InnenministerkonferenzFußballfans wehren sich gegen personalisierte Eintrittskarten

Zur Bekämpfung der Pandemie nahmen Fußballfans die Erfassung ihrer Namen für den Stadioeintritt in Kauf. Jetzt will der sächsische Innenminister personalisierte Tickets auch über die Pandemie hinaus einführen.

Blick auf Rasen und Tribüne
Fußballspiel im Februar 2019 in Frankfurt. (Archivbild) Gemeinfrei-ähnlich freigegeben durch unsplash.com Valentin B. Kremer

Im Vorfeld der heute beginnenden Innenministerkonferenz hat der sächsische Innenminister Roland Wöller (CDU) erneut die Forderung nach personalisierten Eintrittskarten in Fußballstadien erhoben. Dabei berief sich der Innenminister laut Medienberichten bei der Umsetzbarkeit von personalisierten Karten auf die Erfahrungen während der Pandemie. Wöller argumentiert, dass man mit der Maßnahme Gewalt verhindern könne.

Gegen diese Forderung stellen sich nun Fußballfans, die sich im Dachverband der Fanhilfen organisiert haben: „Sollten alle Grundrechtseinschränkungen aufgehoben werden, sobald die Pandemie keine grundlegende Gefahr mehr für die Bevölkerung darstellt, muss dies selbstverständlich auch für den Stadionbesuch gelten“, sagt Danny Graupner vom Dachverband der Fanhilfen.

„Regeln der Pandemiebekämpfung, die dann extra für Fußballfans fortbestehen, darf es nicht geben.“ Personalisierte Tickets hätten keinerlei Auswirkung auf die Sicherheitslage vor den Stadien. Der Verband lehne die Forderungen Wöllers deswegen grundlegend ab und bezeichnete sie als „populistisch“.

„Einzigartige Fankultur gefährdet“

Fußballfans wie Helen Breit von „Unsere Kurve“ sehen durch die Personalisierung vor allem die Fankultur in Gefahr. So sagte Breit im vergangenen Jahr gegenüber netzpolitik.org:

Ein weiterer Ausbau des Sicherheitsapparats im deutschen Fußball und weitergehende Begrenzungen des freien Auslebens des Fandaseins gefährden unsere einzigartige Fankultur in besonderem Maße. Spontane Spielbesuche oder die Weitergabe einer Karte bei persönlicher Verhinderung sind damit kaum mehr möglich.

Die Gesellschaft kommt nun an den wichtigen Punkt, an dem sich zeigt, ob einmal eingeführte Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie wieder zurückgenommen werden. Personalisierte Eintrittskarten sorgen im Fußball schon länger für erhitzte Debatten. 

Mehr Datenbanken 

Sollten die Namen von Fans bei den Vereinen gespeichert werden, dann dürfte auch die Polizei bei Ermittlungen im Rahmen der Strafprozessordnung Zugriff auf diese Daten haben. Schon heute gehören Fußballfans zu einer stark überwachten Gruppe der Gesellschaft. So testete zum Ende der letzten Bundesliga-Saison Borussia Dortmund ein System der Firma g2k, das am Eingang die Körpertemperatur der Zuschauer:innen misst und erkennt, ob sie Masken tragen.

Länderpolizeien und Bundespolizei führen seit Jahren Datenbanken über „Gewalttäter Sport“ oder „Szenekunde Sport“. In diese Datenbanken können auch Menschen gelangen, die nie eine Straftat begangen haben oder für eine verurteilt wurden. Wer in so eine Datenbank gerät, erfährt das nicht automatisch von der Polizei und kann sich deswegen nur schlecht dagegen wehren. In der Vergangenheit übermittelte die Polizei sogar Daten von Fans nach Russland.

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9 Ergänzungen

  1. Erst dachte ich das sei eine komische Forderung für einen sächsischern Innenminister, aber ein Blick in seinen Lebenslauf zeigt mir dass er im Westen ohne SED und Stasi sozialisiert wurde.

    Es wird mal wieder Zeit für ein ganz großes Machtwort des BVerfG welches ein neues Grundrecht auf Anonymität im öffentlichen Raum festschreibt.

      1. Naja aber der öffentliche Raum könnte z.B. alles irgendwie inaugurieren, was so wichtig ist, dass regelmäßig drüber in den ÖRM berichtet wird. Es sind immerhin öffentliche Veranstaltungen insofern, als dass der Zugang nicht aus triftigem Grund besonders beschränkt ist. Hinzu kommt das kulturelle Argument bzgl. des Fussballs in Deutschland.

        Müsste man wollen, aber wo gibt es dieses Wollen? (Bzw. wo nicht… Zaunpfahl: Gesetzgebung)

      2. ich denke, es geht weniger um rechte im „öffentlichen raum“ denn um die verteidigung des rechts auf kulturelle und soziale teilhabe unter bedingungen, die die grundrechte so wenig wie möglich beschränken.

  2. Hier am Schreibtisch (wird nicht ganz so oft aufgeräumt) finde ich:

    Personalisierte Kinokarten, Personalisierte Opernkarten, Personalisierte Konzertkarten und wenn ich mich richtig erinnere: an einem Skilift an den ich früher benutzte gibt’s jetzt Bilderfassung, damit man die Karte nicht weiterverkaufen kann.

    Warum das plötzlich ein Problem *speziell* für Fußballfans ist, erschließt sich mir nur mittelbar.

    1. Es erschließt sich aber auch nicht, warum sich das eingeschlichen hat, dass alle Karten überall jetzt personalisiert sind. Jetzt mal abgesehen von der Pandemie. Deswegen macht es ja schon Sinn, dass sich Betroffene organisieren.

    2. Die Diskussion beim Fussball ist schon etwas älter, das fängt ja nicht erst jetzt an. Es betrifft einen Haufen Leute pro Woche, wo ich schon sagen würde, dass das einen spezialisierten Bericht rechtfertigen könnte.

    3. In England gibt es seit langem personalisierte Tickets, ohne dass die Fankultur darüber Schaden genommen hätte. Was sollte da anders in Deutschland sein? Würden aus dieser merkwürdigen Kultur heraus in Deutschland nicht immer wieder Straftaten begangen und das Begehen von Straftaten von den Kulturträgern als hinzunehmender Teil dieser Fankultur deklariert, hätte sich wohl kein Innenminister zu dem Thema geäußert.

      1. Die Fankultur hat auch unter dem Nationalsozialismus keinen Schaden genommen, wenn man so draufguckt.

        Die Fankultur geht natürlich vorwärts mit, nur halt ohne die Leute, die nicht mitmachen wollen. Die richtigen Hooligans treffen sich ohnehin draußen…

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