Technologie

Ändern “Liberation Technologies” die Machtbalance zwischen repressiven Staaten und der Zivilgesellschaft?

Patrick Meier von Ushahidi ist vielen hier wahrscheinlich durch seine Vorträge bei re:publica und re:campaign bekannt – oder durch seine mehrfachen Erwähnungen auf diesem Blog.


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In seiner jetzt veröffentlichten Dissertation widmet er sich der Frage, ob „Liberation Technologies“ tatsächlich die befreiende, also letztlich machtverschiebende Wirkung haben, die man ihnen zuschreibt. Als „Liberation Technologies“ werden Entwicklungen bezeichnet, bei denen davon ausgegangen wird, dass sie ein basisdemokratisches, antirepressives Potenzial haben, wie zum Beispiel das Anti-Zensur- und Anonymisierungstool Tor oder kolloborative Krisen-Visualisierungs-Tool Ushahidi.

In diesem Zusammenhang wäre der weißrussische „Cyber-Skeptiker“ Evgeny Morozov zu nennen, dessen Kernthese sich mit

Computer speichern alles, und der Nutzen dieser gesammelten Informationen ist für $repressives_regime immer größer als das befreiende Potenzial für die Nutzer.

zusammenfassen ließe. Diese These breitet er in seinem vor knapp einem Jahr erschienenen Buch The Net Delusion: How Not to Liberate The World aus.

Patrick Meier hat sich der Frage wissenschaftlich sowohl qualitativ (strukturierte Interviews, „weiche“ Daten), als auch quantitativ (messbare Fakten, Zahlen) genähert und viele seiner Regressionsanalysen auf die abhängige Variable „Anzahl an Protesten“ konzentriert – die Datenbasis stammt dabei größtenteils aus dem Ushahidi-Projekt. Mit diesem Ansatz findet er Anhaltspunkte dür einen direkten Einfluss des Vorhandenseins von Internet und Mobiltelefonen auf die Häufigkeit von Protest. Die große Leistung der Dissertation besteht aber vermutlich indem Entwickeln eines methodischen Frameworks zur Erforschung von digitalem Aktivismus in repressiven Umgebungen.

Hier zum Download der weit über 200 Seiten als pdf – um eine ebook-Version will er sich bemühen. Wem die Diss zu umfangreich ist, dem wird das Stöbern in Blog-Artikeln zu ausgewählten Befunden ermpfohlen:

Theorizing Ushahidi: An Academic Treatise

How Egyptian Activists Kept Their Ushahidi Project Alive Under Mubarak

Analyzing Election Monitoring Reports from Egypt Using U-Shahid

ICTs, Democracy, Activism & Dictatorship: Comprehensive Literature Review

Impact of ICT on Democracy & Activism: Findings from Statistical Studies

11 Kommentare
  1. ohne jetzt selbst eine dissertation zu schreiben – ich glaube viel wichtiger ist, ob jeder auch uneingeschränkten zugriff auf diese werkzeuge hat.
    mit einem hammer kann man töten oder ein haus bauen. mit einem kran auch, aber nicht jeder hat einen kran.

    1. Alle diese Tools sind nicht einfach zu bedienen, jeder Fehler kann eine deutliche Spur legen. Und noch schlimmer: Die meisten meinen Twitter oder facebook oder gar ein iPhone wären “Liberation Technologies” …

      So wird es ja in der Presse auch jeden Tag verkauft, wenn das Geld wieder mal nicht für einen Korrespondenten, sondern nur für youtube gereicht hat …

  2. Ich habe es nicht gelesen, aber ich denke: Nein. Das Smartphone ist eine Überwachungswanze des Staates geworden, die Provider werden zu Handlangern gemacht, jedes ausgeliehen Buch und jede Seite getracked. Also, Nein, diese Aussage gilt leider auch für Demokratien. (Beispiel: Journalistenüberwachung in Frankreich, Demos in Deutschland, etc. …)

    1. So sicher dass der Nachteil überwiegt?
      Klar, Mobiltelefone können geortet oder abgehöhrt werden und verraten staatlichen Stellen so einiges, dass der Telefonbesitzer eher nicht preisgeben will.
      Auf der anderen Seite sorgen sie aber auch dafür, dass Informationen viel schwieriger unterdrückt werden können, da fast jeder Bürger sich jederzeit mitteilen und die Geschehnisse in seiner Umgebung aufnehmen kann.

      Was da am Ende einen grösseren Einfluss hat ist nicht so einfach abzuschätzen und gerade daraus kommt wohl auch die Motivation, sich wissenschaftlich mit „Liberation Technologies“ zu befassen.

      1. Ja, weil Du kannst die Leute einsperren, die sich für friedliche Reformen einsetzen. Wer ist das ist, lässt sich dank westlicher und besonders deutscher Hilfe bei Handys und oftmals auch beim Internet prima herausfinden. Damit macht man das politische Leben kaputt. Dies wiegen ein paar Handyfilme der Revolution später oder die von Straßenkämpfen oder Folterungen vorher nicht auf — dies kann auch alles zur Propaganda und Abschreckung genutzt werden.

  3. hab ich das jetzt überlesen oder was war denn nun das Ergebnis der Diss.? Oder ist es ein „kann man nicht sagen“, „kommt drauf an“? Mal sehen, vielleicht klick ich heute Abend, das pdf noch an.

  4. However, the authors do not distinguish between repressive versus democratic rule and do not include mobile phones as an independent variable. They find that “the Internet was not able to explain significant variation in democracy cores [sic
    ———
    Stimme der Dissertation aber nicht zu weil die Autoren zu wenig praktisches Wissen über die Technologien und relevate Methoden besitzen.

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