Dieser Artikel ist mehr als 18 Jahre alt.

Erste Auswirkungen der Vorratsdatenspeicherung

Aus einer Anwaltskanzlei: Ein möglicher Mandant sorgt sich zum Beispiel, er könnte sich Ärger eingehandelt haben. Wir reden über nichts, wofür die neuen Gesetze nach offizieller Lesart geschaffen wurden. Aber natürlich ist er vorsichtig, denn immerhin hinterlässt seine Kontaktaufnahme mit mir jetzt Datenspuren. Wer weiß, vielleicht begründet der Anruf bei einem Verteidiger, zu dem ja…

  • Ralf Bendrath

Aus einer Anwaltskanzlei:

Ein möglicher Mandant sorgt sich zum Beispiel, er könnte sich Ärger eingehandelt haben. Wir reden über nichts, wofür die neuen Gesetze nach offizieller Lesart geschaffen wurden. Aber natürlich ist er vorsichtig, denn immerhin hinterlässt seine Kontaktaufnahme mit mir jetzt Datenspuren. Wer weiß, vielleicht begründet der Anruf bei einem Verteidiger, zu dem ja noch kein Mandat besteht und möglicherweise auch keines zustande kommt, ja demnächst sogar einen Anfangsverdacht. (…) In der Antwort liest sich das dann so:

„Wenn Sie Sorgen wegen der Vertraulichkeit des Telefonats oder der Speicherung von Verbindungsdaten haben, können Sie oder eine Person Ihres Vertrauens die Beratungskosten auch vorab auf unser Konto einzahlen, zum Beispiel bar bei der Postbank. Ich müsste Sie dann am Telefon nicht nach persönlichen Daten fragen. Sie könnten mich zum Beispiel von einem öffentlichen Fernsprecher anrufen.“

Aus einer Redaktion:

Ein Kollege aus der Redaktion hat sich für morgen abgemeldet. Zwei bis drei Stunden lang werde er abwesend sein, schätzt er. Er muss nämlich zu einem Gespräch mit einem Informanten. Der will nicht mehr mit ihm sprechen. Zumindest nicht am Telefon. Er hat Angst davor, aufzufliegen. “Ist doch jetzt alles nachvollziehbar, und überhaupt“, sagte der Informant. Deshalb will er nur noch persönlich mit dem Redakteur seines Vertrauens reden. Möglichst in der freien Natur. Und sein Handy wird er dabei auch ausschalten. Weil ja gespeichert wird, wo er sich im Fall eines Anrufs aufhält.

Bei ZAPP gab es vor einer Weile mal einen aufschlussreichen Bericht über die Lage von Journalisten in Belgien, wo die Vorratsdatenspeicherung schon länger in Kraft ist.

Die Beispiele zeigen aber auch, dass es immer noch Möglichkeiten gibt, die Vorratsdatenspeicherung zu umgehen. Hier tut sich gerade einiges. Von der Presse bekommen wir im AK Vorrat derzeit viele Anfragen in dieser Richtung, und die Sammlung von entsprechenden Tipps wird immer größer. Das Thema ist mittlerweile schon bei dpa und FTD gelandet. Beim Bremer Chaostreff werden wir auch gerade überhäuft von Anfragen politischer Gruppen, die ihre interne Kommunikation absichern wollen, und in der Hacker-Szene wird generell zur Zeit verstärkt an Darknets gebastelt.

Da solche technischen Lösungen aber nicht für alle und immer zumutbar oder praktikabel sind, und da das Problem ein politisches und kein technisches ist, wird neben der Klage beim Verfassungsgericht der politische Protest weiter wichtig sein. Auch hier gibt es seit Sylvester neuen Schwung und viel Zulauf von besorgten Menschen, die sich nun auch wehren wollen.

Nicht vergessen: Morgen (6.1.2008) ist die Demo „Was zählt ist Freiheit“ anlässlich des Schäuble-Besuchs in München.

Über die Autor:innen

  • Ralf Bendrath

    Ralf ist seit Jahren in Zusammenhängen wie DigiGes, EDRi, AK Vorrat, AK Zensur aktiv. 2011 wurde er in den Beirat von Privacy International berufen. Nach einer soliden Grundausbildung als Nerd am Commodore C-64 und dem Studium der Politikwissenschaft in Bremen und Berlin hat er zehn Jahre lang zu Datenschutz, Internet-Governance und Cyber-Sicherheit geforscht, u.a. in Berlin, Bremen, Washington und New York City. Von 2002 bis 2005 hat er für die Heinrich-Böll-Stiftung den Weltgipfel Informationsgesellschaft begleitet. Im Hauptberuf arbeitet er seit Sommer 2009 für den Abgeordneten Jan Philipp Albrecht im Europäischen Parlament, ebenfalls zu Themen der Internetfreiheit und der digitalen Bürgerrechte. Wenn er Zeit findet, bloggt er hier auf deutsch oder auf englisch auf http://bendrath.blogspot.com. Häufiger twittert er als @bendrath.


