Auf meinem ersten Computer, einem C64, stand Personal Computer. Mein Vater erklärte mir, dass es mein persönlicher sei, und der Name nichts mit Personal zu tun habe, zu dem ich nun gehöre. Ich wünschte mir, er hätte das damals noch viel mehr Menschen erklärt.
Wie viel versprach er mir, der C64, allein mit der BASIC-Kommandozeile. Niemals würde ich das volle Potenzial dieser Programmiersprache, alle Möglichkeiten, die dieser Rechner mir bot, eigenhändig ausnutzen. Aber ich hätte es tun können. Für meine folgenden Ausführungen ist das ein wichtiger Punkt.
Irgendwann stand an seiner Stelle ein „richtiger PC“ und daneben ein Modem. Über BTX waren komische Dinge zu sehen: Inhalte, die von anderen Computern kamen. Der Computer telefonierte! Wahnsinn. Man konnte Dateien auf den Rechner laden, und auf andere schicken. Dort lagen sie dann. Auf dem Personal Computer.
BTX hieß dann irgendwann Internet und war viel bunter geworden. Und das Programm zum Angucken hieß anders: Internet Explorer. „Internet“ war also das, was im Internet-Explorer zu sehen war. Email zum Beispiel. Über Yahoo. Zum Beispiel. Oder aber über POP3. Denn Outlook Express und Thunderbird waren irgendwie auch Internet.
Mir wurde erzählt, dass das Internet eine dezentrale Struktur war, die man sich beim Militär ausgedacht hatte: Damit nicht mit einem einzelnen Schaden an zentraler Stelle die Kommunikationsinfrastruktur kaputt wäre. Und dass das Internet zwischen jedem einzelnen angeschlossenen Rechner eine direkte Datenverbindung ermöglicht. Dass nicht nur auch ich einen IRC‑, FTP‑, HTTP‑, SSH‑, POP3‑, SFTP‑, XMPP- und was-weiß-ich-nicht-alles-Server aufsetzen konnte, sondern alle!
Das Problem war: Mit meinem Modem machte das nur wenig Sinn. Schnellere Internetverbindungen mussten her. Spätestens mit DSL wurden diese dann aber leider asymmetrisch: Ich konnte zwar schnell herunterladen, aber bei weitem nicht so schnell Daten senden. Schon in meinen Anschluss war also die Trennung in Anbieter und Kunden fest eingebaut: Mein Internet-Anschluss war mir zum Empfangen von Daten erteilt worden.
Das sollte den Menschen wohl zunächst genügen: Die Möglichkeit, das Programm der sprechenden Lampe nicht nur auszuwählen, sondern auch ein bisschen zu beeinflussen. Vor allem sollten wohl auch die vielen neuen Kanäle die Medienkompetenz nicht überfordern: Wenn jetzt noch alle anfangen würden, chaotisch in dieses Netz reinzusenden? (So, wie man mir mal den Zweck des Netzes erklärt hatte?)
Mit meiner ersten Webseite konnte ich mein Umfeld echt beeindrucken. Sie war dort. Zu sehen. Überall auf der Welt. Wie hatte der das bloß gemacht? Voller Eifer begann ich, es anderen zu erklären – häufig auch gegen deren Willen, um dann irgendwann festzustellen, dass sie es irgendwie nicht lernen wollten. Später fanden sie „einfachere“ Möglichkeiten. Und ihre Seiten waren bunter. Wenn ich sie heute suche, lese ich „Es tut uns leid. GeoCities ist nicht mehr verfügbar.“
Wenn ich von dem „Netz, in dem jeder Sender ein Sender“ ist, redete, wurde mir nach einem knappen „Ja, ist doch!“ die Aufmerksamkeit entzogen. Seine eigene Website selbst zu schreiben und zu hosten wurde immer mehr zu etwas wie „seine eigenen Tomaten züchten.“ Kann man machen. Sieht auch schön aus. Schmeckt auch leckerer. Aber wär’ mir einfach zu viel Stress. Um beim Radio zu bleiben: Ich bin doch (Co-)Moderator, wofür brauche ich noch einen eigenen Sender? Eine Frage, die sich so lange nicht stellt, bis der Moderator gefeuert wird. (Siehe Twitter, Facebook, Paypal, Visa, you name it!)
