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: Inzwischen gängige Praxis? Internet- und Mobilfunkabschaltungen nehmen zu: Jüngste Fälle in Indien und Pakistan.
Screenshot von killswitch.pk : Inzwischen gängige Praxis? Internet- und Mobilfunkabschaltungen nehmen zu: Jüngste Fälle in Indien und Pakistan. Am Montag gingen die indischen Bundesstaaten Kaschmir und Jammu wieder online. Die Behörden hatten eine dreitägige Internetabschaltung in den nordwestlichen Regionen Indiens veranlasst. Bereits im letzten Monat waren 63 Millionen EinwohnerInnen im Bundesstaat Gujarat von einer mehrtägigen Abschaltung betroffen. In Indien werden Shutdowns aktiv zu Aufstandsbekämpfungszwecken eingesetzt. Auch im Nachbarland Pakistan sind Abschaltungen allgegenwärtig, wie eine neue Studie des Institute for Human Rights and Business (IHRB) kritisiert.
Kaum war die Internetabschaltung in indischen Teil Kaschmirs aufgehoben, ging eine Flut von Nachrichten, Protestbildern auf Soziale Medien nieder. Die Menschen in der Region empörten sich lautstark über die Abschaltung des Internets während des islamischen Opferfestes. Betroffen waren in erster Linie mobile Internetverbindungen, aber auch viele Breitbandverbindungen wurden auf Anordnung der Polizei durch die Provider gedrosselt. Die Regionalregierung hatte den Shutdown präventiv veranlasst, weil sie Demonstrationen gegen die Einschränkung der Religionsfreiheit befürchtete. Ursprünglich war nur eine Abschaltung von zwei Tagen angeordnet, die nachträglich verlängert wurde.
Mishi Choudhary vom indischen Software Freedom Law Center befürchtet hinter solchen Maßnahmen eine ausufernde Angst bei nationalen Sicherheitsbehörden. Beispielsweise im Bundestaat Gujarat schalteten die Behörden den mobilen Internetverkehr ab, weil sie befürchteten, dass sich Proteste über Whatsapp koordinierten. Vorangegangen waren Auseinandersetzungen von Angehörigen der Patel-Kaste mit der Polizei. Die Behörden erklärten selbst, sie wollten mit dieser Maßnahme kursierende Gerüchte in Sozialen Netzwerken unterbinden, die Spannungen auslösen könnten. Choudhary legt zudem nahe, dass in diesem Zusammenhang auch die jüngsten Vorstöße der indischen Regierung zu verstehen seien, Verschlüsselungstechnologien den Kampf anzusagen.
Ben Wagner beleuchtete die ausufernde Abschaltungspraxis bereits in einem Vortrag auf unserer diesjährigen „Das ist Netzpolitik!“-Konferenz. Eine Studie von IHRB, the Center for Internet and Human Rights (CIHR) und Bytes for All Pakistan, die in dieser Woche erschien, verdeutlicht die Thematik in Hinblick auf die Abschaltungen des Mobilfunknetzes in Pakistan. Ben Wagner dazu in einer Stellungnahme:
The goal of network shutdowns is supposed to be protecting civilian lives, but they may indeed have the opposite effect. They put civilians at risks, becauseemergency services cannot operate. […]
The disconnection of communications networks has serious negative consequences for both economy and society in Pakistan.Bereits im vergangenen Jahr sorgte eine weitere Internetabschaltung für öffentliche Aufregung: Die indischen Behörden versuchten auf diese Weise, eine Anhörung des Menschenrechtsrats der Vereinten Nationen zu sabotieren. Unter anderem sollte eine Video-Liveschaltung von Mirwaiz Umar Farooq zur UNO-Sitzung nach Genf verhindert werden. Mirwaiz ist eine zentrale Führungsfigur in der Unabhängigkeitsbewegung des indischen Teils Kaschmirs.
Gerade in Indien und Pakistan ist der Mobilfunkverkehr von immenser Bedeutung. Viele Menschen besitzen keinen Festnetzanschluss und sind auf die mobile Internetnutzung angewiesen. Die Abschaltung des Internetverkehrs führt daher zu Stillstand in weiten gesellschaftlichen Bereichen. Plötzlich ist es nicht einmal mehr möglich, Notrufe abzusetzen. Die gravierenden gesellschaftlichen Auswirkungen solcher Shutdowns skizzierte Wagner bereits in einem Artikel für die SZ:
Mit der Abschaltung von Kommunikation wird nicht nur determiniert, wer Kommunikation nutzen kann, sondern auch wer Teil der Gesellschaft ist. So ist es nur konsequent, dass Regionen, die als “Taliban-nah” gesehen werden, aber auch große politische Kundgebungen besonders häufig von Abschaltungen betroffen sind. Da sich Gesellschaften durch Kommunikation konstituieren, kommt die Verhinderung von Kommunikation heute einem Ausschluss aus der Gesellschaft gleich.
Daneben sind individuelle und wirtschaftliche Folgen solcher Abschaltungen äußerst weitreichend. Menschen werden von Informationen abgeschnitten und von gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen. Das beschneidet insbesondere die Freiheit, Zugang zu Kultur und Bildung zu erhalten, und schränkt Versammlungs- sowie Meinungsfreiheit stark ein. Die Rechtfertigung solcher Maßnahmen findet in aller Regel mit Verweis auf Terrorismusbekämpfung statt oder wird mit Gefahrenabwehr für die nationale Sicherheit begründet. Diese Argumente lassen auch in Europa finden, wo Abschaltungen im Rahmen der London-Riots erwogen wurden. Doch auch in Deutschland besteht in einigen Bundesländern bereits eine Gesetzesgrundlage für eine „Unterbrechung oder Verhinderung der Telekommunikation“
Die Website killswitch.pk veranschaulicht Shutdowns in Pakistan in einer Timeline.
