Die dmexco überleben: Survival in der Einöde des Digital Marketing

Zwei Tage verbrachte ich jüngst in Köln, wo die jährliche Digital-Marketing-Fachmesse Digital Marketing Exposition & Conference (dmexco) abgehalten wurde. Diese Messe ist so eine Art Klassentreffen jener BWL-Studenten, die nach dem Studium „was mit Internet“, und dort möglichst die große Kohle machen wollten. Und was machen sie auf diesem Treffen? Sie versuchen sich gegenseitig etwas zu verkaufen.

Herauszufinden, was genau das denn so ist, sollte mein Ziel sein. Ich wollte diese Lebensform des Online-Marketing-Experten, seine Überzeugungen, Träume und Ziele verstehen und in dieser Expedition ins Ungewisse erforschen. Und ach! Wie ernüchternd war dieser kurze und schmerzhafte Einblick in die Lebens- und Denkweisen der Digital Marketing Professionals!

Schnell lernt der dmexco-Besucher, in der Mitte der Gänge zu laufen, und nicht stehenzubleiben. Wer diese Regel missachtet, macht sofort Bekanntschaft mit einer jener tausenden freundlichen und gesichtslosen Damen, die ihre Einstellungsqualifikation für den Job als Hostess in wenig und engen Stoff gehüllt präsentieren. Man muss dann – das ist wohl so Brauch – an einer Verlosung eines iPad2 teilnehmen. Kaum ein Stand, an dem mir nicht versprochen wird, dass es schon bald in meiner Post liegen könnte. Wer daraus Rückschlüsse auf Kreativität und Ideenreichtum der Aussteller zieht, läuft wenig Gefahr, widerlegt zu werden. Zwecks Verlosungsteilnahme ist das Aushändigen einer Visitenkarte natürlich unausweichlich, schließlich geht es hier um Kontakte, Kontakte, Kontakte!

Wenn man die hübsche (minderjährige) Annabell, Chantall oder Suse dann mal nach den Geschäftsfeldern ihres Arbeitgebers fragt, glänzt sie mit fehlerfreier Aussprache branchenüblicher Zungenbrecher wie Integrated Multichannel-Email-Marketing, High-Quality SEO-Content oder Return-of-Investment-Optimization. Auf Nachfrage, was das denn bedeute, stellt sie einem schnell einen der im hinteren Teil des Standes befindlichen Anzugträger vor, der Titel wie Chief Social Media Relations Optimization Strategist oder Senior Content Investment Evaluation-Analyst trägt. Dieser ebenso gesichtslose Mann verspricht effizienteres Marketing, erfolgreicheres Campaigning und – natürlich – mehr Umsatz.

Gefragt nach seiner Strategie, erzählt er einem dann wahlweise von

  • Suchmaschinenoptimierung (Die Seite zur #1 auf Google machen, was die Konkurrenz sicherlich nicht versucht),
  • Nutzer-Tracking und Behavioral Targeting (den Nutzer durchs Netz verfolgen, seine Vorlieben und Interessen kennenlernen, und ihm dann das Produkt anbieten, das er am wahrscheinlichsten kauft – „Wir helfen Ihnen, Ihre Kunden wiederzuerkennen, wir geben ihnen ein Gesicht!“)
  • Mouse-Tracking (Wohin bewegt der Nutzer seine Maus, was erregt seine Aufmerksamkeit? Klickt er auch schön dahin, wo meine Kasse klingelt?)
  • Conversion Rate Optimization (Erhöhung des Anteils der Seitenbesucher, die auch tatsächlich etwas kaufen)
  • Return of Investment (Steigert die Werbemaßnahme meinen Umsatz?)
  • Social Campaigns (Marketing über Facebook, Twitter etc.)
  • und allen möglichen Tools zur Auswertung des Erfolges von Werbemaßnahmen in Webseiten und Apps.

Dabei kommen dann so überzeugende Slogans wie „Das Wurstfinger-Prinzip: 75% der Nutzer klicken versehentlich auf Bannerwerbung in Apps. Nutzen Sie diesen neuen Marketing-Kanal jetzt für sich!“ oder Weisheiten wie „Es gibt guten und es gibt schlechten Traffic.“ zum Einsatz. Dazu genießt man Kekse mit – ganz originell! – aufgedrucktem QR-Code oder klassische Schnittchen, serviert von Annabell, Chantall oder Suse.

Was ich mit meiner fiktiven Firma überhaupt mache, ist völlig egal. Ich brauche ohne jeden Zweifel das Produkt des Gegenübers, um meinen Return of Investment zu optimizen und mehr Traffic zu generaten. Guten Traffic natürlich, mit hoher Conversion Rate. Und dazu ist natürlich eine fundierte SEO vom Spezialisten unumgänglich. Allein: Mir fehlt der Inhalt.

„Ach Content! Nichts leichter als das! Natürlich haben wir Content! Buchen Sie jetzt unsere 80.000 Schreiberlinge, die ihnen 1A unique-SEO-content für Ihren Erfolg liefern. High-Quality-Content-Generation ist UNSER Fachgebiet.“

Mir war ja irgendwie klar, dass das Internet mit seinen Tracking-, Storage- und Analysis-Posibilities die World of Marketing upside down stellen würde. Plötzlich kann jeder Minimalaspekt des Wegs von first contact bis conversion detailliert analyzed und optimized werden. Da gehen Marketing-Psychologists natürlich crazy. Endlich cleane data, endlich just-in-time-results, endlich kann man seine Strategie empirically evaluaten und optimizen. Für den Success.

Es ist schon ein trauriges Bild, was diese Personen vom Internet als besserer Fernseher mit Verkaufsmöglichkeit entwerfen, und was für ein verzerrtes Bild sie sich vom Netz und seinen Nutzern trotz ihrer genauen und umfassenden Analysen gemacht haben. Was will man aber auch anderes erwarten, es sind einfache BWL’er und sie haben gelernt, auf statistische Kennwerte zu achten, was sicherlich auch nicht die schlechteste Idee ist. In jede Idee von Datenschutz ad absurdum führenden Firmen für Web-Werbung sind solche Menschen dem Gemeinwesen sicherlich immer noch weniger schädlich als in Welche-Mitarbeiter-soll-ich-entlassen-Unternehmensberatungen wie McKinsey. Und für kreativere Ideen als „Wir spionieren ihre Kunden so gut wie möglich aus“, Glückskekse mit URLs oder Handy-Sessel mit Firmanaufdruck muss man eben zu einer anderen Messe gehen.

Wer aber an 9,3 Millionen Emailadressen mit Werbeeinwilligung oder die Erfolgsversprechen einer Do-it-yourself-Intant-Facebook-Verlosungs-Quiz-App glaubt, der ist bei der dmexco genau richtig.

141 Kommentare
  1. El-Konsolero 22. Sep 2011 @ 16:42
      • Philip Engstrand 23. Sep 2011 @ 10:52
    • Andreas Krey 22. Sep 2011 @ 20:09
    • Andreas Krey 22. Sep 2011 @ 20:15
    • Andreas Krey 22. Sep 2011 @ 20:18
      • Kai Schäfer 22. Sep 2011 @ 22:43
  2. Kai Schäfer 22. Sep 2011 @ 22:21
    • Harald Jungen 22. Sep 2011 @ 22:52
      • Kai Schäfer 22. Sep 2011 @ 22:57
    • Weltenweiser 23. Sep 2011 @ 16:24
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