Ähnlich erging es mir beim Programmieren: Meine Programme erregten stets allenfalls mäßiges Interesse. Jene Probleme, die ich damit löste, erschienen anderen nur von geringer Bedeutsamkeit zu sein. Wie konnte ich von diesem grün-auf-schwarz begeistert sein, wenn doch in diesem Rechner eine Matrox-Mystique 3D-Grafikkarte mit sagenhaften 2MB RAM darauf wartete, mir beim Prokrastinieren zu helfen? Und was wollte ich mit diesem hässlichen BitchX im IRC, wenn die ganzen Mädels doch auf Chatcity waren?
So beobachtete ich machtlos, wie „das Internet“ zum TV-Ersatz wurde. Dabei hatte das „Empfangsgerät“ doch so viel mehr Potenzial. Immerhin: Für das produktive Arbeiten wurde der Personal Computer weiterhin gebraucht und genutzt. Speicherplatz & Rechenleistung der Geräte stiegen exponentiell, die Preise wurden immer erschwinglicher. Irgendwann würde mein dezentrales Netz gleichberechtigter- und ‑mächtiger Maschinen (und Menschen, die sie steuerten) noch kommen, denn die Bürger bekamen gerade die Mittel dazu in die Hand: Leistungsfähige Computer, hohe Bandbreiten, Hosting-Angebote. Das, was in diesem Netz Macht & Emanzipation aus der Empfänger-Rolle bedeutete.
Die Produktionsmittel der Informationsgesellschaft.
Allein: Die Kompetenz der Menschen hielt nicht mit, sie wussten mit diesen Geräten kaum etwas anzufangen. Neuere Prozessorgenerationen wurden kaum noch zu ihrem vollen Potenzial ausgenutzt – außer zum Spielen vielleicht. Die Prophezeiung, dass irgendwann alle einen PC zu Hause stehen haben würden, war eingetreten – nur dass nicht alle das gleiche damit machen würden wie die, die diese Prophezeiung vor Jahrzehnten gemacht hatten – das hatte ich nicht bedacht.
Die Empfänger-Rolle war zu attraktiv. Eine in welcher Form auch immer „schaffende“ oder gar „sendene“ Nutzung des Rechners im Netz erforderte Kompetenzen – und es fehlte für viele der Anreiz, sich diese anzueignen.
Nun gibt es zwei Wege, die Komplexität der Computer- und Netzwerknutzung zu verringern – um immer mehr Menschen von den Vorzügen des „neuen Mediums“ kosten zu lassen. Beide gehen mit einer Einschränkung der Nutzer einher. (Es gibt sicher noch weitere Wege, aber diese 2 sind die, die gegangen wurden)
1. Der Hardware-Weg: Apple verstand sich immer als Hardware-Hersteller. Das Betriebssystem war ein wichtiges Kaufargument, und wurde deshalb lizenzrechtlich auf Apple-Hardware beschränkt. Andererseits wurde es immer recht kostengünstig angeboten, und das „Raubkopieren“ auf andere Apples nie besonders erschwert oder verfolgt. Die Oberfläche war simpel – und unter der Haube verbarg sich für den fortgeschrittenen Nutzer immer noch ein halbwegs gesundes BSD.
Mit dem iPhone kam dann das erste Apple-Betriebssystem, über das der Nutzer nicht mehr Herr war. Aus Web wurde App – was nichts anderes als die Begrenzung auf eine Plattform bedeutet, also das, was man mit dem Web vor mehr als 20 Jahren endlich hinter sich gelassen hatte. Mit 30% würde man sich zufrieden geben, und jeder Mensch war frei (Anmeldung, Gebühren & Kontrolle vorrausgesetzt) durch seine eigene Programmierleistung ein bisschen Geld zu verdienen, und die Attraktivität der Plattform zu steigern, die aufgrund ihrer Geschlossenheit eine Menge Gefahren für den unbedarften Nutzer minimierte. Das Ganze wurde ein unglaublicher Erfolg.
2. Der zetrales-Netz-Weg: Google verstand sich immer als plattformübergreifender Online-Dienstanbieter. Was gefragt war, wurde geboten – und manchmal wurden sogar große Scoops gelandet mit Diensten, die erst gefragt wurden, als man sie anbot.
