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Große Solidarität unter Wissenschaftseinrichtungen: Kommt der Umstieg auf Open Access?

Im Rahmen von „Projekt DEAL“ versuchen deutsche Wissenschaftseinrichtungen mit den drei größten Wissenschaftsverlagen freien Zugang für ihre Forschungsergebnisse zu verhandeln. Seit Anfang des Jahres haben über 180 Einrichtungen keine Verträge mehr mit dem Marktführer Elsevier.

CC0 Chris Smith

Über 70 deutsche Hochschulen und Forschungseinrichtungen hatten bereits 2016 ihre Verträge mit dem größten Wissenschaftsverlag Elsevier gekündigt und waren seither in einem vertragslosen Zustand. Deren Erfahrungen haben andere offenbar dazu ermuntert, es ihnen gleichzutun. Anfang 2018 ist die Zahl der vertragslosen Hochschulen und Forschungseinrichtungen auf über 180 angewachsen (siehe die Liste der Kündigungen 2017). Mehr noch, zahlreiche namhafte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben herausgeberische Tätigkeiten für Elsevier eingestellt.


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Hintergrund für diese historisch beispiellose Auseinandersetzung ist der Wunsch nach einem großen Umstieg auf Open Access. In Zukunft soll mit einer bundesweiten Lizenzierung nicht nur der Zugang zu wissenschaftlichen Zeitschriften für alle Mitgliedseinrichtungen sichergestellt werden, sondern auch der weltweit freie Zugang zu sämtlichen Aufsätzen von Forschenden an diesen Einrichtungen. Dank liberaler Creative-Commons-Lizenz (CC-BY) wären damit auf einen Schlag rund die Hälfte der an deutschen Einrichtungen veröffentlichten Forschungsergebnisse dauerhaft frei verfügbar.

Open-Access-Vision zum Greifen nahe

Was vor einigen Jahren noch wie eine ferne Vision klang, ist inzwischen in einigen Ländern wie den Niederlanden bereits Realität. Und auch in Deutschland zeichnet sich ein ähnlich großer Umstieg auf Open Access ab. Verhandelt wird derzeit im Rahmen von Projekt DEAL mit den drei größten Wissenschaftsverlagen in Deutschland: Elsevier, SpringerNature und Wiley.

In einem ausführlichen Interview in der bibliothekswissenschaftlichen Fachzeitschrift Libreas schildert Bernhard Mittermaier, Mitglied des Verhandlungsteams von Projekt DEAL, wie unterschiedlich die Verhandlungen mit SpringerNature und Wiley auf der einen und Elsevier auf der anderen Seite laufen (meine Übersetzung):

Ich bin optimistisch, dass eine Einigung [mit Springer Nature und Wiley] erzielt werden kann, wahrscheinlich im ersten oder zweiten Quartal 2018. Mit Elsevier sieht die Situation völlig anders aus. Obwohl die Verhandlungen schon ein Jahr länger dauern, sind wir weniger weit als mit SpringerNature und Wiley.

Auch keine Zwischenlösung mit Elsevier

So wurden mit SpringerNature und Wiley im vergangenen Jahr Zwischenlösungen vereinbart, wodurch der Zugang für die Dauer der Verhandlungen sichergestellt ist. Nicht so mit Elsevier, was zum eingangs erwähnten vertragslosen Zustand für die Mitglieder von Projekt DEAL geführt hat. Gleichzeitig scheute Elsevier aber dennoch davor zurück, sofort sämtliche Zugänge zu sperren. Am 28. Dezember 2017 erging eine E-Mail von Elsevier an mehrere betroffene Einrichtungen, wonach Zugänge zunächst weiterhin verfügbar bleiben sollten:

We are pleased to confirm that access to Science Direct will not be removed immediately on 1st January 2018 while we continue to work with HRK [Hochschulrektorenkonferenz, Anm.] on a solution and specifically a 1-year extension to existing contracts, covering 2018.

Alicia Wise, Senior Vice President von Elsevier, schränkte jedoch wenig später auf einer öffentlichen Mailingliste ein, dass die Zugänge erstmal über die Feiertage („over the holiday season“) erhalten blieben.

