Kultur

NY Times Magazine: Der „underboob selfie“ und das Zeitalter des digitalen Imperialismus

Silicon Valley CC BY-SA 2.0 via flickr/patrick_nouhailler

Im New York Times Magazine erschien vor kurzem ein Artikel, der die Amerikanisierung der digitalen Welt thematisiert. Aufhänger ist ein Phänomen, das sich „underboob selfie“ nennt. In Thailand teilten sowohl Einheimische als auch Touristen vermehrt Fotos, auf denen die Unterseite ihrer Brüste zu sehen waren. Derartige Aktionen sind in Thailand verboten, die Höchststrafe lautet fünf Jahre Gefängnis.


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Obwohl die Verbote von Darstellungen, die einen ungewollten Einfluss auf die thailändische Gesellschaft mit sich bringen, eine lange Tradition haben, markiert der „underboob selfie“ eine neue Form der Einflussnahme auf die thailändische Kultur.

The underboob selfie, though, represents a rather different form of cultural incursion. Call it digital imperialism, perhaps, in that the values are arriving not inside artworks made by others but through a tool that locals can use themselves.

Auch wenn nahezu alle Smart- und Featurephones nicht in den USA produziert werden, kommen doch die meisten Patente und Designblaupausen aus dem Silicon Valley. Folglich werden auch amerikanische Werte mit den Geräten und ihren Funktionen transportiert.

As Thailand is discovering, the smartphone — for all its indispensability as a tool of business and practicality — is also a bearer of values; it is not a culturally neutral device. […] And if digital imperialism is happening — if smartphones and other gadgets are bearing cultural freight as they cross borders — there is little doubt as to which nation’s values are hiding in the hold.

Dass die Unternehmenskultur der Valleyianer die Verbreitung der Möglichkeit des Sharing als Grundlage sieht, auf Basis derer die Weiterentwicklung einer Gesellschaft ermöglicht wird, zeigt sich z. B. bei den Formulierungen in den Papieren, die Facebooks Börsengang begleitet haben.

By giving people the power to share, we are starting to see people make their voices heard on a different scale from what has historically been possible. Through this process, we believe that leaders will emerge across all countries who are pro-Internet and fight for the rights of their people, including the right to share what they want and the right to access all information that people want to share with them.

Klar ist aber auch, dass auch noch so tolle Sharing-Funktionen per se kein Garant für die positive Entwicklung einer Gemeinschaft sein können. So stellt sich nicht nur für den thailändischen Kulturminister die Frage, was das tatsächliche Ergebnis der einer wachsenden Sharing-Kultur ist. Auch, weil Smart- und Featurephones eben keine Paradebeispiele für Privacy-by-Design sind. Ganz im Gegenteil, gerade um das Teilen so einfach und schnell wie möglich zu machen, verfolgen die Voreinstellungen der Geräte vor allem ein Ziel:

to reveal more, to express and connect more.

Die Kehrseite dieser Medaille ist, spätestens nach den Snowden-Enthüllungen, weltweit bekannt. Je freizügiger und unbedachter mit Geräten umgegangen wird, die das Teilen von Inhalten vereinfachen, desto leichter ist es für Unternehmen und Staaten an Informationen über die Individuen einer Gesellschaft zu gelangen und unter Zuhilfenahme von Algorithmen zu verwerten.

The same facial recognition software that autotags your photos can autoflag dissidents at the border. The machine-translation engine that lets you flirt in passable French can help spy on multiple continents from a single cubicle. The fitness data you use to adjust your workout might soon forcibly adjust your health-insurance premium.

Wie auch immer man die Entwicklung und Verbreitung von Smart- und Featurephones sowie der Sharing-Kultur betrachtet, ist der Einfluss auf die Gesellschaften der Welt enorm und wird mit voranschreitender Zeit nur noch größer werden.

Ein Kommentar
  1. „Sharing“ … früher hieß das kopieren oder verlinken, da brauchte man auch noch keinen eigenen Button dafür. Der ist hier vielleicht die Besonderheit, sowie die damit einhergehende Datenweitergabe an Betreiber „sozialer Netzwerke“. Dabei geht es eben auch ohne… leider „teilen“ viele Menschen alles reflexhaft, sobald diese blöden Buttons auftauchen. Werte-Export oder fehlende Medienkompetenz, die Folge ist der Smartphone-habenwill-Welle?

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