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TrugbildNur hier für die Kommentare

Rezensions- und Kommentarspalten sind kleine Oasen des Internets. Denn überall dort, wo Menschen ins Netz schreiben können, entsteht Leben.

Ein KI-generiertes Bild, das eine Person mit Heiligenschein an einem Tisch zeigt. Vor ihr ein Laptop, ein Glas Rotwein und eine Schachtel Zigaretten.
Analoge und digitale Zufluchtsorte. – Public Domain Vincent Först mit ChatGPT

Gelegentlich sitze ich in der Kneipe und beobachte die Leute. An eine Szene erinnere ich mich besonders gern. Ein unscheinbarer Mann, flankiert von einem Rotweinglas und einer Zigarettenschachtel, haut kurz vor Mitternacht in die Tasten eines uralten Lenovo-Laptops – ein exzellentes Setup, um Poesie oder Tagebucheinträge zu verfassen. Doch ein flüchtiger Blick über die gebeugten Schultern offenbart ein schaurig-schönes Geheimnis: Der Mann schreibt Amazon-Rezensionen.

Wer viel auf Amazon kauft oder gar rezensiert, erntet in manchen Kreisen ein verächtliches Schnauben. Ähnlich sieht es mit Kommentaren in den sozialen Medien aus. „Da sind ja ohnehin nur Trolle oder Bots unterwegs“, lautet eine geläufige Meinung. Die feinen Leute veröffentlichen lieber gefahr- und witzlos auf Networking-Plattformen wie LinkedIn. Dabei verstecken sich in den Kommentar- und Rezensionsspalten des restlichen Internets die weitaus wichtigeren Texte.

Amazon-Rezensionen als Kunstform

Kevin Killian war der bislang wohl schillerndste Amazon-Rezensent. Der Schriftsteller erlitt in den frühen 2000er-Jahren einen Herzinfarkt und bekam deshalb Medikamente verschrieben, die ihn nach eigener Aussage „zu glücklich zum Schreiben“ machten. Um die Blockade zu überwinden, begann Killian Rezensionen auf Amazon zu veröffentlichen. So entstanden über einen Zeitraum von fünfzehn Jahren zigtausende Texte, von denen 2024 eine Auswahl als Buch mit dem Titel „Selected Amazon Reviews“ erschien.

Killian schreibt in diesen Texten hauptsächlich über Popkultur, darunter Filme wie „Scream 4″ („Manche sagen, der Film sei der Beste seit dem ersten Scream, ich gehe sogar noch weiter und sage, es ist der Beste aller Screams“) oder „Twilight“ bis hin zu Klassikern des französischen Kinos wie „Cléo from 5 to 7“ von Agnès Varda.

Mit viel Liebe zum Detail nimmt er auch gewöhnlichere Produkte unter die Lupe, zum Beispiel Ibuprofen-Tabletten („ihre heilenden Atome beschleunigen die Genesung meines Fußes“) oder eine Barbie-Puppe aus dem Jahr 2002. Mal klingt Killian wie ein normal neurotischer Bürger, dessen ganze Aufmerksamkeit auf ein zuvor gekauftes Kochbuch für Schongarer gerichtet ist, eine Rezension später bespricht er literarische Werke in Feuilleton-Qualität.

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Killian bewertet meist großzügig mit fünf Sternen. Immer sind seine Rezensionen witzig, warmherzig und tiefgründig. Das sind Eigenschaften, die mit dem Einkaufserlebnis auf Amazon eigentlich nichts zu tun haben. Wenn sich Killian etwa über die Vor- und Nachteile eines Stabmixers auslässt, mit dem sich kostengünstig Mandelmilch im Hotelzimmer zubereiten lässt, blüht aber selbst die trostlose Shopping-Wüste auf. In dieser subversiven Begrünung liegt Killians großer Verdienst.

Kommentarspalten sind Zufluchtsorte

Nachdem Bilder und Videos den Text als vorherrschendes Medium im Netz abgelöst haben, gehören Kommentar- und Rezensionsbereiche zu den letzten Bastionen für das geschriebene Wort im Netz. Von Amazon bis Pornhub und YouTube – und eigentlich immer dort, wo Leute etwas schreiben können – lassen sich digitale Textschätze finden.

