Es gibt Bücher, die will man nicht lesen. Das liegt dann entweder am Autoren, viel häufiger aber am Titel und/oder dem Klappentext. „Zeitbombe Internet: Warum unsere vernetzte Welt immer störanfälliger und gefährlicher wird“ (Partnerlink) ist so einer. Die beiden Zeit-Redakteure Thomas Fischermann und Götz Hamann haben sich darin das Internet vorgenommen. Oder vielmehr: es versucht. Es ist überaus interessant, zu sehen, wie sich durch die Brille mittelalter Printredakteure dieses Internet so verhält.
Zeit-Redakteure schreiben nicht so oft Bücher. Susanne Gaschke macht das gern. Sie hat immer Angst vor der Beschleunigung und diesem ganzen Digitalen. Fischermann und Hamann schreiben seit Jahren auch immer wieder über das Internet. Und genau so schreiben sie auch ihr Buch: Es liest sich wie ein überlang geratenes Zeit-Dossier. Viel Reportage. Wir wissen nach dem Lesen nicht nur, dass Adam Selipsky bei Amazon für AWS zuständig ist. Wir erfahren auch, dass er „dunkle schwarze Locken“ hat. Dass er gern „beim Sprechen mit beiden Armen weit ausholt“. Und sein Hemd irritierend gestreift sei. Wir erfahren zudem etwas über die Beschaffenheit des Linoleumsboden beim Hamburger Datenschutzbeauftragten Johannes Caspar. Wer so einen durchgelaufenen Linoleumboden hat, der kann doch niemals Facebook oder Google regulieren?
Was in einem Zeitungsartikel nett ist, wird in diesem Buch zum anstregenden Klamauk. Die beiden Autoren werden nie müde zu betonen: eigentlich sind sie ja gar keine Fachleute. Sie sind Textmenschen, die sich aus Versehen oder auch mit Absicht auf das Internet gestürzt haben. Ein paar kluge Fragen (Wer hat eigentlich wirklich Macht im Internet? Wohin geht die Reise?), reihenweise Gesprächspartner, die sicher auch Interessantes hätten erzählen können. Und dann wieder dieser Hang zur Dramatik. Botnetze. Spam. Netzneutralität. Hacking. US Cyberkommando. Marcus Beckedahl. Ich schreibe mich eigentlich mit k, aber das passiert häufiger. Und immer wieder: Warnungen. Warnungen vor den Internetfirmen. Warnungen vor den Regierungen. Warnungen vor den technisch-designerischen Schwächen des Internets.
Einige davon sind begründet. Und viele Probleme sind zu Recht angesprochen. Nur mit den Schlussfolgerungen, da tut man sich schwer. Sätze wie „Das Internet ist global.“ Die trüben das Vergnügen. Internetschurkenstaaten, die guten Westdemokratien, Apple. Wenn die Autoren ganz am Ende feststellen, dass OP-Krankenhausrechner nicht ans Internet gehören, so wie Flughafentower und Kernkraftwerke, dann kann man nur sagen: ja. Dafür ist das Internet einfach nicht gemacht.
Es ist ein seltsames Potpourri, das Fischermann und Hamann da angerührt haben. Vieles ist nicht falsch. Aber die Zusammenstellung ist abenteuerlich. Und sie wirkt überaus hilflos. Das Buch liest sich so, wie weite Teile der deutschen Medienlandschaft jahrelang auf das Internet reagiert haben: steile Thesen, krampfhafte Beschreibungen und etwas freudlos. Stattdessen alarmistisch und beschwörend. Eindeutig kein Kauftipp.
Update:
Wer wissen will, was die Autoren eigentlich gemeint aber nicht immer nachvollziehbar in ihrem Buch geschrieben haben, bekommt ihre Thesen hier.