Während Apple also fast alles egal ist, solange die Anwendung schön an die Plattform gebunden ist, ist Google die Plattform egal, so lange sie Google-Dienste in Anspruch nimmt. Der Web-Browser ist die Plattform. An der Kompatibilität zu allen möglichen Browsers arbeitet Google nicht nur eifrig, sondern auch gern. Blöd nur, dass jeder Browser auch potenziell für die Konkurrenz genutzt werden konnte. Man bemühte sich um Dienste herrausragender Qualität – erfolgreich.
Aber trotzdem läuft die Kundenbindung für Google system-immanent nicht ganz so reibungslos, wie für Apple. Warum also nicht dort ein bisschen abschauen, und ein Gerät entwickeln, das dermaßen auf Google-Dienste zugeschnitten ist, dass es zwar theoretisch auch ohne Google funktioniert – aber niemand Bock auf den Aufwand hat? (Android, ChromeBook – beide im Übrigen von mehreren verschiedenen Herstellern produziert – denn Googles Geschäft ist nicht die Hardware)
Ja, es geht um Bock und Aufwand. Wir haben es schlichtweg versäumt, die offenen Strukturen und Protokolle, mit denen wir Nerds seit so langer Zeit glücklich sind, für unsere Großeltern, Eltern und Freunde attraktiv zu machen, die aufgrund eines uns unbekannten Defizits keine Freude & Aufregung empfinden, wenn sie ihren eigenen Kernel kompilieren. Sie wollen Rechner, die funktionieren. Ohne Probleme. Das ist ein legitimer Wunsch. Wir haben ihn aus der (korrekten) Überzeugung, dass ein Rechner sich ohne ein Mindestmaß an Kompetenz auch nicht vernünftig nutzen lässt, viel zu lange ignoriert.
Dabei haben wir übersehen, dass „inkompetente Nutzer“ zwar ihre Rechner „nicht vernünftig“ nutzen – aber dass sie es trotzdem tun wollen und auch tun. Und dass das eine Marktlücke ist. Die komplexe Welt der Rechner musste einfacher gemacht werden. Durch einfachere Betriebssysteme, einfachere Programme, einfachere Dienste – und vor allem weniger Komplexität. Die Menschen wollen sich nicht mit Dateisystemen auseinandersetzen, sie wollen kein sinnvolles Konzept dafür entwickeln, wo sie eine Datei speichern und wieder finden. Sie wollen keine zweite Festplatte für Backups kaufen und auch nicht lernen müssen, was eine Festplatte ist. Darauf antwortete Apple mit dem Hardware- und Google mit dem zentrales-Netz-Weg. Doch vorher noch einen kleinen Schritt zurück:
Bei der durch die Vernetzung unnötig gewordenen örtlichen Gebundenheit des PC setzten die Cloud-Dienste an. Mit Gmail wurde das zuvor für jeden nach 10 Minuten offensichtliche Defizit eines Webmail-Zugangs gegenüber einem IMAP-Client schnell ausgeräumt – wie z.B. Squirrelmail sich in der gleichen Zeit weiterentwickelte, brauche ich nicht zu erwähnen. Der Trend ging zum Zweitrechner – auch wenn er nur am Arbeitsplatz stand, und öffnete Sync-Diensten Tür und Tor. Aber wozu überhaupt syncen, wenn doch alles in der Cloud bleiben kann, hier, bei deinem Anbieter, ähhh, auf allen Rechnern der Welt? Oder willst du ewig mit einem USB-Stick durch die Gegend rennen, den du 3x pro Woche verlierst oder vergisst?
Auf die Datenschutz- und ‑sicherheitsthematik möchte ich jetzt gar nicht eingehen, sondern halte einfach fest: „Früher“ wählte man sich noch bewusst ein oder aus – auch aus Kostengründen – heute IST man online (und nervös, wenn nicht). Auch mir fallen wenige Anwendungszwecke für meinen Rechner ein, wenn er keinen Netzzugang hat. Wozu habe ich also einen Achtkern-Prozessor, wenn die gleichen Aufgaben auch der schmalbrüstige DualCore problemlos erledigt? Wozu habe ich eine Festplatte, wenn ich mir eh alles streamen lasse? Downloaden ist so 90er.