Weitere Eskalation nicht ausgeschlossen

DEAL-Verhandler Mittermaier kündigt jedenfalls weitere Eskalationsstufen an und sieht Elsevier im strategischen Nachteil:

Wenn [sich Elsevier nicht bewegt], werden weitere Eskalationsstufen folgen: weitere Einrichtungen werden Verträge kündigen, Herausgeber werden in regelmäßigen Abständen zurücktreten. Schließlich wird DEAL Elseviers finales Angebot an die Einrichtungen, inklusive aller finanzieller Details, offenlegen. Spätestens wenn die Vereinbarungen mit Wiley und Springer Nature abgeschlossen sind, wird Elsevier den Offenbarungseid antreten müssen. Wenn sich bis dahin kein Fortschritt zeigt, müssen wir annehmen dass Elsevier lieber auf Umsätze in Deutschland verzichtet als ihr Geschäftsmodell in Frage zu stellen. Aber selbst das wäre für den Verlag nicht ohne Risiko: Am Ende ist es ein riesiger Feldversuch zur Frage, ob man auch ohne Elsevier-Zeitschriften überleben kann.

In der Tat sind es wohl weniger umständlich-legale Alternativen wie Fernleihe als vielmehr der einfache Zugang zu Artikeln über Schattenbibliotheken wie Sci-hub, die Universitäten die Angst vor einem Ende der Elsevier-Verträge nehmen. Auch wenn Mittermaier erzählt, dass Sci-hub bei den Verhandlungen inzwischen kaum noch Thema sei. Jedenfalls aber zeigt der bisherige Verlauf der Verhandlungen, dass es sich gelohnt hat zu kämpfen und im Zweifel lieber Verträge zu kündigen als im vorhandenen Publikationsregime weiterzuwursteln.

3 Kommentare
  1. Manche sagen ja (und vermutlich haben sie recht), dass Elsevier den deutschen Markt schon abgeschrieben hat. Elsevier hat mittlerweile mit Pure, Mendeley, SSRN, bioRN, bepress etc. an allen Stellen des Publikationsprozesses seine Hände im Spiel, sodass es auf die deutschen Zeitschriftenabos oder APCs nicht ankommt und sie selbst in einer Welt ohne Zeitschriften ihre 30-40 % Rendite einfahren werden.

  2. Ich verstehe nicht, welche freie Zugänglichkeit eigentlich verhandelt wird. Es ist zwar von CC-BY und „freier Zugang“ die Rede, andererseits aber auch von „Zugang zu wissenschaftlichen Zeitschriften für alle Mitgliedseinrichtungen„. Offenbar handelt es sich doch nur um ein an Institutionen gebundes Abo bzw. eine Art Flatrate. Nicht-Mitglieder universitärer Einrichtungen sind dementsprechend ausgeschlossen.
    „Bundesweit“ und „weltweit“ stehen ja auch in einem strukturellen Widerspruch. „Weltweit“ heißt vermutlich lediglich „per Computer“ und nicht nur in den Bibliotheken selbst, „bundesweit“ bedeutet aber eine Einschränkung auf eine Art „closed Open Acess“. Wie das mit CC-BY zusammengeht („das Material in jedwedem Format oder Medium vervielfältigen und weiterverbreiten“), ist mir unklar. Und kommen auch allgemeine öffentliche Bibliotheken als Zugangsvermittler infrage?

    1. Das ist ein Missverständnis: Zugang zu sämtlichen Zeitschriften der Verlage wird nur bundesweit, d.h. für die Mitglieder des DEAL-Konsortiums verhandelt.
      Gleichzeitig werden alle wissenschftlichen Artikel von Forschenden an DEAL-Einrichtungen ab Vertragsabschlus weltweit unter CC-BY und damit dauerhaft und für alle zugänglich gemacht.

      Das bedeutet, dass in einer Zeitschrift, die nicht als ganzes Open Access ist, die Beiträge von deutschen AutorInnen dennoch Open Access zugänglich sein werden.

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