Right to Repair Frankreich legt vor, wird die EU-Kommission nachziehen?

Frankreich hat seit Anfang des Jahres einen Reparatur-Index, um Geräte danach beurteilen zu können, wie gut sie reparierbar sind. Auch wenn der Index noch einige Schwachstellen aufweist, könnte er die EU-Kommission anregen, europaweit konkrete Vorschläge zu machen.

Frankreich führt einen Index ein um Reparaturen zu erleichtern.
Frankreich führt einen Index ein, um Reparaturen zu erleichtern. Vereinfachte Pixabay Lizenz marijana1

Technische Geräte sollen nachhaltiger werden und nicht nur in ihrem Design überzeugen. Im November letzten Jahres hat das EU-Parlament einen Bericht verabschiedet, der eine Kreislaufwirtschaft im Sinne des Green Deal fördern soll. Eines der sechs klimapolitischen Ziele der EU ist es, bis 2050 die Netto-Emissionen von Treibhausgasen auf null zu reduzieren. Bei elektronischen Geräten bedeutet das weniger Abfall, mehr Recycling und die Möglichkeit der Reparatur.

Was wie ein Traum für Verbraucher:innen und Umweltschützer:innen klingt, ist in Frankreich seit Anfang diesen Jahres Realität. Ein Reparatur-Index soll Konsument:innen eine Orientierung im Sinne der Nachhaltigkeit bieten und Anreize für Hersteller schaffen, reparierbare Geräte auf den Markt zu bringen.

Was deckt der Reparatur-Index ab?

Der sogenannte Reparatur-Index „Indice de réparabilité“ bewertet unterschiedliche elektronische Geräte nach ihrer Reparierbarkeit. Er gilt momentan für unterschiedliche Produktfamilien wie Smartphones, Laptops, Rasenmäher, Staubsauger oder Waschmaschinen. Der Index besteht aus fünf Kriterien: dem Zugang zu Informationen wie Handbüchern oder Reparaturanleitungen, der einfachen Demontage und dem Zugang zu Ersatzteilen sowie dem Preis der Ersatzteile. Zusätzlich fließen produktspezifische Eigenschaften in die Bewertung ein, die von Produktgruppe zu Produktgruppe variieren können. Pro Kategorie kann das jeweilige Gerät ein bis zehn Punkte bekommen, aus denen sich am Ende die Gesamtpunktzahl ergibt. Je höher die Punktzahl ist, desto besser kann das Gerät repariert werden.

In Frankreich sollen künftig sechzig Prozent der elektronischen Geräte repariert werden können, momentan ist das nach Angaben der Regierung nur bei vierzig Prozent der Fall.

Frankreich als Vorreiter in Sachen Nachhaltigkeit?

Frankreich arbeitet seit mehreren Jahren an Maßnahmen für weniger Abfall und einen längeren Lebenszyklus elektronischer Produkte. Seit 2015 steht dort die „geplante Obsoleszenz“, also absichtliche Verkürzung der Lebensdauer von Geräten, unter Strafe. Außerdem müssen Hersteller Angaben zur Verfügbarkeit von Ersatzteilen machen und diese in der angegebenen Zeitspanne liefern.

Der Reparatur-Index gehört zu einer von fünfzig Maßnahmen, die in Frankreich 2018 vom Ministerium für Umwelt und nachhaltige Entwicklung vorgestellt wurden. Sie decken unterschiedliche Bereiche ab und sehen eine Strategie zur Umsetzung vor. Eine Herausforderung dieses „Fahrplans für Kreislaufwirtschaft“ ist allerdings, dass er Anreize als Steuerungsinstrument vorsieht und weitgehend auf Freiwilligkeit basiert. Er enthält keine staatlichen Regulierungen für Unternehmen und Hersteller.

Der im Januar eingeführte Reparatur-Index ist zwar verpflichtend, Strafen bei nicht ausgewiesenem Index sollen aber erst ab 2022 folgen. Der Verbraucherschutzorganisation HOP reicht der Reparatur-Index noch nicht, er sei aber ein guter Anfang.

Grenzen des Reparatur-Index

Trotz des guten Vorstoßes zeichnen sich bereits einige Schwachstellen ab. Es gibt beispielsweise keine Kontrolle durch unabhängige Instanzen. Stand heute bewerten sich die Hersteller selbst, die jeweiligen Angaben werden nicht weiter überprüft. Auch die Darstellung der Bewertung sollte überarbeitet werden. Die Hersteller müssen zwar die einzelnen Kategorien veröffentlichen, doch auch hier fehlt eine einheitliche Vorschrift, was dazu führt, dass manche Hersteller unleserliche Bewertungsbögen hochladen oder die Unterkategorien ganz „vergessen“. Das Gesamtergebnis wird so für Konsument:innen nicht mehr nachvollziehbar und ist teilweise verzerrt.

