmische Praktiken, die individuelle Nutzungshistorien mitberücksichtigen und so die Welt „für jeden User eigens generier[en]“ (S. 189). Auf diese Weise kartographieren – und gestalten – sie die zuvor beschriebenen digitalen Räume gemeinschaftlicher Referentialität:

Wie diese Resultate zustande gekommen sind, welche Positionen in der Welt damit gestärkt beziehungsweise geschwächt werden, ist im besten Fall nur ansatzweise nachvollziehbar. (S. 202)

Postdemokratie vs. Commons

Im dritten Abschnitt versucht sich Stalder an einer politischen Einordnung der von ihm beobachteten Kultur der Digitalität. Zu diesem Zweck unterscheidet Stalder zunächst mit „Postdemokratie“ und „Commons“ zwei gegenläufige, bis zu einem gewissen grad widersprüchliche Entwicklungen, die beide auf den zuvor beschriebenen Entwicklungstendenzen fußen.

Unter Postdemokratischen Entwicklungen versteht Stalder im Kontext der Digitalität „all jene Entwicklungen – gleich wo sie stattfinden –, die zwar die Beteiligungsmöglichkeiten bewahren oder gar neue schaffen, zugleich aber Entscheidungskapazitäten auf Ebenen stärken, auf denen Mitbestimmung ausgeschlossen ist“ (S. 209). Beispielhaft dafür sind kommerziell-soziale Massenmedien wie Facebook oder YouTube, deren Ausgestaltung getrieben wird von Interessen der Profit- und Kontrollmaximierung:

[D]ie Ebene, auf der die Nutzer miteinander interagieren, [ist] vollständig getrennt von jener Ebene, auf der die wesentlichen die Gemeinschaft der User betreffenden Entscheidungen gefällt werden. (S. 216)

Aus dem damit verbundenen, ungleichen Zugang zu Daten folgt ein Machtgefälle, das verschiedenste Folgen – von personalisierter Werbung bis hin zu „verhaltensabhängigen“ Tarifmodellen von Krankenkassen – zeitigen kann.

Demgegenüber erkennt Stalder in Commons-Logiken, wie sie sich in Freier und Open-Source-Software und Projekten wie der Wikipedia oder Open Data manifestieren, das Potential für „eine radikale Erneuerung der Demokratie“ (S. 205). Mit Yochai Benkler sieht er in „commons-based peer production“ einen Weg für Erstellung von (Gemein-)Gütern und Erbringung von Dienstleistungen jenseits von marktlichen und staatlichen Koordinationsformen. Beitragende zu Commons sind in unterschiedlichem und variablem Ausmaß Produzenten und Konsumenten der gemeinsamen Ressource, Koordination erfolgt mittels konsensorientierter Kommunikationsprozesse unter prinzipiell Gleichrangigen („Peers“). Das Comeback von Commons-basierten Praktiken erklärt sich Stalder damit,…

…dass sich kommunikationsintensive und horizontale Prozesse mit den digitalen Technologien sehr viel effektiver organisieren lassen. So müssen Beteiligung und kollektive Organisation jenseits von Kleingruppen nicht mehr bloße Utopien bleiben. (S. 248)

Sowohl postdemokratische als auch commons-basierte Entwicklungen sind auch mit jeweils spezifischen Gegenbewegungen verbunden. Während immer weitreichendere Leaking-Praktiken zumindest partiell das Machtgefälle zwischen Plattformbetreibern und -nutzern zu durchbrechen vermögen, unterminieren neue Formen von Cloud-Computing und Sharing Economy zentrale Prinzipien von commons-basierten Projekten (z. B. weil Software-Quelltext nicht wieder zurück in den Pool offen lizenzierter Software gegeben wird).

Fazit

Was das Buch Stalders auszeichnet, ist ein scharfer Blick für Kontingenz, also dafür, dass sich die Kultur der Digitalität in einem Raum zwischen Zufall und Notwendigkeit entfaltet. Im Internet allgegenwärtige Netzwerkeffekte führen eben nicht zwingend zu proprietären Monopolen, erst das Fehlen adäquater offener Standards und Lizenzmodelle lässt einzelne Unternehmen dominieren. Besonders deutlich wird dieser Blick für Kontingenz im dritten Abschnitt des Buchs, wenn Stalder postdemokratische und commons-basierte Entwicklungstendenzen gegenüberstellt. Stalder verweigert sich damit nämlich dem Hang prominenter Netzversteher wie Lanier und Morozov zur Dystopie, ohne gleichzeitig ein rosiges Bild zu zeichnen. Vielmehr lässt er sich auf die Widersprüchlichkeiten der von ihm beschriebenen „Kultur der Digitalität“ ein und erkennt, dass (neue) Herrschaftsformen immer auch (neue) Formen von Widerstand bzw. Alternativkonzepte hervorbringen.

An diesem Punkt der inhärenten Widersprüchlichkeit der Kultur der Digitalität, die unsere Gegenwart letztlich zu einem Hybrid aus Postdemokratie und Commons macht, hätte man sich aber noch mehr und tiefergehende Analysen gewünscht. Gerade am erfolgreichsten und von Stalder ausführlich diskutierten Beispiel für eine Commons-Logik – Freie und Open-Source-Software – lässt sich dieser hybride Charakter sehr gut beobachten: Rund fünfzig Prozent des Source-Codes am Linux-Kernel werden von bezahlten Programmierern beigesteuert (vgl. Riehle et al. 2014) und Googles Linux-basiertes Android-Betriebsystem ist zwar Open Source, aber eingepfercht in ein Korsett proprietärer Komplementärbestimmungen und -technologien. Umgekehrt – und von Stalder nur angedeutet – eröffnen auch Beispiele für postdemokratische Plattformen zumindest temporär Möglichkeiten für commons-basierte Entwicklungen, sei es explizit (z. B. Unterstützung von Creative-Commons-Lizenzen auf Plattformen wie YouTube) oder durch Zweckentfremdung von Features (z. B. Austausch wissenschaftlicher Artikel über den Hashtag #icanhazpdf auf Twitter).

Vielleicht ist die Erkundung derart hybrider Logiken aber auch etwas für einen zweiten Band. Die Lektüre des ersten lohnt sich jedenfalls definitiv.

6 Kommentare
  1. Wong Kai Wai 10. Mai 2016 @ 10:20
  2. Kaufen! Kaufen! Kaufen! 11. Mai 2016 @ 14:26

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