Wer flexibel genug ist, kann auch in Google-Maps-Rezensionen einen Schuss Gesellschaftskritik mit Radikalisierungspotenzial herauslesen. Etwa bei 1-Stern-Bewertungen von Michelin-Restaurants in Dubai („Ein einzelner Gang wurde von mehr als zehn Mitarbeitern zusammengestellt. Das war plump und unnötig“) oder in München („Ich war mit meinen Eltern dort, und unser Besuch bescherte uns ein kulinarisches Erlebnis, das zu keinem Preis akzeptabel wäre – geschweige denn für die 560 € pro Person, die wir bezahlten“).

Auch den Videos auf Instagram oder TikTok geben die Kommentare oft ihren letzten Schliff. Nicht umsonst sind die beliebtesten Reaktionen selbst meist Aussagen wie „I went straight to the comments“ (dt.: Ich bin gleich zu den Kommentaren gegangen) oder Popcorn-Emojis und GIFs, was so viel bedeutet wie: Hier folgt man aufmerksam dem Geschehen.

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Manche Kommentare helfen auch über die Betrachtung selbst schlimmster Content-Verbrechen hinweg. Etwa wenn sich ein Mensch mit Rasierschaum einreibt und sich auf dem Wohnzimmerboden windet, um den Weg eines Spermiums zur Eizelle zu „simulieren“ und der Top-Kommentar mit über hunderttausend Likes kommentiert: „Stellt euch vor, ihr fahrt an einem Haus vorbei und dort drinnen passiert DAS.“

Auch die schönsten meiner persönlichen Netz-Erinnerungen hängen mit Kommentaren zusammen. Darunter eine Antwort auf die Frage nach dem Verbleib des Musikers „John Fitch“ unter seiner einzigen auf YouTube hochgeladenen EP mit dem grandiosen Song „Romantic Attitude“. „He’s alive and well in Philadelphia. He’s my dad. Still making music.😊“, schreibt die Tochter von Fitch dem Fragesteller zwei Jahre später in die Kommentare.

Das Netz mit Leben fluten

Leider bilden die positiven Lese-Erlebnisse eine Ausnahme in der digitalen Öffentlichkeit. Ein Klüngel aus politischen Aktivisten, Werbemachern, Plattformbetreibern, Geschäftsleuten und Trollen tut sein Bestes, um das Netz mit Müll zu fluten. Dagegen steht der Gedanke, dass auch kleine Textgattungen wie Rezensionen oder Kommentare in einem Haufen Schrott eine besondere Strahlkraft entwickeln können.

Einige denken sich nun: „Ja, aber die Trolle sind ohnehin in der Überzahl!“, „Lösch doch einfach TikTok!“ oder „Dann bestell eben nix bei Amazon!“. So einfach geht das aber nicht. Amazon, Google Maps und die sozialen Medien zählen zu den bedeutendsten Knotenpunkten im Netz, die täglich von unzähligen Menschen besucht werden. An ihnen kommen wir alle nur schwer vorbei.

Soll ich aus der Großstadt wegziehen, weil mich die Autos und Shopping-Malls stören? Nein. Ich unterstütze lieber die wenigen Orte und Menschen, die diese Stadt lebenswert machen. Gleichsam kann jeder Text im Netz, und mag er noch so unbedeutend scheinen, zu einer Oase in einer Wüste der digitalen Trostlosigkeit werden.

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14 Ergänzungen

  1. Kommentare sind das was früher Usenet, Fido, Bulletin Boards, Web Foren und Co waren. Ich konsumiere sie seit 30 Jahren ziemlich aus den gleichen genannten Gründen. Seit sie hier abgeschaltet sind, klicke ich nur noch viel seltener rein.

    1. Sie sind mE auch durchaus wichtige Ergaenzungen, gerade auch bei Medien mit klar zum Ausdruck gebrachter Haltung. Die taz ist mittlerweile ein gutes (eigentlich schlechtes) Beispiel: Artikel ohne Kommentare sind idR zu einseitig, um sie ohne eigener Recherche zu lesen.

    2. Was ist denn $DORT Abgeschaltet? Usenet lebt weiterhin, das weiß ich. Und Fidonet u.a. BBS wird es auch noch geben aber das WWW hat ihnen die Relevanz genommen. Webforen sind kaum ein Ersatz für Usenet daher wäre es um die nicht schade aber geben wird es sie weiter.

