ichbinsophieschollDigitale Erinnerungskultur in Kacheln

Das Instagram-Projekt ichbinsophiescholl bekam viel Zuspruch, aber auch Kritik. Auf der re:publica diskutierten die Macher:innen mit einer Kritikerin über die Auseinandersetzung mit Geschichte in sozialen Medien.

vier Personen sitzen auf einer Bühne und diskutieren miteinander. Im Hintergrund ist auf einer Leinwand, das Gesicht der Schauspielerin von Sophie Scholl zu sehen.
Auf der re:publica diskutierten zwei Macher:innen von BR und Vice mit der Historikerin Charlotte Jahntz CC-BY-SA 2.0 Jan Michalko

Margot Friedländer feierte letztes Jahr ihren 100. Geburtstag. Sie hat den Holocaust überlebt und hält als Zeitzeugin Vorträge, um das Bewusstsein aufrechtzuerhalten, dass solche Verbrechen nie wieder geschehen dürfen. Doch die lebenden Zeitzeug:innen werden weniger und Menschen suchen nach neuen Wegen, an die Zeit des Zweiten Weltkriegs zu erinnern und dabei die jungen Generationen zu erreichen – etwa durch Instagram.

In Israel entstand 2019 das Projekt Eva Stories, dabei wurden Tagebücher einer ungarischen Jüdin filmisch aufbereitet. In Deutschland folgte wenig später der Kanal ichbinsophiescholl. Auf der Digitalkonferenz re:publica diskutierten die Macher:innen und Kritiker:innen nicht nur über dieses Projekt, sondern auch darüber, welchen Ansprüchen Erinnerungskultur in den sozialen Medien genügen soll.

Instagram als Mittel zum Zweck

Der Instagramaccount ichbinsophiescholl erzählte von Mai 2021 bis Februar 2022 die letzten zehn Monate im Leben der Widerstandskämpferin Sophie Scholl. Dabei wurden tatsächliche Ereignisse anhand zeitgeschichtlicher Dokumente über Scholl mit Schauspieler:innen nachgestellt, teilweise aber auch Fiktion ins Drehbuch eingebaut. Das Projekt geleitet haben BR und SWR, produziert hat unter anderem Vice.

Laut Angaben der Macher:innen hatte der Account zwischenzeitlich mehr als 900.000 Follower:innen und erreichte täglich fast eine halbe Million Nutzer:innen. Lydia Leipert vom BR sagte auf der re:publica, über 70 Prozent der Menschen seien unter 35 gewesen. Doch es gab auch Kritik: Nicht zuletzt das ZDF Magazin Royale bemängelte in einer Sendung im Februar unter anderem mangelnde Offenlegung von Quellen.

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Leipert zufolge sollten mit dem Account „historische Zusammenhänge einer jungen Generation zugänglich“ gemacht werden. Junge Menschen würde man mit einer klassischen Dokumentation nicht mehr erreichen, daher entschied sich das Team für Instagram als Mittel.

Die Historikerin Charlotte Jahnz, die den Account nichtsophiescholl als Reaktion auf das Projekt startete, kritisierte die „radikal subjektive Perspektive“, die dadurch eingenommen wurde. Das verdecke andere Geschichten und Dinge, die man im Kanal nicht sehe, etwa die Deportationen. „Für viele Deutsche war Sophie Scholl nach ’45 ein Entlastungsmoment“, sagt sie. Auf nichtsophiescholl finden sich Informationen zu teilweise wenig bekannten Widerstandskämpfer:innen und weiterführende Einordnungen zur NS-Zeit.

Wie umgehen mit Quellen?

Die Form der Erinnerungskultur bei ichbinsophiescholl mit Drehbuch und Schauspieler:innen erinnert eher an einen klassischen Spielfilm als an eine etwas persönlichere Aufbereitung einer Dokumentation. Die Historikerin Jahnz befürchtet in dieser Form der Auseinandersetzung mit der Geschichte eine „Emotionalisierung, die zu einer Überforderung der Leute“ führen könne. Manchmal habe ihr die Einordnung gefehlt. Im Film sei Fiktion normal, niemand erwarte dort Quellenangaben. Durch das Simulieren von Authentizität ohne Belege gehe Quellentreue und damit Glaubwürdigkeit verloren, hieß es auch in kritischen Beiträgen.

Vielleicht führt die Verlagerung von Erinnerungskultur auf Social Media dazu, dass Originaldokumente nicht mehr einfach nur gezeigt, sondern aufbereitet werden mit den Tools, die Plattformen dafür bereitstellen. Leipert jedenfalls sagt: „Wir haben uns für Instagram entschieden, da muss ich den Regeln folgen, die auf dieser Plattform existieren.“ Doch nicht nur auf Instagram, sondern auch auf Tiktok machen sich immer mehr Menschen Gedanken, wie Erinnerungskultur aussehen kann. Auf der re:publica ist die Entwicklung des Digitalen Erinnerns dieses Jahr intensiv diskutiert worden.

Manuel Freundt von Vice meint zu ichbinsophiescholl, mit dem Projekt habe man „nicht allumfassend aufklären, sondern Interesse wecken“ wollen. Und so schauen sich die Follower:innen im besten Fall am Ende mehr an als die professionell produzierten Videos. Und nehmen es als Auftakt, um sich weiter zu informieren – im Netz, in der analogen Welt oder auch bei den Zeitzeug:innen, die trotz ihres hohen Alters weiter unersetzliche Aufklärungsarbeit leisten.

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Eine Ergänzung

  1. Naja.

    „nie wieder“ ist die größte Lüge Deutschlands.
    Seit 2016 vergiftet eine Nazipartei die deutsche Gesellschaft.
    Was passiert? Nichts.

    Ein Nazi darf wieder in den Polizeidienst, ein anderer Nazi darf wieder Richter sein.

    Keine Pointe.

    Deutschland hat seit 1933 ein fettes Naziproblem.

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