Überwachung

EU-Projekt entwickelt smarten Lügendetektor für Grenzkontrollen

Das Grenzsystem iBorderCtrl sammelt biometrische Daten von Einreisenden und prüft per Videochat mit einem Avatar, wer falsche Angaben macht. Mehrere EU-Staaten testen die Technologie bald an ihren Außengrenzen. Die europaweite Sammlung biometrischer Daten könnte damit deutlich anwachsen.

Biometrisches Grenzkontrollsystem am Flughafen Lissabon Alle Rechte vorbehalten European Union

Ein von der EU finanziertes Forschungsprojekt entwickelt ein automatisiertes System zur Grenzkontrolle. Das Projekt iBordertCtrl baut einen smarten Lügendetektor, der anhand von kleinsten Regungen im Gesicht feststellen soll, ob Einreisende nicht-wahrheitsgetreue Angaben machen. Die Forscher planen baldige Tests an der EU-Außengrenze in Ungarn, Lettland und Griechenland. Das System soll nicht nur Lügen entlarven, sondern auch biometrische Daten von Reisenden sammeln und prüfen.


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Die Entwicklerfirma European Dynamics in Luxemburg verspricht genauere und effizientere Grenzkontrollen durch das System. Die Entwickler wollen das Projekt im August 2019 abschließen. Die EU-Kommission verweist darauf, dass derzeit 700 Millionen Menschen im Jahr in die Europäische Union einreisen. Für Grenzer sei es immer schwerer, die Passdokumente und biometrischen Daten ausreichend zu prüfen. Die Automatisierung soll beim Kampf gegen illegale Einwanderung helfen. Sie nimmt vor allem Menschen aus Nicht-EU-Ländern ins Visier.

Interview mit einem Avatar

Einreisende müssen sich künftig über das System online vorregistrieren. Sie müssen dort Bilder aus ihrem Pass, ihr Visum und einen Nachweis ausreichender finanzieller Mittel für die Einreise hochladen. Ein eigens geschaffener Avatar lotst die Reisenden dann durch eine Serie von Fragen, die „auf das Geschlecht, die Ethnie und Sprache des Reisenden zugeschnitten“ sind. Die Aufnahmen werden durch Analyse der Mikroexpressionen im Gesicht auf ihren Wahrheitsgehalt geprüft. Wie viel Wert solche Messungen haben, ist wissenschaftlich umstritten. Bei einem Test kam das iBorderCtrl-System auf eine Trefferquote von nur 76 Prozent, was seinen praktischen Nutzen in Zweifel zieht.

Ein ähnliches Projekt mit dem Namen AVATAR wurde bereits ab dem Jahr 2014 an einem Flughafen in Rumänien getestet. Dessen Entwicklung wurde vom US-Heimatschutzministerium gefördert und auch an der kanadischen Grenze eingesetzt. Laut den beteiligten Forschern erreichte es eine Trefferquote von 60 bis „manchmal 80 Prozent“.

Beim europäischen Projekt iBorderCtrl werden die Einreisenden an der Grenze in eine Niedrig- und eine Hochrisiko-Gruppe eingeteilt. Bei letzteren werden die Fingerabdruck-Daten nochmals geprüft.

Neben Fingerabdrücken und Videos könnte das System künftig um Identifizierung über Iris-Scans erweitert werden, heißt es in einem Bericht des EU-Magazins Horizon. Außerdem können als Teil des Systems Infrarot-Detektoren die Körperwärme messen, um bei Epidemien kranke Passagiere aussortieren zu können.

Ablauf des iBorderCtrl-Systems Alle Rechte vorbehalten iBorderCtrl

Deutsche Forscher beteiligt

Die EU fördert das Projekt über den Horizon-2020-Fonds mit 4,5 Millionen Euro. Mitentwickelt wird das System in Deutschland und Österreich. Das Institut für Rechtsinformatik der Universität Hannover schätzt für das Projekt die Privatsphäre-Risiken der Technologie ein. Der Forscher Bernhard Strobl vom Austrian Institute of Technology, der an Videoüberwachungstechnologie arbeitet, koordiniert die Forschung.