Das Fairphone ist ein Beispiel dafür: In der Gesamtbewertung schneidet das Fairphone schlechter ab als ein Samsung, obwohl es um einiges einfacher auseinanderzubauen ist. Die Punkte verliert das Fairphone in der Kategorie Ersatzteile. Da es ein vergleichsweise „kleines“ Unternehmen ist, sind die Ersatzteile deutlich langsamer lieferbar. Für Konsument:innen ist dies aus dem jetzigen Index jedoch nicht ablesbar.

Bisher kein europaweiter Index

Auf EU-Ebene wird ein Gesetz ähnlich zum Reparatur-Index bereits länger erwartet. Mit einem Bericht, der im November letzten Jahres erschien, hat das EU-Parlament der EU-Kommission volle Unterstützung zugesagt und das „Recht auf Reparatur“ in den Fokus gerückt. Die deutschen NGOs Germanwatch und „Runder Tisch Reparatur“ fordern das bereits seit Jahren und hatten im April ein Statement zu diesem Thema herausgegeben.

In einzelnen Mitgliedsländern wurde unterdessen gehandelt: Schweden und Belgien haben den Mehrwertsteuersatz für Reparaturdienstleistungen gesenkt. Die Wiki-basierte Website iFixit veröffentlicht eigene Bewertungen zur Reparierbarkeit von Smartphones und dient Konsument:innen und Verbraucherschützer:innen somit als Orientierung.

Selbst mit den Grenzen des Reparatur-Index kann das System ais Frankreich als gute Vorlage für ein EU-weites Punktesystem verstanden werden. Trotz der Freiwilligkeit reagieren in Frankreich bereits einige Hersteller, indem sie Handbücher hochladen oder vermehrte Lieferungen von Ersatzteilen zusagen. Die angekündigte EU-Regelung könnte Herstellern einen zusätzlichen Anstoß gegeben haben. Andersrum könnte der Vorstoß Frankreichs Druck auf die Kommission ausüben, konkrete Vorschläge für ein „Recht auf Reparatur“ vorzulegen.

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4 Ergänzungen

  1. Eine andere Idee wäre es doch, die Idee umzudrehen und Hersteller zur Reparatur zu verpflichten.
    Z.B. könnte man Hersteller dazu verpflichten, Geräte zu reparieren, die in ihrer Produktkategorie die durchschnittliche Lebenserwartung nicht erreicht haben. Das würde endlich Hersteller belohnen, die langlebige Produkte herstellen.
    Beispiel: Eine durchschnittliche Waschmaschine hält ca 5 Jahre.
    Hersteller A produziert Waschmaschinen, die im Schnitt 9 Jahre halten, er hat nur sehr selten mit Reparaturen zu tun.
    Hersteller B produziert Waschmaschinen, die im Schnitt 2,5 Jahre halten. Dieser Hersteller wird mehr als die Hälfte seiner Produkte reparieren/ersetzen müssen. Er hat unter Umständen auch ein Interesse daran, seine Waschmaschinen leichter reparierbar zu machen.

    Das ganze wird zwar etwas teurer, lohnt sich aber auf Dauer. Und wenn es sich irgendwann nicht mehr lohnt, ein Produkt noch länger haltbar zu machen, ist das dann auch in Ordnung. Nur momentan gibt es einfach keinen Anreiz, irgendwas für Produktqualität zu tun. Weder in Sachen Reparierbarkeit, noch Langlebigkeit.

    Dann noch eine verpflichtendes Label der garantierten Produkthaltbarkeit auf der Verpackung. Ich bin mir sicher, dass Produkte made in EU ein Renner wären in der ganzen Welt.
    Und auch das Problem von auslaufenden Softwareupdates stellt sich nicht mehr, die macht man als Teil der Produkthaftung.

  2. „Technische Geräte sollen nachhaltiger werden und nicht nur in ihrem Design überzeugen.“
    Doch, ich denke sie sollen in ihrem Design überzeugen – das soll nämlich nachhaltig sein. Hier war wohl „Aussehen“ gemeint.

  3. In Deutschland gibt es steuerliche Absetzbarkeit von „Haushaltsnahen Dienstleistungen“.
    Eine Waschmaschine für Ersatzteilekosten von 100 EUR selbst zu reparieren, wird hier eben genau _nicht_ gefördert. Stattdessen soll man einen Handwerker beauftragen, der dann sagt, dass das mit Anfahrten und Arbeitszeit mehr als doppelt soviel wie eine neue Waschmaschine kostet.
    Falsche Förderpolitik. Man könnte ja einfach mal den Kauf von Ersatzteilen steuerlich begünstigen. Das wäre ein Anfang – ganz ohne Aufwand wie Klassifizierung der Reparierbarkeit und sonstiger Bürokratie.

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