In den letzten Wochen und Monaten ist die Stimmung hier und anderswo in den Kommentaren etwas hochgekocht. Das mag mit einer zunehmenden Politisierung und vor allem Sensibilisierung für die politischen Prozesse rund um Netzpolitik zu tun haben. Und einer damit verbundenen Desillusionierung über Politiker und teilweise die Medienberichterstattung. Was mir etwas Sorgen macht, ist der Ton, den immer mehr Menschen anschlagen. Das konnte ich letzte Woche in der drohenden Auseinandersetzung mit der Fotografin des Schäuble-Bildes beobachten, wo diese anscheinend eine ganze Menge „Hass-Mails“ bekam. Aber man kann es auch bei den meisten Postings sehen, wenn (zumeist) Politiker über Netzpolitik reden. Wie aktuell heute bei dem Posting, wo Frau von der Leyen auf einer Wahlkampfveranstaltung über ihre Sicht auf die Netzzensur-Diskussion redet. Ich hab das Posting bewusst „Die Demagogie der Zensursula“ genannt.
Wikipedia zitiert Martin Morlock damit:
„Demagogie betreibt, wer bei günstiger Gelegenheit öffentlich für ein politisches Ziel wirbt, indem er der Masse schmeichelt, an ihre Gefühle, Instinkte und Vorurteile appelliert, ferner sich der Hetze und Lüge schuldig macht, Wahres übertrieben oder grob vereinfacht darstellt, die Sache, die er durchsetzen will, für die Sache aller Gutgesinnten ausgibt, und die Art und Weise, wie er sie durchsetzt oder durchzusetzen vorschlägt, als die einzig mögliche hinstellt.“
Was in den Kommentaren folgte, waren sofort einige Goebels- und Hitler-Vergleiche. Man hätte darauf wetten können. Gleichzeitig kamen sofort auch einige leicht versteckte Gewaltforderungen. Das finde ich eine sehr unerfreuliche und unnötige Entwicklung. Ich frage mich manchmal: Reden die dafür verantwortlichen Kommentatoren mit Menschen im Reallife genauso – und wenn nicht, warum nicht?
Ich war mir immer recht unsicher, wie man darauf reagieren soll, ausser mich so schnell es geht in den Kommentaren zu distanzieren und darauf hinzuweisen, dass solche „Argumentationen“ der Sache schaden. Aber das hier ist nicht das Heise-Forum und wir haben auch keine bezahlten Community-Manager, die alles überblicken müssen. Das Beobachten der Kommentare sowie das Reagieren auf diese kostet mich Zeit, die mir bei vielen anderen Sachen fehlen. Nun gibt es konkret bei sowas verschiedene Möglichkeiten: Die Optimalste ist, wenn die Kommentatoren vor dem Schreiben den Kopf anschalten und das machen, was man in der politischen Debatte tut: Argumentieren. Und zwar ohne schlechte Nazi-Vergleiche, Gewaltphantasien, Pöbeleien, Chauvinismus und dergleichen. Seid höflich und verhaltet Euch so, wie Ihr auch von anderen Personen behandelt werden wollt. Die Alternative ist, dass ich einfach alle Kommentare, die gewisse Grenzen überschreiten, sofort lösche. Da ist es mir auch egal, wenn dann sofort beleidigt „Zensur“ gebrüllt wird. Hilfreich wäre es auch, wenn andere Kommentatoren sofort auf solche Kommentare reagieren, da ich hier nicht den ganzen Tag Kommentare beobachten kann und will.
Ich weiß, dass viele frustriert sind, weil ständig unsere Freiheiten eingeschränkt werden und die Mehrheit der Bevölkerung das nicht kapiert. Aber wir leben in einer Demokratie und müssen für unsere Positionen Mehrheiten erwerben. Dazu zählt, dass man auch Menschen mit anderen Meinungen respektiert. Und wenn man die Mehrheiten gewinnen will, ist es äusserst kontraproduktiv, wenn sich innerhalb eines pseudonymisierten Kommunikationsraumes schnell ein Mob entwickelt und über Menschen mit anderen Meinungen herfällt. Damit überzeugt man wenig Menschen. Die meisten würden sich auch im Reallife nicht von jemanden überzeugen lassen, der keifend und beleidigend vor einem steht. Im Netz ist das nicht anders.
Wir haben starke Argumente für digitale Bürgerrechte. Und wir haben auch die Macht, schnell und kollaborativ (falsche) Politiker-Aussagen zu widerlegen. Wir sollten unsere Energien nutzen, mehr Menschen aufzuklären. Das geht mit Intelligenz, Freundlichkeit und Argumenten besser.
Würde mich freuen, wenn der eine oder andere sich angesprochen fühlt und mal darüber nachdenkt.