Das System könnte in Zukunft das Kontrollregime an den Grenzen deutlich verstärken. Die Projektwebseite und öffentliche Angaben der Entwickler lassen offen, was mit den durch das System gesammelten biometrischen und sonstigen Daten passieren soll. Die EU arbeitet derzeit an der europaweiten Zusammenlegung behördlicher Datenbanken für Personendaten, Fingerabdrücke und Fotos. Der neugeschaffene Datentopf soll einen Zugriff auf das Schengener Informationssystem, Europol-Fingerabdrücke und andere Datenbanken schaffen. iBorderCtrl dürfte diese Datensammlung weiter füttern.

11 Kommentare
  1. Deutschland hat sehr viele Daten von mir, Geburtsort, Datum, Uhrzeit, Familie, Steuern etc., mit deren Hilfe ich sauber identifiziert werden kann. Das verschafft mir das Privileg, von dem Sozialstaat zu profitieren (Krankenkasse, Polizei, Anwalt, ALG), dafür nötig ist und daher habe ich aber auch die Pflicht, diesen Sozialstaat am Laufen zu halten (mehr arbeiten, als ich für mich und meine Familie eigentlich müsste).

    Fände es nur fair, wenn zumindest die Identifikation und Motivation eines jeden Besuchers oder Migranten festgestellt werden könnte und würde.

    Gleiches Recht für alle nur bei gleichen Pflichten für alle. Gleiche Privilegien nur dann, wenn man das Recht nicht bricht.

    1. Das ist, gelinde gesagt Blödsinn. „Deutschland“, in der Form, wie sie es beschreiben existiert nicht.
      Allenfalls speichern Verwaltungseinheiten, die dem Datensparsamkeitsgebot unterliegen, systemisch getrennte Daten über ihre Person.
      Im weiteren ist die Verknüpfung von vermeintlichen Privilegien, jedenfalls so unterkomplex sie die Verbindung darstellen, so nicht verbindlich. Grundlage für den Erhalt von sozialen Leistungen ist u.a., bezogen auf ihre Schilderung, die Möglichkeit der Identifikation einer Person.
      Diese kann auf unterschiedliche Arten vorgenommen werden und ist unabhängig davon, ob sie eine Familie haben, Steuern zahlen oder ihre Daten biometrisch erfasst werden. Sie ist vor allem von ihrer Motivation unabhängig.
      Wenn sie weiterhin von den sozialen und infrastrukturellen Leistungen der Allgemeinheit profitieren wollen, dann sollten sie auch „mehr arbeiten als … usw.“.

      Was ist daran fair die Motivation (wie unterkomplex muss man das betrachten, um auf die Idee zu kommen diese auch nur erraten zu können) eines Menschen für Reisen prüfen zu wollen?
      Das Verlangen danach ist Menschenfeindlich, eine Frechheit und durch nichts zu rechtfertigen.

      Aber um obiges geht es in dem Artikel auch nicht im kleinsten. Diese Derailling-Mist geht mir echt auf den Keks.

      Aber zum Artikel. Mir ist nicht klar, wie man denn Aussagen zu einer Trefferquote von 60-75-80% eigentlich werten soll.
      Von 10.000 wurden 6000-8000 „Lügen“ richtig erkannt (wie wird denn da das Testszenario ausgesehen haben, wer gibt denn zu gelogen zu haben?). Wie viele wurden dann falsch positiv erkannt, bzw. falsch negativ? In welchen Fällen war die Antwort des System ambivalent. Wurden alle Antworten zu Fragen einzeln gewertet?

      Letztlich 20-40 Prozent false positive? Soll heißen, bei evtl. kritischen Fragen, nach Waffen oder Krankheiten, wird man mit mit einer Wahrscheinlichkeit von mind. x mal 20-40% plus Varianzen von Borderline-Polizei auf den Boden geknallt und, wenn man Glück hat, nur isoliert und stundenlang verhört?

      1. „Grundlage für den Erhalt von sozialen Leistungen ist u.a., bezogen auf ihre Schilderung, die Möglichkeit der Identifikation einer Person.“

        Nein, was ich versuche zu sagen, ist, das Privilegien wie der Sozialstaat (wie z.B. dem Erhalt von Leistungen im Notfall ohne direkte Gegenleistung) einen Preis haben. Wie z.B. die Pflicht, diesen Sozialstaat in eigenen guten Zeiten zu unterstützen. Und ein weiterer Preis ist, dass der Staat viele unserer Daten hat, um uns möglichst eindeutig zu identifizieren (damit z.B. Steuern richtig gezahlt werden und wir uns keine Sozialleistungen erschleichen, oder damit wir im Falle eines Rechtsbruchs greifbar sind).

