Kultur

Warum Tumblrs Verbot von Nacktheit und Pornografie kein Grund zum Feiern ist

Das Internet soll ein „einladender, positiverer, besserer Ort“ werden. Konkret heißt das: Nacktheit und Pornografie werden immer weiter von den Mainstream-Plattformen verbannt. Das hat Folgen – gerade für marginalisierte Communities.

Tumblrs automatisierter Porno-Filter sortierte dieses Bild aus. Nippel und lange Haare sind offenbar verboten. Alle Rechte vorbehalten Driven by Boredom

Tumblr war eine der letzten großen Plattformen, die Nacktheit und Pornografie erlaubte. Damit soll ab 17. Dezember Schluss sein, heißt es in einer Ankündigung des Unternehmens. Dann wird das Unternehmen mit Hilfe von Algorithmen und Moderatoren bestimmte Inhalte unsichtbar machen, um nach eigener Aussage ein „besseres, positiveres Tumblr“ zu schaffen.

In einem Artikel in Motherboard wird kritisiert, dass es immer weniger Seiten und Services im Mainstream gebe, die Erwachseneninhalte und Nacktheit erlaubten. Zurückgeführt wird dieses Phänomen auch auf die (f)rigide Policy von Apple, die im AppStore und im iOS-Ökosystem solche Inhalte bekämpfe. Apple hatte Tumblr im November aus dem AppStore geworfen, weil offenbar Filter gegen Bilder und Videos von Kindesmissbrauch versagt hatten. Der Konzern kann laut seinen Geschäftsbedingungen aber generell Dienste ausschließen, die „nutzergenerierte Inhalte enthalten, die häufig pornografisch sind“.

Tumblr war selbstbestimmte Kuration statt algorithmenbasierter Mainstream

Die Entscheidung von Tumblr sei auch bedauerlich, weil das Unternehmen offenbar selbst nicht die wichtige Rolle verstehe, die es für die Community von Erwachseninhalte spiele, heißt es weiter bei Motherboard. Der Wert von Tumblr für Produzierende und Nutzer:innen im Adult-Bereich sei gewesen, dass sie selbstbestimmt Inhalte kuratieren konnten und auf ihren Seiten die Freiheit hatten, ihre Neigungen zu zeigen und mit anderen zu interagieren. Das könne bislang keine Seite und kein Dienst im Internet mit den sonst algorithmenbasierten Porno-Vorschlägen leisten.

Hinzu kommt, dass die Verbannung von Erwachseneninhalten ausgerechnet marginalisierte Communities besonders trifft. So zum Beispiel die LGBTQ-Community, sagt Kitty Stryker, eine queere Pornaktivistin gegenüber Motherboard: „Für viele war Tumblr der einzige Platz, an dem wir Pornografie finden konnten, die uns repräsentierte.“ Tumblr sei ein Ort gewesen, wo Inhalte existieren konnten, die abseits einer frauenfeindlichen und männerdominierten Industrie entstanden seien.

Tumblr hat unterdessen schon mit der automatisierten Aussortierung von Inhalten begonnen. Die monierten Inhalte werden ab dem 17. Dezember nur noch „privat“ in den Profilen der Nutzer sichtbar sein. Dass viele der Inhaltsentscheidungen sogar härter sind als die eigene neue Community-Richtlinie, zeigen zahlreiche Tweets.

10 Ergänzungen
  1. Imgur, DeviantArt und Twitter verbieten Nacktheit nicht – vor allem nicht automatisiert. Reddit, wenn ich es richtig in Erinnerung habe auch nicht. Oder sind die nicht groß genug um als „letzte große Plattform“ zu gelten?

    1. Ja, das ist vielleicht etwas unglücklich formuliert, ich formuliere mal um in „eine der letzten großen Plattformen“. Aber von der Größe können Imgur und DeviantArt nicht mit Tumblr mithalten und Twitter ist mir bis jetzt nicht gerade als Plattform aufgefallen, die für Communities rund um Nacktheit und Pornografie eine bedeutende Rolle spielt. Es wird natürlich spannend zu sehen, wohin sich die Communities verlagern werden.

