Kultur

Placebo-Effekt bei Polizeisoftware: Analyse historischer Daten soll Straftaten reduzieren und bestenfalls verhindern

predpol.com

Vor einigen Tagen erschien Evgeny Morozovs Buch „To Save Everything, Click Here“. Es geht um Smart Technologies und Big Data, und wie deren Anwendung Politik, Kultur und Alltag verändern könnte. Ein Anwendungsfall ist Pre-Crime: Die Generierung von Verdacht, eh überhaupt ein Verbrechen passiert. Morozov schreibt, dass neue intelligente Systeme durch die Analyse von Daten vergangener Verbrechen in Kombination mit ausgefeilten Algorithmen dazu führen könnten, dass Polizeien zukünftige Verbrechen vorausbestimmen und dadurch verhindern können. Diese Praktik wird als predictive policing bezeichnet und ist laut Morozov der Inbegriff des „Solutionismus“: Der Glaube, dass mehr Daten zu mehr Transparenz und Effizienz führen, sei gefährlich und könne mehr Probleme schaffen, als er löse.


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Eine Software, die zum predictive policing verwendet wird, ist PredPol. Sie analysiert zuvor veröffentlichte Statistiken über Straftaten wie Einbrüche oder Autodiebstähle, teilt die Karte mit den Patrouillenrouten der Polizei in Zonen von 500 square feet (ca. 46m²), berechnet die historische Verteilung und Häufigkeit der Verbrechen in diesen Zonen und schlägt dann vor, in welchen Zonen die Polizei verstärkt patrouillieren sollte.

In knapp einem Dutzend Städte weltweit wird PredPol derzeit eingesetzt, darunter Seattle. Dort habe man seit Ende Februar bereits eine Reduktion an Straftaten in den Orten festgestellt, die das Programm installiert haben und seinen Empfehlungen folgen. Einen wissenschaftlichen Nachweis gibt es hierfür nicht – laut heise.de sagte Jeff Brantingham, Mitbegründer von Predpol und Anthropologe an der University of California, dass er noch daran arbeite, seine Forschungsarbeit zum Thema zu publizieren.

Ein weiteres Detail verriet er aber: Im britischen Kent zeigten Umfragen innerhalb der Bevölkerung, die nicht über die Verwendung von Predpol informiert war, dass die Menschen immerhin das Gefühl haben, es sei mehr Polizei auf der Straße. Das deutet daraufhin, dass sich die Patrouillen mit Predpol stärker bemühen.

Die Polizistinnen und Polizisten, die mit den Karten von PredPol arbeiten, verbringen nachweislich mehr Zeit in den markierten Zonen als vorher und sind darin aufmerksamer. Der Placebo-Effekt funktioniert also schon mal. Mal sehen, was die wissenschaftliche Studie von Brantingham darüber hinaus liefern wird.

6 Kommentare
  1. Wenn PredPol *veröffentlichte* Daten verwendet, dann können schlaue Kriminelle das nutzen um gerade dort zu agieren, wo die Polizei-mit-PredPol nicht ist. Es ist natürlich die Frage, ob die Art von Kriminalität, die man mit PredPol zu verringern sucht, eher geplant oder spontan ist.

    1. Davon würde ich eher nicht ausgehen. Ich denke mal, hier geht es hauptsächlich um Einbrüche, Überfälle und Diebstähle – in diesem Feld sind viele Täter doch eher einfach gestrickt und haben nicht unbedingt die zur Interpretation notwendige Bildung oder Weitsicht. Da werden viele Taten eben spontan und sehr ungeplant begangen, weil man dringend Geld benötigt.

  2. In bestimmten Gegenden passieren mehr Vergehen/Verbrechen als in anderen und wenn die Polizei dort stärker präsent ist, hilft das mehr als wenn sie $oberklassen-viertel bewachen?

    Nein, so eine Überraschung!

  3. Aber das hat doch noch nichts mit predictive zu tun. Wenn die Software vorhersagen könnte wohin sich die Verbrechen jetzt verlagern dann wäre es evtl. predictive. So ist es aber meines erachtens reines Bullshit-Bingo.

  4. > The program complements officers’ intuition by targeting
    > place-based prediction “boxes” as small as 500′ by 500′.

    Es sind also Zonen von ca. 150m x 150m bzw. ca. 23.000 m^2 — darin kann man dann auch patrollieren…

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