Wer sich wagt, der deutschen Netzgemeinde™ ein konstruktives oder produktives Vorhaben anzudienen, muss zunächst die Feuertaufe der akribischen Kritik von allen Seiten durchlaufen. Diese notwendige Phase beinhaltet nicht selten einige hochnotpeinliche Situationen und mündet manchmal gar in mehrtägiger Zwietracht, doch sie ist gut, wichtig und notwendig:
Nach ein paar Tagen können interessierte Leserinnen sicher sein, dass jedes erdenkliche Haar in der Suppe gefunden und seziert wurde; und genau das ist entscheidend für die informierte Meinungsbildung. So leisten auch jene, die konsequent jede konstruktive Wortmeldung verweigern, einen kontruktiven Beitrag zum Diskurs.
Für das Projekt Krautreporter wurden von unzähligen Beobachtern ausführliche Zusammenstellungen meist wohlwollender Kritik zusammen gestellt. Zu den wichtigsten Verbesserungswünschen zählten unter anderem ein ausgewogenerer Anteil von Autorinnen und Beteiligten mit Migrationshintergrund. Auch am Auftritt selbst wurde einige Kritik geübt: Wahlweise war er zu lieblos oder zu selbstbewusst, nicht auf den Punkt gebracht oder zu „intransparent“. Unnötige Hürden beim Bezahlvorgang (erst seit einigen Tagen ist die einfache Zahlung via Paypal möglich) wurden zu Recht kritisiert und haben das Projekt sicherlich in der Anfangsphase eine signifikante Anzahl Unterstützer gekostet. (Eine gute Zusammenstellung von Verbesserungsverschlägen hat Lorenz Matzat verfasst.)
Nun bleiben dem Projekt nur noch wenige Tage, um sein gar nicht so besonders ambitioniertes Funding-Ziel zu erreichen. Rico Grimm fasst treffend zusammen:
Es ist doch ganz einfach so: Wenn wir es packen, ist das ein deutliches Signal für die Branche. Wenn nicht, erst recht.
Mir stellt sich die Frage: Können wir als Netzgemeinde™ uns ein Scheitern dieses Projektes überhaupt erlauben?
Seit Jahren findet keine Internetkonferenz ohne ein ratloses und totlangweiliges Panel zur Zukunft des Online-Journalismus statt.
Seit Jahren fluchen wir über quasi-journalistische Erzeugnisse, die unseren Anspruch nicht zu befriedigen vermögen.
Seit Jahren schwadronieren wir von der vierten, fünften und sechsten Macht im Staate und der Emanzipation des investigativen Journalismus.
Währenddessen überholen uns die Facebooks und Springerverlage dieser Welt – und zwar in der Gegenrichtung. Sie zeigen uns eindrücklich, dass jene Utopie, die wir in unserem kleinen erlauchten Kreise jeden Tag aufs Neue durchkauen, nie weiter davon entfernt war, die Zukunft zu prägen. Ein Scheitern von Krautreporter würde uns schmerzlich vor Augen führen, dass wir noch nicht einmal in der Lage sind, diese Utopie in unserer eigenen kleinen Nische zu errichten indem wir 15.000 Menschen finden, die bereit sind, einen lächerlichen Fünfer pro Monat für ein Experiment beizutragen. Um zu zeigen, dass es geht. Um anderen Mut zu machen, das gleiche zu tun und um den besagten lächerlichen Fünfer zu konkurrieren.
Das Magazin Krautreporter kann dann von mir aus auch nach einem Jahr kläglich scheitern, weil sich mangels befriedigendem Output keine Anschlussfinanzierung crowdfunden lässt. Dann sei es eben so und läge dann wenigstens nachweislich am Produkt.
Aber ein Scheitern schon der Idee wäre vor allem für die Netzgemeinde™ peinlich, denn keine Sau außerhalb deiner Filterbubble wird es interessieren, aufgrund welcher ästhetischen oder politischen Nuance du Krautreporter die Unterstützung verweigert hast, wenn laut das fröhliche Lied „Sehet her, so geht es auch nicht!“ angestimmt wird.
Es bleiben noch 4 Tage, um Krautreporter zu unterstützen.