        Von uns sind viele Daten vorhanden, von Geburt an, möglicherweise über viele Akten und Behörden verteilt und nicht vollends zentralisiert. Ich fände es fair, auch ein solch komplettes Bild von unseren Gästen oder zumindest von Immigranten zu haben. Wir haben das ja schließlich auch von uns.

        „Was ist daran fair die Motivation (wie unterkomplex muss man das betrachten, um auf die Idee zu kommen diese auch nur erraten zu können) eines Menschen für Reisen prüfen zu wollen?“

        Nicht raten, sondern erfragen. Auf Plausibilität prüfen. Wenn bei einer Sache gelogen wird (z.B. Name), dann wird es wahrscheinlicher, dass auch an anderer Stelle gelogen wird (z.B. Motivation für die Einreise: Besuch oder dauerhafte Migration). Und da könnte eine Technik helfen, wie ein Lügendetektor, als ein Teil von vielen (z.B. Papiere, persönliches Gespräch, Referenzschreiben vom letzten Boss usw.).

        „Das Verlangen danach ist Menschenfeindlich, eine Frechheit und durch nichts zu rechtfertigen.“

        Versuchs mal mit nem Gegenargument, anstatt mit Anschuldigungen, denn die helfen nichtmal gegen schlechte oder falsche Argumente. Ein blindes Huhn (ich) findet auch mal ein Korn.

        „Derailing“
        Danke dir, dass du dich dennoch mit meinem Kommentar auseinander setzt. Das hilft mir, über meine Position nachzudenken oder sie auch anzupassen, wenn ich Fehler finde.

    2. Ich verstehe nicht, was ihr Kommentar mit dem Thema zu tun haben soll.
      An jeder EU-Außengrenze und inbesondere an Flughäfen werden seit jeher von allen Reisenden die Pässe kontrolliert und zudem werden Drittstaatsangehörigen zusätzliche Fragen gestellt. Da wird zB regelmäßig nach deren „Motivation“, d.h. dem Grund ihrer Reise, oder nach der Dauer des Aufenthaltes oder nach den Reiseplänen innerhalb der EU gefragt.

      1. Aber nein, da wird nicht „seit jeher“ so wie heute kontrolliert, insbesondere nicht an Flughäfen. Da fragt man mal ältere Leute, die erzählen einem ganz andere Geschichten, wie Flugreisen früher waren. Das ganze Sicherheitstheater ist noch gar nicht so alt. Dass nach Gründen für Reisen gefragt wird, ist zudem noch neuer, ich kann mich selber noch erinnern, als das erfunden wurde und ich das erstmals erlebt habe. Ich würde schätzen, das liegt ungefähr erst fünfzehn Jahre zurück.
        Lustig, wie Leute das ganze Theater offenbar für normal halten.

      2. Mein erster Flug war vor etwa 20 Jahren, einfach eine Reise mit Eltern. Die Zeit am Flughafen war minimal (was Identität und Motivation betraf). Dann bin ich so 15 Jahre nicht geflogen, zwischendrin sind aber leider ein paar Extremisten am 11. September geflogen… 5.000 Tote an dem Tag, 500.000 Tote in den kommenden 10 Jahren…

        Jedenfalls war dann alles anders, in den letzten 5 Jahren. Wo die Kontrollen enden und der Kontrollwahn anfängt, weiß ich nicht.

        Ich würde gerne in einer Welt leben, in der man frei Reisen kann. Aber realistisch geht das (noch) nicht. Andere Gesetze, andere Sitten.

        Und zum Thema Einreise-Fragen und Dokumente. Ohne Dokumente komme ich(!) nirgendwo hin. Ich hab eine Familie, Besitz, Job, Sozialstaat,Krankenkasse etc. zu verlieren, ich habe auch nicht den Luxus einer zweiten Heimat. All das hat einen gewissen Preis, den ich an den Staat zahle, mit meinen Daten über mein Leben, meine Identität.

        Und den gleichen Preis möchte ich gerne von jedem bezahlt sehen, der für mehr als nur zu Besuch kommt. Das fände ich fair.

        Jetzt könnte man sagen: Geh mit gutem Beispiel voran und mache den Anfang damit, dass du eben NICHT mehr den Identitätsnachweis von anderen verlangst.