Und so verkam der PC zum Nutzfahrzeug. Ist manchmal praktisch. Braucht aber längst nicht jeder. Und das Netz? Das kann man wahrscheinlich am besten mit dem Eisenbahnnetz vergleichen. Auf den wichtigsten Strecken einigermaßen vernünftig ausgebaut. Woanders weniger. Kommt man aber prinzipiell überall mit hin. Reden wir mal nicht mehr über Ausfallsicherheit & Redundanz. Oder von Direktverbindungen von Nutzern ohne auf Zentralbahnhöfe & Umsteigen angewiesen zu sein. Wer will schon seine eigene Lok, wenn man hinten bequem mit den anderen im Abteil sitzen kann?
Das Netz war nie unseres. Aber es verbindet unsere Rechner, auf denen wir Administrator sind, auf denen der Code ausgeführt wird, den wir auswählen. Ein Chromebook ist nur noch ein Terminal. Ein Display und eine Tastatur. Ausgestattet nur mit dem Mindesten das nötig ist, um Google-Kunde zu sein. Ein Rechner, der selbst kaum generieren oder schaffen, programmieren oder kompilieren kann, ein Konsumgerät ohne Rechenpower und mit stark begrenztem Speicherplatz.
Freu dich doch, brauchst du nicht mehr. Du hast jetzt die Cloud, das RTL der Informationsgesellschaft.
Das ChromeBook schließt aber nicht die Trennung zwischen Computer-Nutzern und Computer-Kennern, es verbreitert sie. Es ist der Tod des Personal Computer und der Gleichberechtigung und gleichmäßigen Machtverteilung für das kommende Informationszeitalter, die mit der Idee des „Personal Computer“ einherging. Kommen wir also nun zur Dystopie.
Ich frage mich, ob ein Julian Assange in 50 Jahren mit seiner Idee schon deshalb scheitert, weil er keinen Rechner hat, den er selbst programmieren kann, keinen Provider, gegen dessen AGBs er nicht verstoßen würde, wenn er ihn jailbreakt…?
Es ist eine Sache, seine Daten aus der Hand zu geben. Der nächste Schritt soll nun sein, die Rechenleistung auszulagern. Werden wir demnächst bei Demonstrationen skandieren „Die Server denen, die drauf hosten!“ ? Datensammlungen sind Macht. Im Moment kann noch jeder sie sammeln. Ob uns in Zukunft aber noch die Geräte angeboten werden, die die Leistung bereitstellen, sie auszuwerten, geschweige denn, sie bereitzustellen? (Und das alles freiwillig, denn die Nachfrage bestimmt bekanntlich das Angebot)
Hierarchie und Macht werden auch in der zukünftigen Informationsgesellschaft durch Produktionsmittel und Infrastruktur bestimmt werden. Ein ChromeBook-Nutzer gibt beides aus der Hand. @marcelweiss twitterte gestern (in anderem Zusammenhang) „Wenn Ihr kein Minimum an Vertrauen an Unternehmen habt, dann hört auf, Webdienste zu nutzen, die nicht auf euren Servern liegen.“ – über den Staat lässt sich wohl das gleiche sagen. Man muss es im Sinne der Demokratie selbst tun.
Mündigkeit. Das war mal die Idee des Personal Computer. Ohne ihn können wir uns unser ganzes Revolutions-Gefasel von der Backe putzen. Der Moment der Einführung des ChromeBooks ist ein historischer. Ich bin sehr gespannt, ob man später in der Schule unterrichten wird
„…und daran sieht man, warum dezentrale, gleichberechtigte Netze Unsinn sind.“
– oder –
„…und daran sieht man, warum zentrale, hierarchische Dienste gefährlich sind.“
…was ich aber mal meinen Kindern beibringen werde, steht derweil fest: Papa kauft dir nur leistungsfähige Geräte, auf denen du root bist. Für alles andere gibt es Fernseher.
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Dem kritischen Nerd gegenüber sei zugegeben, dass ich eine ganze Menge ausgelassen, übersprungen und vereinfacht habe.
Dem Cloud-Freund gegenüber sei zugegeben, dass ich sehr viele Vorteile der Cloud verschwiegen habe.
Dem interessierten Leser gegenüber sei zugegeben, dass der Text viel zu lang ist.