Wir hatten bereits über Alex Halderman berichtet, der durch seine zehnjährige Forschung über Wahlcomputer kurz nach der US-Präsidentschaftswahl eine Kontroverse auslöste. Der schlichte Fakt, den der Professor für Informatik an der University of Michigan bereits seit Jahren und auch gegenüber dem Wahlkampfteam von Hillary Clinton vorbrachte, dass nämlich der Großteil der eingesetzten Wahltechnik bekannte Schwachstellen aufweist, löst nun tatsächlich den Prozess des Nachzählens einiger Wählerstimmen aus.
Halderman war als technisch kompetenter Warner und Mahner keineswegs allein. Auch Bruce Schneier hatte schon im Sommer in der Washington Post darauf hingewiesen, dass die rottigen Wahlcomputer und Scanner mit veralteter Software ein „nationales Sicherheitsproblem“ seien, und die Verantwortlichen zum dringenden Handeln aufgefordert.
Alle blicken auf Jill Stein
Was beim Prozess des Nachzählens in den Vereinigten Staaten nicht ganz unwichtig ist, sind die Kosten: Die Kandidaten, die das Zählen veranlassen, tragen die erheblichen Kosten dafür. Praktisch sind das viele Millionen Dollar.
Die Kandidatin der Grünen, Jill Stein, hat sich davon nicht abschrecken lassen. Sie hat für Michigan und Wisconsin sowie in Teilen von Pennsylvania das Nachzählen initiiert und bisher außerordentlich beeindruckende sieben Millionen Dollar dafür eingesammelt. Das ist weit mehr Geld, als ihr während des Wahlkampfs gespendet wurde. Auch mehr Aufmerksamkeit ist ihr nun gewiss.
Es ist das erste Mal, dass in mehreren Bundesstaaten gleichzeitig eine Nachzählung veranlasst wird, die sicherstellen soll, dass die Stimmenauszählung im Gesamtergebnis korrekt ist. In Michigan hat das Nachzählen bereits am 1. Dezember begonnen. Dort sind Computer in Form von optischen Scannern im Einsatz gewesen. Deren Angreifbarkeit über die programmierbaren Speicher war bereits praktisch gezeigt worden, im Sinne der IT-Sicherheit sind sie also nicht akzeptabel.
Was bedeutet die Nachzählung der Wahl?
Worum es beim Nachzählen geht, ist natürlich das Feststellen etwaiger Abweichungen der Ergebnisse. Man darf sich über das Nachzählen in praktischer Hinsicht aber keine Illusionen machen: Denn oft besteht es darin, die Papierbelege durch dieselben Scanner zu schieben, die sie das erste Mal schon gezählt hatten, oder die Wahlcomputer nur erneut das Ergebnis ausdrucken zu lassen. Entsprechend können durch eine Nachzählung auch nicht alle Fehler identifiziert werden, die durch Fehlkonfigurationen, Softwaremängel, Sabotage oder Hacks entstanden sind. Kopierfehler wären aber beispielsweise so zu entdecken.
Die tatsächliche manuelle Papiernachzählung wäre nämlich ein weiterer Schritt, der gerichtlich von den Präsidentschaftskandidaten einzufordern ist. Erst diese Art des Zählens würde natürlich sicherstellen können, dass vorhandene elektronische Schwachstellen nicht erneut greifen. Das geht aber nur dort, wo auch papierne Zettel vorhanden sind, was nicht überall der Fall ist. Sind Papierbelege nicht verfügbar, kann nur eine forensische Analyse der verwendeten Computer weiterhelfen, die weit komplexer, zeitaufwendiger und zudem wohl nicht vollständig ist.
Ein vollständige technische Revision eines Wahlcomputers im Rahmen einer Nachzählung einer Wahl hat es übrigens in den Vereinigten Staaten noch nie gegeben, er wurde bisher nie von einem Kandidaten verlangt und ist daher auch nie durchgeführt worden. Es ist schon erstaunlich, wie lange die Computer und Scanner in so verbreitetem Einsatz sind, ohne dass jemals von einer breiten Öffentlichkeit deren korrektes Funktionieren hinterfragt wurde.
Wisconsin, Michigan und Pennsylvania
In drei Counties von Wisconsin fiel die Entscheidung bereits, keine Nachzählung per Hand durchzuführen, obgleich in ihnen ein unerwarterer Anstieg der Trump-Stimmen gegenüber den Umfragen zu verzeichnen war. Hier werden die Stimmen also nur erneut durch die optischen Scanner gezogen. Es sind aber neben den Scannern auch Wahlcomputer der Hersteller Premier, Sequoia und ES&S in Benutzung gewesen.
In Michigan waren keinerlei papierlose Systeme im Einsatz, eine vollständige Handzählung wäre also immerhin möglich. In Pennsylvania allerdings, wo Donald Trump mit 1,2 Prozentpunkten vorn lag, ist das Papierzählen teilweise unmöglich, weil es aufgrund bestimmter Typen von Wahlcomputern, die dort zum Einsatz kamen, gar keine Papierbelege gibt. Über die Hälfte der Counties hat ohne Papier abgestimmt.
Bilder von Jerry Hildeman unter der Lizenz CC BY 2.0.
Jill-Stein-Porträt von Gage Skidmore unter der Lizenz CC BY-SA 2.0.