Veröffentlicht

Kategorie

Ergänzungen

Wir freuen uns auf Deine Anmerkungen, Fragen, Korrekturen und inhaltlichen Ergänzungen zum Artikel. Bitte keine reinen Meinungsbeiträge. Unsere Regeln zur Veröffentlichung von Ergänzungen findest Du unter netzpolitik.org/kommentare. Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

21 Kommentare zu „Erste Auswirkungen der Vorratsdatenspeicherung“


  1. erlehmann

    ,

    auch ich habe mein handy ausgemacht. dann plötzlich gestern ging es „von alleine“ an, um mich an einen termin zu erinnern – paranoia ! wer sagt mir, dass das GSM modul das nicht kann ?

    also lieber auf stallman hören und den akku rausnehmen oder erst gar kein handy mehr dabei haben [1,2].

    [1] http://www.stallman.org/watch-over-me.html
    [2] http://www.germany.fsfeurope.org/projects/gplv3/barcelona-rms-transcript.ca.html#draft2-preview


  2. Aber das Handy ausschalten? Das ist doch konspiratives, also höchstbedenkliches, Verhalten (siehe Fall Andrej H.)…


  3. […] netzpolitik.org – Erste Auswirkungen der Vorratsdatenspeicherung: Die Beispiele zeigen aber auch, dass es immer noch Möglichkeiten gibt, die Vorratsdatenspeicherung zu umgehen. Hier tut sich gerade einiges. Von der Presse bekommen wir im AK Vorrat derzeit viele Anfragen in dieser Richtung, und die Sammlung von entsprechenden Tipps wird immer größer. Das Thema ist mittlerweile schon bei dpa und FTD gelandet. Beim Bremer Chaostreff werden wir auch gerade überhäuft von Anfragen politischer Gruppen, die ihre interne Kommunikation absichern wollen, und in der Hacker-Szene wird generell zur Zeit verstärkt an Darknets gebastelt. […]


  4. Das Thema vom Lawblog kannte ich schon – aber das mit der Redaktion =D einfach nur cool!


  5. erlehmann

    ,

    @4: wie meinen ?


  6. […] netzpolitik.org: » Erste Auswirkungen der Vorratsdatenspeicherung » […]


  7. Torsten

    ,

    Die Tipps im Wiki des AKA Vorat sind gelinde gesagt mit Vorsicht zu genießen. Da wird peterzahlt.de als VoIP-Dienst ohne Speicherung empfohlen, Skype-Gespräche laufen über einen Server in den USA und FON ist anonym. Blödsinn.


  8. Torsten: Es ist ein Wiki. Das lebt wie alle Wikis davon, dass Leute mitmachen und die Informationsqualität verbessern. Und das ist offenbar auch schon geschehen, seit du kommentiert hast. Wenn du es selber warst: Danke!


  9. […] Auswirkungen der Vorratsdatenspeicherung Wie man bei Netzpolitik.org nachlesen kann, fangen die Leute inzwischen breitbandig an, sich um die Sicherheit und Anonymität […]


  10. Torsten

    ,

    Ja, ich habe verbessert, wo ich konnte. Allerdings kenne ich mich nicht in allen Bereichen aus. Deshalb: Vorsicht bei diesen Tipps.

    Evtl möchten sich ein paar Sachkundige zusammentun und die sinnvollen Vorschläge daraus extrahieren und etwas ansprechenderformulieren.


  11. […] Keine Ahnung ob das jetzt hier auch schon strafbar ist, wenn ich auf die Seite des AK Vorrat verlinke, auf der Hinweise zum Umgehen der VDS gegeben werden. Die Kollegen von netzpolitik.org haben die ersten Auswirkungen mal aufgelistet. […]


  12. erlehmann

    ,

    @10: ravenhorst [1] lesen ?

    [1] http://blog.kairaven.de/


  13. @ erlehmann
    Habe gelernt: Ein Mobiltelefon ist erst ausgeschaltet, wenn der Akku entfernt wurde. Meins kann Dienstmitteilungen empfangen, obwohl es „aus“ ist…


  14. gelöscht

    ,

    Wie schaltet man praktikablerweise ein Handy ganz aus, das man weitgehend auseinanderbauen muß, um an den Akku zu kommen? Diese Bauart kommt mir bei längerem Nachdenken immer weniger sinnvoll vor.


  15. […] ist, bereits erkennbar: Ein Beispiel aus einer Anwaltskanzlei und eines aus einer Redaktion. (via netzpolitik.org) Tags: No Tags Categories: Main Blog, […]


  16. […] mehren sich die Meldungen über die Unsicherheiten, die durch die Vorratsdatenspeicherung ausgelöst werden.Mancher sieht das […]


  17. […] mehren sich die Meldungen über die Unsicherheiten, die durch die Vorratsdatenspeicherung ausgelöst werden.Mancher sieht das […]


  18. […] Gesetz zur Vorratsdatenspeicherung ist die effektivste Kryptokampagne, die dieses Land je hatte (via Netzpolitik.org). Was ist eigentlich aus Googles Drohungen geworden seinen Mail Service Google-Mail aus Deutschland […]


  19. Paul Moll

    ,

    Es ist an der Zeit, auf Mail-Dienstleister hinzuweisen, die nicht den deutschen Überwachungsvorgaben unterworfen sind und auch dank Proxy-Server eine anonyme Nutzung des Internet ermöglichen. Zum Beispiel hier http://www.berufsgeheimnis.info


  20. hewatu

    ,

    Alles Paranoia!


  21. […] Einen wunderschönen guten Sonntag wünsch ich Ihnen, Herr Schäuble. Kategorie: Kritisches | 17.02.08 | 13:52 | Trackback […]

Dieser Artikel ist älter als 18 Jahre, daher sind die Ergänzungen geschlossen.