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: EFF stellt neuen Do-Not-Track-Standard vor
: EFF stellt neuen Do-Not-Track-Standard vor Im Grunde handelt es sich beim HTTP-Header-Feld „Do Not Track“ (DNT) um eine gute Idee: Ist die Einstellung im Browser oder Betriebssystem gesetzt, sollten Webseiten eigentlich davon absehen, die betreffenden Nutzer quer durchs Internet zu verfolgen und ihnen etwa personalisierte Werbung einzublenden, abhängig von ihrem Surf-Verlauf. Dumm nur, dass sich kaum jemand an diese freiwillige Vorgabe hält und sich DNT den nicht unberechtigten Ruf eingehandelt hat, als zahnloser Tiger dazustehen.
Das will die Digital-Rights-NGO Electronic Frontier Foundation (EFF) zusammen mit der Software-Firma Disconnect ändern, die gemeinsam einen neuen DNT-Standard erarbeitet haben. Dieser soll Nutzer besser vor Tracking schützen und Werbetreibenden sowie sonstigen Datensammlern Anreize bieten, die Wünsche der Webseiten-Besucher zu respektieren. Mit an Bord befinden sich unter anderem die Suchmaschine DuckDuckGo und die Browser-Erweiterung AdBlock.
“We are greatly pleased that so many important Web services are committed to this powerful new implementation of Do Not Track, giving their users a clear opt-out from stealthy online tracking and the exploitation of their reading history,” said EFF Chief Computer Scientist Peter Eckersley. “These companies understand that clear and fair practices around analytics and advertising are essential not only for privacy but for the future of online commerce.”
Die Erfolgsaussichten des neuen Standards sehen freilich bescheiden aus, wie die EFF in der FAQ ausführt:
This policy is not intended to be compatible with businesses practices that involve the non-consensual collection of Internet users’ reading habits or online activities. It is a document intended to give users strong privacy protections, which means that in the current Web environment only some companies are going to be willing and able to post it.
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: Disconnect.me – eine mögliche Alternative zu ghostery?
Screenshot Disconnect.me : Disconnect.me – eine mögliche Alternative zu ghostery? Disconnect.me, ein Browser Addon, visualisiert und blockiert unsichtbare Verfolgung durch Dritte während des Surfens und soll wöchentlich von 1,5 Millionen Menschen genutzt werden. Aus diesen Angaben geht leider nicht hervor, welche Nutzung damit gemeint ist (Downloads, Aktivitätsmodi). Der Erfinder, Brian Kennish, hat jedenfalls sehr lange Zeit daran gearbeitet, Software zu entwickeln, die eigentlich privaten Daten nachgeht. Dazu sei er aber nebenher ein schwerer Facebook-Nutzer geworden, was seine Einstellung zu Tracking-Technologie etwas ändern ließ.
Noch bei Google angestellt, entwarf Kennish angeblich in wenigen Stunden disconnect.me für Chrome-Browser, zum Aussetzen von Facebook-Tracking. Das war 2010, in der Zeit sei das Seitenprojekt einige tausend Male runtergeladen worden, worauf er Google verließ, um sich über Facebook hinaus ganz dem Schutz der eigenen Datenproduktion widmen zu können. Dafür hat er sich mit dem Verbraucherschützer und Anwalt Casey Oppenheim zusammengetan. Der Anspruch sei gewesen, etwas zu kreieren, das den durchschnittlich bis wenig bewanderten InternetnutzerInnen ermöglicht, einfache Erfahrungen im Umgang mit Sicherheit im Netz zu machen, ohne Stunden damit zu verbringen, an ihren Geräten herumzukniffeln. Disconnect.me gibt es inzwischen für Firefox, Safari und Opera.
Finanziert hat sich Disconnect.me zuletzt über FirstMark-Capital, eine Firma, die sich durch eigenes Risiko- bzw. Wagniskapital (engl. venture capital) über Transaktionen in Start-Up-Unternehmen beteiligt. Mit auf ihrer Investment-Liste ist zum Beispiel pinterest. Vergangenes Jahr hat FirstMark Disconnect.me zu 4,1 Millionen Dollar aufgestockt – mittlerweile gibt es Disconnect.me für Kids und ältere Erwachsene, persönlich von einem Ex-NSA-Ingenieur entwickelt. „As recent events have emphasized, we believe online privacy is a ‘megatrend’“, meint der Gründer und Top-Manager von FirstMark-Capital, Rick Heitzmann. Ein wachsendes Bedürfnis nach anonymer Bewegung im Netz trifft hier wohl auf andere Wachstumsinteressen.
Wie mit ghostery.com, das ebenfalls sehr benutzerfreundlich unsichtbare Anwesende visualisieren und blockieren knn. Die NutzerInnen können freiwillig mitentscheiden, ob ihre Daten in die Ghostery-Datenbank eingespeist werden, um das Produkt zu verbessern. Das US-amerikanischen Ad-Technologie-Unternehmen Evidon, dem ghostery.com unterliegt, steht aber in der Kritik, die blockierten Daten „anonymisiert“ wiederzuverkaufen.
Im Vergleich fragt sich, was genau Disconnect.me vertrauenswürdiger machen soll, wenn nicht klar ist, wodurch die angegebenen Summen wieder reinkommen, wohl kaum allein durch die „pay what you want“-Option – und wem damit zuletzt eigentlich geholfen wird.