Überwachung am ArbeitsplatzAmazon spioniert seinen Beschäftigten in Leipzig hinterher

Der größte Online-Händler der Welt fürchtet sich vor gewerkschaftlicher Selbstorganisation. Interne E-Mails zeigen, wie Amazon die Zusammenkünfte seiner Angestellten detailliert dokumentiert. Auch vor dem Einfluss von Umweltaktivist:innen sorgt sich der Konzern.

In Deutschland gibt es immerhin Betriebsräte bei Amazon, in den USA wurde das bisher verhindert. CC-BY-SA 2.0 Christoph Scholz

Über die Überwachungstaktiken von Amazon gegenüber seinen Beschäftigten sind neue Details bekannt geworden. Der globale Versandhändler ist dafür bekannt, eine feindliche Einstellung gegenüber Gewerkschaften zu pflegen und Selbstorganisation zu unterbinden.

Die Journalistin Lauren Kaori Gurley hat diese Woche interne E-Mails und Dokumente von Amazon veröffentlicht. Aus denen geht hervor, dass Zusammenkünfte von Arbeiter:innen detailliert dokumentiert und innerhalb des Konzerns ausgetauscht werden. Gurley nennt dabei auch einen Fall aus dem Amazon-Logistikzentrum in Leipzig.

339 Streikende in Leipzig

Seit sieben Jahren kämpft die Gewerkschaft Verdi dafür, dass die über 12.000 Amazon-Arbeiter:innen in Deutschland einen Tarifvertrag bekommen und nach dem bundesweiten Tarif für den Versandhandel bezahlt werden. Amazon weigert sich und behauptet auch ohne Tarifvertrag ein fairer Arbeitgeber zu sein. Im Februar diesen Jahres hat Verdi die Beschäftigten an fünf Standorten, darunter Leipzig, erneut zum Streik aufgerufen.

Journalistin Gurley zitiert aus internen E-Mails des „Global Security Operations Center“, dem inneren Überwachungsapparats von Amazon. Dort heißt es, dass 339 Beschäftigte an dem Streik in Leipzig teilgenommen hätten, darunter jedoch keine Führungskräfte. Weiter heißt es, das seien „46,37%“ der Personen, die Amazon für den Streik erwartet hatte.

Die E-Mails zeigen, wie der Konzern die Selbstorganisation seiner Beschäftigten bis hin zur Identifizierung von Einzelpersonen überwacht. Insbesondere Führungskräfte scheinen demnach unter gezielter Beobachtung zu stehen. Amazon streitet das ab. Auf Nachfrage von netzpolitik.org schreibt ein Sprecher, dass es „nie eine Beobachtung der Aktivitäten durch operative Mitarbeiter vor Ort“ gab.

Außerdem wird deutlich, wie detailliert die interne Überwachungseinheit des Konzerns Streiks dokumentiert und Prognosen erstellt, die anschließend korrigiert werden. Erst kürzlich gab es einen Aufschrei, als Amazon zwei Stellenanzeigen zur heimlichen Überwachung der Amazon-Angestellten ausgeschrieben hatte, um „gewerkschaftliche Bedrohungen“ abzuwenden. Gesucht wurden Personen mit Erfahrung im Geheimdienstwesen beim Militär oder in der Strafverfolgung. Der Versandhändler bezeichnete die Ausschreibung hinterher als Fehler.

Social-Media-Monitoring

Auch in den sozialen Medien überwacht Amazon seine Angestellten. Bereits im September berichtete Gurley über Beweise, dass Amazon eine Software zum systematischen Ausspähen der privaten Facebook-Gruppen, Twitter und Subreddits von Amazon-Flex-Fahrerinnen weltweit einsetzt. Ziel sei es, frühzeitig zu erkennen, wer gewerkschaftliche Organisation oder Streiks plant. Amazon bestätigte nach Veröffentlichung den Einsatz der Software.

Ein nun bekannt gewordener interner Bericht aus dem Jahr 2019 zeigt zudem, dass Amazon sich vor Protesten durch Umweltaktivist:innen in Deutschland fürchtet. Die Social-Media-Aktivitäten von Greenpeace, Extinction Rebellion und Fridays for Future werden demnach genau beobachtet. In dem Bericht wird laut Gurley beispielsweise ein Greenpeace-Video beschrieben und vermerkt, dass es bereits das „dritte Video über Amazon in zwei Wochen“ sei und ein Boykott „nicht ausgeschlossen“ werde könne.

Ein Amazon-Sprecher schreibt an netzpolitik.org, dass es falsch wäre „diese Aktivitäten zu skandalisieren oder zu behaupten sie wären ungewöhnlich“.

Unabhängig von den Überwachungsvorwürfen rief die Gewerkschaft ver.di im Streit um einen neuen Tarifvertrag am heutigen Donnerstag zu Streiks in sieben deutschen Versandzentren auf, darunter auch in Leipzig. Damit möchten die Gewerkschafter*innen erreichen, dass Amazon die Flächentarifverträge des Einzel- und Versandhandels anerkennt und sich zu besseren Arbeitsbedingungen vertraglich verpflichtet.