        Gutes Argument… Wenn ich nicht GEZWUNGEN (gewesen) wäre, meine Identität dem Staat vollständig nachvollziehbar zu offenbaren (Geburtsurkunde, Schule, Steuererklärung, Einwohnermeldeamt, GEZ).

        Und vor allen diesen Gesichtspunkten scheint mir ein Lügendetektor und der Fingerabdruck eines 6jährigen Kindes im Austausch für ein Dach überm Kopf, Essen, medizinische Versorgung, Religionsfreiheit doch ein akzeptabler Preis.

        Wir zahlen den Preis doch seit unserer Geburt und leben prächtig hier in Germoney.

    3. Der Sozialstaat kommt einem immer nur solange überflüssig vor, bis man ihn mal braucht.

      Und der Lügendektor im Jobcenter kommt unter Kanzler (Kom-)Merz ganz bestimmt.

  2. Das imho hochproblematische an den obigen Nachrichten ist die Verknüpfung von automatischen Gesichtserkennungsmaßnahmen (zur Identifizierung)und die Aufzeichnung von Mimik und Gestik mit dem Zweck der Interpretation von Verhalten, insbesondere um jemand der Lüge zu überführen.

    Problematisch ist es zunächst, weil die Fehlerrate bei der Erkennung von Lügen durch Software besonders hoch ist. Die große Gesamtheit aller Reisenden würde erneut und weiterhin unter Generalverdacht gestelt. Es würden viel mehr Passagiere eine Extra-Befragung bekommen und vor den Augen der anderen Reisenden aus der Warteschlange genommen. Genau das was man will nach einem stundenlangen Flug

    Speziellere Streitfragen ergeben sich, weil Mikroexpressionen prinzipiell Ausdrücke von grundlegenden Emotionen sind und von den allermeisten Menschen nicht kontrolliert werden können [siehe Link im Artikel].Eine Aufzeichnung über eine gewisse Zeit kann damit einen Einblick in das Gefühlsleben von einzelnen Personen geben. Ist jemand gerade ängstlich, traurig oder verärgert?

    Nun würden die Reisenden zwar „nur“ in eine von 2 Kategorien eingeordnet (Hoch- oder Niedrigrisiko), aber es ist doch wohl wahrscheinlich, dass die Rohdaten nicht gelöscht würden. Zusätzlich zu den vielen Informationen, die von Reisenden bereits jetzt gespeichert werden (zB PN-Records mit Dutzenden von Kategorien), wäre das nun eine völlig neue Art von hochprivaten Daten, in der ethischen Bedeutung sicher ähnlich hoch wie medizinische Daten – also besonders schutzwürdig.

    Also: Wie lange soll man Gefühlsregungen von Menschen speichern dürfen? Und werden Leute die als „hochriskant“ eingestuft wurden, auf dem Flug bzw bei der Einreise aber völlig unauffällig waren, dann zwar nicht auf einer schwarzen, aber vielleiht auf einer grauen Liste geführt? – Etwas übertrieben gefragt: Werden Leute, die bei den letzten 3 Flügen als „traurig“ eingestuft wurden, vor dem nächsten Flug noch kurz zum Flughafenpsychiater geschickt, bevor sie boarden dürfen?

    Es wäre sogar denkbar, dass diese Auswertung dazu beiträgt, dass „Verdächtige“ heimlich einen sky marshal an die Seite bekommen, der einen rund um die Uhr im Auge hat.

  3. Die Entmenschlichungs-Agenda muss gestoppt werden, unabhängig davon, ob die Bezeichnung „AI“ gerechtfertigt ist oder nicht (ist sie nicht, und die unkritische Verwendung dieser Bezeichnung ist Teil des Problems). Es wäre Zeit für eine Rebellion – „Bedenkenträgertum“ hat wenig gebracht, um die Entwicklung aufzuhalten. Dumm nur, dass ein Überwachung-Stockholm-Syndrom überwiegt, solange die Konsequenzen nur bei sozial niedriger gestellten vermutet werden …

  4. Alles Quatsch. Das System wurde bisher nur mit 15 Personen getestet, die zu einer Probanden-Gruppe gehörten, denen gesagt wurde, dass sie lügen sollten. Das ist was fundamental anderes als wirklich zu lügen, wie Forscher im Bereich der Mikroexpressions herausgefunden haben.

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