    2. Welche Plattform von den genannten (oder einer noch nicht genannte) ist den deiner Meinung nach jetzt die größte? Damit meine ich natürlich keine reine Pornografie-Webseite sondern eine Webseite die die Freiheiten am wenigsten einschränkt und dennoch eine halbwegs akzeptable Größe besitzt.

  2. Jawoll – alles wegzensieren, damit der Schwarzmarkt genug Raum hat. Wär ja auch anstrengend für die Leute die damit Geld verdienen, sich eine andere Beschäftigung zu suchen.

    Sex ist und bleibt ein schmutziges Thema über das viele nicht gerne reden (aber nachdenken). Befürworte auch selbstbestimmte Sexarbeiter, aber das geht dem Apparat ja nicht weit genug – sowas muss kriminalisiert werden.

    Ich frage mich wie es die Kirche geschafft hat, die Hoheit über diese Domäne abzugeben.

    Offtopic:
    Warum wird in dem Text wahlweise gegendert? (Nutzer:innen vs. Nutzer)

  3. Das Gejammer über Diskriminierung und der sexistische und verleumderische Angriff auf die Pornographie sind ja so niedlich, wenn man bedenkt, was Romane von Frauen für Frauen für Frauenbilder haben. Mächtige Dämonenjägerin, trag ihr nun die Brut des muskulösen, halbnackten und dominanten Engels, Vampirs, Dämonen oder Ziegenhirten aus? Und wer bekommt all die Bücher mit nackten Männern auf den Titeln als Literatur verkauft? Und wer ist hier marginalisiert? Minderheiten sind Minderheiten. Wenn man Minderheiten wie Mehrheiten behandelt, macht man etwas falsch. Und wieviele nonbinäre, lesbische Transmänner gibt es außerhalb von Tumblr?

  4. Ich denke tumblr wird sich nicht abschaffen, es wird nur wesentlich weniger User geben, es wird langweilig werden usw. Jedoch sehe ich eine neue Chance für Firmen und Entwickler dieses Thema in die Hand zunehmen. Wo ein Wille ist (und genug User) ist meistens auch ein Weg. Ich bin gespannt was demnächst für Plattformen erscheinen werden…die vielleicht tumblr User erben.

  5. In den USA zählt immernoch das Hausrecht, das mag uns nicht passen oder komisch vorkommen (vgl. das private öffentliche Filmen Personen und Onlinestellen des Materials). Aber viel wichtiger ist, dass niemand in unserer Gesellschaft eine*n daran hindert, einen eigenen Dienst zu eröffnen, um Nischenprodukte zu verkaufen – ist halt möglicherweise teurer oder weniger profitabel. Wo ein Wille und ein Markt ist, dort ist im Westen eigentlich auch immer ein Weg.

    Wenn in diesem oder ähnlichen Zusammenhang jedoch nach Regulierung gerufen wird, dann kommt das wahrscheinlich von zwei Positionen. Entweder man möchte Geld für etwas, das keiner bezahlen will (z.B. GEZ), oder man möchte, dass andere für etwas bezahlen, dass man selbst will:

    Pornografie oder sexuelle Inhalte auf Tumblr, es gibt für und wider Argumente, vom Ergebnis ist auch eine Minderheit betroffen, daher ändert sich die nun moralische Gewichtung, nicht jedoch die Sache an sich.

    Ich finde es problematisch, wenn man sich mit seiner Meinung oder Position hinter Minderheiten („marginalisierte Gruppen“ im Neusprech) versteckt, und somit (berechtigte wie auch unberechtigte) Kritik an der Position sehr leicht als einen Angriff auf eben diese Minderheiten darstellen kann und damit Macht ausübt, die einem nicht von der Gesellschaft mehrheitlich demokratisch verliehen wurde – ob nun bezweckt oder nur in Kauf nehmend.

  6. Schade !
    Ja ich war so einer der Tumblr-Pornoseitennutzer. Und mit meiner etwas „speziellen“ Vorliebe genau mit Tumblr richtig, weil ich viele Gleichgesinnte gefunden habe, mit Bildern, Filme und Geschichten. Keine Bange ich rede nicht von Kindern oder so.

    Ja wirklich Schade, für mich ist heute ein Stückchen Freiheit und Selbstbstimmung gestorben. Warum nicht ein Standard-Verifizierungstool?

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