Europäische Kontrolle

Der größte Versandhändler der Welt schafft es mit seinen Überwachungstaktiken die gewerkschaftliche Selbstorganisierung seiner Beschäftigten erfolgreich zu verhindern. In den USA gibt es bis heute keine einzige Gewerkschaft von Amazon-Angestellten. Hierzulande steht es etwas besser um die Arbeitsrechte, aber auch hier gibt es weiterhin keine Tarifverträge.

Die nun veröffentlichten internen Dokumente sind nur ein weiteres Puzzleteil in den Enthüllungen über Arbeitnehmer-Überwachung bei Amazon. Gewerkschaftsvertreter:innen aus 15 Ländern forderten deshalb bereits im Oktober die Europäische Kommission auf zu prüfen, ob der Konzern gegen europäisches Recht verstößt.

Update vom 26. November 2020: Die Angaben zu Streiks in sieben deutschen Versandzentren wurden nach Veröffentlichung des Artikels hinzugefügt.

5 Ergänzungen

  1. Das Verlangen nach Freiheit, Wohlstand, Privatsphäre und Steuervermeidung ist zwar verständlich, aber in der Realität eben nicht für jeden vorgesehen.
    Man sollte als Konsument/in doch Verständnis dafür aufbringen können, dass Amazon nicht zur Versorgung von Bevölkerung und Beschäftigten dient, sondern alles, und ich meine wirklich alles, zum Wohle seiner Hauptaktionäre tun muss.
    Jeff Bezos ist ein notleidender Mann, der sein Lebenswerk gegen sogenannten Neid und auch Missgunst verteidigen muss. Ist es nicht ein gar gottgegebenes Privileg, bei Amazon arbeiten zu dürfen und mit aller Lebenskraft Jeff’s Wohlstand zu mehren?
    Der gute Mann muss doch seine Zahlen erreichen, seine Pläne verwirklichen, dafür muss man doch Verständnis haben. Dazu ist auch schon mal ein wenig chinesische Zuwendung nötig, gibt es doch eine Fürsorgepflicht für die Beschäftigten. Man muss doch wissen, wie es ihnen geht, und was sie gerade tun, damit sie auch tapfer ihre wahre Höchstleistung erbringen.
    Die Beschäftigten laufen schneller, wenn sie wenig Lohn erhalten. Friedrich Engels wusste das noch, aber Gewerkschaften von heute ist dieses Wissen abhanden gekommen.
    Wenn Konsumenten und Konsumentinnen doch ein wenig mehr für Bezos aufbringen könnten, wäre doch allen damit gedient, oder? Er hätte noch viel mehr Geld und sie noch ein wenig weniger.
    Habt doch ein Einsehen mit diesen wenigen Dollar-Billiardären. Sie sind so wenige und haben so große Sorgen. Zur Erhaltung ihrer Spezies hätten es doch verdient, auf die Rote-Liste der gefährdeten Arten gestellt zu werden.
    Disclaimer: Vorsicht Zynismus!

  2. „(…) Amazon hat bei der berüchtigten Spionage-Agentur Pinkerton Detektive angeheuert, um gewerkschaftliche Organisierungsbemühungen seiner europäischen Arbeitnehmer zu überwachen. (…)
    Agenten von Pinkerton haben bereits in der Vergangenheit Gewerkschaften zerschlagen: Ihre Beteiligung an einem Stahlarbeiterstreik im Jahr 1892 führte schließlich dazu, dass die Staaten den Einsatz von privaten Sicherheitskräften bei Arbeitskonflikten untersagten.
    Amazon heuert Detektive der berüchtigten Pinkerton-Agentur an, um Lagerarbeiter auszuspionieren und deren gewerkschaftliche Bemühungen zu überwachen, so ein Bericht von Motherboard vom 23. November.
    Ein Amazon-Sprecher bestätigte, dass Amazon in der Tat Mitarbeiter von Pinkerton rekrutiert hat, derjenigen Spionage-Agentur, die eine jahrhundertelange Geschichte der Zerschlagung gewerkschaftlicher Aktivitäten („union busting“) hat.
    Laut Motherboard wurden in diesem Rahmen 2019 Agenten von Pinkerton in ein Lagerhaus in Wroclaw, Polen, „eingeschleust“, unter dem Vorwand dort Bewerber für Bewerbungsgespräche coachen zu wollen. (…)“ (businessinsider.de, 25.11.20)
    https://www.businessinsider.de/wirtschaft/amazon-heuert-privatdetektive-an-um-gewerkschaften-zu-verhindern-a/

  3. Habe eine dringende Angelegenheit bzgl. Menschenrechte aktuell bei Amazon.
    Können Sie mir bitte zurückschreiben und eine Telefonnummer von Ihnen mitteilen.

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