      Also: $HIER ist nix davon „abgeschaltet“. Vielleicht mal den Provider wechseln, oder nur den DNS-Server! Dann „klappts auch wieder mit…“ dem Nachbarn zu sprechen. :-)

      Und: dies war ein Kommentar auf Netzpolitik.org.

  2. Hallo Vincent,

    mich würde mal interessieren, wie viel Kommentare hier auf netzpolitik.org nicht das Licht der Welt erblicken durften, weil die Texte zu unterirdisch waren?

    Ist ein best of 2025 „aus dem Kommentar-Abfall gezogen“ geplant? Nicht-zitierfähige Zitate, Dummheit im Exzess, etc.?

  3. Wie bekommt die NP Redaktion proklamierte Haltung und Programm mit ChatGPT AI slop unter einen Hut?

    Für mich macht letzteres ersteres unglaubwürdig.

    1. Ich denke in der Regel intensiv darüber nach, welches Bild thematisch zu meinen Texten passt. Dieses Mal war es ein Gemälde des grandiosen Malers Edward Hopper. Im nächsten Schritt kamen über ChatGPT ein Heiligenschein, ein Rotweinglas und eine Zigarettenschachtel hinzu. Danach verfeinerte ich das Bild weiter in einem Bildbearbeitungsprogramm.

      Das mithilfe von Midjourney erstellte Titelbild der ersten Trugbild-Ausgabe „Die unendliche Inszenierung“ hat ein Werk des Künstlers Patrick Nagel als Vorlage, dessen glanzvoll-oberflächliche Bildsprache als Metapher für die Kolumne dienen sollte. Der ausschlaggebende Grund für die Wahl des Nagel-Bildes „11th Street Gallery Santa Monica Mirage Edition“ war der Zusatz „Mirage“, ein Synonym für „Trugbild“ – ein guter Ausgangspunkt für die Kolumne, wie ich finde.

      So ein Prozess kann gut und gerne mehrere Stunden dauern.

      Ich persönlich habe großen Spaß an dieser detailverliebten Denk- und Arbeitsweise, kann den damit verbundenen Blick aber selbstverständlich nicht von jedem erwarten.

  4. Der Kommentarbereich ist grundsätzlich oft eine Freude. Leider gibt es ihn immer weniger, und selbst auf YouTube versucht man in den vergangenen Jahren eher, ihn verschwinden zu lassen und das Augenmerk mehr auf weitere Videos zu legen, statt aufs Kommentare lesen.

    Auch die Kommentare, die am Ende entstehen, werden nicht immer angezeigt: https://www.reddit.com/r/youtube/comments/1c6ukdo/youtube_comments_not_showing_up/

    Oder verschwinden gar absichtlich: https://www.comicschau.de/news/youtube-kommentare-verschwinden-nach-wenigen-sekunden-wieder-455517/

    Insofern muss man sich doch wundern, dass man auf YouTube zuletzt den Schritt gegangen ist, die Kommentarspalte etwas aufzuräumen: https://www.googlewatchblog.de/2025/10/youtube-neuer-kommentarbereich-wird-jetzt-ausgerollt-neue-struktur-fuer-antworten-und-diskussionen/

    Jetzt erinnert YouTube eher an Reddit und das Ganze sorgt in alten Kommentarspalten durchaus für einiges an Chaos (ganz alte Kommentare, die teilweise als Antworten entstanden, muss man heutzutage quasi als solche erraten).

    Insofern kann ich nur zustimmen, dass jede Kommentarsektion heutzutage noch eine Freude ist, gerade dann, wenn es witzig wird.

  5. Außer man wird von vornerein wegen seiner bloßen Existenz und die damit verbundene Identität ausgeschlossen und kriegt pauschal die Stimme entzogen.

  6. Da frage ich mich nun, wie ich das kommentieren soll, ohne an den NP-Regeln zu scheitern. Keine Meinung, nicht zu lang, artikelbezogen?

    Na gut, dann gib dich damit zufrieden, ich man die Kolumnen hier, den Stil, die Meinungen und Denkanstöße. Wohltuend, bei der Flut von Absonderlichkeiten von Politik und Wirtschaft und letztlich einen Unterbau für die manchmal „nerdigen“ Themen bildend. Wohltuend ist, andere Sicht wahrnehmen zu dürfen.

    Ob aber Kommentare „Leben“ entstehen lassen? Einigen wir uns darauf, das Bidirektionalität Kommunikation ermöglicht und damit das verwirklicht, was die Idee des Internet ist und sein sollte.

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